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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einunddreißigstes Kapitel.

Die Reue erscheint in Person.

Alle Köpfe ziehen sich von den Straßenfenstern zurück, die Musikanten und Drehorgeln wandern weiter und eine gleichgültigere Atmosphäre in dem Umkreis von Mrs. Berrys Wohnung beweist, daß Don Cupido wirklich fort geflogen ist, um Leben zu saugen aus neuen Regionen.

Mit nachdenklichem Sinn ergriff Mrs. Berrys Riptons Arm, um seine Schritte zu leiten, und kehrte in das Zimmer zurück, wo ihr Gläubiger auf sie wartete. In der Zwischenzeit hatte er ihre unverteidigte Festung erstürmt und schüttelte von der Höhe des Hochzeitskuchens 376 schmerzlich sein Haupt über die schuldige Frau. Sie glättete ihre aufgeregte Schürze und seufzte. Niemand möge sich aber einbilden, daß sie ihre Mitschuld bereute. Sie war bereit, Ströme von Tränen zu vergießen, aber es mußte erst eine starke Züchtigung eintreten, um dieser Verbrecherin den Sinn der Reue begreiflich zu machen und wahrscheinlich würde sie sich dann nur noch fester an ihre Sündhaftigkeit klammern – denn so hartnäckig sind die geborenen Heiden! Mrs. Berry seufzte und erwiderte sein Kopfschütteln. »Oh, du leichtsinniges und unvorsichtiges Geschöpf!« sagte ihr Gläubiger. »Oh, du so sehr weiser, alter Herr!« sagte sie. Er fragte sie nach dem, was sie getan hatte. Sie belehrte ihn, indem sie als Fatalistin sprach. Er blies einen Teufelsmarsch zum Angriff gegen die bösen Folgen, die sich möglicherweise einstellen konnten. Sie zog sich in das wohlverschanzte Lager der Tatsachen zurück, zu dessen Herstellung sie behilflich gewesen war.

»Es ist geschehen!« rief sie aus. Wie konnte sie das Getane bedauern, wenn das Bewußtsein, daß es geschehen war, sie befriedigte? Überzeugt davon, daß nur Tatsachen einem solch eigensinnigen Geschöpf Eindruck machen würden, beschloß ihr Gläubiger auf die Tatsachen zu warten und kauerte sich schweigend auf dem Kuchen zusammen, mit einem Finger auf den Einschnitt zeigend, den Ripton gemacht hatte, und der einen Abgrund von Krumen und eine sehr prächtig düstere Vertiefung zeigte.

Sie verstand den beredten Hinweis. »Mein Gott! Mein Gott!« rief Mrs. Berry, »so viel Kuchen und niemand, dem man davon schicken könnte!«

Ripton hatte seinen Platz an dem Tische wieder eingenommen und sich wieder dem Portwein hingegeben. Das klare Gefühl der Befriedigung hatte ihn verlassen und sich in einen kochenden Krater undeutlichen Entzückens 377 aufgelöst. Er murmelte und wackelte und nickte in liebenswürdigster Weise ins Leere und bewahrte mit Erfolg, wenn auch nicht ohne Anstrengung, seine obersten Gliedmaßen vor den Verführungen der Nymphe Gravitation, die bald auf der Lauer lag, um seine ganze Länge zu gewinnen.

»Ha! Ha!« rief er, ungefähr eine Minute nachdem Mrs. Berry gesprochen hatte, und war nahe daran, sich der Nymphe sogleich hinzugeben. Mrs. Berrys Worte hatten jetzt erst sein Verständnis erreicht.

»Warum lachen Sie, junger Mann?« fragte sie, wegen seines Zustandes in vertraulichem und mütterlichem Tone.

Ripton lachte noch lauter und fiel mit seiner Brust auf die Tischkante und mit seiner Nase auf ein junges Huhn. »Das ist gut!« sagte er, wieder zu sich kommend und sich unter Mrs. Berrys Blicken schüttelnd. »Keine Freunde!«

»Ich habe nicht gesagt, keine Freunde,« bemerkte sie, »ich habe gesagt, niemand, womit ich meinte, daß ich nicht weiß, wohin ich den Kuchen schicken soll.«

Worauf Ripton antwortete: »Setzen Sie einen Greif auf den Kuchen und Weizenbündel auf beide Seiten.«

»Ist das sein Wappen?« sagte Mrs. Berry sanftmütig.

»Ältester Adel Englands,« winkte ihr Ripton zu.

»Wirklich?« Mrs. Berry ermutigte ihn fortzufahren.

