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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Welches erzählt, wie die Liebenden zur Frühlingszeit Vorbereitungen zum Handeln treffen.

Die Schönheit ist natürlich der Siegespreis des Helden. Nichtsdestoweniger ist er es nicht immer, auf den sie ihren siegreichen Einfluß am stärksten ausübt. Es ist der stumpfsinnige Alltagsmensch, in dessen langsam arbeitendes Gehirn sie wie ein Himmelslicht hineinfällt und dem sie am längsten leuchtet. Der Dichter zum Beispiel ist ein Kenner der Schönheit, dem Künstler dient sie als Modell. Diese Herren werden durch die vielen Erwägungen über ihre Reize kritisch. Da die Tage, an denen sie noch Herzen hatten, vorüber sind, wendet sich ihre Neigung, je nach Zufall, den Blonden oder den Braunen zu, einer Adlernase oder einer griechischen, einem so oder so geformten Auge. Aber bewege dich einmal unter einfachen, ungelehrten Burschen, Bauern und Dummköpfen, dann wirst du hier und da einen ganz unentwickelten Verstand finden, welcher nur gerade Kraft genug hat, die Schönheit zu verstehen und sie als seine Göttin anzusehen, und der in seiner 318 Dummheit nur eine Form der Verehrung kennt und für sie sterben möchte. Ja, mehr als das: ein solcher Mann würde ihr sein ganzes Leben widmen, obgleich er so stumm bleibt, wie ein Hund. Und er ist auch wirklich der treue Hund der Schönheit. Beinahe jede Schönheit hat ihren Hund. Der Held besitzt sie, der Dichter verkündet ihre Schönheit, der Maler bringt sie auf die Leinwand, und der treue alte Hund begleitet sie auf Schritt und Tritt. Und das Ende vom Lied ist, daß der treue alte Hund ihr einziger Begleiter ist. Der Held schwelgt in Kriegen oder in Armidas Lauben; der Herr Dichter hat eine Runzel entdeckt, der Pinsel widmet sich der Rose nur zur Blütezeit. Nun wendet sie sich ihrem alten Hunde zu. Sie schließt ihn zärtlich in ihre Arme, und er, der bis dahin von einem Knochen gelebt hatte und ab und zu einmal gestreichelt wurde, er kauert sich kraftlos zu ihren Füßen und sieht mit seinen dankbaren alten Hundeaugen zu ihr auf und hat keine Ahnung davon, daß sie ihre traurigen Erinnerungen pflegt: an den Helden, den Dichter, den Maler, in einem ruppigen Hunde! Und dann wird sie begraben und durch das Dorf tönt klägliches Geheul und in der Zeitung steht ein Artikel über die außerordentliche Treue eines alten Hundes.

Aufgeregt durch seine Erinnerungen an Nooredeen und die schöne Perserin und durch den Wechsel in der trüben Eintönigkeit seines Daseins, der dadurch eingetreten war, daß er nun in einem vornehmen Hotel sein Quartier aufgeschlagen hatte und auf vertrautem Fuß mit den Bewohnern des Westens ein mühelos, üppiges Leben führte (was großen Anteil hat an den romantischen Gefühlen eines ehrlichen Jünglings), frühstückte Ripton Thompson am nächsten Morgen um halb neun Uhr mit seinem Befehlshaber. Man hatte am Abend vorher die Mahlzeit für sieben Uhr festgesetzt, aber Ripton schlief sehr 319 viel mehr, als eine Nachtigall und (um genau zu berichten) selbst halb neun Uhr ging gegen seine neugebildeten, aristokratischen Gefühle und erinnerte ihn viel zu sehr an Juristenleben und Sklaverei. Er hätte es vorgezogen, zu Algernons Stunde zu frühstücken, der elf Uhr festgesetzt hatte. Es war aber Richards Absicht, grade Algernon zu vermeiden, so griffen sie zu, und Ripton beneidete den noch zu Bett liegenden Hippias nicht länger. Nachdem das Frühstück vorüber war, hinterließen sie für Algernon die tröstliche Nachricht, daß sie gegangen wären, um einen beliebten Prediger zu hören, und gingen fort.

»Wie glücklich die Leute alle aussehen,« sagte Richard in den ruhigen sonntäglichen Straßen.

»Ja – sehr vergnügt!« sagte Ripton.

»Wenn ich erst – wenn dies erst vorüber ist, dann werde ich auch sehen, daß sie es sind – so viele, wie ich glücklich machen kann,« sagte der Held und fügte leise hinzu: »Ihre Vorhänge waren um dreiviertel sechs noch herunter. Ich denke, sie hat gut geschlafen!«

»Du bist heute morgen schon dort gewesen?« rief Ripton und in seinem trüben Hirn dämmerte eine unklare Vorstellung davon, was Liebe bedeutete.

»Wird sie mich vorlassen, Ricky?«

»Ja. Sie wird dich heute sehen. Gestern abend war sie müde.«

»Ganz bestimmt?«

Richard versicherte ihn, daß er den großen Vorzug genießen würde.

»Hier war es,« sagte er, als sie unter den Bäumen des Parkes dahingingen, »hier war es, wo ich gestern mit dir sprach. Wie lange her das zu sein scheint. Wie ich die Nacht hasse!«

Damit Richard eine etwas höhere Meinung von ihm gewinnen möchte, wies Ripton unterwegs schüchtern auf 320 eine gewisse, intime und geheimnisvolle Bekanntschaft mit dem schönen Geschlechte hin. Er gab gewissermaßen die Überschriften einiger gelegentlicher Abenteuer.

»Nun aber, warum heiratest du sie dann nicht?« meinte sein Führer.

Darüber war Ripton sehr entsetzt, antwortete nur mit einem »Ach!« und hatte ein Gefühl von Überlegenheit, das aber noch am selben Tage gänzlich vernichtet werden sollte.

Er wurde wieder Mrs. Berrys Obhut übergeben und solange, daß er schon zu fürchten anfing, die schöne Perserin weigerte sich noch immer ihr Antlitz zu zeigen, aber grade da rief Richard nach ihm, und Ripton ging hinauf, ohne zu ahnen, was für eine Verwandlung ihm bevorstünde. Der Held und die Schönheit standen nebeneinander, um ihn zu empfangen. Schon von der untersten Treppenstufe an hatte er ein lebhaftes, liebenswürdiges Lächeln für sie in Bereitschaft, und als er in das Zimmer eintrat, waren seine Backen schon unangenehm steif geworden und seine Augen hatten ihren natürlichen Ausdruck schon ganz verloren. Lucy hielt sich mit einer Hand an ihrem Geliebten fest und begrüßte ihn freundlich. Es war für ihre Schüchternheit eine große Erleichterung, daß er so außerordentlich töricht aussah. Sie setzten sich und versuchten eine Unterhaltung, aber Ripton konnte seine Zunge ebensowenig beherrschen, wie seine Augen. Nach einer kleinen Weile war die schöne Perserin, die ihre Pflicht getan und sich gezeigt hatte, froh, das Zimmer verlassen zu können. Ihr Herr und Gebieter wandte sich fragend an Ripton.

