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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Brandstiftung.

Man hatte das ganze Raynhamer Gebiet nach den verschwundenen Knaben durchsucht, und Sir Austin war sehr ärgerlich und verstimmt. Außer Mr. Wentworth und Mr. Morton hatte sie niemand gesehen. Als der 30 Baron hörte, daß die Knaben fortgelaufen wären, nachdem man sie angerufen hätte, erklärte er ihr Verschwinden für eine rebellische Tat von seiten seines Sohnes. Bei Tische trank er des jungen Erben Gesundheit in unheilbrütendem Schweigen. Aber Adrian Harley stand auf, um die Gesundheit auszubringen. Seine Rede war ein rhetorisches Meisterstück. Er wurde so warm dabei, daß nach ciceronischem Vorbild leblose Dinge Gestalt annahmen und Richards Serviette und leerer Stuhl aufgefordert wurden, in die Fußstapfen seines unvergleichlichen Vaters zu treten und durch ein würdiges Benehmen die Ehre der Feverels aufrecht zu erhalten. Austin Wentworth, den der Soldatentod seines Vaters auch dazu zwang, als Redner aufzutreten, erschien matt nach einer Rede von solcher Grandezza. Aber die Erwiderung, der Dank, den der junge Richard persönlich hätte aussprechen sollen, blieb aus. Adrians Beredsamkeit hatte Stuhl und Serviette nur vorübergehend Leben verliehen. Die Gesellschaft von würdigen Freunden, von Tanten und Onkeln und Vettern der entfernteren Grade war froh, als sie sich von der Tafel erheben und bei Musik und Tee vergnügen konnte. Sir Austin tat sein Äußerstes, um gastfrei und fröhlich zu erscheinen, und forderte seine Gäste auf, zu tanzen. Hätte er sie gebeten, zu lachen, sie hätten ihm auch gehorcht und in ebenso herzlicher Weise.

»Wie trübselig,« sagte Mrs. Doria Forey zu dem jungen Kuraten von Lobourne, als der verliebte Automat sich so steif, wie es seinem Berufe zukam, mit ihr im Tanze drehte.

»Jemand, der nicht darunter leidet, kann Ihnen kaum beistimmen,« erwiderte er und sonnte sich in ihren Strahlen.

»Ach, Sie sind gut!« rief die Dame, »sehen Sie aber 31 meine Klara. Sie will an dem Geburtstage ihres Vetters nur mit ihm tanzen. Was sollen wir tun, um Leben in die Gesellschaft zu bringen?«

»Ach, gnädige Frau! Sie können ja nicht für alle tun, was Sie für einen tun,« seufzte der Kurat, und wohin sie sich auch in der Unterhaltung wandte, immer zog er sie mit seidenen Fäden zurück, um seine verliebte Seele vor ihr zu enthüllen.