»Sie denken, er heißt Richards. Wir müssen sehr verschwiegen sein. Und sie ist entzückend. Wenn ich höre, daß irgend jemand irgend etwas gegen sie sagt –«

»Sie brauchen gar nicht über sie zu weinen, junger Mann,« sagte Mrs. Berry. »Ich will auf ihre Gesundheit trinken, mit ihrem rechtmäßigen Namen, und dann wieder an meine Arbeit gehen, und ich hoffe, Sie werden mich nicht aufhalten.«

378 Ripton stellte sich bei ihren Worten aufrecht hin.

»Tun Sie es!« und ein Glas füllend, brachte er mit fröhlich weintrunkner Betonung und unsicherer Zunge eine Gesundheit aus auf Richard und Lucy Feverel von Schloß Raynham! und damit es der Menschheit nicht an einem sofortigen Beispiel fehlen sollte, wie sie diesen begeisterten Toast aufnehmen sollte, trank er das Glas mit einem Zuge aus. Das gab ihm den Rest. Das Pfennig-Licht seines Verstandes flackerte auf und erlosch. Er taumelte auf das Sofa und streckte sich aus.

Einige Minuten, nachdem Ripton seine Ergebenheit für das bräutliche Paar kund gegeben hatte, trat Mrs. Berrys Mädchen in das Zimmer, um zu melden, daß ein Herr unten nach dem jungen Herrn fragte, der abgereist wäre, und fand ihre Herrin mit einem schwankenden Weinglas in der Hand und mit allen Zeichen unstillbarer Weinkrämpfe. Ihr Mund stand offen, als ob der grausame Gläubiger sie bei der Gurgel hätte. Sie rief mit schauerlich klingender Fröhlichkeit, daß sie es nun einmal getan hätte, was ihr trauriger Anblick auch zu beweisen schien; ihr augenscheinlicher, wenn auch unerklärlicher Anfall von Trübsal veranlaßte das mitleidige Mädchen zu freundlich tröstenden Worten, die nur noch fehlten, um Mrs. Berry sofort dazu zu bringen, in den liebevollsten Ausrufen sich selbst anzuklagen. Sie fing grade an, sich mit teuflisch ironischen Worten zu schmähen, da beschwor das Mädchen sie bei allem, was heilig wäre, nicht zu vergessen, daß der Herr unten sie hören müßte. Darauf bezwang sich Mrs. Berry mit Gewalt und befahl, daß man ihn sogleich herauf führen solle, damit er sähe, wie elend sie wäre, aber sie mußte den Befehl noch einmal wiederholen.

Das Mädchen tat, was man ihr sagte, und Mrs. Berry, die zuerst wissen wollte, wie sie aussähe, zog schweigend den Spiegel zu Rate und versuchte ihr Aussehen ein klein 379 wenig zu verbessern. Sie warf einen Schal über Ripton, und saß im Kampfe mit ihrer Erregung, als der Besuch herein geführt wurde.

Der Herr war Adrian Harley. Eine Unterredung mit Tom Bakewell hatte ihn auf die Fährte gebracht und ein rascher Blick über den Tisch und seinen weißgekleideten Kuchen entlockte ihm einen pfeifenden Ton.

Mrs. Berry bat ihn mit kläglicher Stimme, ihr die Ehre anzutun und sich zu setzen.

»Ein schöner Morgen, Madam!« sagte Adrian.

»Das ist es!« antwortete Mrs. Berry, blickte über die Schulter nach dem Fenster und schluckte, als ob sie ihr Herz im Munde hätte und herunter schlucken müßte.

»Ein sehr schönes Frühjahr!« fuhr Adrian fort, ruhig ihren Ausdruck studierend.

Mrs. Berry erstickte ihre Ansicht über das Wetter durch einen tiefen Seufzer. Ihr Elend war handgreiflich. Im Verhältnis dazu wurde Adrian immer vergnügter und aufgeräumter. Er erriet genug von der ganzen Sache, um zu erkennen, daß man aus der Verbrecherin, die da ihr Schluchzen vor ihm unterdrückte, allerhand merkwürdige Nachrichten würde herausfischen können; und da er sich niemals mehr in seinem Element befand, als wenn er einen Sünder in seiner Hand hatte, einen reumütigen, im Staube liegenden, elenden Sünder, so konnte seine liebenswürdige Miene die arme Berry wohl täuschen.

»Ich vermute, daß dieses Mr. Thompsons Zimmer sind?« bemerkte er mit einem Blick auf den Tisch.

Mrs. Berrys Haupt und das Weiße in ihren Augen unterrichteten ihn darüber, daß es nicht Mr. Thompsons Zimmer wären.

