Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > George Meredith >

Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.

Gott oder Teufel.

Knaben haben Ehrengesetze und einen ritterlichen Kodex, der nicht niedergeschrieben ist oder förmlich gelehrt wird, den aber alle von selbst verstehen und den die treuen und ehrlichen unter allen Umständen befolgen. Wir dürfen nicht vergessen, daß dieses Lebensalter noch nicht auf der Höhe der Zivilisation steht. Einem Führer nicht folgen, er führe uns, wohin er wolle, einem Unternehmen den Rücken kehren, weil sein Ausgang zweifelhaft erscheint und der augenblickliche Erfolg nur Unbequemlichkeiten mit sich bringt, einen Kameraden unterwegs verlassen und ohne ihn nach Hause gehen: all das 24 würde sich ein tüchtiger Junge niemals zu schulden kommen lassen, wenn es auch allen nur erdenklichen Kummer für ihn im Gefolge hätte. Besser immer noch so, als daß sein eignes Gewissen ihn einen Duckmäuser schelten sollte. Einige Knaben, die sonst tapfer genug sind, lassen sich durch ihr Gewissen nicht beunruhigen, aber Augen und Lippen ihrer Gefährten ersetzen diesen Mangel. Sie quälen sie mit ebenso unaufhörlicher und vielleicht noch schrecklicherer Hartnäckigkeit als die innere Stimme, und wenn die Prüfung nicht sehr schwer und scharf ist, ist das Resultat dasselbe. Der Führer kann sich auf die Folgsamkeit seiner Scharen verlassen; der Kamerad ist auf Treu und Glauben verpflichtet, ihm zu dienen. Ripton Thompson war von Hause aus treu. Der Gedanke, umzukehren und seinen Freund im Stich zu lassen, kam ihm überhaupt gar nicht in den Sinn, so verzweifelt auch seine Lage war, und so sehr auch das Benehmen seines Führers dem eines Tollhäuslers glich. Er erinnerte verschiedene Male daran, daß sie zu spät zum Essen kommen würden. Sein Freund rührte sich nicht. Für ihn schien das Essen keine Bedeutung zu haben. Da lag er, rupfte Gras aus, tätschelte die Nase des alten Hundes und schien gar nicht begreifen zu können, was Hunger wäre. Ripton ging ein halbes Dutzendmal auf und ab und warf sich schließlich neben seinem schweigsamen Freund nieder, in sein Schicksal ergeben.

Nun sandte der Zufall, der immer einen bestimmten Zweck im Auge hat, um Sonnenuntergang einen tüchtigen Regenschauer, und die Nässe ließ zwei Fremdlinge auf dem Landwege hinter der Hecke Schutz suchen, vor der die Knaben ruhten. Der eine, ein herumziehender Kesselflicker, spannte seinen bräunlichen Regenschirm auf und steckte seine Pfeife in Brand. Der andre, ein plumper, junger Ackerknecht, war ohne Pfeife und ohne Schutzdach. 25 Sie begrüßten sich mit einem Kopfnicken und fingen an, ihre Ansichten über das Wetter auszutauschen, wie es ihre persönlichen Erfahrungen beeinflußt und ihren Voraussagungen entsprochen hätte. Beide hatten schon gewußt und es auch schon ausgesprochen, daß ein bißchen Regen vor Abend kommen würde, und begrüßten die Nässe daher mit einer gewissen Befriedigung. Dann und wann folgten weitere kurze Bemerkungen, in voller Harmonie mit dem eintönigen Rauschen in der Luft. Von dem Wetter kamen sie auf den Segen des Tabaks: wie er der Freund des armen Mannes wäre, sein Gefährte, sein Trost, sein Labsal, seine Zuflucht am Abend, sein erster Gedanke am Morgen.

»Besser als 'ne Frau,« bemerkte schmunzelnd der Kesselflicker, »keine Gardinenpredigten von 'ner Pfeife. Die Pfeife ist kein Zankteufel.«

»Das muß wahr sein,« stimmte der andere zu. »Die Pfeife nimmt dir auch am Sonnabend Abend nicht alles Geld weg.«

»Nimm eine,« sagte der Kesselflicker und reichte ihm in der Begeisterung des Augenblicks eine rußige, kurze Tonpfeife. Unser Ackerknecht nahm und stopfte aus dem Tabaksbeutel des Kesselflickers und fuhr in seinen Lobpreisungen fort.

