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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreißigstes Kapitel.

Feiert das Hochzeitsfrühstück.

Und im nächsten Augenblicke weint die Braut, als ob sie sich auflösen wollte wie eine von Dianas jungfräulichen Quellen bei der Umarmung des Sonnengottes. Sie hat die Maske, die die Komödie von ihr verlangte, tapfer bewahrt, bis der Vorhang gefallen ist, und nun weint sie, strömt dahin in Tränen. Ach, habe Geduld mit ihr, stürmischer, junger Mann! Es ist dein Beruf ein Held zu sein. Für dieses arme Herz ist es noch etwas Neues und ihre Pflichten umschließen solche wilden Taten, solche Räubereien, solche Schrecken und schwere Aufgaben; sie ist ganz kraftlos. Sie hat dir Ehre gemacht bis jetzt. Sei jetzt nachsichtig mit ihr. Sie weint nicht, wie gewöhnliche Mädchen in gleicher Lage weinen. Solange der 363 Kampf währte, war ihr zartes Gesicht tapfer! aber ach! Alle Vorzeichen bedeuten Unheil: sie hält ein immer gegenwärtiges, schreckliches Vorzeichen an ihrem verhängnisvollen vierten Finger, diesen Reifen, welcher sich um ihren Glückstraum ringelt und sie umklammert hält, wie eine Schlange. Und doch muß sie ihn lieben. Sie wagt es nicht, sich von ihm zu trennen. Sie muß ihn lieben und tragen und sich von seinem fremden Honig nähren, und all der Segen, den er ihr verleiht, wirft einen nur um so tieferen Schatten auf das Kommende.

Sagt: ist es nicht genug, um die Furcht einer Frau zu erwecken, wenn eine Frau mit dem Trauring einer andern vermählt wird?

Ihr werdet zu Amazonen, ihr Frauen, vor Saragossa und tausend andern Festungen. – Überall, wo es sich um Kampf handelt und die Zeit bei der Gurgel gepackt werden muß, werden es euch wenige Männer an edlem Zorne gleichtun. Aber wenn ihr einen Geier seht, der nur euch allein sichtbar ist, der über dem Hause schwebt, in das ihr mit Hochzeitsfackeln fröhlich hineingeführt werdet? Werdet ihr euch dann nicht zusammenkauern und zu Feiglingen werden?

Der Held schenkt in der Stunde des Triumphes den Vorzeichen keine Beachtung. Er tut, was er kann, um seinem Lieblinge durch seine Zärtlichkeit Vertrauen einzuflößen. Ist sie nicht die seine? Ist er nicht der ihre? Und warum weint sie, wenn die Schlacht doch gewonnen ist? Bereut sie, was sie getan hat?

Ach, niemals! niemals! ihre sanften blauen Augen versichern es ihm; unwandelbare Liebe leuchtet durch Tränenfluten, aus den klaren Tiefen der Treue.

Er verstummt vor ihrer außerordentlichen Schönheit und wartet bestürzt, bis der Regenschauer vorübergeht.

Als sie mit Mrs. Berry in ihrem Schlafzimmer allein 364 war, gab Lucy ihrem Kummer Worte, und zum zweitenmal veränderte ein Charakter der Komödie sein Antlitz.

»Ach, Mrs. Berry! Mrs. Berry! was ist geschehen! was ist geschehen!«

»Mein geliebtes Kind!« die bräutliche Berry blickte auf den traurigen glücklichen Finger.

»Das habe ich ja ganz vergessen! Deshalb war mir also die ganze Zeit so wunderlich zumute! Mir kam's vor, als wäre ich gar nicht ich selbst, ohne meinen Ring. Ach, Gott! ach, Gott! was für ein eigensinniger, junger Herr. Wenn sie in dem Zustand sind, dann sind wir den Männern nicht gewachsen – Gott möge uns helfen!«

Mrs. Berry saß auf einer Ecke des Stuhles; Lucy auf der Bettkante.