»Nicht?« sagte Adrian und blickte sorglos prüfend umher.

380 »Mr. Feverel ist nicht zu Hause, nehme ich an?«

Ein krampfhaftes Aufzucken bei dem Namen und eine bekräftigende Bewegung ihrer Hände, die auf die Knie sanken, waren Mrs. Berrys Antwort.

»Mr. Feverels Diener,« fuhr Adrian fort, »sagte mir, daß ich ihn sicher hier finden würde. Ich glaubte, er wäre bei seinem Freunde Mr. Thompson. Ich bin zu spät gekommen, wie ich sehe. Die Gesellschaft ist schon vorüber. Ich vermute wohl richtig, daß Sie mehrere von den Herren hier gehabt haben, Madam? – Ein Junggesellenfrühstück, nicht wahr!«

Im Anblick des Kuchens schien diese Bemerkung eine so schlaue Ironie zu verbergen, daß Mrs. Berry kaum an sich halten konnte. Sie fühlte, sie mußte sprechen. Indem sie ihrem jämmerlichen Gesicht einen so einnehmenden Ausdruck, wie möglich verlieh, fing sie an:

»Mein Herr, darf ich um Ihren Namen bitten?«

Mr. Harley erfüllte ihre Bitte.

Stöhnend in der Gewalt der erbarmungslosen Wahrheit, fuhr sie fort:

»Und Sie sind also Mr. Harley, der früher – ach, und Sie suchen – –«

Mr. Richard Feverel wäre der Herr, nach dem Mr. Harley gefragt hätte.

»Ach, so ist es also kein Irrtum, und er ist von Schloß Raynham?« fragte Mrs. Berry.

Adrian versicherte ihr sehr belustigt, daß er dort geboren und erzogen wäre.

»Sein Vater ist Sir Austin?« jammerte das schwarze Atlasbündel hinter dem Taschentuch.

Adrian bestätigte Richards Herkunft.

»Ach denn – ach, was habe ich getan!« weinte sie und sah ihren Besucher ausdruckslos an. »Ich bin hingegangen und habe mein Kleines verheiratet. Ich habe 381 das Brot aus meinem eignen Munde verheiratet. Ach, Mr. Harley! Mr. Harley! Ich habe Sie ja gekannt, wie Sie ein kleiner Junge waren, nur so groß, und noch Kittelchen trugen, und Sie alle. Und mein weiches Herz ist es, das mich ins Unglück bringt, denn ich kann nie widerstehen, wenn man mich was bittet. Sehen Sie doch den Kuchen an, Mr. Harley!«

Adrian folgte der Aufforderung, blieb aber ganz kühl.

»Das ist ein Hochzeitskuchen, Madam!« sagte er.

»Ja, ein Brautkuchen ist es, Mr. Harley!«

»Haben Sie den selbst gemacht, Madam?«

Die ruhige Unbefangenheit, mit der die Frage gestellt wurde, überwältigte Mrs. Berry und verhinderte die symbolischen Darstellungen, durch welche sie versuchte, ihn die Katastrophe erraten zu lassen, um sich die Qual des Bekenntnisses zu ersparen.

»Ich habe den Kuchen nicht selbst gemacht, Mr. Harley,« erwiderte sie. »Es ist ein gekaufter Kuchen und ich bin eine unglückliche Frau. Ich habe es mir gewiß nicht träumen lassen, als ich ihn als kleines Kind auf den Armen hielt, daß ich ihn eines Tages aus meinem eignen Hause verheiraten würde! Das habe ich mir gewiß nicht träumen lassen. Ach, warum ist er zu mir gekommen! Besinnen Sie sich nicht auf seine alte Kinderfrau, als er noch auf dem Arm getragen wurde, welche so plötzlich fortging und ihre Schuld war es nicht! Denselben Morgen, Mr. Harley, nach der Nacht, in der Sie in Bensons Keller gekommen waren und sich an seinem Madeira betrunken hatten – ich besinn' mich so genau darauf, als wenn es gestern gewesen wäre! – und Mr. Benson war doch so ärgerlich und drohte, daß er Sie durchpeitschen würde und ich half noch Sie zu Bett bringen. Die Frau bin ich.«

382 Adrian lächelte sanftmütig bei diesen Erinnerungen an sein schuldloses Jugendleben.

»Nun also, Madam, nun?« sagte er. Er wollte sie zu der Qual des Bekenntnisses bringen.

»Aber lieber Herr, verstehen Sie denn nicht?« Mrs. Berry wandte sich mit pathetischer Zeichensprache an ihn.

