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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechsunddreißigstes Kapitel.

Eine Mittagsgesellschaft in Richmond.

Eine Dame, die ein Paar Grauschimmel fuhr, war von Richard auf seinen Spaziergängen und Spazierritten bemerkt worden. Sie war sehr hübsch, eine forsche Schönheit, mit glänzendem, schwarzem Haar, roten Lippen und Augen, die sich nicht vor den Männern fürchteten. Das Haar war von den Schläfen zurückgebürstet und gab dem Kopf jene ungekünstelte Form, für welche das Kutschieren und die schnelle Bewegung besonders vorteilhaft sind. Sie beschäftigte seine Phantasie. Ihm gefiel der Ausdruck mutwilliger Unerschrockenheit, und er sann nach über diese Erscheinung einer glänzenden, flotten Frau, die etwas Neues für ihn war. Er glaubte auch zu bemerken, daß sie nach ihm hingesehen hatte. Er hatte keine Anlage zur Eitelkeit, sonst wäre er fest davon überzeugt gewesen. Einmal fiel es ihm auf, daß sie sich leicht verneigte.

Er fragte Adrian eines Tages im Park, wer sie wäre.

»Ich kenne sie nicht,« sagte Adrian, »wahrscheinlich eine höhere Priesterin der Venus.«

»Das ist nun mein Ideal von einer Bellona,« rief Richard. »Nicht die Furie, wie sie gewöhnlich gemalt 480 wird, sondern ein lebenvolles, unerschrockenes, scharf ausschauendes Geschöpf, wie diese hier.«

»Bellona,« erwiderte der weise Jüngling. »Ich glaube nicht, daß sie schwarzes Haar gehabt hat. War es nicht rot? Ich würde sie nicht mit Bellona vergleichen, obgleich sie sicher sehr bereit ist, Blut zu vergießen. Sieh sie nur an! Sie scheint Beute zu wittern. Ich verstehe deine Ansicht. Nein, ich würde sie mit Diana vergleichen, die der Aufsicht des Endymion entwischt ist und ein hübsches Spiel mit den Göttern treibt. Verlaß dich darauf – man erzählt uns nur nichts davon – der Olymp verbirgt die Geschichte in seinen Wolken – aber du kannst sicher sein, nachdem sie ihren hübschen Schäfer verlassen hatte, hatte sie da oben mehr Beifall als Venus.«

Sie trafen Brayder.

»Haben Sie Mrs. Mount vorbeikommen sehen?« sagte er.

»Das war also Mrs. Mount!« rief Adrian.

»Wer ist Mrs. Mount?« fragte Richard.

»Eine Schwester der Miß Random, mein Junge.«

»Möchten Sie sie kennen lernen?« sagte der ehrenwerte Peter mit schläfriger Stimme.

Richard erwiderte mit einem gleichgültigen »Nein,« und Mrs. Mount entschwand aus ihrem Gesichtskreis und aus ihrer Unterhaltung.

Der junge Mann schrieb unterwürfige Briefe an seinen Vater. »Ich habe jetzt fünf Wochen hier darauf gewartet, Dich sehen zu können,« schrieb er. »Ich habe Dir drei Briefe geschrieben und Du beantwortest sie nicht. Laß es mich Dir noch einmal aussprechen, wie aufrichtig ich es wünsche und wie ich Dich darum bitte, daß Du herkommst oder mir erlaubst zu Dir zu kommen, damit ich mich Dir zu Füßen werfen und Dich um Vergebung bitten kann, für mich und für sie. Sie bittet ebenso ernsthaft darum 481 wie ich. Glaube mir, es gibt nichts, was ich nicht tun möchte, um Deine Achtung wieder zu gewinnen und Deine Liebe, die ich, wie ich fürchte, unglücklicherweise verloren habe. Ich will noch eine Woche hier bleiben, in der Hoffnung, von Dir zu hören oder Dich zu sehen. Ich bitte Dich, Vater, treibe mich nicht zum Wahnsinn. Was Du auch von mir verlangst, ich werde einwilligen.«

»Es gibt nichts, was er nicht tun möchte,« wiederholte der Baron, während er las. »Es gibt nichts, was er nicht tun möchte! Er will noch eine Woche bleiben und mir noch eine letzte Chance geben! Und ich bin es, der ihn zum Wahnsinn treibt! Er fängt schon an, die Vergeltung auf meine Schultern zu werfen.«

Sir Austin war wirklich nach Wales gereist, um aus dem Wege zu sein. Ein Mann mit Systemen kann nicht Unglück haben, ohne daß die Leute davon reden, und der Verfasser des Manuskripts des Pilgers fand, wenn er im Unglück war, den Boden von London zu heiß für sich. Er verließ London, um sich in die Berge zurückzuziehen, und dort in alleinigem Verkehr mit einem noch jungfräulichen Taschenbuch zu leben.

Er hatte einige unklare Pläne in seinem Kopf über die Behandlung seines Sohnes. Hätte er ihnen Gestalt verliehen, so würden sie häßlich ausgesehen haben, sie verdichteten sich zu dem unbestimmten Grundsatz, daß der junge Mann auf die Probe gestellt und geprüft werden sollte.

»Mag er es lernen, sich etwas zu versagen. Mag er eine Zeitlang mit seinesgleichen leben. Wenn er mich liebt, wird er meine Wünsche erraten. So erklärte er seinen Grundsatz Lady Blandish gegenüber.

Die Dame schrieb:: »Sie sagen eine Zeitlang? Wie lange? Darf ich ihm eine Zeit nennen? Es ist die schreckliche Ungewißheit, die ihn zur Verzweiflung treibt. Das und nichts anders. Bitte, seien Sie deutlicher.«

482 Als Erwiderung wies er unbestimmt auf Richards Großjährigkeit hin.

Wie konnte Lady Blandish hingehen und von dem jungen Mann verlangen, daß er ein Jahr lang von seiner Frau getrennt warten sollte? Ihr Instinkt hieß sie die Augen weit vor dem Götzenbilde öffnen, das sie so lange angebetet hatte.