»Was denken Sie darüber, Mrs. Berry? Ist es nicht schrecklich?«

»Ich kann nicht sagen, daß es mir angenehm gewesen wäre,« erwiderte Mrs. Berry aufrichtig.

»Ach, warum, warum mußte das geschehen?« die junge Braut bückte sich und ein neuer Tränenstrom ergoß sich. Sie fühle sich alt, flüsterte sie – alt und verlassen.

»Haben Sie nicht für alle Fälle einen Trost in Ihrer Religion?« fragte Mrs. Berry.

»Dafür nicht. Ich weiß, es ist unrecht zu weinen, wenn ich so glücklich bin. Ich hoffe, er wird mir verzeihen.«

Mrs. Berry schwor darauf, daß ihre kleine Braut das lieblichste, sanfteste, schönste Wesen der Welt wäre.

»Ich will nicht mehr weinen,« sagte Lucy: »Verlassen Sie mich, Mrs. Berry, und kommen Sie wieder, wenn ich klingle.« Sie zog ein kleines, silbernes Kreuz hervor und fiel vor ihrem Bett auf die Knie. Mrs. Berry verließ auf Zehspitzen das Zimmer.

365 Als sie zurückgerufen wurde, war Lucy ruhig und tränenlos und lächelte sie freundlich an.

»Es ist jetzt vorüber,« sagte sie.

Mrs. Berry erwartete ruhig, daß nun ihr Ring folgen würde.

»Er verlangt doch nicht von mir, daß ich zu dem Frühstück hereinkomme, das Sie für uns bereitet haben, Mrs. Berry. Ich bat ihn, daß er mich entschuldige. Ich kann nicht essen.«

Mrs. Berry beklagte das sehr, denn sie hatte zu einem Hochzeits-Frühstück ersten Ranges gedeckt, aber da ihre Gedanken bei dem Ringe waren, nickte sie zustimmend.

»Wir werden nicht viel zu packen haben, Mrs. Berry.«

»Nein, meine Liebe. Es ist beinahe alles fertig.«

»Wir werden nach der Insel Wight reisen, Mrs. Berry.«

»Und da haben Sie sich auch eine sehr passende Gegend ausgesucht, meine Liebe!«

»Er liebt die See und wünscht der See nahe zu sein.«

»Machen Sie die Überfahrt aber nicht heut abend, wenn es bewegt ist, meine Liebe. Das ist nicht ratsam.« Mrs. Berry ließ ihre Stimme sinken und fuhr dann fort: »Seien Sie nicht zu sanft und geben Sie ihm da nicht nach, oder Sie werden es beide zu bereuen haben.«

Lucy hatte das Unangenehme, was sie zu sagen hatte, nur aufgeschoben.

Sie sah, wie Mrs. Berrys Augen ihren Ring verfolgten, und nahm schließlich ihren ganzen Mut zusammen.

»Mrs. Berry.«

»Ja, meine Liebe.«

»Mrs. Berry, Sie werden einen andern Ring erhalten.«

»Noch einen, meine Liebe?« Berry konnte nicht verstehen. »Einer ist ganz genug für den Zweck,« meinte sie.

366 »Ich meine,« Lucy berührte ihren vierten Finger, »ich kann mich von diesem nicht trennen.« Sie sah Mrs. Berry grade ins Gesicht.

Das bestürzte Wesen starrte sie an und starrte auf den Ring, bis sie die ganze Meinung der Worte erfaßt hatte, und rief dann in äußerstem Schrecken: »Aber Liebste, das können Sie doch nicht meinen. Sie werden doch noch einmal in Ihrer eignen Religion getraut werden.«

Die junge Frau erwiderte: »Ich kann mich niemals davon trennen.«

»Aber meine Liebe!« die unglückliche Berry rang die Hände halb mitleidig und halb beleidigt. »Meine Liebe!« sie fuhr in stummer Gebärdesprache fort: »Ich weiß alles, was Sie sagen wollen, Mrs. Berry. Es tut mir sehr leid, daß ich Sie betrüben muß. Er gehört jetzt mir und muß mein Eigentum bleiben. Ich kann ihn nicht zurückgeben.«

Da saß sie nun und hatte sich plötzlich zur unbeugsamsten kleinen Heldin des Königreiches entwickelt.