»Wunderst du dich noch, Rip?« sagte er.

»Nein, Richard!« Ripton hielt an, um die Antwort mit genügender Feierlichkeit zu geben, »das tue ich wirklich nicht!«

Er sprach anders, als vorher, er sah anders aus.

321 Er hatte die Augen des alten Hundes in seinem Kopfe.

Sie beobachteten die Türe, durch die sie gegangen war, sie lauschten nach ihr hin, wie es Hundeaugen tun. Als sie herein kam, zum Spaziergang angekleidet, war er wieder aufgeregt, wie ein Hund. Als sie sich schüchtern an ihren Geliebten hing und hinausging, folgte er ohne einen Gedanken an Neid, oder irgend ein anderes Gefühl, als das geheime Entzücken über den Anblick, den sie ihm gewährte, wie es einem alten Hunde zukommt. Denn die gütige Natur entschädigt ihn. Seine Gefühle können nicht heroisch sein, aber sie sind von einer solchen Stärke und einem solch schwanzwedelnden Entzücken, daß sie in ihrer Art ebenso gut sind. Und diese Fähigkeit zu demütiger, anspruchsloser Verehrung findet ihren besondern Lohn. Wenn Ripton jetzt die Miß Random einfällt, was wird er dann von sich denken? Laß doch niemand den alten Hund verachten. Durch ihn rächt die Schönheit ihr Geschlecht.

Es gefiel Ripton nicht, daß auch andern Leuten der Segen zuteil werden sollte, sie bewundern zu dürfen, und als es doch, wie er bemerkte, jedermann tat, und jedermann sie beleidigend ansah und anstarrte und den Kopf nach ihr umdrehte, und Bemerkungen machte, und sich im Augenblick sterblich in sie verliebte, mußte er ein leises Knurren unterdrücken. Sie schlenderten den ganzen Morgen durch die schönen Gärten von Kensington, unter den jungen Kastanienknospen und um die vom Winde unbewegten Teiche, miteinander redend und die wilde Erregung ihrer Herzen besänftigend. Wenn Lucy sprach, spitzte Ripton die Ohren. Auch sie machte die Bemerkung, daß die Leute alle so glücklich aussähen, und er hörte es bebend vor Freude. »Das muß jedermann sein, da wo Sie sind,« hätte er gerne sagen mögen, wenn er es gewagt hätte, aber die Furcht hielt ihn zurück, daß seine glühende Beredsamkeit ihn verraten könnte. Zweimal 322 kannte er die Leute, die sie trafen. Man hätte Mühe gehabt, ihn davon zu überzeugen, daß sie ihnen nur zufällig entgegenkamen.

Von den Gärten ging Richard, trotz Riptons ernstem Widerspruch, in den Park, wo schon hin und her eine Equipage ihre Rundfahrt begann. Hier fand Ripton seine Schmerzen der Eifersucht gerechtfertigt. Die goldenen Locken des jungen Mädchens, der träumerische Ernst ihres süßen Gesichtes, ihre schlanke anmutige Gestalt, in dem glatten schwarzen Kleide, die etwas förmliche Miene, die sie angenommen hatte – ein Etwas an ihr, welches zeigte, daß sie nicht den ersten Klassen der Gesellschaft angehörte, und das zum Teil in der Art ihrer Schönheit, zum Teil in ihrer mädchenhaften Unschuld lag, die nun zum Schuldbewußtsein erwachte, Gewissensbisse über ihre Schwäche und eine unbestimmte Furcht vor dem, was in der Zukunft daraus entstehen würde – all das zog die Augengläser auf sich. Ripton lernte verstehen, daß Augen erträglich sind, aber Augengläser abscheulich. Sie lähmten seinen Mut, denn gewissermaßen hatte der Jüngling Augengläser immer für ein Symbol der Vornehmheit gehalten, und als er hörte, wie zwei besonders feine Augengläser, die verschiedene Male vor und hinter ihnen gegangen waren, in dem Jargon, den man gewöhnlich den jungen Lords nachsagt, ihre Bemerkungen darüber austauschten, daß seine Heldin ein reizendes, kleines Geschöpf wäre, grade die richtige Größe hätte, aber keinen Stil – da war er ganz vernichtet, und konnte sich nicht mehr auf sie stürzen, um sie zu zerreißen. Er war niedergeschlagen. Der Hund der Schönheit wird durch Augengläser in einen ähnlichen Schrecken gejagt, wie das gewöhnliche Tier durch das menschliche Auge.

Richard schien nichts zu hören, oder nur Huldigungen. Er wiederholte Lucy die Verse von Diaper Sandoe – 323

Die Narren nicken einander zu,
Die Gecken heben die Gläser –

und plante, wie er ihr ein Pferd mieten wollte, damit sie alle Tage im Park reiten und sich unter der vornehmsten Gesellschaft auszeichnen sollte.

Sie hatten sich nach Westen gewandt, wo durch die kahlen Bäume und hellen Dunstwolken der Himmel über dem Wasser glitzerte. Die Phantasie des Liebenden war grade damit beschäftigt, alle irdische Herrlichkeit in himmlische Farben zu kleiden, und seine Sinne waren aufs äußerste erregt, als er fühlte, wie die Hand seines Lieblings auf seinem Arme zitterte, und unwillkürlich sah er auf. Onkel Algernon humpelte ihnen auf seinem einen gesunden Bein gemütlich entgegen. Der invalide Gardeoffizier unterhielt sich mit einem Freunde, dessen Arm ihn stützte, und sprach ab und zu seine Vermutungen aus, über die schönen Damen, die vorbeifuhren. Die beiden erblaßten Gesichter gingen unbemerkt an ihm vorbei. Unglücklicherweise trat Ripton, der hinter ihnen ging, dem Kapitän derb auf seine lebendigen Zehen – das behauptete dieser wenigstens, denn er rief aus: »Zum Teufel. Mr. Thompson! Sie hätten sich auch den andern Fuß aussuchen können!«

Die schreckliche Erscheinung brachte den armen Ripton in fürchterliche Verwirrung und er stammelte etwas über den merkwürdigen Zufall.

»Ganz und gar nicht merkwürdig,« sagte Algernon, »jeder einzige trifft den armen Burschen. Es muß wohl Instinkt sein!«

Er hatte es nicht nötig, nach seinem Neffen zu fragen, Richard wandte sich um, um der Gefahr ins Gesicht zu sehen.