Er war unter den anwesenden Fremden der einzige, der zufrieden war. Die andern hatten Absichten auf den jungen Erben gehabt. Lady Altenbury von Longford hatte ihr höchst vollkommenes Exemplar von Marktware mitgebracht, Lady Juliana Jaye, um sie ihm zum ersten Male vorzustellen, da sie meinte, er hätte nun das Alter erreicht, in dem er ihre schwarzen Augen und ihr keckes Mündchen bewundern und anschmachten würde. Lady Juliana mußte sich mit einem geschniegelten jungen Papworth als Kavalier zufrieden geben, und ihre Mama mußte die Artigkeiten von Sir Miles Papworth über sich ergehen lassen, der über Landwirtschaft und Dampfmaschinen mit ihr sprach, bis ihr ganz schlecht davon ward, und sie ungezogen wurde, um sich vor ihm zu schützen. Lady Blandish, die reizende Witwe, saß mit Adrian allein und amüsierte sich über seine sarkastischen Bemerkungen über die Gesellschaft. Um zehn Uhr war das traurige Fest zu Ende, und die Zimmer waren düster, düster wie die Prophezeiungen, die von den enttäuschten und niedergeschlagenen Gästen in reichem Maße ausgesprochen worden waren, in bezug auf die voraussichtliche Zukunft des hoffnungsvollen Erben. Die kleine Klara küßte ihre Mama, machte dem Kuraten, der sich noch immer nicht trennen konnte, einen Knix und ging zu Bett, wie ein artiges, kleines Mädchen. Sobald die Jungfer sie aber allein gelassen hatte, zog die kleine Klara 32 sich behutsam wieder an. Sie war als gehorsames Kind bekannt. Sie hatte immer die Erlaubnis, das Licht in ihrer Stube eine halbe Stunde brennen zu lassen, weil sie sich im Dunkeln fürchtete. Sie nahm das Licht und schlich auf Zehenspitzen in Richards Zimmer. Kein Richard war da. Sie durchsuchte das ganze Zimmer nach ihm. Eine leichte Bewegung der Gardinen trieb sie eilig wieder durch die Türe und den Korridor entlang in ihr eigenes Schlafzimmer. Sie fürchtete sich nicht, aber ihre Schuldbewußtsein hieß sie auf der Hut sein. Doch bald ging sie wieder unruhig im Korridor auf und ab. Richard hatte das kleine Fräulein mit Geringschätzung behandelt und beleidigt, und man mußte ihn fragen, ob er ein solches Betragen gegen seine Cousine nicht bereute: – ob er auch vergessen hätte, seinen Geburtstagskuß entgegenzunehmen, das wollte man ihn nicht fragen; denn wenn es ihm nicht beliebte von selbst daran zu denken, Fräulein Klara würde ihn niemals daran erinnern; und heute abend würde man ihm zum letzten Male die Gelegenheit zur Versöhnung bieten. So überlegte sie, als sie, auf einem Stuhle sitzend, plötzlich unten in der Halle Richards Stimme hörte, wie er nach seinem Abendessen rief.

»Herr Richard ist zurückgekommen,« verkündete der alte Diener Benson.

»Nun und?« sagte der Baron.

»Er klagt über Hunger,« der Diener stockte mit einem Blick voll Würde und Verachtung.

»Gib ihm etwas zu essen.«

Der gewichtige Benson stockte noch mehr, als er verkündete, der Knabe habe nach Wein verlangt. So etwas war noch niemals vorgekommen. Sir Austins Augenbrauen zogen sich fast drohend zusammen, aber Adrian meinte, er würde wohl seinen Geburtstag feiern wollen, und eine Flasche Rotwein wurde bewilligt.

33 Die Knaben waren in eine Rebhuhnpastete vertieft, als Adrian in das Zimmer schlenderte. Sie hatten jetzt ihre Rollen getauscht. Richard war aufgeregt und laut. Er brachte mit jedem Glase eine Gesundheit aus, seine Wangen glühten und seine Augen funkelten. Ripton sah sehr nach einem Spitzbuben aus, der vor der Entdeckung zittert; einstweilen schützten ihn aber sein ehrlicher Hunger und die Rebhuhnpastete vor Adrians prüfendem Blick. Adrian erkannte, daß es etwas herauszufinden gäbe, wäre es auch nur Riptons bedenklich aussehende Nase, und setzte sich zu ihnen, um zu hören und zu beobachten.

»Gute Jagd gehabt, meine Herren, wie ich annehme?« fing er an, sie zu necken, wodurch er Richard zu einem lauten Gelächter veranlaßte.

»Ha, ha! Höre doch, Rip! Gute Jagd, meine Herren? Denkst du noch an den Bauern? Deine Gesundheit, Pfarrer! Unsere Jagd soll noch erst kommen. Wir werden ein Jagdvergnügen erster Güte haben. Wir haben nicht viel Vögel aufzuweisen. Wir schossen nur zum Vergnügen und gaben die Beute den Besitzern zurück. Du liebst Geflügel, Pfarrer? Ripton ist ein unfehlbarer Schütze in dem, was Vetter Austin das Reich des ›Würde-getan-haben‹ und ›Könnte-gewesen-sein‹ nennt. Die Vögel fliegen auf, und Rip schreit: ›Ich habe vergessen zu laden.‹ Oho! Rip! – noch ein Glas Wein? – Laß doch deine Nase in Ruhe. Auf deine Gesundheit, Ripton Thompson! Die Vögel waren nicht rücksichtsvoll genug, auf ihn zu warten, und so siehst du, Pfarrer, es ist ihre Schuld und nicht Rips, daß er dir nicht mindestens ein Dutzend zu Füßen legt. Was habt ihr hier zu Hause getan, Vetter Rady?«