»'nen Groschen den Tag, und man ist versorgt! Besser als 'ne Frau, ha, ha!«

»Und dann kann man sie wieder los werden, wenn man Lust dazu hat,« fügte der Kesselflicker noch hinzu.

»Das kann man,« nahm der Landmann das Thema wieder auf, »das kann man, und man will's nicht einmal. Wenigstens in diesem Falle. Ich meine die Pfeife.«

»Und,« fuhr der Kesselflicker fort, der ihn vollkommen verstand, »man hat es hinterher nicht zu bereuen.«

»Ne, Meister, das hat man nicht! Und dann« – der 26 Landmann zwinkerte mit den Augen, »dann ißt sie auch nicht die Hälfte von allem auf, das tut unsere Pfeife nicht.«

Hier machte der ehrliche Ackersmann eine Bewegung, die deutlich zeigte, wie er meinte, den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben, was der Kesselflicker auch anerkannte: und da sie nun so zu sagen den Gegenstand erledigt hatten, nachdem das Beste darüber gesagt worden war, was man darüber sagen konnte, rauchten sie eine Zeitlang schweigend fort bei dem eintönigen Rauschen des Regens.

Ripton suchte Trost für seinen elenden Zustand, indem er sie durch die Dornenhecke beobachtete. Er sah, wie der Kesselflicker eine weiße Katze streichelte, sich ab und zu an sie wandte, sie sein Frauchen nannte und sie um ihre Meinung oder Zustimmung fragte, und fand das sehr komisch. Der Ackerknecht hatte sich in seiner vollen Länge ausgestreckt, mit seinen Stiefeln im Regen und seinem Kopf unter den Töpfen des Kesselflickers und rauchte in tiefes Nachdenken versunken. Sie pafften abwechselnd in regelmäßigen Zwischenräumen.

Der Kesselflicker war es, der die Unterhaltung wieder aufnahm.

»Schlechte Zeiten,« sagte er.

»Ja wahrhaftig,« stimmte sein Gefährte zu.

»Aber es kommt doch alles wieder in Ordnung,« fuhr der Kesselflicker fort, »was kommt dabei heraus, wenn man Trübsal bläst! Es kommt alles wieder in Ordnung. Ich komme viel herum. Ich habe meine regelmäßige Runde. Erst neulich hatte ich Gelegenheit nach Newcastle zu kommen.«

»Kohlen!« rief der Ackerknecht.

»Kohlen?« wiederholte der Kesselflicker. »Du willst wahrscheinlich wissen, weshalb ich nach Newcastle kam? 27 Das braucht dich nicht zu kümmern. Man sieht ein schönes Stück Welt in meinem Geschäft. Für Kohlen war es nicht. Und ich tue auch nichts Unnützes. Jedenfalls kam ich dorthin. Nach London wollt' ich. Will mal etwas von der See sehen, sag' ich zu mir, und geh' auf ein Kohlenschiff. Beinahe hätten wir Schiffbruch gehabt, wie der Apostel Paulus.«

»Wer ist denn das?« wünschte der andere zu wissen.

»Lies du deine Bibel,« erwiderte der Kesselflicker. »Auf und ab ging es: das ist auf der See nicht so wie auf dem Lande, das kann ich dir sagen. Sag dein Gebet, Bob Tiles, denk' ich, denn nun gehen wir unter. Das war 'ne Nacht! Aber Gott kann mehr als der Teufel, und da bin ich, wie du siehst.«

Der Ackerknecht drehte sich auf dem Ellenbogen herum und sah ihn gleichgültig an. »Denkst du, das soll eine Lehre sein? Er kann nicht immer mehr als der Teufel, oder ich würde mir nicht die Hacken ablaufen, ohne was zu tun zu finden, und was schlimmer ist, ohne was zu essen zu haben. Ja, siehst du, Glück bleibt Glück, und Unglück ist das Gegenteil davon. Dem Bauer Bollop brennt neulich sein Heuschober runter. Die nächste Nacht brennt ihm die Scheune ab. Was geht er hin und tut? Er geht hin und hängt sich auf, und wir verlieren den Dienst. Da war Gott dem Teufel nicht über, oder ich versteh' die Rechnung nicht.«