»Es tut mir leid, daß ich heute morgen nicht auf dich warten konnte, Onkel,« sagte er mit verwandtschaftlicher Kühle, »ich dachte, du gingst niemals so weit.«

324 Seine Stimme war vollständig ruhig – die Maske, die der Held vorband, bewundernswert.

Algernon beobachtete das ernste Antlitz an seiner Seite und versuchte es, eine Anspielung auf den beliebten Prediger zu machen. Man stellte ihm darauf Riptons Schwester, Miß Thompson, vor.

Der Kapitän verbeugte sich und sprach mit einem melancholischen Lächeln seine Zustimmung aus zu der Wahl des Predigers, die sein Neffe getroffen hatte. Nach einigen gleichgültigen Bemerkungen, und einer liebenswürdigen Verbeugung vor Miß Thompson, humpelte er weiter und die drei atmeten erleichtert auf und Lucys Arm wurde nicht länger durch den Druck zu heldenmütiger Haltung ermahnt.

Dieser Zwischenfall beschleunigte ihre Schritte heimwärts unter die schützenden Flügel der Mrs. Berry. Alles was von ihnen über den Gegenstand gesprochen wurde, beschränkte sich auf Riptons gestammelte Entschuldigung über sein Benehmen, und auf die gutmütige Erwiderung Richards, daß er dadurch eine Schwester gewonnen hätte: worauf Ripton es wagte, den Wunsch auszusprechen, Miß Desborough möchte auch so denken, und Lucy ihm zu Gefallen ein wenig lächelte.

Sie fühlte sich kaum stark genug, ihren Käfig wieder zu erreichen. Sie fühlte keine Kraft, irgend etwas von Mrs. Berrys hübschem kleinem Mittagessen zu sich zu nehmen. Alles, worum sie bat, war, daß man sie allein lassen möge, damit sie weinen und ihr Herz von der bedrückenden Last der Tränen befreien konnte. Die freundliche Mrs. Berry, die in ihr Schlafzimmer schlüpfte, um ihr beim Auskleiden behilflich zu sein, fand das schöne Geschöpf in einem krampfhaften Schluchzen, kleidete sie ganz aus und brachte sie zu Bett.

»Nur eine Stunde Schlaf, das wird genügen,« 325 erklärte die liebenswürdige Frau den beiden ängstlichen, jungen Männern den Fall.

»Ruhiger Schlaf und eine Tasse warmer Tee, das tut mehr, als zwanzig Doktors – ganz gewiß, bei solchem Zittern,« fuhr sie fort. »Das weiß ich von mir selbst. Und vorher sich ordentlich ausweinen ist besser, als die beste Medizin.«

Sie redete ihnen zu, bis sie wenigstens so taten, als ob sie äßen, und zog sich dann zu ihrem zarteren Schützling, ihrem süßen Kindchen zurück, und dachte bei sich: »Du gütiger Himmel! die alle drei zusammen sind noch nicht mal fünfzig Jahre alt. Ich bin wenigstens so alt wie zwei und ein halb von ihnen.« Mrs. Berry führte ihre Schürze an die Augen und schloß alle drei wegen ihres zarten Alters in ihr Herz.

Nachdem sie allein gelassen waren, konnte keiner von den jungen Männern einen Bissen hinunterbringen.

»Sahst du, wie sie sich veränderte,« flüsterte Richard.

Ripton klagte heftig über seine ungeheure Dummheit.

Der Liebende warf Messer und Gabel hin. »Was konnte ich tun? Wenn ich nichts gesagt hätte, würde man Verdacht geschöpft haben. Ich mußte sprechen. Und sie haßt jede Lüge! Sieh! Es hat sie zu Boden geworfen. Gott möge mir verzeihen!«

Ripton stellte sich, als wenn er die Sache leichter auffaßte: »Sie hat sich erschreckt, Richard,« sagte er. »Das ist es, was Mrs. Berry mit dem Zittern meint. Solch alte Frauen sprechen so. Du hörtest doch, was sie sagte. Und solch alte Frauen verstehen sich darauf. Ich werde dir sagen, was es ist. Es ist das, Richard! – es ist, weil du einen Narren zum Freunde hast!«

»Sie bedauert, was sie getan hat,« murmelte der Liebende. »Guter Gott! Ich glaube, sie fürchtet sich vor mir.« Er verbarg sein Antlitz in seinen Händen.

326 Ripton ging zum Fenster und wiederholte energisch zum Trost: »Es ist nur, weil du solch einen Narren zum Freunde hast.«

Die Straße, die sie in letzter Nacht so aufgestört hatten, wurde düster. Die Sonne vergrub sich hinter Wolken.

Ripton beobachtete die beklagenswerten Geschöpfe, die auf der Straße vorbeigingen. Seine aristokratischen Visionen waren mit seinem Frühstück dahingegangen. Die Schönheit war zu Boden geschlagen worden durch seine übergroße Dummheit und da stand er nun als ein Elender!

Richard trat zu ihm. »Murmele nicht so vor dich hin, Rip!« sagte er, »niemand macht dir einen Vorwurf.«

»Ach, Richard! du bist sehr gut,« erwiderte der Elende gerührt durch das traurige Gesicht, in das er blickte.

»Höre, Rip! ich werde sie heute abend nach Hause bringen. Ja! wenn sie fern von mir glücklicher ist! – Hältst du mich für einen rohen Menschen, Ripton? Lieber als daß sie eine Träne vergießen sollte, möchte ich – Ich werde sie heute abend nach Hause bringen!«

Ripton meinte, das wäre etwas plötzlich, fügte auch aus seiner größeren Erfahrung hinzu, die Leute könnten darüber reden.

Der Liebende konnte nicht verstehen, worüber sie reden sollten, sagte aber:

»Wenn ich dem, der sie abholen sollte, eine Erklärung gebe? Wenn niemand mich sieht, oder von mir hört, was können sie dann sagen? Ach, Rip! Ich will sie aufgeben. Ich bin für immer elend gemacht! Was kommt es darauf an? Ja – laß sie sie wieder zurücknehmen! Die ganze Welt in Waffen hätte sie mir nicht entreißen können, aber wenn sie weint – Ja! alles ist vorüber. Ich werde gleich gehen und ihn aufsuchen.«

Er suchte in ganz unmöglichen Ecken nach dem Hute 327 und nach dem Entschluß. Ripton sah zu und war unglücklicher als je.