»Wir haben Hamlet gespielt in Abwesenheit des Prinzen von Dänemark. Du weißt, mein lieber Junge, ohne dich mußte der Tag langweilig sein.« 34

»Er spricht, doch kann ich seinen Worten trauen?
Hart ist sein Lächeln, härter als sein Hohn.«

Aus Sandoes Gedichten. Du kennst die Verse, Rady? Warum soll ich nicht Sandoe zitieren? Ich weiß, du hast ihn gern, Rady. Aber es tut mir leid, wenn du mich vermißt hast. Rip und ich haben einen herrlichen Tag gehabt. Wir haben etwas von der Welt kennen gelernt, und ich will dir alles erzählen. Zuerst kommt ein Herr, der eine Büchse für eine Vogelflinte hält. Dann kommt ein Bauer, der alle Leute, Herren und Bettler, von seinem Gebiete fortjagt. Dann kommt ein Kesselflicker und ein Ackersmann, die der Meinung sind, daß Gott und der Teufel immer darum kämpfen, wer das Reich der Erde beherrschen soll. Der Kesselflicker ist für Gott, der Ackersknecht –«

»Auf deine Gesundheit, Ricky,« unterbrach ihn Adrian.

»Ach, ich vergaß, Pfarrer! Es war nicht böse gemeint, Adrian. Ich erzähle nur wieder, was ich gehört habe.«

»Tut nichts, mein lieber Junge,« erwiderte Adrian, »ich weiß sehr gut, daß Zoroaster noch nicht tot ist. Du hast nur bekannten Glaubenssätzen gelauscht. Trinke meinetwegen auf das Wohl der Feueranbeter.«

»Auf Zoroasters Wohl denn,« rief Richard. »Höre doch, Rippy? Wir wollen auf die Feueranbeter heut abend trinken, nicht wahr?«

Ein fürchterliches, auf ein geheimes Einverständnis deutendes Stirnrunzeln, welches Guy Fawkes nicht zur Unehre gereicht hätte, flog über Riptons plastische Gesichtszüge.

Richard lachte laut auf.

»Was sagtest du doch vom Feuer, Rippy? Meintest du nicht, es mache Spaß?«

Wieder zur Antwort ein schreckliches, Stillschweigen gebietendes Stirnrunzeln von seiten Riptons. Adrian 35 beobachtete die ahnungslosen Jünglinge und wußte, daß sie sich auch unter dem Tische miteinander verständigten. »Sieh mal an,« dachte er, »hat dieser Junge heute zum ersten Male das Leben von der rauhen Seite kennen gelernt, und schon spricht er wie ein alter Praktikus und hat, wenn ich nicht irre, auch so gehandelt. Mein sehr verehrter Vorgesetzter,« damit wandte er sich in Gedanken an Sir Austin, »Brennstoff wird nur gefährlicher, wenn man ihn unterdrückt. Dieser Junge wird die Erde zu verschlingen suchen, wenn er nur erst losgelassen wird, und wird dafür sorgen, daß sein Anteil daran sehr bald so lächerlich aussieht, wie die Reste dieser Wildpastete« – eine Prophezeiung, die Adrian aber für sich behielt.

Onkel Algernon humpelte herein, um seinen Neffen zu sehen, ehe er mit dem Abendessen fertig war, und seine gemütlichere Gesellschaft brachte etwas mehr von den Vorgängen ans Licht.

»Höre mal, Onkel!« sagte Richard. »Würdest du dich von einem rohen, alten Kerl von Bauern schlagen lassen, ohne es ihm heimzuzahlen?«

»Ich nehme an, ich würde seine Höflichkeitsbezeugungen erwidern, mein Junge,« versetzte der Onkel.

»Natürlich würdest du es. Und ich auch. Und er soll auch dafür büßen.« Der Junge sah sehr zornig aus, und der Onkel suchte ihn gutmütig zu besänftigen.

»Ich habe seinen Sohn geprügelt und ich werde auch ihn prügeln,« sagte Richard und rief nach mehr Wein.

