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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfundvierzigstes Kapitel.

Lady Blandish an Austin Wentworth.

Seine Prüfung ist vorüber. Ich komme eben aus seinem Zimmer und habe gesehen, wie er das Schlimmste trägt, das ihn treffen konnte. Kommen Sie sofort zurück – er hat nach Ihnen verlangt. Es ist mir kaum möglich, lesbar zu schreiben, aber ich will Ihnen erzählen, was wir wissen.

»Zwei Tage nach der furchtbaren Nacht, in der er uns verließ, erhielt sein Vater eine Nachricht von Ralph Morton. Richard hatte in Frankreich ein Duell gehabt mit Lord Mountfalcon und lag verwundet in einem Dorf an der Küste. Sein Vater machte sich sofort auf mit der armen Frau, und ich folgte mit seiner Tante und dem Kinde. Die Wunde war nicht gefährlich. Er hatte einen Schuß in die Seite bekommen, die Kugel hatte aber keinen edlen Teil verletzt. Wir dachten, alles würde gut gehen. Ach! was für einen Ekel empfinde ich vor allen Theorien und Systemen und der Anmaßung der Menschen! Da lag sein Sohn, beinahe tot, und der Mann war noch nicht 672 überzeugt von der Torheit, deren er sich schuldig gemacht hatte. Ich werde kaum den Anblick seiner Fassung ertragen. Ich werde das Wort ›Wissenschaft‹ hassen, bis ich sterbe. Lassen Sie nur noch alltägliche, anspruchslose Leute in meine Nähe kommen.

»Wir fanden sie in einem elenden, französischen Wirtshaus, mit fürchterlichen Gerüchen, wo wir noch sind, und die Leute versuchen es, so gut sie können, uns durch ihre Freundlichkeit für den Mangel an Komfort zu entschädigen. Die französischen armen Leute sind sehr rücksichtsvoll, wo sie Leiden sehen. Das muß ich von ihnen sagen. Die Ärzte hatten seiner armen Lucy nicht erlaubt, zu ihm zu gehen. Sie saß vor seiner Türe und keiner von uns wagte sie zu stören. Das war ein Anblick für die Wissenschaft! Sein Vater und ich und Mrs. Berry waren die einzigen, denen es gestattet wurde, ihn zu pflegen, und jedesmal, wenn wir herauskamen, saß sie da und sprach kein Wort – denn man hatte ihr gesagt, das könnte sein Leben gefährden – aber ihre Blicke drückten eine solche schreckliche Angst aus. Sie hatte solche Augen, wie, ich glaube, wahnsinnige Personen sie haben. Ich war überzeugt davon, daß sie nahe daran war, den Verstand zu verlieren. Wir taten alles, was wir konnten, um sie zu trösten. Ein Bett wurde dort für sie gemacht und ihre Mahlzeiten wurden ihr dorthin getragen. Man konnte sie natürlich nicht zum Essen bewegen. Was glauben Sie wohl, daß ihn am meisten beunruhigte? Er brachte es wirklich fertig, zu mir zu sagen – aber es ist mir nicht möglich, seine Worte zu wiederholen. Er meinte, sie wäre zu tadeln, daß sie sich nicht zusammennähme, um ihrer mütterlichen Pflichten willen. Er dachte wirklich daran, sie zu zwingen, daß sie eine Anstrengung mache, das Kind zu nähren. Ich werde diese Mrs. Berry lieben bis zum Ende meiner Tage. Ich glaube, sie hat zweimal soviel 673 Verstand, wie irgend einer von uns – trotz Wissenschaft und allem. Sie fragte ihn gradezu, ob er wünschte, das Kind zu vergiften, und da gab er nach, obgleich auf sehr wenig liebenswürdige Art.

»Der arme Mann! vielleicht bin ich zu hart gegen ihn. Ich entsinne mich, daß Sie sagten, Richard hätte unrecht getan. Ja, gut, das mag sein. Aber sein Vater löschte sein Unrecht durch ein noch größeres Unrecht aus – durch ein Verbrechen, oder etwas, das ebenso schlimm war; wenn er sich durch den Glauben täuschte, daß er recht handelte, indem er Mann und Frau trennte, und seinen Sohn so der Gefahr aussetzte, wie er es getan hat, dann kann ich nur sagen, es gibt Leute, die schlimmer sind, als diejenigen, die mit Überlegung Verbrechen begehen. Die Wissenschaft wird zweifellos Nutzen daraus ziehen. Man tötet ja auch kleine Tiere um der Wissenschaft willen.