Der Gedanke kam ihm: – »Aber vorausgesetzt, Richard, daß sie nicht gehen will?«

Es war ein Augenblick, in dem vielleicht jemand, der auf der Seite von Eltern und Vormündern und der alten, weisen Welt steht, die jungen Leute dazu hätte veranlassen können, den vorgeschriebenen elenden Weg einzuschlagen und dem kleinen Cupido einen Klaps zu geben und ihn nach Hause zu schicken zu seiner ungezogenen Mama. »Aber ach! – wendet das Manuskript des Pilgers ein – die Frauen sind die geborenen Mitschuldigen des Unfugs!« Herein kommt mit geschäftigem Schritt Mrs. Berry, um den Tisch abzuräumen, und sieht, daß die beiden Ritter ihre Helme aufgesetzt haben, und sieht, obgleich es dämmrig ist, daß sie unsicher aussehen, und vermutet sogleich böse Dinge für ihren lieben Gott Hymen.

»Aber! aber!« ruft sie aus, »und keiner von Ihnen hat auch nur einen Happen gegessen! Und die liebe, schöne, junge Dame schläft so schön, wie man nur schlafen kann!«

»Wirklich!« ruft der Liebende neu belebt.

»Sanft wie ein kleines Kind!« behauptete Mrs. Berry. »Ich ging noch oben nach ihr sehen und ihr Atem ist ganz, ganz ruhig. Er kommt und geht, wie das schönste, gleichmäßigste Instrument. Noch haben die schwarzen Ochsen ihr nicht auf den Fuß getreten! Wahrscheinlich war es bloß die Londoner Luft. Aber stellen Sie sich bloß vor, wenn Sie den Doktor gerufen hätten! Na, ich hätte nicht zugelassen, daß sie etwas von seinen Quacksalbereien genommen hätte. Gewiß nicht!«

Ripton beobachtete aufmerksam seinen Führer und sah, wie er mit merkwürdiger Vorsicht den Hut abnahm und in seinen Boden blickte, aus welchem er während Mrs. 328 Berrys Rede einen kleinen Handschuh hervorzog – der durch irgend eine Laune des Zufalls hinein geraten war.

»Behalte mich! behalte mich! nun du mich hast!« sang der kleine Handschuh und erfreute den Liebenden mit tausend Vorstellungen.

»Wann meinen Sie, daß sie aufwachen wird, Mrs. Berry?« fragte er.

»Ach, wir müssen sie nicht stören,« sagte das schlaue, gute Geschöpf. »Mein Gott! lassen Sie sie doch ausschlafen. Und wenn die jungen Herren auf meinen Rat hören wollten, und ein bißchen spazieren gehen, um sich Appetit zu machen – jeder Mensch sollte essen! das ist Ihre heilige Pflicht, ganz egal, was Ihre Gefühle sind! Das sage ich, die ich kein junges Huhn mehr bin! – Ich werde Frikassee davon machen – von dem jungen Huhn da – wenn Sie zurückkommen. Ich verstehe zu kochen, das kann ich Ihnen versichern!«

Richard ergriff ihre beiden Hände. »Sie sind die beste Seele von der Welt!« rief er. Mrs. Berry schien ganz bereit ihn zu küssen. »Wir wollen sie nicht stören. Lassen wir sie schlafen. Halten Sie sie im Bett, Mrs. Berry. Wollen Sie das? Und wir werden heute abend nach ihr fragen kommen und sie morgen wieder besuchen. Ich bin überzeugt, daß Sie freundlich zu ihr sein werden.«

»Aber! aber!« Mrs. Berry fing am gerührt zu werden.

»Ich vertraue sie Ihnen an, wie Sie sehen. Leben Sie wohl, Sie liebe, alte Seele!«

Er drückte einige Goldstücke in ihre Hand und ging fort, glücklich und hungrig, um mit seinem Onkel zu dinieren.

Bevor sie das Hotel erreichten, waren sie übereingekommen, Mrs. Berry in ihr Vertrauen zu ziehen, ihr mit den nötigen Ausschmückungen alles zu sagen, außer ihren 329 Namen, so daß sie sich des Rates und Beistandes dieser vortrefflichen Frau erfreuen könnten, ohne doch etwas von ihr fürchten zu müssen. Lucy sollte »Letitia« genannt werden, wie Riptons jüngste und hübscheste Schwester. Der herzlose Bursche schlug es vor in grausamer Verspottung ihrer alten Schwäche.

»Letitia!« überlegte Richard. »Der Name gefällt mir. Beide Namen fangen mit L. an. Es liegt etwas sanftes, weibliches in den L.s.«

Der praktische Ripton bemerkte, daß es geschrieben immer wie ein Pfundzeichen aussähe. Des Liebenden Gedanken schweiften durch goldene Haine. Lucy Feverel! das klingt besser! Wenn ich doch wüßte, wo Ralph ist. Ich würde ihm gerne helfen. Er liebt meine Cousine Klara. Er wird nichts Vernünftiges anfangen, solange er nicht verheiratet ist. Kein Mann kann es. Ich werde hunderte von Dingen tun, wenn es erst vorüber ist. Zuerst werden wir reisen. Ich will die Alpen sehen. Man weiß nicht, was die Erde ist, solange man nicht die Alpen gesehen hat. Was für eine Freude es ihr machen wird! Ich kann mir schon vorstellen, wie sie die Augen zu ihnen aufschlagen wird.

Und ach, ihre Augen, die zum Himmel blicken
Mit gleicher Schönheit – – und so weiter.

»Wundervoll! Diese Verse wurden von einem Manne geschrieben, Rip, der früher ein Freund meines Vaters war. Ich beabsichtige ihn aufzusuchen und sie wieder zu versöhnen. Du machst dir nichts aus Versen. Du brauchst dir auch keine Mühe damit zu geben, Rip!«

»Sie klingen sehr hübsch,« sagte Rip und schwieg dann bescheiden.

»Die Alpen, Italien, Rom! und dann werde ich nach dem Orient gehen,« fuhr der Held fort. »Sie ist bereit, 330 überall mit mir hinzugehen, das liebe, tapfere Herz! Ach der glorreiche, goldene Osten! Ich träume von der Wüste. Ich träume, ich sei der Häuptling eines Araberstammes, und ganz in weiß gekleidet fliegen wir im Mondenscheine auf unsern Rossen dahin, um meinen Liebling zu befreien! Und wir werfen unsere Speere und wir zerstreuen die Feinde und ich komme zu dem Zelt, wo sie zusammengekauert sitzt, und reiße sie auf meinen Sattel und fort geht es! – Ach, Rip, was für ein Leben!«

Ripton versuchte es sich vorzustellen, daß auch er Vergnügen an so etwas finden könnte.