Wenn Leute selbst nicht wissen, was sie wollen, dann gelingt es ihnen wenigstens häufig, andere zu täuschen und zu betrügen. Nicht Lady Blandish allein wurde in die Irre geführt, auch Mrs. Doria, die in die verborgenen Winkel jedes Herzens eindrang und von Kindheit an die Gewohnheit gehabt hatte, ihren Bruder zu durchschauen. Sie war sich nicht bewußt, sich jemals über ihn getäuscht zu haben, und mußte jetzt zugeben, daß sie in Verlegenheit wäre, wie sie Austins Grundsätze verstehen sollte. »Denn einen Grundsatz hat er,« sagte Mrs. Doria, »er handelt niemals ohne einen. Aber was es ist, kann ich augenblicklich nicht verstehen. Wenn er schriebe und dem Knaben beföhle, auf seine Rückkehr zu warten, dann würde alles klar sein. Er erlaubt uns ihn her zu holen, und dann läßt er uns alle in Verlegenheit. Es muß der Einfluß irgend einer Frau sein. Das ist die einzige Möglichkeit es zu erklären.«

»Sonderbar,« warf Adrian ein, »wie stolz die Frauen auf ihr Geschlecht sind! Ich sage dir also, meine liebe Tante, daß ich übermorgen meinen Schützling in deine Obhut gebe. Ich kann ihn nicht eine Stunde länger halten. Ich habe ihn mit Lügen fesseln müssen, bis meine Erfindungsgabe erschöpft ist. Ich beantrage, daß diese Lügen meinen Vorgesetzten auf die Rechnung gesetzt werden; aber, wenn der Strom ausgetrocknet ist, läßt sich nichts mehr tun. Die letzte Lüge war, daß er mir geschrieben hätte, ich solle das Schlafzimmer nach Südwesten 483 für nächsten Dienstag für ihn bereit halten. So! sagt mein Sohn, dann werde ich bis dahin warten! und nach der riesenhaften Anstrengung, die er brauchte, zu diesem Entschluß zu kommen, zweifle ich, daß ihn irgend eine menschliche Macht dazu bewegen wird, noch länger zu warten.«

»Wir müssen, wir müssen ihn zurückhalten,« sagte Mrs. Doria. »Wenn wir es nicht tun, bin ich überzeugt, daß Austin irgend etwas Unüberlegtes tun wird, was er später bereuen wird. Er wird jene Frau heiraten, Adrian. Beachte wohl meine Worte. Nun, bei jedem andern jungen Mann! . . . Aber Richards Erziehung! dieses lächerliche System! Hat er denn gar keine Zerstreuungen? Nichts, was ihn amüsieren könnte?«

»Der arme Junge! Ich glaube, es fehlt ihm seine Spielgefährtin!«

Der weise Jüngling mußte einen Vorwurf über sich er gehen lassen.

»Ich sage dir, Adrian, er wird jene Frau heiraten!«

»Meine liebe Tante! Kann denn ein edler Mann etwas Lobenswerteres tun?«

»Hat denn der Junge gar keinen Lebenszweck, den er verfolgen könnte? – Wenn er nur einen Beruf hätte!«

»Was meinst du zu einer moralischen Reinigung der Londoner Straßen? zu dem Beruf eines Straßenfegers der Moral, Tante? Ich versichere dir, ich habe einen Monat lang als Lehrling bei ihm gedient. Wir machen uns um zehn Uhr abends auf den Weg. Ein weibliches Wesen geht an uns vorüber. Ich höre, wie er stöhnt. ›Ist das eine von ihnen, Adrian?‹ Ich sehe mich gezwungen, zuzugeben, daß sie nicht ganz so heilig ist, wie es seiner Ansicht nach jedes Geschöpf sein müßte, das Unterröcke trägt. Wieder stöhnt er; ein augenscheinlich innerliches: ›Es kann nicht sein – und doch!‹ – so wie man 484 es auf der Bühne hört. Augenrollen, gottlose Fragen an den Schöpfer des Universums, wildes Murren gegen die brutalen Männer; und dann treffen wir ein zweites weibliches Wesen und die Vorstellung wird wiederholt – was mich ziemlich ermüdet. Es würde alles ganz schön sein, aber er wendet sich an mich und macht mir Vorstellungen, warum ich nicht ein Haus miete und einrichte, damit alle die Frauen, die wir treffen, rein leben können. Nun, das ist etwas viel verlangt von einem ruhigen Menschen. Zu meiner Freude hat Master Thompson mich in der letzten Zeit abgelöst.«

Mrs. Doria hatte ihre eigenen Gedanken.

»Hat Austin an dich geschrieben, seit ihr in der Stadt seid?«

»Nicht den kleinsten Aphorismus.«

»Ich muß Richard morgen früh sprechen!« damit beendete Mrs. Doria die Unterredung.

Das Resultat der Unterredung mit ihrem Neffen war, daß Richard nicht weiter davon sprach, am Dienstag abreisen zu wollen; mehrere Tage schien er jetzt eine Beschäftigung zu haben, die ihn vollständig in Anspruch nahm; aber was es war, das konnte Adrian nicht erfahren, und seine Bewunderung für Mrs. Dorias Talent die Menschen zu behandeln stieg sehr hoch.

An einem Oktobermorgen hatten sie früh den Besuch des ehrenwerten Herrn Peter, den sie länger als eine Woche nicht gesehen hatten.

»Meine Herren,« sagte er, indem er sein Stöckchen in der liebenswürdigsten Weise schwenkte. »Ich bin gekommen, Ihnen den Vorschlag zu machen, sich uns bei einer kleinen Mittagsgesellschaft in Richmond anzuschließen. Sie wissen, es ist niemand in der Stadt. London ist so tot, wie ein Stockfisch. Man kann Ihnen nur die Überreste anbieten. Aber das Wetter ist schön: ich schmeichle mir, 485 Sie werden die Gesellschaft angenehm finden. Was sagt mein Freund Feverel dazu?«

Richard bat, daß man ihn entschuldige.