»Dr. Bairam ist bei uns und ein französischer Arzt aus Dieppe. Er war es, der uns darauf aufmerksam machte, wo die wirkliche Gefahr lag. Wir dachten, alles würde gut gehen. Eine Woche war vergangen und kein Fieber war dazugetreten. Wir sagten Richard, daß seine Frau zu ihm kommen würde, und er konnte es ertragen, es zu hören. Ich ging zu ihr, um sie vorzubereiten, und glaubte, sie hörte, was ich sagte – sie hatte denselben gespannten Ausdruck. Als ich ihr sagte, daß sie mit mir hineingehn könnte, um ihren lieben Gatten zu sehen, kam keine Veränderung in ihre Züge. Mr. Després, der dabei ihren Puls fühlte, flüsterte mir zu, ein Gehirnfieber bereitete sich vor. Wir haben später darüber gesprochen. Ich bemerkte, daß, obgleich sie mich nicht zu verstehen schien, sich doch ihre Brust hob und sie etwas zu unterdrücken, etwas zu ersticken schien. Wie ich ihren Charakter kennen gelernt habe, bin ich jetzt überzeugt, daß sie – selbst bei beginnendem Delirium – sich gezwungen hat, einen 674 Aufschrei zu unterdrücken. Ihr letzter Augenblick des Verständnisses war ein Gedanke an Richard. Gegen ein solches Geschöpf haben wir Pläne geschmiedet! Ich habe den Trost, zu wissen, daß ich mit dazu beigetragen habe, sie zu vernichten. Hätte sie ihren Mann ein oder zwei Tage früher gesehen – aber nein! es war wieder ein neues System vorhanden, das das nicht zuließ! Oder hätte sie ihre Natur nicht mit solcher Gewalt bezwungen, wie sie es tat, dann glaube ich, hätte sie gerettet werden können.

»Er hat einmal von einem Manne gesagt, sein Gewissen wäre ein Narr. Werden Sie es glauben, als er die Frau seines Sohnes – das arme Opfer! in ihren Fieberphantasien sah, auch da konnte er seinen Irrtum noch nicht einsehen. Sie sagten, er wünschte Gott die Vorsehung aus der Hand zu nehmen. Seine wahnsinnige Selbsttäuschung wollte ihn nicht verlassen. Ich bin fest davon überzeugt, daß, während er sich über sie beugte, er sie tadelte, daß sie nicht an das Kind gedacht hätte. Er machte tatsächlich eine Bemerkung zu mir, daß es ein Unglück wäre – ›verhängnisvoll‹, sagte er – daß das Kind mit der Flasche würde ernährt werden müssen. Ich bin wahrlich überzeugt davon, daß es das ist. Alles, worum ich bete, ist, daß dieses junge Kind vor ihm behütet werden möge. Ich kann es nicht ertragen, wenn er es ansieht. Er scheut keine körperliche Ermüdung, aber was will das sagen? das ist die niedrigste Art der Liebe. Ich weiß, was Sie sagen werden. Sie werden sagen, ich hätte alle Barmherzigkeit verloren, und das habe ich auch. Aber ich würde nicht so fühlen, Austin, wenn ich ganz sicher wäre, daß er durch den Schlag, der ihn getroffen hat, ein anderer Mann geworden ist. Er ist zurückhaltend und einfach in seinen Worten und sein Kummer ist augenscheinlich, daran zweifle ich nicht. Er hörte, wie sie ihn in ihren Phantasien grausam und hart nannte und wie sie schrie, daß sie 675 gelitten hätte, und da sah ich, wie sein Mund sich zusammenzog, als ob er sich getroffen fühlte. Vielleicht, wenn er darüber nachdenkt, wird sein Gemüt klarer werden, aber was er getan hat, kann nicht ungeschehen gemacht werden. Ich glaube nicht, daß er die Frauen noch länger schmähen wird. Der Doktor nannte sie eine: ›forte et belle jeune femme‹, und er sagte, sie wäre eine solch edle Seele, wie Gott sie nur je aus Staub gebildet hatte. Eine edle Seele: forte et belle! Sie liegt oben. Wenn er sie ansehen kann, ohne seine Sünde zu erkennen, dann fürchte ich beinahe, Gott wird ihn niemals erleuchten.