»Und dann werden wir nach Hause kommen, und ich werde ein Leben führen wie Austin und sie wird mir helfen. Zunächst sei tugendhaft, Rip! Und dann diene deinem Vaterland mit Herz und Seele. Ein weiser Mann hat so zu mir gesprochen. Ich denke, ich werde etwas leisten.«

Sonnenschein und Wolken, Wolken und Sonnenschein gingen über den Liebenden hin. Bald schien sein Leben ein enger Kreis, bald dehnte sich die Ferne, nahm Flügel an, flog mit ihm in das Grenzenlose. Noch vor einer Stunde war ihm jede Speise verhaßt. Nun erfrischte er seinen Körper in männlicher Weise und stimmte in Algernons Lobpreisungen über Miß Letitia Thompson ein.

Unterdes schlief die Schönheit, bewacht von dem freiwilligen Veteranen in der Gefolgsmannschaft des Helden. Lucy erwachte aus Träumen, die wie Wirklichkeit erschienen, zu einer Wirklichkeit, die ein Traum war. Sie erwachte und rief nach einer Freundin, »Margaret!« und hörte, wie jemand sagte: »Mein Name ist Bessy Berry, meine Liebe! nicht Margaret.« Dann fragte sie in Mitleid erregenden Tönen, wo sie wäre, und wo Margaret wäre, ihre liebe Freundin, und Mrs. Berry flüsterte: »Sie haben doch jetzt einen lieben Freund!«

331 »Ach!« seufzte Lucy und sank in ihre Kissen zurück, überwältigt durch ihre seltsame Lage.

Mrs. Berry schloß die Krause an ihrem Nachthemde und strich die Bettücher ruhig zurecht.

Ihr Name wurde gehaucht.

»Ja, meine Liebe?« sagte sie.

»Ist er hier?«

»Er ist fortgegangen, meine Liebe.«

»Fortgegangen? – Ach, wohin?« Das junge Mädchen richtete sich eilig auf.

»Er ist fortgegangen, um bald wieder zurückzukommen. Ach, ist das ein junger Herr!« rief Mrs. Berry. »Keinen Bissen hat er gegessen, keinen Tropfen hat er getrunken.«

»Ach, Mrs. Berry! weshalb haben Sie ihm nicht zugeredet?« Lucy weinte um den verhungerten Helden, der grade in diesem Augenblick mächtig schmauste.

Mrs. Berry erklärte, auch für die klügste Frau wäre es eine reine Unmöglichkeit, jemanden zum Essen zu bewegen, der glaubte, daß sein Herzensliebling sterben würde, und Lucy starrte mit großen Augen in die Kerze und sann über diese tiefe Wahrheit nach. Sie brauchte jemand, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Sie streckte ihre Hand unter der Decke hervor, nahm Mrs. Berrys Hand und küßte sie. Eines weiteren Geständnisses bedurfte es nicht, und Mrs. Berrys üppiger Busen lehnte sich über das Kopfkissen und flehte den Himmel an, die beiden zu segnen! – Dadurch wurde die kleine Braut nun wieder beunruhigt und wunderte sich, wie Mrs. Berry es erraten haben konnte.

»Aber man sieht doch die Liebe in Ihren Augen, und in allem, was Sie tun,« sagte Mrs. Berry, und die kleine Braut wunderte sich wieder sehr. Sie glaubte, sie wäre so sehr vorsichtig gewesen, es nicht zu verraten. Sie waren beide Frauen und freuten sich je nach der besonderen Art 332 ihrer Frühlingsgefühle. Und dann versuchte Mrs. Berry die süßen Einzelheiten dieses schönen Liebesbundes zu erfahren, aber die Lippen der jungen Braut waren verschlossen. Sie erzählte nur, daß ihr Liebender im Range über ihr stände.

»Und Sie sind katholisch, meine Liebe!«

»Ja, Mrs. Berry!«

»Und er ein Protestant.«

»Ja, Mrs. Berry!«

»Aber, aber! und warum sollten Sie auch nicht?« rief sie dann gleich, als sie sah, daß das bräutliche Kind wieder traurig wurde. »So wie Sie geboren sind, so sollen Sie auch bleiben! Aber Sie werden Abmachungen treffen müssen, wegen der Kinder. Die Mädchen gehen mit Ihnen zur Kirche, die Jungens mit ihm. Es ist derselbe Gott, meine Liebe! Sie brauchen darüber nicht zu erröten, obgleich es Ihnen sehr hübsch steht. Wenn der junge Herr Sie doch jetzt sehen könnte!«

»Aber bitte, Mrs. Berry!«

»Aber er wird Sie doch so sehen, meine Liebe!«

»Ach, bitte, Mrs. Berry!«

»Und den Gedanken daran können Sie noch nicht einmal ertragen! Na – ich wünschte, es wären Väter und Mütter auf beiden Seiten., und alle Papiere unterschrieben und Brautjungfern und ein Hochzeitsfrühstück! aber Liebe ist Liebe, und wird es immer sein, trotz alledem!«

Sie machte noch weitere und tiefere Tauchversuche in das kleine Herz, aber obgleich sie Perlen hervorbrachte, so waren sie doch nicht von der Art, wie sie sie suchte. Die eine Tatsache, die als Frucht am Baum ihrer Liebe hing, hatte Lucy ihr gegeben; treu ihrem Geliebten wollte sie nicht Wachstum und Geschichte ihrer Liebe enthüllen, wie bitter sie sich auch danach sehnte, alles vor dieser 333 lieben, alten Beichtmutter auszuschütten. Ihr Benehmen trieb Mrs. Berry von der rosigen zu der herbstlichen Ansicht über die Ehe, die man gewöhnlich damit einleitet, daß man die Ehe für eine Lotterie erklärt.