Von dem ersten Augenblicke an, indem sie die Meinung der Heldin begriffen hatte, wußte Mrs. Berry als kluge Menschenkennerin, daß ihre Sache hoffnungslos stand, wenn sie sie nicht so behandelte, wie sie selbst behandelt worden war, und ihr den Ring mit Waffengewalt entriß, und das konnte sie nicht übers Herz bringen.

»Was!« seufzte sie schwach, »seinen eignen rechtmäßigen Trauring wollen Sie einem nicht zurückgeben?«

»Weil er jetzt mir gehört, Mrs. Berry. Es war Ihr Ring, aber jetzt ist es meiner. Sie dürfen dafür fordern, was Sie wollen. Bitte, vergeben Sie mir. Es muß so sein.«

Mrs. Berry wiegte sich auf dem Stuhle hin und her und schlug die Hände zusammen. Sie war sehr erstaunt, daß dieses sanfte kleine Geschöpf so entschlossen sein konnte. Sie versuchte es mit Vernunftgründen.

367 »Wissen Sie denn nicht, daß es Unglück bedeutet, wenn einem der rechtmäßige Trauring geraubt wird und daß man nachher nie mehr glücklich wird? Denn was bleibt einem übrig, wenn einem das genommen wird? Und was könnten Sie einem geben, um einen für den Verlust zu entschädigen, meine Liebe? Wissen Sie denn nicht – Ach Gott, ach Gott!« Das Gesicht der kleinen Braut sah so entschlossen aus, daß die arme Berry in Verzweiflung ausbrach.

»Ich weiß,« sagte Lucy, »ich weiß es alles. Ich weiß, was ich Ihnen antue. Liebe, liebe Mrs. Berry! verzeihen Sie mir! Wenn ich mich von meinem Ringe trennen würde, so weiß ich, daß es mir Unglück brächte.«

So beanspruchte diese schöne, junge Freibeuterin nicht nur den Ring, sondern auch das Recht für sich.

Berry zerbrach sich ihr verwirrtes Gehirn, um weitere Beschwörungen zu ersinnen.

»Aber mein liebes Kind,« entgegnete sie. »Sie verstehen mich nicht. Es ist nicht so, wie Sie denken. Ihnen schadet es jetzt nichts. Aber gar nichts. Für Sie macht es jetzt keinen Unterschied! Jeder Ring genügt, so lange die Trägerin noch ein Mädchen ist. Und Ihr Herr Richard wird noch denselben Ring finden, den er für Sie bestimmt hatte. Und das ist natürlich der, den Sie als seine Frau tragen werden. Es ist jetzt ganz egal, meine Liebe. Für ein Mädchen ist es keine Schande. Na – na – na – mein kleiner Liebling!«

Zärtlichkeiten nützten ebensowenig wie Vernunftgründe.

»Mrs. Berry,« sagte Lucy. »Sie wissen, was mein – was er sprach: Mit diesem Ring vermähle ich dich mir. Es war mit diesem Ring. Wie könnte es denn nun mit einem andern sein?«

368 Berry mußte niedergeschlagen zugeben, daß das logisch wäre.

Eine schlaue Ausrede fiel ihr ein: »Wird es Ihnen nicht Unglück bringen einen Ring zu tragen, der für mich so viel Böses bedeutet hat? Denken Sie doch daran!«

»Ach ja, ach ja, das kann sein!« weinte Lucy.