»Nein, nein! Sie müssen ganz entschieden kommen,« sagte der ehrenwerte Peter. »Ich habe mir soviel Mühe gegeben, die Gesellschaft zusammenzubringen, um die Langeweile Ihrer Einkerkerung etwas zu mildern. Richmond liegt noch im Bereich Ihres Gefängnisses. Sie können zur Nacht zurück sein. Mondschein auf dem Wasser – entzückende Frauen. Wir haben ein Stadtboot gemietet, das uns zurück rudern soll. Acht Ruder – vielleicht sind's auch sechzehn. Kommen Sie – Hand drauf!«

Adrian war dafür, daß sie gingen. Richard sagte, er hätte eine Verabredung mit Ripton.

»Ihr wollt wieder einen Heuschober in Brand stecken, ihr beide,« sagte Adrian. »Richte es doch ein, daß wir gehen können. Du hast noch nicht das Paradies des Londoners kennen gelernt. Gib das Brandstiften auf und wende dich friedlicheren Beschäftigungen zu, mein Sohn.«

Nach einiger Überredung gähnte Richard müde, stand auf, schien die Sorge, die auf ihm lag, abzuschütteln und sagte: »Gut denn. Wie ihr wollt. Wir können den alten Rip mitnehmen.«

Adrian sah nach Brayder hin, was er dazu meine. Der ehrenwerte Peter erklärte lebhaft, er würde sehr erfreut sein, Feverels Freund mit dabei zu haben, und lud sie alle ein, in seinem Jagdwagen hinauszufahren.

»Wenn Sie nicht lieber eine Wette arrangieren, mit der Flut hinauszuschwimmen – he! Feverel, mein Junge?«

Richard erwiderte ihm, daß er solche Sachen aufgegeben habe, worauf Brayder Adrian einen verschmitzten Blick zuwarf und dem jungen Mann seinen Beifall aussprach.

486 Richmond lag im ruhigen Oktobersonnenschein. Die liebliche Landschaft war von dem Fuße des Hügels bis zu dem rötlichen Nebel am Horizont in herbstliches Licht getaucht. Der Tag glich keinem, der besondere Erinnerungen in Richard erweckte. Er berührte kein Glied in der Kette seiner Erinnerungen. Es war ein ruhiger Tag, dem Charakter der Jahreszeit angemessen.

Adrian hatte erraten, welcher Art der Rest der Gesellschaft sein würde, die sie treffen sollten. Brayder stellte sie einem oder zweien der Herren vor, eilig und mit halber Stimme, als ob er es schnell abmachen wollte. Sie verbeugten sich vor der ersten Gruppe von Damen, auf die sie trafen. Der Anstand wurde genau bis zur äußersten Strenge beobachtet. Man sprach über das Wetter. Dann und wann faßte eine der Damen einen Knopf an dem Rocke des Herrn, mit dem sie sprach, oder erlaubte sich einen Teil seiner Kleidung zu berühren, und wenn sie ihn zu schelten hatte, drohte sie nicht nur mit einem Finger. So etwas kam indessen nur ab und zu vor und war ein Vorrecht naher Bekanntschaft.

Wo Damen zusammen sind, kann man die Königin der Versammlung immer an ihrem Hofstaat von Männern erkennen. Die Königin dieser Versammlung lehnte sich gegen den Rahmen des offenen Fensters und war von einem starken Hofstaat umgeben, in welchem ein geübtes Auge Leute von der Garde erkannt haben würde, und Ripton, dessen Mut sank, fürchtete, auch Lords. Es waren schöne Männer, die in nachlässiger Weise ihre Huldigungen darbrachten. Die Art, wie sie die Bärte trugen, der Schnitt ihrer Röcke, die vornehme Gleichgültigkeit in ihrem Aussehen, löschten Riptons Gefühl der Selbstachtung aus. Aber sie waren freundlich genug ihn zu übersehen. Gelegentlich fühlte er sich beleidigt durch ein Augenglas, das auf ihn gerichtet wurde und mit 487 verletzendem Spott zu sagen schien: »Wer ist das?« und dann drängte sich Ripton enger an seinen Helden, um in seinem Schatten seine bescheidenen Ansprüche an das Dasein und seine Identität zu rechtfertigen. Richard blickte sich um, Helden wissen auch nicht bei jeder Gelegenheit, was sie zu sagen oder zu tun haben, und das kalte Bad vor dem Diner in einer fremden Gesellschaft ist eine solche Gelegenheit. In der Dame an dem Gartenfenster hatte er seine prächtige Bellona erkannt. Brayder wurde von den Männern überall mit Nicken und Scherzworten begrüßt, von den Damen mit liebenswürdigem Mutwillen. Er war sehr geschäftig, ging durch die Gruppen hindurch, schwatzend und lachend; dann und wann erhielt er einen freundschaftlichen Schlag von den Damen und erwiderte mit halblauten Scherzen. Adrian setzte sich, kreuzte die Beine und sah wohlwollend und belustigt aus.

»Wer gibt das Diner?« hörte Ripton eine niedliche Schönheit einen der Kavaliere fragen.

»Mount, glaube ich,« war die Antwort.

»Wo ist er? Warum kommt er nicht?«

»Hat wieder etwas vor, nehme ich an.«

»Schon wieder. Wie schändlich behandelt er Mrs. Mount!«

»Sie scheint nicht darüber zu weinen.«

Mrs. Mount blitzte mit Zähnen und Augen und lachte über einen ihres Hofstaates, der den Narren zu spielen schien.

Das Diner wurde angekündigt. Die Damen behaupteten ungeheuren Hunger zu haben. Brayder besorgte Plätze für seine drei Freunde. Ripton befand sich unter der Leeseite einer Dame mit einem Busen. Auf seiner anderen Seite war die niedliche Schönheit. Adrian saß an dem unteren Ende der Tafel. Damen waren 488 genug da und er bekam sein Teil. Brayder ging mit Richard von Platz zu Platz. Ein glücklicher Mann hatte sich neben Mrs. Mount gesetzt. Brayder rief ihm zu, er müsse den Platz an der Spitze der Tafel nehmen. Der glückliche Mann weigerte sich, Brayder wurde dringend, die Dame bestand freundlich darauf, und der glückliche Mann schnitt ein Gesicht, setzte sich auf den Ehrenplatz und bemühte sich, friedlich auszusehen. Richard nahm seinen Platz ein und wurde von seiner Nachbarin nicht unliebenswürdig empfangen.