»Und wenn Sie Ihr Los sehen, wissen Sie noch nicht, ob es ein Treffer oder eine Niete ist. Und der Himmel weiß! einige bilden sich ein, es ist ein Treffer, und dann dreht es sich um und zerreißt sie. Ich zog mit Berry eine Niete. Für mich wurde er eine schwarze Beere! Sie dürfen ruhig darüber lachen! er war es wirklich, und ich war so stolz auf ihn gewesen, wie Sie sich nur vorstellen können, meine Liebe!« Mrs. Berry drückte ihre Hände flach auf ihre Schürze. »Wir waren noch nicht drei Monate Mann und Frau gewesen, als dieser Mann – es war nicht in den Flitterwochen, manche können nicht einmal das sagen – als dieser Mann – Ja! er stieß mich! Seine angetraute Frau stieß er! Ach!« sie seufzte, und Lucy machte große Augen. »Ich hätte das ertragen können. Ein Schlag trifft noch nicht das Herz,« das arme Geschöpf legte die Hand auf diese zarte Stelle. »Ich hörte nicht auf ihn zu lieben, denn ich bin ein sanftes Wesen. So groß, wie ein Grenadier ist er, und wenn er nicht im Dienst ist, läßt er seinen Schnurrbart wachsen. Ich nannte ihn gewöhnlich meinen Leibgardisten – wie die Königin! Ich schmeichelte ihm, wir Frauen sind ja solche Narren. Denn das können Sie mir glauben, meine Liebe, es gibt nichts hier auf der Erde, was so eitel wäre, wie ein Mann! Das weiß ich. Aber das habe ich nicht verdient. – Ich bin eine vorzügliche Köchin – – – das habe ich auf keine Art verdient.« Mrs. Berry schlug sich aufs Knie und gab den Höhepunkt ihrer Rede mit besonderem Nachdruck: »Ich habe seine Wäsche gestickt. Ich hab' nach seinem Ausputz gesehen – so nannte er seine Kleider, der schlechte Mann! Ich war seine Dienerin, 334 meine Liebe! und da – es waren neun Monate – neun Monate nach dem Tage, an dem er geschworen hatte mich zu beschützen und zu behüten – neun Kalendermonate nach dem Tage, und da – geht mein Herr durch mit einer andern Frau! Fleisch von seinem Fleisch! – pah!« rief Mrs. Berry, als sie sich lebhaft das erlittene Unrecht ins Gedächtnis zurückrief. »Hier ist mein Ring! Ein schöner Ausputz! Was hat er zu bedeuten? Ein dutzendmal am Tage möchte ich ihn vom Finger reißen. Er ist ein Symbol? Ich nenne es Narrheit, wenn eine lebendig Tote ihn trägt, eine, die eine Witwe ist, und doch keine Witwe, und findet für das, was sie ist, keinen Namen in keinem Wörterbuch. Ich habe nachgesehen, meine Liebe und« – sie breitete ihre Arme aus – »kein Wörterbuch hat einen Namen für eine, wie ich bin!«

Bei diesem großen Schmerz zitterte Mrs. Berrys Stimme vor Schluchzen. Lucy sprach liebevoll mit der Armen, die in keinem Wörterbuch zu finden war. Der Kummer des Herbstes enthält keine Warnung für den Frühling. Trotz all ihres zarten Mitleids fühlte sich die junge Braut nur noch glücklicher, nachdem sie die rührende Geschichte ihrer Wirtin von der Schlechtigkeit der Männer gehört hatte, ließ diese doch den Ruhm ihres Helden noch heller erstrahlen. Aber nach einem kurzen Flug in unbeschreibliche Glückseligkeit fiel sie wieder herab, getroffen von dem Gedanken an eine der hundert argusäugigen Fährlichkeiten.

»Ach, Mrs. Berry! Ich bin noch so jung. Denken Sie doch – nur eben siebzehn!«

Mrs. Berry trocknete ihre Augen und sah gleich wieder ganz fröhlich aus. »Jung, meine Liebe! Unsinn! Manchmal schadet es gar nicht so sehr, wenn man jung ist. Ich kannte eine irische Dame, die heiratete, wie sie vierzehn war. Ihre Tochter heiratete ein bißchen älter als 335 vierzehn; mit dreißig Jahren war sie Großmutter! Wenn sie mit irgend einem fremden Mann zu sprechen anfing, fragte sie meistens, welche Façon Hauben für Großmütter modern wäre. Da wurde sie angestarrt! Himmel! Die Großmutter hätte gut noch zehnmal selbst heiraten können. Es war die Schuld ihrer Tochter, wissen Sie, nicht ihre.«

»Sie war noch drei Jahre jünger,« überlegte Lucy.

»Sie heiratete unter ihrem Range, meine Liehe. Ging mit dem Sohn von ihres Vaters Pächter durch. Ach, Berry, hat sie oft zu mir gesagt, – wenn ich nicht so dumm gewesen wäre, würde ich jetzt eine große Dame sein und nicht eine Großmutter! Ihr Vater hat ihr niemals verziehen – und sein ganzes Vermögen ging aus der Familie.«

Lucy war es wichtiger zu erfahren, ob ihr Mann sie immer geliebt hätte.

»Auf seine Art, meine Liebe, hat er es wohl getan,« sagte Mrs. Berry, aus ihrer ehelichen Weisheit sprechend. »Er konnte nicht anders. Wenn er aufhörte, fing er immer wieder an. Sie war so klug und machte es ihm so behaglich. Kochen konnte sie! Es konnte in keiner Staatsküche eine bessere geben; wahrhaftig nicht! Und dabei war sie doch als vornehme Dame geboren! Das zeigt Ihnen, wie es die Pflicht aller Frauen ist! Sie pflegte zu sagen – ›Wenn das Wohnzimmerfeuer herunterbrennt, muß man Kohlen auf das Küchenfeuer legen!‹ und das ist ein gutes Wort, das man hoch halten sollte. So ist der Mann! es hilft uns gar nichts, wenn wir sein Herz haben, wir müssen auch seinen Magen haben!«

Da es ihr einfiel, daß sie vielleicht nicht verstanden würde, fügte Mrs. Berry rasch hinzu: »Davon wissen Sie noch nichts, meine Liebe. Passen Sie aber auf und 336 hören Sie auf das, was ich Ihnen sage: vernachlässigen Sie nicht Ihr Kochen. Küssen hält nicht vor, aber Kochen tut's.«

So brach sie mit einem Aphorismus ab, der wert gewesen wäre in das Manuskript des Pilgers aufgenommen zu werden und ging hinaus, um für ihre liebe Kranke eine Speise zu bereiten. Lucy fühlte sich ganz wohl und wollte sehr gern aufstehen, um fertig zu sein, wenn man an der Tür klopfte. Mrs. Berry, in ihrer liebevollen Sorgfalt für die junge Braut, verlangte aber sehr entschieden, daß sie sich wieder hinlegen und sich ruhig halten und sich hüten und pflegen lassen sollte. Denn Mrs. Berry wußte sehr wohl, daß sie nur Aussicht hätte, den Helden zehn Minuten allein zu sprechen, so lange die kleine Braut in unerreichbarer Lage wäre.