Zweifellos verstand Adrian mittlerweile alles und fluchte innerlich auf die Torheit, und berechnete die unmittelbaren Folgen, aber er sah noch ganz unwissend aus, das ihm eigentümliche Grübchen-Lächeln war noch nicht verschwunden, seine behagliche Stellung hatte sich nicht verändert. »Nun, Madam?« trieb er sie an.

Mrs. Berry brach los: »Es geschah heute morgen, Mr. Harley, in der Kirche, um halb zwölf Uhr, oder zwanzig Minuten vor zwölf, mit Heiratkonsens.«

Adrian hatte nun die Verpflichtung zu begreifen, daß es sich um einen Eheschluß handelte. »Ach,« sagte er, wie einer, der eben so hart ist, wie die Tatsachen, und ebenso schwer zu bewegen. »Jemand hat sich also heute morgen verheiratet, war es Mr. Thompson oder Mr. Feverel?«

Mrs. Berry schwankte zu Ripton, entfernte den Schal und sagte: »Sieht der wie ein jung verheirateter Bräutigam aus? Mr. Harley?«

Adrian betrachtete den in Vergessenheit versunkenen Ripton mit philosophischem Ernst.

»War dieser junge Herr heute morgen in der Kirche?« fragte er.

»Ach ja, und da noch ganz vernünftig und anständig,« gab ihm Mrs. Berry zu verstehen.

»Natürlich, Madam.« Adrian hob eins der dummen, leblosen Glieder des betrunkenen Elenden, ließ es wieder fallen und verzog seltsam den Mund. »Da waren Sie alle vernünftig und anständig. Die männliche Hauptperson ist also mein Vetter, Mr. Feverel. Er wurde mit Ihrem 383 Beistand heute morgen mit Heiratskonsens in Ihrer Gemeindekirche verheiratet, kam hierher, aß ein tüchtiges Frühstück und verließ das Haus berauscht.«

Mrs Berry fuhr auf: »Er trinkt nie einen Tropfen, Herr. Sie können keinen mäßigeren, jungen Herrn finden. Ach, denken Sie doch das nicht, Mr. Harley. Er ging so grade und war so gut Herr über sich, wie Sie es sind.«

»So!« der weise Jüngling nickte dankend für den Vergleich. »Ich meine die andere Form des Rausches.«

Mrs. Berry seufzte. Über den Punkt konnte sie nichts sagen.

Adrian bat sie, sich zu setzen und zu beruhigen und ihm ausführlich zu erzählen, was geschehen wäre.

Sie gehorchte in äußerster Bestürzung über sein vollkommen ruhiges Wesen.

Mrs. Berry war, wie es ihre Erzählung zutage brachte, niemand anders, als dasselbe Wesen, das einmal in alten Zeiten gewagt hatte, dem Baron hinter die Maske zu sehen, und das seit der Zeit aus der Raynhamer Welt verbannt hatte leben müssen, von einer kleinen Pension, die ihr regelmäßig als Entschädigung gezahlt wurde. Sie war jene Frau, und der Gedanke daran ließ sie beinahe das Schicksal anklagen für das verderbliche Übermaß von Weichherzigkeit, mit dem es sie ausgestattet hatte. Wie hatte sie ihr Kleines wieder erkennen können, nun, da es zum Manne herangewachsen war? Er kam unter einem falschen Namen; kein Wort über die Familie wurde erwähnt. Er kam, wie ein gewöhnlicher Sterblicher, obgleich sie ihm gegenüber mehr gefühlt hatte, als andern gegenüber – das wußte sie bestimmt. Er kam und brachte eine wunderschöne, junge Dame, und was für einen Grund hatte sie, ihnen den Rücken zuzuwenden? Warum, nachdem sie sah, daß alles keusch und rechtlich zuging, warum 384 sollte sie sich einmischen und sie unglücklich machen – wo doch so wenige Aussicht haben glücklich zu werden in dieser Welt! Mrs. Berry erzählte, wie ihr der Ring geraubt worden war.

»Ein Griff,« sagte die schluchzende Sünderin, »nur ein einziger und mein Ring war fort.«

Sie hatte keinen Verdacht gehabt und die Aufgabe, ihren Namen in das Kirchenbuch zu schreiben, hatte sie zu sehr in Anspruch genommen, als daß sie auf die andern Unterschriften hätte achten sollen.

»Ich vermute, daß Sie über das, was Sie getan hatten, sehr traurig waren,« sagte Adrian.

»Natürlich war ich,« stöhnte Berry, »ich war es und ich bin es.«

»Und Sie würden gerne alles tun, um das Unglück wieder gut zu machen – nicht wahr, Madam?«

»Natürlich, natürlich würde ich das, Herr,« beteuerte sie feierlich.