»Und stürzen Sie sich nicht selbst in das Unglück? meine Liebe?«

»Mrs. Berry,« sagte Lucy wieder, »es war dieser Ring. Es kann nicht, es kann niemals ein anderer sein. Dieser war es. Was er mir bringt, muß ich ertragen. Ich werde ihn tragen, bis ich sterbe!«

»Was soll ich denn also tun?« stöhnte die schlecht behandelte Frau. »Was soll ich meinem Manne sagen, wenn er zu mir zurückkommt, und sieht, daß ihn ein neuer Ring erwartet? Wird das nicht ein schöner Willkommen sein?«

Da sagte Lucy: »Wie kann er wissen, daß es nicht derselbe ist, bei einem glatten, goldenen Ringe?«

»Sie haben nie einen Mann gesehen, der sich so auf Goldsachen verstand, wie mein Berry!« erwiderte die verlassene Gattin. »Der sollte es nicht erkennen, meine Liebe? Aber jeder einzige würde es erkennen, der Augen im Kopf hat. Trauringe sind ebenso verschieden, wie Hochzeitsleute! Und nun bitte, seien Sie vernünftig, mein süßes Herzchen!«

»Bitte verlangen Sie das nicht von mir,« bat Lucy.

»Bitte überlegen Sie es sich noch einmal,« beschwor sie Mrs. Berry.

»Bitte, bitte, Mrs. Berry,« bat Lucy.

»Und machen Sie Ihre alte Berry nicht ganz unglücklich, grade, wenn Sie so glücklich sind!«

»Das möchte ich wirklich nicht, Sie liebes, gutes, altes Ding!« Lucy schwankte.

369 Mrs. Berry glaubte, sie habe gewonnen.

»Grade wenn Sie drauf und dran sind die glücklichste Frau auf der Erde zu werden – wenn Sie alles haben, was Sie wünschen!« sie fuhr in dem zarten Ton fort. »Ein schöner, junger Herr! Liebe und Glück lächeln Ihnen! –«

Lucy stand auf.

»Mrs. Berry,« sagte sie, »ich denke, wir müssen nicht noch mehr Zeit verlieren und fertig werden, sonst wird er ungeduldig.«

Mrs. Berry sah von ihrer Stuhlecke aus ganz vernichtet vor Erstaunen nach ihr hin. Würde und Entschlossenheit sprachen aus der sanften Gestalt, die sie bis dahin unter ihre Flügel genommen hatte. In einer Stunde hatte sich die Heldin zu derselben Größe wie der Held erhoben. Ohne sich recht darüber klar zu werden, was für ein Geschöpf es eigentlich war, mit dem sie zu tun hatte, mußte sich Berry doch eingestehen, daß es keins von gewöhnlicher Art wäre, und sie seufzte und ergab sich.

»Das ist wirklich wie eine Ehescheidung!« schluchzte sie.

Nachdem sie ihren Schürzenzipfel an ihre Augen geführt hatte, machte sich Berry geschäftig und demütig ans Packen. Da kam Lucy, der das Herz voll war, zu ihr und küßte sie und da brach Berry vollends zusammen und weinte los. Und nachdem das auch vorüber war, nahm sie Zuflucht zum Fatalismus.

»Ich glaube, es hat wohl so sein sollen, meine Liebe! Es ist meine Strafe dafür, daß ich mich in solche Sachen eingelassen habe. Nein, ich bereue es nicht. Gott segne Sie beide! Aber wer hätte denken können, daß Sie so eigensinnig wären? Sie, die jeder einzige für eine von den ganz Schwachen gehalten hätte! Sie passen zueinander, Sie passen wirklich! Sie waren dazu bestimmt, zusammen zu kommen! Aber wir müssen ihm nicht 370 zeigen, daß wir geweint haben – das mögen die Männer nicht, wenn sie glücklich sind. Wir wollen uns das Gesicht waschen und versuchen unser Los zu tragen.«

Indem sie so sprach, schwankte das schwarze Atlasbündel und eine neue Sündflut ergoß sich. Sie verdiente wohl etwas Mitleid, denn wenn es auch traurig ist, mit einem Ring verheiratet zu werden, der einer andern Person gehört, wie viel trauriger ist es, wenn einem der eigne rechtmäßige Ring, an den man gewöhnt ist, mit Gewalt vom Finger gerissen und man für immer von ihm getrennt wird! Aber wo wir es mit Helden und Heldinnen zu tun haben, bleiben solche schrecklichen Verwicklungen nicht aus.