»Was, Junge, der alte Blaize war es, der dich so in Zorn brachte?«

»Schadet nichts, Onkel!« und der Junge nickte geheimnisvoll.

»Sieh da!« Adrian studierte Riptons Gesicht, »er sagt: schadet nichts und verrät sich.«

»Haben wir heute gesiegt, Onkel?«

36 »Ja, mein Junge, und wir werden immer siegen, so lange nach den Regeln gespielt wird. Ich bin ihnen noch auf einem Beine überlegen. Natkins und Featherdene sind die einzigen, die was taugen.«

»Wir haben gesiegt!« rief Richard, »wir müssen mehr Wein haben und ihre Gesundheit trinken.«

Man klingelt und bestellt Wein. Aber sogleich erscheint der gewichtige Benson, um zu melden, daß weitere Zufuhr abgeschnitten wäre. Nur eine Flasche und nicht mehr. Der Kapitän pfiff durch die Zähne, und Adrian zuckte die Achseln.

Adrian besorgte aber doch noch eine Flasche, denn es machte ihm Spaß, berauschte Knaben zu beobachten.

Trotz seiner Aufgeregtheit war Richard in einem Punkt zurückhaltend, der ihm am meisten am Herzen lag. Er war zu stolz, um zu fragen, wie sein Vater seine Abwesenheit aufgefaßt habe, und brannte doch darauf zu hören, ob er in Ungnade gefallen sei. Er lenkte das Gespräch verschiedene Male darauf hin, aber Algernon und Adrian wichen ihm immer aus. Schließlich, als der Junge den Wunsch äußerte, seinem Vater Gute Nacht zu sagen, mußte ihm Adrian sagen, daß er nach dem Essen direkt zu Bett zu gehen hätte. Richard machte ein langes Gesicht, und seine Ausgelassenheit verließ ihn. Ohne ein weiteres Wort ging er auf sein Zimmer.

Adrian gab Sir Austin einen geschickten Bericht von dem Betragen und den Abenteuern seines Sohnes und verweilte besonders bei seinem plötzlichen Verstummen, als er von seines Vaters Entschluß gehört hatte, ihn nicht zu empfangen. Der weise Jüngling sah, daß sein Herr, trotz seiner unbeweglichen Maske, milder gestimmt war und zog sich in sein Schlafzimmer und zu Horaz zurück, während Sir Austin in seinem Studierzimmer blieb. Viele Stunden saß der Baron allein. Das Schloß 37 hatte heute abend nicht seinen gewöhnlichen Besuch von Feverels. Austin Wentworth war Gast in Poer Hall und war nur für eine Stunde herübergekommen. Um Mitternacht lag das Haus in tiefem Schlaf. Sir Austin legte Mantel und Mütze an und nahm die Lampe, um seine regelmäßige Runde zu machen. Er befürchtete nichts besonderes, aber da sein Gemüt niemals ruhig war, hatte er sich selbst zur Schildwache von Raynham gemacht. Er ging an dem Zimmer vorüber, in dem die Großtante Grantley schlief, die Richards Vermögen vermehren und damit den Hauptzweck ihres Lebens erfüllen sollte. An ihrer Türe murmelte er: »Du gutes Wesen, du schläfst in dem Gefühl, deine Pflicht erfüllt zu haben,« und ging weiter, indem er überlegte, wie sie das Geld nicht zu einem Dämon der Zwietracht gemacht hätte, und segnete sie. Vor der Tür, die Hippias' Schlummer bewachte, hatte er auch seine Gedanken, denen die Welt wohl zugestimmt hätte.

»Das ist einer, der von einer fixen Idee besessen ist und statt eingesperrt zu sein frei herumläuft und sich anmaßt, den Schlummer der geistig Gesunden zu überwachen,« denkt Adrian Harley, als er Sir Austins Schritte hört, und in der Tat gewährte er einen sonderbaren Anblick. Aber wo ist die Festung, die nicht einen schwachen Punkt hat? wo der Mann, der in jedem Winkel seines Gehirns gesund ist? »Ja,« überlegt sich der ruhende Cyniker, »ist nicht jeder Mutter Sohn mehr oder weniger toll? Günstige Umstände, gute Luft, gute Gesellschaft, zwei oder drei gute Lebensregeln, die man strenge befolgt, bewahren einen vor dem Tollhause. Aber verfällt der Mensch einmal der Leidenschaft, ist dann nicht das Irrenhaus der sicherste Aufenthalt für ihn?«