Nun fing das Diner an und nahm die ganze Aufmerksamkeit der Gesellschaft in Anspruch, bis das Fliegen der ersten Champagnerpfropfen das Signal gab und es anfing lauter zu werden. Der perlende Wein, der die Zungen löst und die Wahrheit enthüllt, hat auch die Kraft, ihr die Färbung zu geben. Die Damen lachten laut; Richard meinte, sie wären nur fröhlich und natürlich. Sie warfen sich auf ihren Stühlen zurück und lachten bis zu Tränen. Ripton dachte nur an das Vergnügen, das er in ihrer Gesellschaft empfand. Die Champagnerpfropfen setzten ihr regelmäßiges Geschützfeuer fort.

»Wo sind Sie in der letzten Zeit gewesen? Ich habe Sie nicht im Park gesehen,« sagte Mrs. Mount zu Richard.

»Nein,« erwiderte er, »ich bin nicht da gewesen.«

Die Frage schien wunderlich: sie sprach aber so einfach, daß es ihm nicht auffiel. Er leerte sein Glas und es wurde wieder gefüllt.

Der ehrenwerte Peter tat am meisten für die allgemeine Unterhaltung, die sich um Pferde, Jachten, die Oper und den Sport im allgemeinen drehte; wer ruiniert wäre, und durch welches Pferd oder durch welche Frau. Er erzählte ein oder zwei von Richards Heldentaten. Ein schönes Lächeln belohnte den Helden.

489 »Wetten Sie?« sagte Mrs. Mount.

»Nur auf mich selbst,« erwiderte Richard.

»Bravo!« rief seine Bellona, und ihre Augen blitzten ihn an über ihr randvolles Glas hinweg.

»Man würde entschieden ganz sicher gehen, wenn man auf Sie wettete,« fügte sie hinzu und schien ihn prüfend und beifällig zu mustern.

Richards Wangen glühten.

»Schwärmen Sie nicht für Champagner?« sagte die Dame mit dem Busen zu Ripton.

»Oh, ja!« antwortete Ripton mit mehr Aufrichtigkeit als Genauigkeit, »ich trinke immer Champagner.«

»Wirklich,« sagte der entzückte Busen und funkelte ihn mit den Augen an.

»Seien Sie freundschaftlich. Ich hoffe, Sie werden nichts dagegen haben, wenn sich Ihnen dann und wann eine Dame anschließt. Champagner ist meine Schwärmerei!«

In dem Kreis von Damen, dessen Mittelpunkt Adrian war, herrschte Gelächter, zuerst leise, und als er in seinen Erzählungen fortfuhr, immer lauter tönend, bis diejenigen, die von dem Gelächter ausgeschlossen waren, verlangten, eingeweiht zu werden und die Damen sich vorbogen, um sich den Scherz erzählen zu lassen, und so eine elektrische Kette des Gelächters bildeten. Jede von ihnen zog, wenn sie den Scherz verstanden hatte, ihr Taschentuch heraus und lachte und sah hinterher sehr entrüstet aus, oder sie sah zuerst entrüstet aus und lachte dann. Die Anekdote wäre wohl auch den erstaunten Kavalieren mitgeteilt worden, als sie aber bis zu einer Dame von ehrbarer Sorte kam, sah diese entrüstet aus, ohne zu lachen, und schalt die andern Damen, die nun beschlossen, die Geschichte zu begraben: aber hier und da sah man, wie der Kopf eines Herrn sich neigte und der Mund einer 490 Dame sich bewegte, obgleich sie ihn nicht ansah, und dann ließ sich das laute Lachen eines Herrn hören, während die Dame unschuldig vor sich hinblickte und ernst blieb, so lange sie nicht dem Auge einer andern Dame begegnete; wenn das geschah, dann allerdings zogen beide wieder ihre Taschentücher hervor und lachten von neuem, bis die Wirkung des Scherzes abnahm und nur noch dann und wann hervorbrach.

Was für einen Unsinn schreibt doch mein Vater über die Frauen! dachte Richard. Er sagt, sie können nicht lachen und verstehen nichts von Humor. Das kommt daher, überlegte er, daß er sich so von der Welt verschlossen hat. Und der Gedanke, daß er jetzt die Welt sähe und weiser wäre, schmeichelte ihm. Er sprach geläufig mit seiner gefährlichen Bellona. Er erzählte ihr von Adrians kleinen Launen.

»Ach,« sagte sie, »das ist also Ihr Lehrer, nicht wahr?«

Sie sah den jungen Mann an, als ob sie von ihm dächte, daß er es wohl weit bringen möchte.

Ripton fühlte, daß er angestoßen wurde. »Sehen Sie,« sagte der Busen und fauchte vor Entrüstung. Er sollte sehen, wie ein männlicher Arm sich um die Taille der niedlichen Schönheit legte. »Nun, das ist etwas, was ich in Gesellschaft nicht liebe,« der Busen blähte sich auf, um mit gehörigem Nachdruck zu sprechen. »Sie erlaubt es jedem. Stoßen Sie sie an.«

Ripton behauptete, das nicht zu wagen, worauf sie sagte: »Dann werde ich es tun.« Sie lehnte sich mit ihrer mächtigen Büste vor, ihr Weinatem strömte über ihn, und sie stieß die Gefährtin an. Die niedliche Schönheit sah Ripton fragend an; ein mutwilliger Blitz schoß aus ihrem Auge. Sie lachte und sagte: »Sind Sie nicht zufrieden mit Ihrer Alten?«

»Unverschämtheit!« murmelte der Busen und wurde noch mächtiger und röter.

491 »Füllen Sie ihr das Glas und halten Sie sie ruhig – sie trinkt Portwein, wenn kein Champagner mehr da ist,« sagte die Kleine.

Der Busen rächte sich, indem er Ripton allerhand Skandalgeschichten über die Kleine zuflüsterte, und durch diese beiden erhielt er eine richtigere Schätzung der Gesellschaft und überwand seine ursprüngliche Furcht so sehr, daß er ein Gefühl der Eifersucht empfand, als er seine lebhafte, kleine Nachbarin noch immer in festen Händen sah. Mrs. Mount war nicht so lebhaft wie die andern, aber es lag mehr Respekt in der Art, wie die Männer sie behandelten, ein Respekt, den diese hochmütigen Wesen nur klugen Frauen zuteil werden lassen. Sie brachte es fertig, das Gespräch mit dreien oder vieren an der Spitze des Tisches in Gang zu halten, während sie sich nach der Seite hin noch mit Richard unterhielt.