Dank ihrer Strategie, wie sie überzeugt war, erreichte sie ihr Ziel. Der Abend ging nicht zu Ende, ohne daß sie aus dem Munde des Helden selbst erfahren hatte, daß Mr. Richard, der Vater des Helden, ein sehr ernster Rechtsanwalt, gegen die Verbindung seines Sohnes mit der Dame, die er liebte, wäre, wegen eines seiner Mündel, der Erbin eines ungeheuren Vermögens, von der er wünschte, daß sein Sohn sie heiraten sollte; und weil seine geliebte Letitia eine Katholikin wäre – Letitia wäre die einzige Tochter eines schon verstorbenen Marineoffiziers und in der Gewalt eines wütenden Onkels, der diese Schönheit seinem Sohne opfern wollte. Mrs. Berry lauschte gläubig dieser eindrucksvollen Erzählung und sprach ihre Ansicht darüber aus, daß die Schlechtigkeit der alten Leute eine Entschuldigung für die Tollheiten der Jugend bilde. Nachdem die feierliche Ablegung von Schwüren der Verschwiegenheit und Hingebung vorüber war, wurde sie in die Gefolgsmannschaft des Helden aufgenommen, welche nun drei Personen zählte, und nahm 337 mit weiblicher Energie ihre Pflichten auf, denn kein Verschwörer tut es den Frauen gleich. Riptons Leutnantsstellung wurde zur Sinekure, sein Rang nur ein Titel. Er war noch nie verheiratet gewesen, er wußte nichts vom Aufgebot, ausgenommen, daß man es haben mußte und daß es nicht schwer zu erlangen war – er hatte keine Ahnung davon, daß der Geistliche der Gemeinde, wo einer der Ehegatten ansäßig war, so und so lange vorher benachrichtigt werden mußte. Wie sollte er das auch wissen? Alles, worauf sich seine Vorsorge richtete, war der Ring, und jedesmal, wenn das Gespräch über die Vorbereitungen für das große Ereignis besonders heiß und wichtig wurde, pflegte er mit einem schlauen Kopfnicken zu sagen: »Sie wissen, Mrs. Berry, wir müssen nicht vergessen, den Ring zu besorgen!« und das neue Mitglied der Verschwörung wurde nur durch ihre natürliche Liebenswürdigkeit davon zurückgehalten, auszurufen:

»Ach, zum Teufel! mit Ihnen und Ihrem Ring!« Mrs. Berry hatte eine hervorragende Rolle bei fünfzehn Heiraten gespielt, mit und ohne Aufgebot, und wenn man ihr nun immer mit einem so selbstverständlich notwendigen Gegenstand in den Ohren lag, das konnte ihre Geduld erschöpfen. Sie hätten mit keinem besseren Gehilfen, mit keiner bedeutenderen Autorität einen Bund schließen können – sie gestanden es sich gegenseitig ein. Der Held marschierte auf ihr Geheiß wie ein Automat. Leutnant Thompson war glücklich, wenn er zum besten des Unternehmens die Dienste eines Laufburschen ausführen durfte.

»Ich tu's in der Hoffnung, daß Sie glücklicher werden als ich,« sagte die treue und mitleidige Berry. »Man sagt, daß die Ehen im Himmel geschlossen werden, und wenn das so ist, dann sage ich, daß sie da oben nicht viel Rücksicht auf uns nehmen!«

338 Sie hatte dem Helden für seine Erzählung von den grausamen Eltern ihre eignen schmerzlichen Erfahrungen zum besten gegeben.

Richard schwur ihr, daß er es hinfort für seine Pflicht halten würde, den Ausreißer aus den ehelichen Banden aufzujagen und ihn gebunden und reumütig zurückzubringen.

»Ach, er wird schon kommen!« sagte Mrs. Berry und zog ihr Gesicht in prophetische Falten: »er wird schon von selbst kommen! Er wird niemals irgendwo jemand finden, der so kochen kann wie Bessy Berry! Und in seinem innersten Herzen kennt er ihren Wert. Und ich glaube wirklich, wenn er kommen sollte, werd' ich ihm diese Arme wieder öffnen und ihm nicht seine Unverschämtheit ins Gesicht schlagen – ich bin nun mal so gutmütig! Ich war immer so in der Ehe, Mr. Richards!«

Wie wenn Nationen sich heimlich zum Kriege rüsten und die Docks und Arsenale Tag und Nacht hämmern und geschäftige Unternehmer die Zeit zollweise abmessen und die ganze Luft meilenweit in der Runde summt, als wenn Myriaden von Bienen beschäftigt wären, so hallte das Haus und die Nachbarschaft der in der Ehe Sanftmütigen wieder im heroischen Stile und wußte wenig von dem Wechsel des Lichts, der durch die Schöpfung bestimmt ist. Mrs. Berry war die Führerin des Tages. Nach dem Gerichtshof von Doktors Commons schickte sie den Helden wohl instruiert, wie er dem Gesetz kühn entgegentreten und eine Geschichte ersinnen sollte: denn das Gesetz könnte einer gut ersonnenen und mit Kühnheit vorgebrachten Geschichte niemals widerstehen. Nach dem Gerichtshof von Doktors Common ging der Held und stellte sich vor. Und man sehe! Das Gesetz tanzt ihm seinen ehrbarsten, lieblichsten Bärentanz. Denkt ihr, das Gesetz wäre ihm gegenüber weniger gefühlvoll, als Fleisch und Blut? Mit 339 wunderschönem Vertrauen legte es ihm die wenigen bekannten Fragen vor und nickte zu seinen Antworten: unterstempelte das Aufgebot – und kassierte die Gebühren ein. Das Gesetz muß in seinem Herzen ein alter Vagabund sein, daß es erlauben kann, sei es auch für einen Helden, daß das Unwiderrufliche so billig zu erlangen ist. Denn beobachte es nur einmal, wenn es von Helden und Heldinnen gebeten wird, das wieder ungeschehen zu machen, was es so leicht getan hat! Der enge Torweg zu Doktors Commons scheint ein Nadelöhr zu sein, durch welches die magere Börse auf irgend eine Weise leichter hindurch schlüpft, als die volle; aber wenn sie einmal hindurch sind, sind alle Kamele gleich, und die magere Börse wird zu einem besonders dicken Kamel. Wenn das Gesetz so ungeheuer viel Heiraten zuläßt, kann es kein Gewissen haben.

»Ich hatte nicht die geringste Schwierigkeit,« sagte der überglückliche Held.

»Natürlich nicht!« erwiderte Mrs. Berry. »Wenn man es ernstlich will, ist es ebenso leicht, wie einen Rosinenkuchen zu kaufen.«

Ebenso ging der Gesandte des Helden, um das Versprechen der Kirche zu erlangen, an einem bestimmten Ort und an einem bestimmten Tage bereit zu sein, um den Schwur ewiger Treue zu hören und mit ihrer ganzen Kraft zu umgürten: wozu sich die Kirche, nachdem sie einen Wink von dem Gesetz erhalten hatte, dienstfertig bereit erklärte, für noch weniger als den Preis eines Rosinenkuchens.