»Sie starb fünf Tage, nachdem sie fortgebracht worden war. Der Schlag hatte sie vollständig vernichtet. Sie starb sehr sanft – hauchte ihren letzten Atem aus, ohne Schmerz, verlangte nach niemand – so möchte ich auch sterben können.

»Eine Zeitlang war ihr Schreien schrecklich zu hören. Sie schrie, daß sie in Feuer unterginge, und daß Richard nicht kommen wollte, um sie zu retten. Wir suchten den Ton zu dämpfen, so gut wir konnten, aber es war unmöglich, es zu verhindern, daß Richard es hörte. Er kannte ihre Stimme und es hatte eine Wirkung auf ihn wie Fieber. Jedesmal, wenn sie rief, antwortete er. Man konnte sie nicht hören, ohne zu weinen. Mrs. Berry saß bei ihr und ich saß bei ihm und sein Vater ging von einem zum andern.

»Aber das Schwerste kam, als sie gestorben war. Wie sollte man es Richard mitteilen – oder sollte man es überhaupt tun! Sein Vater besprach es mit uns. Wir waren ganz einig, daß es Tollheit wäre, es ihn ahnen zu lassen, solange er in dem Zustande war. Wie alles gekommen ist, kann ich jetzt zugeben, – daß wir unrecht hatten. Sein Vater verließ uns – ich glaube, er verbrachte die Zeit im Gebet – und dann sich auf mich stützend, ging er 676 zu Richard und sagte ihm in wenigen Worten, daß seine Lucy nicht mehr wäre. Ich dachte, es müßte ihn töten. Er hörte es und lächelte. Ich habe nie ein solch süßes und trauriges Lächeln gesehen. Er sagte, er hätte sie sterben sehen, als wenn er sein Leid schon lange vorher durchgemacht hätte. Er schloß die Augen. An der Bewegung seiner Augäpfel konnte ich sehen, daß er seinen Blick einem inneren Himmel zuwendete. Ich kann nicht weiter.

»Ich glaube, Richard ist gerettet. Hätten wir die Nachricht aufgeschoben, bis er zu klarem Verstande gekommen wäre, es müßte ihn getötet haben. Dieses eine Mal hatte sein Vater also recht. Aber wenn er auch den Körper seines Sohnes gerettet hat, so hat er doch seinem Herzen den Todesstoß gegeben. Richard wird niemals das werden, was er zu werden versprach.

»Ein Brief, den wir in seinen Kleidern fanden, gibt uns den Ursprung des Streites. Ich hatte heute morgen eine Unterredung mit Lord M. Ich kann nicht sagen, daß ich finde, daß er so sehr zu tadeln ist: Richard zwang ihn zum Kampf. Wenigstens meine ich nicht, daß er derjenige ist, der am meisten zu tadeln wäre. Er war tief und aufrichtig betrübt über das Unglück, das er veranlaßt hatte. Ach! er war nur ein Werkzeug. Ihre arme Tante ist vollständig vernichtet und spricht wunderbare Dinge über den Tod ihrer Tochter. Sie ist glücklich, solange sie schwer arbeitet. Dr. Bairam sagt, wir müssen sie unter allen Umständen beschäftigt erhalten. Solange sie arbeitet, kann sie frei reden, aber in dem Augenblick, in dem ihre Hände nicht beschäftigt sind, erfaßt mich die Furcht, daß sie einen hysterischen Anfall bekommt.

»Wir erwarten heute den Onkel des armen Kindes. Mr. Thompson ist hier. Ich habe ihn herauf geführt, um sie zu sehen. Der arme junge Mann hat ein treues Herz.

677 »Kommen Sie gleich. Sie wird in Raynham begraben. Wenn Sie könnten, würden Sie einen Engel sehen. Er sitzt stundenlang neben ihr. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie schön sie ist.

»Sie werden nicht zögern, wie ich weiß. Lieber Austin, und ich brauche Sie, denn Ihre Gegenwart wird mich barmherziger machen, als es mir jetzt zu sein möglich ist. Haben Sie den Ausdruck in den Augen der Blinden bemerkt? Grade so sieht Richard aus, wie er dort schweigend in seinem Bette liegt und versucht, sie sich in seinem Herzen vorzustellen.«

 

Ende.

 

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