Nach dem Champagner wurde dem Rotwein und Portwein lebhaft zugesprochen. Die Damen überließen hier nicht feige den Männern das Feld, sie behaupteten ihre Stellung mit Ehren. Silbernes Licht glänzte auf der Themse. Wein und Gelächter ließen nach. Gefühl und Zigarren setzten das schöne Märchen fort.

»Ach, was für ein wundervoller Abend,« sagten die Damen und blickten nach oben.

»Entzückend!« sagten die Herren und blickten nach unten.

Die würzige, kühle Herbstluft wurde nach dem Essen wohltuend empfunden. Das duftende Kraut leuchtete hier und da im Garten auf.

»Wir haben uns zu Pärchen abgesondert,« sagte Adrian zu Richard, der allein stand und in die Landschaft hinausblickte. »Das ist der Einfluß des Mondes! Wir sind augenscheinlich auf Cypern. Wie hat sich mein Sohn amüsiert? Wie gefällt ihm die Gesellschaft der Aspasia? 492 Ich komme mir heute abend wie ein weiser Grieche vor.«

Adrian war vergnügt und lallte nur ganz wenig beim Sprechen. Ripton war von dem gefühlvollen Busen fortgeführt worden. Er kam zu ihnen zurück und flüsterte: »Beim Jupiter, Ricky! weißt du, was das für Frauen sind?«

Richard sagte, daß er sie für sehr nette Frauen hielte.

»Sie Puritaner!« rief Adrian und schlug Ripton auf die Schulter. »Warum haben Sie sich nicht betrunken, Herr? Berauschen Sie sich immer nur bei gesetzmäßigen Heiraten? Enthüllen Sie uns, was Sie mit der stattlichen Dame angefangen haben?«

Ripton duldete seinen Spott, um nur in Richards Nähe zu bleiben und ihn beobachten zu können. Er war eifersüchtig, daß der Gatte seiner unschuldigen Schönheit in der Nähe solcher Frauen sein sollte. Flüsternde Pärchen gingen auf und ab.

»Beim Jupiter, Ricky!« flüsterte Ripton seinem Freunde zu, »da raucht eine Frau!«

»Und warum nicht, oh Riptonus?« sagte Adrian. »Ist es dir noch nicht bewußt, mein Freund, daß die vorurteilslose Frau die vollkommne Frau ist? und murrst du darüber, daß du für den kostbaren Edelstein einen kleinen Preis zahlen mußt?«

»Na, mir gefällt es nicht, wenn Frauen rauchen,« sagte Ripton einfach.

»Warum dürfen sie nicht tun, was doch die Männer tun?« rief der Held ungeduldig. »Ich hasse diese verächtliche Engherzigkeit. Sie ist es, die all das Verderben und Unglück heraufbringt, das ich sehe. Warum dürfen sie nicht tun, was die Männer tun? Mir gefallen die Frauen, die tapfer genug sind, keine Heuchlerinnen zu sein. Beim Himmel! wenn diese Frauen schlecht sind, 493 dann gefallen sie mir besser, als eine Gesellschaft heuchlerischer Geschöpfe, die ganz äußerlich sind und uns zum Schluß betrügen.«

»Bravo!« rief Adrian, »da spricht der Reformator!«

Ripton fühlte sich, wie gewöhnlich, ganz klein neben seinem Führer. Er verstand es nicht, seine Sache zu führen. Er war noch immer der Meinung, daß Frauen nicht rauchen sollten; und er dachte an eine, die weit fort war, allein an der See, und die vollkommen war, ohne vorurteilslos zu sein.

Das Manuskript des Pilgers sagt: »Junge Männer empfinden an nichts soviel Freude, wie an dem Gedanken. daß Frauen Engel sind; und nichts verbittert Männer mit Erfahrung mehr, als die Erkenntnis, daß nicht alle es sind.«

Der Aphorist würde Ripton Thompson seine ersten Random-Ausschweifungen verziehen haben, hätte er die einfache warmherzige Verehrung weiblicher Güte bemerkt, die Richards junge Frau in dem Herzen des Jünglings entzündet hatte. Es hätte ihn wahrscheinlich gelehrt, mehr Vertrauen in unsere menschliche Natur zu setzen.

Ripton dachte an sie und hatte ein Gefühl von Trauer. Er wanderte allein durch den Garten, ging durch ein offnes Pförtchen und warf sich nieder unter ein Gebüsch, das am Abhang des Hügels stand. Wie er dort lag und grübelte, hörte er einige Stimmen in der Nähe.

»Was will er von mir?« sagte die Stimme einer Frau. »Ich weiß, es ist wieder eine von seinen Schurkereien. Bei meiner Ehre, Brayder, wenn ich bedenke, was ich ihm alles vorzuwerfen habe, ist es mir, als ob ich toll werden oder ihn töten müßte!«

»Das ist tragisch!« sagte der ehrenwerte Peter. »Aber haben Sie sich nicht schon oft genug gerächt, Bella? Verkehren wir offen miteinander. Dies ist ein kaufmännischer 494 Vertrag. Sie verlangen Geld und Sie sollen es erhalten – unter Bedingungen: verdoppeln Sie die Summe und Ihre Schulden werden bezahlt.«

»Er wendet sich an mich!«

»Sie wissen, meine liebe Bella, es ist lange alles zwischen Ihnen aus gewesen. Ich denke, Mount hat sich sehr gut benommen, wenn man in Betracht zieht, was er alles weiß. Er läßt sich nicht leicht täuschen, wie Sie wissen. Er ergibt sich in sein Schicksal und verfolgt anderes Wild!«

»Die Bedingung besteht also darin, daß ich diesen jungen Mann verführen soll?«

»Meine liebe Bella! Sie stoßen wie ein Habicht auf Ihren Vogel herab. Ich habe nicht gesagt: verführen. Halten Sie ihn hin, spielen Sie mit ihm. Amüsieren Sie ihn.«

»Ich verstehe mich nicht auf halbe Maßregeln.«

»Das tun die Frauen selten.«

»Wie ich Sie hasse, Brayder.«

»Ich bedanke mich, Euer Gnaden.«

Die beiden gingen weiter. Ripton hatte etwas von dem Gespräch gehört. Er verließ den Ort in ernster Stimmung, mit der Furcht, daß etwas Dunkles über denen schwebte, die er liebte, ohne doch zu wissen, was die Bedingung des ehrenwerten Peter bedeutete.