Mittlerweile, während Handwerksleute und geschickte Frauen von Mrs. Berry angeleitet arbeiteten, um den nahenden Tag zu schmücken, schliefen Raynham und Belthorpe – das erstere tief und gesund, und ein Tag war für sie wie der andere. Regelmäßig an jedem Morgen kam ein Brief von Richard an seinen Vater, der seine 340 Beobachtungen über die Wunder von London enthielt; Bemerkungen (meistens zynische) über die Reden und Taten des Parlaments; und Gründe, weshalb er bis jetzt noch nicht seinen Besuch bei den Grandisons hatte machen können. Die Briefe waren allerdings ziemlich eintönig und farblos. Der Baron beklagte sich nicht darüber. Dieser kühle Ton der Pflicht versicherte ihn, daß keine innere Unruhe, keine Zerstreutheit vorhanden wäre. »Die Briefe physischer Gesundheit!« sagte er zu Lady Blandish mit sicherem Einblick. Wohlgefällig saß er und lächelte und ahnte wenig davon, daß seines Sohnes Prüfung unmittelbar bevorstand, und daß seines Sohnes Prüfung auch die seine werden sollte. Hippias schrieb, daß sein Neffe ihn damit umbrächte, daß er immer Verabredungen träfe, die er niemals einhielte, und daß er ihn überhaupt in der schamlosesten Weise vernachlässigte, so daß seine Magenganglien in einem zehnmal schlimmeren Zustand wären, als vor seiner Abreise von Raynham. Er schrieb sehr bitter, aber es war schwer mit einem beleidigten Magen Mitleid zu empfinden.

Auf der andern Seite, in Belthorpe, war der junge Tom Blaize nicht zurückgekommen und hatte auch gar nichts von sich hören lassen. Farmer Blaize rauchte Abend für Abend seine Pfeife, und war im höchsten Maße beunruhigt. London war eine große Stadt – der junge Tom konnte darin verloren gehen; und der junge Tom hatte seine Schwächen. Ein Wolf in Belthorpe, konnte er doch in London ein Schaf sein, als was sich Landjünglinge schon oft gezeigt haben. Aber was war aus Lucy geworden? Dieser Gedanke brachte Farmer Blaize beinahe selbst nach London, und er wäre auch hingegangen, hätte seine Pfeife ihn nicht aufgeklärt. Ein junger Bursche konnte ein Durchgänger sein und in die Patsche geraten – aber von einem jungen Mann und einem jungen Mädchen 341 zusammen würde man sicherlich hören, vorausgesetzt, daß sie nicht in Übereinstimmung handelten. Natürlich hatte der junge Tom wie ein Mann gehandelt, – der Schurke! und sie auf der Stelle geheiratet, so lange er die gute Gelegenheit hatte. Die Erklärung war etwas weit hergeholt. – Und doch war es die einzig mögliche Art, sein außerordentliches Stillschweigen zu erklären, und deshalb hielt sich der Farmer daran, daß er es getan haben müsse. Er urteilte, wie es moderne Menschen zu tun pflegen, die nicht an die Existenz eines Helden glauben, der gewöhnliche Berechnungen über den Haufen wirft. Nachdem er einen Brief an einen Freund in der Stadt geschrieben und ihn gebeten hatte, nach Tom auszuschauen, fuhr er also vor der Hand fort seine Pfeife zu rauchen und fühlte sich eigentlich ganz befriedigt. Er überlegte schon, wie schlau er sich benehmen wollte, wenn der Herr Hochzeitsreisende erscheinen würde.

Gegen die Mitte der zweiten Woche von Richards Abwesenheit kam Tom Bakewell nach Raynham, um Kassandra zu holen, und händigte der Großtante im geheimen einen Brief ein, mit der Bitte um Geld, und zwar um eine beträchtliche Summe. Die Großtante blieb ihrem Worte treu und gab Tom ihrerseits einen Brief, der eine Anweisung auf ihren Bankier enthielt, die ausreichend dafür sorgte, die heroische Maschine in Gang zu erhalten. Tom reiste wieder ab uns Raynham und Lobourne schliefen und träumten nicht von dem kommenden Tage. Das System, mit der Zeit vermählt, schlief und wußte nicht, wie es vergewaltigt worden war, und daß man die sieben fetten Jahre vorausgenommen hatte. Denn die Zeit hatte gehört, wie der Held das gesetzlich bestätigende Dokument beschworen hatte, und hatte den Schwur eingetragen. Ach, die ehrwürdige Zeit! Sie kann nicht verzeihen. Die Hälfte von der Verwirrung und Aufregung der Welt rührt 342 von der Rache her, die die Zeit den Unschuldigen geschworen hat, die ihr zufällig einmal ein Unrecht zugefügt haben. Sie können ihr nicht entwischen. Sie werden die Rache niemals überleben. Wenn die Zeit auch Scherze hervorbringt, so ist sie doch selbst nicht scherzhaft; und es scheint die Aufgabe der Menschen zu sein, das herauszufinden. Die Tage rollen dahin. Die Zeit ist ihnen jetzt dienstbar. Mrs. Berry hat ein neues Atlaskleid, einen wunderschönen Hut, eine goldene Brosche, sehr zarte Handschuhe, was ihr alles der Held geschenkt hat, damit sie darin morgen neben seiner Braut am Altar stehen möge, und anstatt eine alte vorsichtige Henne zu sein, ist sie ebenso sehr ein unvorsichtiges Hühnchen, wie nur irgend einer aus der Gesellschaft; so zauberhaft haben die Geschenke gewirkt. Sie erwartet, daß die Väter mit den Taten ihrer Kinder zufrieden sein werden, daß die Welt zufrieden sein wird, so gestaltet zu werden, wie es dem Helden beliebt.

Schließlich bringt die Zeit den Vorabend der Hochzeit und wird als Wohltäterin gesegnet. Die letzten Vorbereitungen sind getroffen; der Bräutigam geht fort und Mrs. Berry leuchtet der kleinen Braut zu Bett. Lucy hält auf dem Treppenabsatz an, wo eine alte Uhr steht, die in dieser Nacht außerordentlich genau zeigt; es ist die zitternde Pause vor den Pforten ihrer Verwandlung. Mrs. Berry sieht, wie sie ihren rosigen Finger auf die »Eins« legt, die die Uhr zu schlagen im Begriff ist, und wie sie alle Stunden, eine nach der andern, berührt, bis sie zu der »Zwölf« kommt, die das Wort »Frau« ihr morgen wird ertönen lassen. Ihre Lippen bewegen sich, und sie sieht sich schelmisch und doch feierlich um, nachdem sie es getan hat, und dieser Anblick trifft Mrs. Berrys Herz, und da sie nicht annimmt, daß die Zeit des armen Kindes Feind sein könnte, bringt sie ihre Kerze in Gefahr, indem sie Lucy warm in ihre Arme schließt und halb weinerlich flüstert: 343 »Gott segne dich, mein Liebling! Du unschuldiges Lamm! Du wirst glücklich werden! Du wirst es!«

Die alte Zeit schaut grimmig voraus.

 

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