Der Kesselflicker räusperte sich und meinte, das wäre eine böse Sache. »Eine verdammt böse Sache, darauf will ich schwören,« rief der Ackerknecht. »Nun paß mal auf, da ist noch 'ne verdammte Geschichte. Ich hatte für den Bauer Blaize gedroschen, den Blaize von Belthorpe – eh ich zum Bauer Bollop ging. Dem Blaize fehlen Äpfel. – – Er schwört, daß wir Burschen ihm die Äpfel – stehlen. Ich hab' sie nicht gestohlen. Was geht er 28 hin und tut? Er geht hin und jagt uns fort, mich und noch einen, Hals über Kopf; wir können herumstrolchen und verhungern, was kümmert's ihn. Da konnte Gott auch nicht mehr als der Teufel, sollt' ich denken. Wenigstens so weit ich sehen kann.«

Der Kesselflicker schüttelte den Kopf und meinte, das wäre auch eine böse Geschichte.

»Und man kann nichts dagegen tun,« fügte der Ackerknecht hinzu. »Es ist schlimm und bleibt schlimm. Aber ich will dir was sagen, Meister. Man muß das Böse heimzahlen.« Er nickte und zwinkerte geheimnisvoll mit den Augen. »Böse Dinge finden so gut ihren Lohn wie ehrliche Arbeit, denke ich. Dem Bollop trage ich nichts nach, aber dem Blaize. In einer trocknen, windigen Nacht möchte ich gern ein Streichholz in seinen Heuschober stecken.«

Der Ackerknecht verzog das Gesicht zu einem schurkischen Grinsen. »Man muß ihn zu treffen wissen, den Bauer Blaize, gerade da, wo sein Geldbeutel sitzt. Und dann wird er rufen: ›Ach du mein Gott,‹ ja das wird er tun. Man wird den Blaize nicht unterkriegen, wenn man ihn nicht gerade da trifft, wo der Geldbeutel sitzt.«

Der Kesselflicker qualmte heftig und meinte, das hieße ja mit dem Teufel gemeinsame Sache machen. Der Knecht erklärte, daß er das schon wolle, wenn der Bauer Blaize sich zu der andern Seite hielte.

Es war ein junger Herr in seiner Nähe, der seine Ansicht teilte. Der hoffnungsvolle Erbe von Raynham hatte halb gezwungen und gleichgültig dem Gespräche zugehört, in welchem ein gewöhnlicher Arbeiter und ein herumziehender Kesselflicker Fragen aufstellten und über die ältesten Theorien von überirdischer Herrschaft und überirdischem Einfluß auf irdische Angelegenheiten diskutierten. Jetzt sprang er auf, zwängte sich durch die Dornenhecke und 29 verlangte von ihnen den nächsten Weg nach Bursley zu erfahren. Der Kesselflicker unter dem Regenschirm war grade bei den Vorbereitungen zum Tee. Er hatte ein Brot herausgeholt, auf das sich Riptons Augen, der noch in der Hecke steckte, gierig richteten. Der Knecht meinte, Bursley wäre noch gut drei Meilen entfernt und noch gute acht Meilen von Lobourne.

»Ich gebe dir eine halbe Krone für dein Brot,« sagte Richard zu dem Kesselflicker.

»Abgemacht,« meinte der Kesselflicker. »Nicht wahr, Frauchen?«

Die Katze erwiderte durch einen Buckel, den sie dem Hunde machte. Die halbe Krone wurde hingeworfen, und Ripton, dem es gerade gelungen war, sich aus der Dornenhecke loszumachen, die stachlig wie ein Igel war, packte das Brot.

»Die jungen Herren sind schön ausgehungert, scheint es,« sagte der Kesselflicker zu seinem Gefährten. »Komm, wir wollen ihnen nach, nach Bursley, und bei einem Krug Bier weiter sprechen.« Der Ackerknecht hatte nichts dagegen, und bald folgten sie den beiden Knaben auf dem Wege nach Bursley, während sich von dem westlichen Rand der Regenwolke ein leuchtender Streifen über das herbstliche Land ergoß.

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.