Auf der Rückfahrt nach der Stadt wurde Richard wieder dazu ersehen, neben Mrs. Mount zu sitzen. Brayder und Adrian sorgten für das Amüsement der Gesellschaft. Diese beiden Parasiten kamen vortrefflich miteinander aus. Sanft tauchten sich die Ruder in das Wasser, sanft wurden sie vom Mondlicht umspielt, sanft glitten die Ufer vorüber.

Die Damen waren im höchsten Grade gefühlvoll. Sie sangen, ohne darum gebeten zu werden. Sie waren alle 495 der Meinung, daß der britische Balladendichter für ihre Gefühle den besten Ausdruck hätte. Nach gutem Wein und viel davon, kann diese Art von Poesie für Männer von Geschmack durch schöne Stimmen erträglich gemacht werden. Augen, Lippen, Herzen; Pfeile, Seufzer, Schmerzen; Liebe, Triebe, Brust und Lust; und Lebewohl, du Falsche! Bei diesen rührenden Tönen schmolzen sie dahin. Mrs. Mount weigerte sich, zu singen, obgleich sie sehr darum gebeten wurde. Sie bewahrte ihre Haltung. Unter den hohen Espen von Brentfort glitten sie dahin, und immer weiter und weiter; der silberne Mond glitzerte in ihrem Kielwasser. Richards Hand lag offen neben ihm. Mrs. Mounts kleine weiße Hand fiel durch einen unglücklichen Zufall hinein. Sie wurde nicht gedrückt oder gestreichelt nach ihrem Fall oder von beredten Fingern vertraulich behandelt. Sie lag da, wie eine Schneeflocke auf kaltem Boden. Ein gelbes Blatt, das von den Espen herniederfiel, traf Richards Wange, und er zog grade diese Hand fort, um ein Haar zurechtzustreichen und sein Gesicht zu glätten, und dann verschränkte er die Arme über der Brust, ohne dadurch beleidigen zu wollen. Er machte ehrgeizige Pläne für sein Leben: sein Blut war nicht erregt, sein Gehirn arbeitete ruhig.

»Was ist gefährlicher,« so lautet ein Problem, das der Pilger aufstellt: »den Versuchen der Eva entgegenzukommen, oder sie zu reizen?«

Mrs. Mount staunte den jungen Mann an wie eine Merkwürdigkeit und wandte sich von ihm ab, um mit einem von ihrem Hofstaat zu kokettieren. Die Herren von der Garde waren meistens gefühlvoll. Einer oder zwei schwatzten viel, und einer von ihnen war ein so gutmütiger Bursche, daß es Adrian nicht gelang, ihn lächerlich zu machen. Die andern schienen sich einem allmählichen Längerwerden ihrer Gliedmaßen hinzugeben. Wie 496 weit sie auch von einander entfernt saßen, jedermann verwickelte sich in ihre Beine. Im Verlauf seiner Studien kam Adrian zu der Überzeugung, daß dieselbe enge geistige und moralische Verwandtschaft, welche er zwischen dem Adel und dem Bauernstand entdeckt hatte, auch zwischen der Klasse der Gardeleute und dem Ballettkorps zu finden wäre: sie lebten beide von der Stärke ihrer Beine, – wo immer ihr Verstand sich entwickelte, wenn er sich nicht vielleicht ganz allein auf die Beine beschränkte: beide sind leichtsinnig; Wein, Tabak und Mondenschein haben den gleichen Einfluß auf beide, und wenn man von dem einen deutlichen Unterschied absieht, der zwischen ihnen besteht, dann ist es schließlich ziemlich dasselbe, ob man auf zwei Beinen oder auf der Spitze eines Zehs kokettiert und sündigt.

Ein langer Gardeoffizier mit einer tiefen Baßstimme sang ein klägliches Lied von den zarten Ranken des Herzens, die rauh zerrissen werden; aber es bedurfte dringenden Zuredens und eines lauten Trompetens seiner Lunge, es zu Ende zu bringen. Noch ehe er zum Schluß gekommen war, hatte Adrian seine Nachbarschaft zum Lachen gebracht, so daß die ganze Gesellschaft nun geteilt und das Lager gespalten war: die eine Hälfte kehrte zur Fröhlichkeit zurück, während die andere gefühlvoll blieb. Ripton war ganz hinter dem Busen verschwunden und war nur darin glücklich, daß er einen höheren Grad von Wärme empfand, als es für die anderen möglich war.

»Frieren Sie?« fragte sie ihn wiederholt mit mitleidigem Lächeln.

»Ich friere,« sagte die niedliche Kleine, als wenn sie damit ihr Benehmen entschuldigen wollte.

»Sie scheinen immer zu frieren,« schnaubte die Dicke mit beißendem Tone.

497 »Könnten Sie nicht zwei wärmen?« fragte das ungezogene kleine Frauenzimmer.

Verachtung verhinderte es, daß man noch weiter Notiz von ihr nahm. Diejenigen, die mit den Damen vertraut waren, amüsierten sich über das Wortgeplänkel, das man bei ihnen schon kannte. Man hörte, wie die Kleine flüsterte: »Der arme Bursche wird ganz gekocht werden.«

Die Damen gaben und empfingen Wärme auf sehr hübsche Art, denn die Luft auf dem Wasser war kühl und feucht. Adrian hatte neben sich die ehrbare Dame, die die weitere Verbreitung seiner Anekdote verhindert hatte. Sie hatte durchaus nichts gegen den schönen Wärmeaustausch einzuwenden, aber sie sagte immer von Zeit zu Zeit »Pst«.