»Wie es Ihnen auch zukommt – da Sie die Familie kennen. Wo mögen diese Verrückten für die Flitterwochen hingegangen sein?«

Mrs. Berry erwiderte mit überströmenden Augen: »Nach der Insel – aber ich weiß es nicht ganz genau, Herr!« Sie brach die Auskunft kurz ab und sprang wieder aus dem Abgrund hinaus, in den sie versunken war. Wenn sie auch bereute, die beiden Liebenden sollten nicht verfolgt und grausam ihres jungen Glückes beraubt werden! »Morgen, wenn Sie wollen, Mr. Harley, aber nicht heute!«

»Das ist eine schöne Gegend,« bemerkte Adrian und lächelte über seine leichte Beute.

Durch ein Vergleichen der Daten entdeckte er, daß der Bräutigam, an dem Tage, an dem er Raynham verlassen, seine Braut nach diesem Hause gebracht hatte, und dies 385 genügte, um Adrian davon zu überzeugen, daß eine planvolle Intrigue vorgelegen hätte. Ein Zufall hatte ihn wahrscheinlich zu der alten Frau gebracht, aber sicherlich brachte ihn kein Zufall zu der jungen.

»Sehr wohl, Madam,« sagte er, als Antwort auf ihre Bitte, sich zugunsten ihrer Pension und des bräutlichen Paares bei Sir Austin verwenden zu wollen. »Ich werde ihm sagen, daß Sie nur ein blindes Werkzeug in der Angelegenheit gewesen sind, da Ihr Herz von Natur weich ist, und daß Sie hoffen, er würde den Bund segnen. Er kommt morgen früh nach der Stadt, aber einer von Ihnen beiden muß noch heute abend mit ihm sprechen. Ein freundlichst beigebrachtes Brechmittel wird unsern Freund dort wieder auf die Beine bringen. Ein Bad und ein reines Hemde, dann kann er gehen. Ich sehe nicht ein, weshalb Ihr Name überhaupt dabei genannt werden soll. Bürsten Sie ihn zurecht und schicken Sie ihn mit dem Siebenuhrzug nach Bellingham. Er wird seinen Weg nach Raynham finden; er kennt die Gegend am besten im Dunkeln. Lassen Sie ihn gehen und die Sache melden. Vergessen Sie nicht, einer von Ihnen muß gehen.«

Mit dieser schönen Aussicht, die den beiden Unglücklichen die Wahl ließ, wer von ihnen es ausfechten und seinen Ruf aufs Spiel setzen sollte, wollte sich Adrian entfernen.

Mrs. Berry hielt ihn mit rührenden Worten zurück. »Sie werden sich doch nicht weigern, ein Stückchen Kuchen anzunehmen, Mr. Harley?«

»Natürlich nicht, Madam,« Adrian wandte sich mit großer Lebhaftigkeit dem Kuchen zu. »Ich mache Anspruch auf ein sehr großes Stück. Richard hat sehr viele Freunde, die sich freuen werden, von seinem Hochzeitskuchen zu essen. Schneiden Sie mir ein gutes Viertel ab, Mrs. Berry. Wickeln Sie es, bitte, ein. Es wird mir 386 ein großes Vergnügen machen, es ihnen zu bringen und es nach den verschiedenen Graden der Verwandtschaft unparteiisch auszuteilen.«

Mrs. Berry schnitt den Kuchen. Während sie schnitt, fiel ihr mit einem Male die Lieblichkeit und glücklose Unschuld der jungen Braut ein und sie fing an Lucy laut zu preisen und deutlich zu zeigen, wie wenig sie ihr Benehmen bereute. Sie schwor, daß sie für einander geschaffen zu sein schienen, daß beide schön wären, beide klug, beide unschuldig; und sie zu trennen, oder unglücklich zu machen, das wäre – Mrs. Berry fing wieder an laut zu weinen, das wäre zu schade!

Adrian hörte diesen Ausdruck einer Meinung an, die sich auf Tatsachen gründete. Er nahm das mächtige Stück Kuchen, nickte ihr noch viele Versprechungen zu und verließ Mrs. Berry, die sein gutes Herz segnete.

»So stirbt das System!« war Adrians Erklärung, als er die Straße erreichte.

»Nun mögen die Propheten lachen. Es stirbt anständig im Ehebett, was mehr ist, als was ich von dem Ungetüm erwartet hätte. Unterdessen,« er gab dem Kuchen einen theatralischen Schlag, »gehe ich und säe Nachtgespenster.«

 

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