Sir Austin stieg die Treppe hinauf und wandte sich dem Zimmer in dem linken Flügel des Schlosses zu, in 38 dem sein Sohn schlief. Am Ende des Korridors, der dahin führte, entdeckte er ein trübes Licht. Ungewiß, ob es nur eine Einbildung sei, beschleunigte er seinen Schritt. Dieser Flügel hatte von altersher einen schlechten Ruf. Trotz allem, was im Lauf der Jahre geschehen war, um sein Ansehen zu heben, hielt das Küchenpersonal noch an der alten Überlieferung fest und bewahrte gewisse Geschichten von Geistern, die man gesehen und von denen man gehört hatte, sie seien gesehen worden, so daß sein Ruf bei den furchtsamen Gemütern neuer Haus- und Küchenmädchen immer wieder angeschwärzt wurde, und es ihm unmöglich gemacht wurde, sich von seinen Sünden rein zu waschen. Sir Austin hatte von den Erzählungen gehört, die in den Küchenräumen bei den Dienstboten umgingen. Er hielt an seinem Glauben fest, bekämpfte aber den ihren, und es galt in Raynham als Hochverrat, den linken Flügel zu verleumden. Als der Baron weiterging, wurde es ihm klar, daß tatsächlich ein Licht brannte. Einige Stufen brachten ihn in den Durchgang, wo er vor der Türe seines Sohnes eine armselige irdische Kerze brennen sah. In demselben Augenblick schloß sich eilig eine Tür. Er trat in Richards Zimmer. Der Knabe war fort. Das Bett war unberührt, keine Kleider lagen herum, nichts zeigte, daß er am Abend das Zimmer benutzt hätte. Sir Austin fühlte eine unbestimmte Angst. »Ist er in mein Zimmer gegangen, um auf mich zu warten?« dachte sein Vaterherz. Etwas wie eine Träne zitterte in seinen Augen, als er überlegte und hoffte, daß es so sein möchte. Sein eigenes Schlafzimmer lag dem seines Sohnes gegenüber. Er trat mit klopfendem Herzen ein. Es war leer. Die Angst vertrieb den Ärger aus seinem eifersüchtigen Herzen, und die Furcht vor einem Unglück ließ tausend Fragen in ihm aufsteigen, die keine Antwort fanden. Nachdem er in seinem Zimmer auf- und 39 abgegangen war, beschloß er zu dem jungen Thompson zu gehen, wie er Ripton nannte, und ihn zu fragen, was er wüßte.

Das Zimmer, das für Ripton Thompson bestimmt war, lag an dem nördlichen Ende des Korridors und hatte die Aussicht nach Lobourne und dem westlichen Tal. Das Bett stand zwischen Fenster und Türe. Sir Austin fand die Türe halb offen und das Zimmer dunkel. Zu seinem Erstaunen zeigte das Licht der Lampe, daß Thompsons Lager auch leer war. Als er sich zurückwandte, schien es ihm, als höre er leises Flüstern in dem Zimmer. Richard und Thompson drückten ihre Köpfe eng aneinander gelegt an das Fenster und sprachen aufgeregt miteinander. Sir Austin lauschte, aber er hörte Reden, die er nicht verstand. Sie sprachen von Feuer und von Aufschub, von Aufregung unter den Bauern, die sie erwarteten; von dem gewaltigen Zorn eines Farmers; von einer an Edelleuten verübten Gewalttat und von Rache; alles Reden, die die Jungen stoßweise hervorbrachten und die wie die zerbrochenen Glieder einer Kette erschienen, deren Zusammenhang man unmöglich finden konnte. Aber sie erweckten Neugierde. Der Baron ließ sich dazu herab, bei seinem Sohne den Spion zu spielen.

Über Lobourne und dem Tale lag dunkle Nacht und funkelten unzählige Sterne.