Sie hatten jetzt beide um den Ring gekämpft und beide mit viel Ehre und Erfolg.

In dem Festzimmer erteilte Richard Ripton seine letzten Befehle. Obgleich es keine große Hochzeit war, so hatte Mrs. Berry doch ein prächtiges Frühstück bereitet. Junge Hühner lockten zum Genuß. Pasteten deuteten saftige Geheimnisse an: mysteriöse Dinge in einem Frikassee, mit gallischen Bezeichnungen, Gelees, Cremes, Früchte waren über den Tisch verstreut. In der Mitte ragte wie ein Turm der ungeheure Hochzeitskuchen, das priesterliche Weiß seines bräutlichen Aussehens wurde durch den hochzeitlichen Ausputz gehoben.

Viele Stunden, viel Arbeit und Sorge hatte Mrs. Berry auf dieses Frühstück verwendet und warum das? Es gibt eine gewisse Person, die bei jedem Fest erscheint, das auf Torheit begründet ist. Eine Person, gegen die die Schuldigen instinktmäßig ihre Vorkehrungen treffen, die sprechen will und deren verhaßte Stimme noch während des Festes zum Schweigen gebracht werden muß. Diese Person ist unser Gläubiger, die Reue. Mrs. Berry kannte sie. Sie wußte, daß sie kommen würde. Sie 371 bereitete sich gegen sie auf die Art vor, die ihr am wirksamsten erschien: das heißt, indem sie ihre Augen und ihr Gewissen durch das festliche Gepränge betrog, das mit den Hochzeiten eng verknüpft ist, bei denen Väter weitschweifig und Mütter schwach werden und der Familien-Anwalt die Ehepakten triumphierend schwingt. Würden keine festlichen Veranstaltungen dieser Art vorhanden gewesen sein, um sie bei ihrer Rückkehr von der Kirche zu begrüßen, dann würde sie, das wußte sie bestimmt, in Armseligkeit und Leere gestarrt und bereut haben, was sie getan hatte. Die Reue würde sie beim Ohr genommen und gescholten haben. Verschanzt hinter einem Hochzeitsfrühstück, das so nach allen Regeln ausgeschmückt war, konnte Mrs. Berry ihr Trotz bieten. In Gegenwart eines solchen Kuchens wagte sie höchstens im Flüsterton zu sprechen. Und sollte sie dennoch wagen zu protestieren, so waren Weine vorhanden, in denen man sie ertränken konnte, feurige Weine und kühle Rotweine, die von dem Bräutigam ausdrücklich zu dem Zwecke besorgt waren, um seinem Freunde einen Genuß zu bereiten.

So machte die Arbeit vieler Stunden die Reue eine Stunde lang stumm. Ripton stärkte sich so, daß er sie ganz und gar vergaß, sie und die ganze Welt vergaß bis zum nächsten Morgen. Ripton war aufgeregt, ganz hin vor Entzücken. Er war mit einer Flasche schon fertig und lauschte angenehm erregt auf die nachdrücklichen Worte seines enthaltsameren Freundes. Er hatte nichts weiter zu tun, als zuzuhören und zu trinken. Der Held gestattete es ihm nicht, ein Triumphgeschrei anzustimmen! wollte nichts von Toasten wissen; und da durch die Menge des Öls, das auf ihn ausgegossen wurde, seine Beredsamkeit sich in seinem Innern zu einer Naturgewalt entwickelte, wurde der arme Junge von einer Elephantiasis unterdrückter Bewegung ergriffen. Zuweilen erhob er sich halb 372 aus seinem Stuhl, fiel aber ohne zu sprechen wieder in ihn zurück, oder er kicherte im Angesicht der gewichtigen, mit ernsten Worten gegebenen Befehle; schlug sich auf die Brust, streckte die Arme aus, gähnte und benahm sich kurz und gut so sonderbar, daß Richard es bemerkte und sagte: »Bei meiner Treu, ich glaube du verstehst kein Wort von dem, was ich sage.«