An Kew und Hammersmith vorbei, auf dem kühlen glatten Wasser, über die Stromstrecke bei Putney, durch die Brücke von Battersea, und nun wuchs die Stadt um sie herum und die Schatten der großen Fabrikanlagen schliefen dunkel im Mondlicht.

Als sie an Land stiegen, schwatzten die Damen alle in liebenswürdigster Weise, was für ein entzückender Tag es gewesen wäre. Verschieden Kavaliere baten demütig um die Ehre, Mrs. Mount nach Hause bringen zu dürfen.

»Mein Wagen wartet hier, ich werde allein nach Hause fahren,« sagte Mrs. Mount. »Bitte, ziehe einer von Ihnen meinen Schal zurecht.«

Sie wendete Richard den Rücken zu, und er hatte den Anblick ihres zarten Nackens, während er mit der Miene eines gepanzerten Ritters ihr behilflich zu sein versuchte.

»Nach welcher Richtung gehen Sie?« fragte sie gleichgültig, und als er geantwortet hatte, sagte sie: »Dann kann ich Sie ein Stück mitnehmen,« nahm seinen Arm, als wenn das ganz selbstverständlich wäre, und ging mit ihm die Stufen in die Höhe.

498 Ripton sah, was vorging. Er wollte folgen, die stattliche Dame hielt ihn aber zurück und verlangte von ihm, daß er ihr einen Wagen besorge.

»Ach, Sie Glücklicher!« sagte die niedliche Kleine mit den lustigen Augen, als sie an ihm vorüberging.

Ripton besorgte den Wagen, der sich füllte, ohne daß er nötig hatte, mit einzusteigen.

»Versuchen Sie doch, ob er nicht auch noch Platz hat,« sagte der lästige Quälgeist wieder vorübergehend.

»Nimm dir Freiheiten heraus mit deinen Leuten – mit mir darfst du es nicht,« erwiderte der ärgerliche Busen und fuhr davon.

»So ist sie nun, nun geht sie und läuft ihm fort, nach all der Mühe, die er sich gegeben hat!« rief das freche, kleine Ding und guckte Ripton an: »Nun werden Sie nicht wieder so töricht sein und Ihre Treue an eine so dicke Person hängen. Nun! ein andermal wollen wir ihn auch glücklich machen.« Sie gab ihm einen scherzhaften Schlag auf die Nase und trippelte mit ihrem Eigentümer fort.

Einige Minuten lang vergaß Ripton seinen Freund so ziemlich. Random-Gedanken nahmen ihn gefangen. Droschken und Equipagen rasselten vorüber. Er wußte, daß er den Tag in der Gesellschaft des Adels verbracht hatte, obgleich die Herren, wenn sie jetzt an ihm vorübergingen, Mühe hatten, ihn noch mit einem Zucken ihrer Augenlider wiederzuerkennen. Er fing an, mit einem Triumphgefühl an den Tag zu denken, als an ein ganz besonderes Ereignis.

Erinnerungen an die niedliche Kleine nahmen ihn besonders gefangen. »Blaue Augen – grade, was ich gern habe! Und solch eine kleine unverschämte Nase, und rote Lippen, schmollend – grade, was ich gern habe! Und ihr Haar? dunkel, denke ich – sagen wir braun. Und so unverschämt und so gewandt. Und freundlich ist 499 sie auch, sonst würde sie nicht so mit mir gesprochen haben.« So mit sehnsüchtigem Herzen malte er sich ihr Bild. Sein Verstand bezeichnete sie freiwillig als ein dem Adel zukommendes Anhängsel, und in seiner Verliebtheit wünschte er, das Schicksal hätte ihn zu einem Lord gemacht.

Dann wandte sich sein Sinn wieder zu Mrs. Mount und den seltsamen Brocken der Unterhaltung, die er auf dem Hügel gehört hatte. Er war nicht der Mann, der irgend jemand direkt beargwöhnt haben würde. Er war zu schüchtern, einen bestimmten Verdacht zu schöpfen; dieser umschwebte nur undeutlich die Gestalten der andern, ohne ihn zu einem Entschlusse zu bringen. Doch die Aufmerksamkeit, die die Dame Richard schenkte, war sonderbar. Er bemühte sich, es sich vorzustellen, daß das in der Natur der Sache läge, weil Richard so schön war, daß jede Frau von ihm eingenommen sein mußte. »Aber er ist verheiratet,« sagte sich Ripton, »und wenn er verheiratet ist, muß er solchen Leuten nicht nahe kommen.« Das war vielleicht keine sehr hohe Moral, aber doch besser als keine; und für die Welt wäre es besser, wenn sie mehr befolgt würde. Er dachte an Richard, und daß er nun mit dieser glänzenden Dame zusammen und allein mit ihr war. Die bewunderswerte Schönheit seiner lieben, jungen Frau, ihr reines himmlisches Gesicht schwebte vor ihm her. Als er an sie dachte, verlor er die niedliche Kleine aus den Augen, die ihn schwindlig gemacht hatte.

Er ging nach Richards Hotel und dort die Straße auf und ab, und hoffte in jeder Minute Richards Schritt zu hören; manchmal bildete er sich ein, er wäre vielleicht schon zurückgekehrt und zu Bett gegangen. Es schlug zwei Uhr. Ripton konnte nicht fort. Er wußte bestimmt, er würde nicht schlafen können, wenn er fort ginge. Zuletzt veranlaßte die Kälte ihn doch, nach Hause zu gehen, 500 und als er die Straße verließ, traf er auf der vom Mond beschienenen Seite von Piccadilly seinen Freund, der dahin schlenderte mit erhobenem Haupte und dem besondern Gange, der Leuten eigen ist, die vor sich hin singen.

»Mein alter Rip!« rief Richard fröhlich. »Was in aller Welt tust du hier zu dieser frühen Morgenstunde?«

Ripton murmelte, daß er sich freue ihn zu treffen.