»Wie wohl ich mich fühle,« sagte Ripton vom Weine angeregt, und dann nach einer behaglichen Pause, »ich glaube, der Bursche hat sein Goldstück eingesteckt und sich aus dem Staube gemacht.«

Richard ließ eine lange Minute verstreichen, ehe er antwortete, und der Baron wartete ängstlich auf seine Stimme, die er kaum erkannte, als er ihren veränderten Ton hörte.

40 »Wenn er das getan hat, werde ich hingehen und es selbst tun.«

»Das würdest du?« erwiderte Ripton. – »Donnerwetter! – Höre mal, wenn du zur Schule gegangen wärest, hättest du schöne Streiche gemacht. Vielleicht konnte er die Stelle nicht finden, wo wir die Schachtel hineinsteckten. Ich glaube wirklich, er drückt sich. Beinahe wünschte ich, du hättest es nicht getan. – auf Ehre, wirklich! – Paß auf! was war das? – Das sieht nach etwas aus. – Hör mal, glaubst du, daß sie uns ausfinden werden?«

Ripton gab seiner abgebrochenen Frage eine sehr ernste Betonung.

»Das kümmert mich nicht,« sagte Richard und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf Zeichen von Lobourne her.

»Ja, aber,« beharrte Ripton, »wenn wir nun doch entdeckt werden?«

»Wenn wir entdeckt werden, müssen wir bezahlen.«

Sir Austin atmete leichter nach dieser Antwort. Er fing an den Schlüssel zu dem Gespräch zu finden. Sein Sohn war in ein Komplott verwickelt, war vielmehr der Leiter eines Komplotts. Er lauschte, um weitere Aufklärung zu bekommen.

»Wie hieß der Bursche?« fragte Ripton.

Sein Gefährte antwortete: »Tom Bakewell.«

»Ich werde dir mal was sagen,« fuhr Ripton fort, »beim Abendessen hast du die ganze Geschichte deinem Vetter und deinem Onkel gegenüber herausgelassen. – Wie famos Rotwein zu Rebhuhnpastete schmeckt. Ich habe furchtbar viel gegessen! – Sahst du nicht, daß ich dir zuwinkte?«

Der junge Materialist fühlte begeisterte Dankbarkeit für seine letzte Labung, und das geringste Wort konnte 41 ihn wieder darauf zurückbringen. Richard antwortete ihm:

»Ja, und ich fühlte auch, wie du mich anstießest. Es schadet nichts. Rady ist zuverlässig, und der Onkel schwatzt nicht.«

»Nun, meine Absicht ist es, nichts zu verraten. Man ist niemals sicher, wenn man es tut. Ich hatte noch nie so viel Rotwein getrunken« – Riptons Gedanken wanderten wieder, »aber jetzt werde ich, Rotwein ist mein Wein. – Sieh mal, es kann alle Tage herauskommen und dann ist es um uns geschehen,« fügte er ziemlich zusammenhangslos hinzu.

Richard beachtete nur den geschäftlichen Teil seiner abschweifenden Reden und antwortete:

»Wenn wir entdeckt werden, so hast du nichts damit zu tun.«

»Nicht, natürlich habe ich. Ich habe zwar die Schachtel nicht hineingesteckt, aber ich bin ein Mitschuldiger, das ist klar. Und außerdem,« fügte Ripton hinzu, »denkst du. ich werde es zulassen, daß du alles auf deine Schultern nimmst? So ein Kerl bin ich nicht, Ricky, das kann ich dir sagen.«

Sir Austin fing an, sich eine bessere Meinung von Thompson zu bilden. Es schien aber eine abscheuliche Verschwörung zu sein, und das veränderte Wesen seines Sohnes machte ihm großen Eindruck. Er war nicht mehr der Knabe von gestern. Sir Austin schien es, als hätte sich plötzlich eine Kluft zwischen ihnen aufgetan. Der Knabe hatte sich eingeschifft und schwamm auf den Wassern des Lebens in seinem eigenen Fahrzeuge. Es war vergebens ihn zurückzurufen, und ebenso vergeblich der Versuch, den unwiderruflichen Urteilsspruch der Zeit aufzuheben. Dieser Knabe, für den er Nacht für Nacht in Inbrunst und Demut zu Gott gebetet hatte, war jetzt 42 von Gefahren umgeben, Versuchungen stürmten auf ihn ein, und der Teufel steuerte das Fahrzeug. Wenn ein Tag so viel vermochte, was würden die Jahre tun? Waren die Gebete und die Wachsamkeit, die er auf ihn verwendet hatte, von keinem Nutzen?