»Jedes Wort, Ricky!« sprudelte Ripton heraus. »Ich gehe also zu deinem Vater und sage zu ihm: Sir Austin! Ihnen bleibt nur eine Möglichkeit, noch länger ein glücklicher Vater zu sein – nein, nein! Ach, du brauchst dich nicht meinetwegen zu fürchten, Ricky! Ich werde den alten Herrn schon klein kriegen.«

Sein Führer sagte:

»Höre mal zu. Du gehst lieber heute abend nicht zu ihm. Reise morgen ganz früh mit dem Sechsuhrzug. Gib ihm meinen Brief. Paß wohl auf – gib ihm meinen Brief und sprich kein Wort, bis er spricht. Er wird lebhaft mit den Augenbrauen zucken, viel sagen wird er nicht. Ich kenne ihn. Wenn er dich nach ihr frägt, sei kein Narr, aber sage ihm vernünftig, was du von ihr denkst –«

Kein Wort konnte Ripton zurückhalten, wenn man von ihr sprach. Er schrie los: »Sie ist ein Engel!« Richard gebot ihm Einhalt. »Sprich vernünftig, sage ich – ruhig. Du kannst sagen, wie sanft und gut sie ist – meine Lilie! Und sage, daß dies nicht von ihr veranlaßt ist. Wenn irgend einer zu tadeln ist, dann bin ich es. Ich habe sie dazu veranlaßt, mich zu heiraten. Und dann gehe zu Lady Blandish, wenn du sie nicht im Schlosse findest. Zu ihr kannst du sagen, was du willst. Gib ihr meinen Brief und sage ihr, daß ich gleich von ihr hören möchte. Sie hat Lucy gesehen und ich weiß, was sie von ihr denkt. Dann wirst du zu Farmer Blaize gehen. Ich erzählte dir schon, daß Lucy zufälligerweise seine Nichte ist – sie hat nicht 373 lange dort gelebt. Sie lebte bei ihrer Tante Desborough in Frankreich, so lange sie ein Kind war, und man kann sie kaum eine Verwandte des Bauern nennen – sie sind sich in keinem einzigen Punkte ähnlich. Mein armer Liebling! Sie hat niemals ihre Mutter gekannt. Geh zu Mr. Blaize und sprich mit ihm. Du wirst ihn grade so behandeln wie jeden andern Herrn. Wenn du höflich bist, wird er es sicherlich auch sein. Und wenn er schlecht von mir spricht, dann mußt du ihn doch, um meinet- und um ihretwillen, mit Achtung behandeln. Hörst du? Und dann schreibe mir einen ausführlichen Bericht über alles, was gesagt und getan wurde. Übermorgen wirst du meine Adresse haben. Übrigens wird Tom heut nachmittag herkommen. Schreibe ihm auf, wo er dich morgen nachmittag aufsuchen soll, für den Fall, daß du des Morgens irgend etwas gehört haben solltest, wovon du meinst, daß ich es sofort erfahren müßte. Tom wird am Abend zu mir kommen. Erwähne niemandem gegenüber, daß ich den Ring verloren habe, Ripton. Ich möchte um tausend Pfund nicht, daß Adrian davon erfährt. Wie in aller Welt habe ich ihn nur verloren! Wie gut sie es getragen hat, Ripton! Wie wundervoll sie sich benahm!«

Ripton schrie wieder: »Ein Engel!« und sagte, nachdem er die zweite Flasche bis auf die Neige geleert hatte:

»Du kannst dich auf deinen Freund verlassen, Richard! Ach! als du an der alten Mrs. Berry herumrissest, wußte ich gar nicht, was los war. Ich wünschte, du ließest mich auf ihre Gesundheit trinken!«

»Auf das Wohl der Penelope!« sagte Richard und benetzte nur grade seine Lippen. Der Wagen war vor der Türe: ein paar gräßliche Leiern, die alle dieselbe Melodie spielten, und eine raubgierige, herumziehende Musikbande, der keine, auch noch so verborgen gefeierte Hochzeit entgehen kann, bemühten sich draußen in schöner Harmonie 374 schreckliche Mißtöne von sich zu geben; das Geräusch erregte seine Nerven und er schickte durch das Mädchen eine Botschaft nach der andern an seine Braut.

Schließlich zeigte sich die liebliche, junge Braut zur Reise angekleidet und aus verweinten Augen lächelnd. Man bat Mrs. Berry Wein zu trinken, den Ripton für sie eingoß, wobei sie seinen Zustand erkannte.

Jetzt küßte die Braut Mrs. Berry, und Mrs. Berry küßte den Bräutigam, unter dem Vorwande, daß sie so sehr gerührt wäre. Lucy gab Ripton die Hand mit einem lieblich klingenden: »Leben Sie wohl, Mr. Thompson« und ihre übergroße Güte brachte ihn grade so weit zum Bewußtsein, daß er einsah, es wäre besser, er setzte sich, ehe er seine glühenden Wünsche für ihr Glück aussprach.

»Ich werde gut auf ihn aufpassen,« sagte Mrs. Berry und rollte mit den Augen, damit die Anwesenden sie verstünden.

»Leben Sie wohl, Penelope!« rief Richard. »Ich werde die Polizei veranlassen, überall nach Ihrem Herrn zu suchen.«

»Ach, meine Lieben! Leben Sie wohl! Und der Himmel segne Sie beide!«

Berry zitterte, ganz erschüttert in dem Gedanken an ihre bevorstehende Einsamkeit. Ripton, den Mund bis zu den Ohren in die Höhe gezogen, folgte im Nachtrab noch dem Wagen, und erhielt einen Schlag an die Wange von einem alten Pantoffel, den Mrs. Berrys Dienstmädchen in ihrer Begeisterung nachwarf.

Man wehte mit Taschentüchern, schon mußte sich das Lebewohl auf Zeichen beschränken, nun waren sie fort. Da durchzuckte Mrs. Berry ein solch wichtiger Gedanke, daß sie mit den Händen in der Luft telegraphierte und Riptons Lunge zu Hilfe nahm, um den Kutscher anzuhalten, und dann nach dem Hause zurücklief. Richard 375 war ärgerlich und wollte fort, aber auf die Bitte seiner Braut entschloß er sich zu warten. Bald darauf sahen sie das schwarze Atlasbündel durch die Haustüre rauschen, durch den kleinen Vorgarten, und zu allgemeinem Erstaunen die Straße hinunter, humpelnd, keuchend, ohne Hut bis zur Wagentür – ein Buch in der Hand – ein vielgebrauchtes, mit Eselsohren versehenes, fleckiges, fettiges Buch, welches sie auf Lucys Schoß fallen ließ, wobei sie ausrief: »Da! da! Kümmern Sie sich nicht darum, wie es aussieht! Ich hatte kein neues. Lesen Sie es, und vergessen Sie es nicht!« und dann zog sie sich hinter das Gartengitter zurück, was für den Kutscher ein Zeichen war, nun wirklich los zu fahren.

Wie mußte Richard über Berrys Hochzeitsgeschenk lachen! Und auch Lucy vergaß die bösen Ahnungen, die sie in ihrem Herzen hegte, als sie den Titel des Buches las. Es war Dr. Kitcheners: »Häusliche Küche!«

 

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