»Ich wollte dir die Hand schütteln, ehe ich nach Hause gehe.«

Richard sah ihn mit einem liebenswürdigen, amüsierten Lächeln an. »Das ist alles? Du kannst mir doch jeden Tag die Hand schütteln, solch ein treuer Mensch, wie du bist, alter Rip! Ich habe von dir gesprochen. Weißt du, diese – Mrs. Mount – hat dich die ganze Zeit gar nicht bemerkt, weder in Richmond, noch in dem Boot!«

»So!« sagte Ripton, ganz überzeugt davon, daß er ein Zwerg wäre: »du hast sie nach Hause gebracht?«

»Ja. Ich bin die letzten Stunden bei ihr gewesen – wir haben uns unterhalten. Sie spricht vortrefflich: sie ist wunderbar klug. Sie hat sehr viel von einem Mann an sich, ist nur sehr viel netter. Sie gefällt mir.«

»Aber, Richard, sei nicht böse – ich will dich wirklich nicht beleidigen – aber nun, da du verheiratet bist – – vielleicht konntest du es nicht vermeiden, sie nach Hause zu bringen, aber ich denke, du hättest wirklich nicht hinauf gehen sollen.«

Ripton sprach seine Meinung mit einer bescheidenen Nachdrücklichkeit aus.

»Was meinst du eigentlich?« sagte Richard. »Du meinst doch nicht etwa, daß ich mir, mit Ausnahme von meinem kleinen Liebling dort, aus irgend einer Frau etwas mache?« Er lachte.

»Nein, natürlich nicht. Das wäre ja abgeschmackt. Was ich meine, ist nur, daß die Leute vielleicht – du 501 weißt, daß sie es tun – sie sagen so allerhand Sachen, und das bringt dann Unglück und – . . . ich wünschte, du würdest morgen nach Hause reisen, Ricky. Ich meine, zu deiner lieben Frau!« Ripton errötete und sah fort, als er sprach.

Der Held schenkte ihm einen seiner verächtlichen Blicke.

»So, du ängstigst dich also um meinen Ruf. Ich hasse diese Art, die Frauen zu beurteilen. Weil sie immer in die Irre geführt wurden – überlege doch, wie viel schwächer sie sind! – weil die Welt ihnen einen bösen Ruf verschafft hat, willst du sie behandeln, als wenn sie ansteckend wären, und dich von ihnen fern halten, um deines Rufes willen!«

»Bei mir wäre es etwas anderes,« meinte Ripton.

»Und warum denn?« fragte der Held.

»Weil ich schlechter bin als du,« war die ganze logische Erklärung, zu der Ripton imstande war.

»Ich hoffe, du wirst bald nach Hause reisen,« fügte er hinzu.

»Ja,« sagte Richard, »und ich hoffe es auch. Aber ich habe noch Arbeit hier. Lucy würde die letzte sein, die es von mir verlangte, – du sahst gestern ihren Brief. Nun höre mal, Ripton. Ich möchte dich den Frauen gegenüber gerecht machen.«

Und nun hielt er Ripton eine Vorlesung über verirrte Frauen, sprach von ihnen, als ob er sie jahrelang gekannt und studiert hätte. Klug, schön, aber durch die Liebe betrogen wie sie wären, war es die Pflicht aller treuer Männer sie zu beschützen und wieder herzustellen. »Wir machen sie zu einem Fluch, Rip: diese göttlichen Geschöpfe.« Und die Welt litte darunter. Das – das wäre die Wurzel alles Übels in dieser Welt!

»Ich fühle weder Ärger noch Abscheu vor diesen armen Frauen, Rip! Es ist sonderbar. Ich wußte, was sie 502 sind, als wir im Boot nach Hause fuhren. Aber ich – es zerreißt mein Herz, zu sehen, wie ein junges Mädchen einem alten Manne ausgeliefert wird – einem Manne, den sie nicht liebt. Das ist Schande! – Sprich nicht davon.«

Da er die Voraussetzung, daß alle verratenen Frauen durch Liebe betrogen wären, zu bestreiten vergaß, war Ripton ganz zum Schweigen gebracht. Er hatte, wie die meisten jungen Männer, etwas über diesen Gegenstand nachgedacht und neigte dazu, gefühlvoll zu sein, so lange er nicht hungrig war. Sie wandelten im Mondschein an dem Gitter des Parkes entlang. Richard sprach ruhig weiter, während Ripton mit den Zähnen klapperte. Das Rittertum mochte tot sein, aber es gab doch noch etwas zu tun, so ging die Rede. Die Dame heute war dem Helden nicht ohne Zweck in den Weg gekommen – darin hatte er traurigerweise recht. Er drückte sich nicht deutlich darüber aus, nichtsdestoweniger verstand Ripton, daß er beabsichtige, die Dame vor weiteren Verirrungen zu bewahren und die Welt mit einem gewissen Hohn zu behandeln. Jene Dame und dann noch andere unbekannte Damen sollten gerettet werden. Ripton sollte ihm helfen. Er und Ripton sollten die Ritter dieses Unternehmens sein. Als man sich so direkt an ihn wandte, sagte Ripton seine Hilfe zu und zitterte vor Kälte. Sie würden nicht nur Ritter sein, sie würden Titanen sein müssen, denn sie würden den Mächten der Welt, den unechten herrschenden, sozialen Göttern Trotz bieten und sie zu Boden werfen müssen. Und der Titane Nummer eins warf sein schönes, kühnes Haupt zurück, als ob er den bösen Jupiter auf der Stelle herausfordern wollte; und der Titane Nummer zwei hatte sich das Taschentuch vor die Brust gesteckt und bemühte sich, den obersten Knopf seines Rockes darüber zuzuknöpfeln, und wärmte sich die Finger unter 503 seinen Rockschößen. Der Mond war schon von seinem hohen Sitz herabgestiegen und lag im nebeligen Westen, als es Ripton gestattet wurde, seine Bettdecken aufzusuchen; und daß, trotz der Beredsamkeit seines Freundes, die Kälte eine solche Wirkung auf ihn haben konnte, gab Ripton ein Gefühl großer Zerknirschung. Der arme Bursche hatte dünneres Blut als der Held; aber sein Herz war gut. Als er ein bißchen warm geworden war, strebte sein dankbares Herz danach, Mut zu fassen und sich als Ritter und Titane zu fühlen; und mit diesem Streben schlief Ripton ein und träumte.

 

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