Ein Gefühl unendlicher Trauer überkam den armen Mann, ein Gefühl, als ob er um diesen geliebten Sohn mit dem Schicksal kämpfte. Er war halb und halb geneigt, die beiden Verschwörer sofort zu verhaften, um ihnen Gelegenheit zur Beichte und Absolution zu geben; aber dann schien es ihm doch besser, weiter im geheimen über seinem Sohne zu wachen: Sir Austins altes System gewann die Oberhand.

Adrian charakterisierte das System richtig, wenn er sagte, Sir Austin wolle für seinen Sohn die Vorsehung spielen.

Wenn unermeßliche Liebe auch vollkommene Weisheit wäre, dann könnte ein menschliches Wesen beinahe die Vorsehung verkörpern für ein anderes. Ach, die Liebe, göttlich wie sie ist, kann nicht mehr tun, als das Haus erleuchten, das sie bewohnt, sie muß sich seiner Gestalt anpassen, muß das Gefühl für seine Enge manchmal noch verschärfen, kann die lebenslangen Einwohner in den oberen und unteren Stockwerken wohl vergeistigen, aber nicht vertreiben.

Sir Austin beschloß zu schweigen.

Noch lag das Tal schwarz unter dem hohen herbstlichen Himmel, und die Ausrufe der Knaben wurden fieberhaft und aufgeregt. Ab und zu behauptete einer, er hätte ein Funkeln gesehen in der Richtung, die ihren Erwartungen entsprach. Wieder wurde das Funkeln angekündigt. Beide Jungen sprangen auf die Füße. Jetzt blitzte es wirklich auf in der erwarteten Richtung.

»Er hat es getan,« rief Richard in großer Erregung. 43 »Nun wird der alte Blaize bald blasen, Rip. Ich hoffe, er schläft.«

»Sicherlich schnarcht er! Sieh hin! Es faßt schnell genug Feuer. Es ist trocken! Der wird brennen. – Höre mal,« Ripton nahm wieder seinen ernsthaften Ton an, »glaubst du, sie werden jemals Verdacht auf uns haben?«

»Was schadet's? Dann müssen wir es aushalten.«

»Natürlich müssen wir es. Aber ich wünschte, du hättest sie nicht auf die Spur gebracht. Ich sehe so gerne unschuldig aus, und das kann ich nicht, wenn ich weiß, daß die Leute Verdacht haben. Himmel! Sieh bloß, wie es jetzt anfängt aufzulodern!«

Das Besitztum des Bauern fing in der Tat an, sich in dunkeln Schatten abzuheben.

»Ich will mein Fernrohr holen,« rief Richard. Aber Ripton, der nicht gerne allein bleiben wollte, hielt ihn fest.

»Nein, gehe nicht, dann verlierst du das Beste von der Sache. Ich werde das Fenster aufmachen, dann können wir sehen.«

Das Fenster wurde aufgestoßen und beide Knaben hingen sich weit hinaus; Ripton schien die aufsteigenden Flammen mit dem Munde zu verschlingen, Richard mit den Augen.

Dunkel und unbeweglich, einer Statue gleich, stand die Gestalt des Barons hinter ihnen. Der Wind war schwach. Dichte Rauchmassen hingen zwischen den aufzüngelnden Feuerschlangen, und ein unheilvolles, rotes Licht ruhte auf den nahen Bäumen. Keine Gestalten waren zu sehen. Augenscheinlich fanden die Flammen gar keinen Widerstand, denn sie machten schreckliche Fortschritte in der Dunkelheit.

»Ach,« rief Richard ganz überwältigt von seiner 44 Aufregung, »wenn ich nur mein Fernrohr hätte. Wir müssen es haben. Laß mich gehen und es holen. Ich will es.«

Die Knaben kämpften, und Sir Austin trat zurück. Als er das tat, hörte er einen Schrei auf dem Korridor. Er eilte hinaus, schloß die Türe und fand die kleine Klara, die besinnungslos auf der Erde lag.

 

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