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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Enthält eine Fürsprache zugunsten der Heldin.

In allen Fällen, in denen zwei sich vereinigt haben, um ein Unrecht zu begehen, laßt die Strafe des einen der beiden nur leicht sein,« ist ein Ausspruch aus dem Manuskript des Pilgers.

Jugendliche Köpfe können wohl richtige Pläne für ihre Handlungen ersinnen, und hin und wieder ist es ihnen auch möglich, – durch die Kraft ihres Willens, die wilden Pferde aufzuhalten, die unruhig darauf warten mit ihnen fortzustürmen. Aber wenn sie Zügel und Peitsche einem 313 andern überlassen haben, was können sie dann noch tun? Sie mögen sich auf die Kniee werfen und bitten und betteln, daß der ungestüme Rosselenker anhalten oder seinen Schritt mäßigen möge. Ach! alles was sie tun, verdoppelt nur seinen Eifer. In der geängstigten Schönheit liegt eine Macht, die die Frauen zu benutzen lernen, und kann man sich darüber wundern? Sie haben so oft gesehen, daß diese Macht Ilium in Flammen gesetzt hat. Ehe sie in dem Hause des Menelaus zu Matronen heranreifen, weinen und flehen sie und wissen wahrlich nicht, wie schrecklich zweischneidig die Gabe der Schönheit ist, die ihnen verliehen wurde. Sie unterwerfen sich einer unbegreiflichen Leidenschaft, die ihnen angenehm ist, weil sie sie einer übergroßen Liebe zuschreiben. Und so werden die sehr vernünftigen Dinge, die sie sagen könnten und auch sagen, vergebens ausgesprochen.

Ich halte es für abgeschmackt, von den Frauen zu verlangen, daß sie ganz aufrichtig sein sollen. Sind es nicht ihre eignen Pferde, die in jenem Gespanne gehen? Wenn sie ganz aufrichtig wären, würde ihr Herr sicherlich bald so ruhig werden, wie ein gewöhnlicher Fuhrmann. Es gibt hundert verschiedene Wege ihn zu entnüchtern, und Adrian könnte auch gleich ein oder zwei nennen, von denen er meint, daß sie sofort wirksam sein würden. Wenn Liebe stürmisch dahinjagt, wird sie leicht zu Fall gebracht, während eine ruhig dahintrabende Liebe bis zum Schluß auf den Beinen bleibt. Zugegeben, daß die lieben Frauen es nicht ganz aufrichtig meinen, so sollten wir ihnen doch das, was sie sagen, zu ihren Gunsten anrechnen. Sie meinen, was sie sagen, ihre Herzen wenden sich nur nach der unrechten Seite. Sie bringen dem Urteil der Menge eine verzweifelte pathetische Huldigung dar und schlagen ihr ins Gesicht durch das, was sie tun. Bestraft Helena nur leicht, solange sie noch sehr jung ist. Nachdem sie ein 314 gewisses Alter erreicht hat, könnt ihr eine besondere Strafe für sie ersinnen. Mit Theseus ist sie noch unschuldig – mit Paris eine erfahrene Brandstifterin.

Das schöne junge Mädchen saß, wie ihr Geliebter sie verlassen hatte; sie versuchte ihre verwirrten Gedanken zu sammeln. Sie hatte ihren Hut nicht abgenommen, ihre Hände lagen gefaltet auf ihren Knien; große Tränen standen in ihren Augen. Wie eine pflichtgetreue Sklavin stand sie auf, als er kam. Zuerst nahm er ihre Lippen in Anspruch. Eine Rede wartete dort auf ihn, aus all der Weisheit zusammengesetzt, die ihre ungewöhnliche Lage und ihre treue Liebe zusammenbringen konnte; aber sein Kuß vernichtete all diese Weisheit. Sie ließ sich weinend auf einen Stuhl fallen, und verbarg ihre schamhaft brennenden Wangen.

Aus seinem Schweigen erriet sie seine Gedanken und nahm seine Hand und zog sie an ihre Lippen.

Er beugte sich über sie und bat sie, sie möchte ihn ansehen:

»Sieh mir in die Augen.«

Sie konnte es nicht.

»Fürchtest du dich vor mir, Lucy?«

Ein zitternder Druck der Hand antwortete ihm.

»Bist du mir gut, mein Liebling?«

Sie zitterte von Kopf bis Fuß.

»Warum wendest du dich denn von mir ab?«

Sie weinte. »Ach, Richard, bringe mich nach Hause! bringe mich nach Hause!«

»Sieh mich doch an, Lucy!«

Ihr Haupt wendete sich ihm schüchtern zu.

»Sieh mir fest in die Augen, Liebling! Und nun sprich!«

Aber sie konnte ihn nicht ansehen und dabei sprechen. Der Liebende wußte, wie er sie beherrschte, wenn sie ihn ansah.

315 »Du wünscht, daß ich dich nach Hause bringe?«

Sie zitterte. »Ach, Richard, noch ist es nicht zu spät!«

»Du bereust, was du für mich getan hast?«

»Ach, Liebster, es ist Verderben!«

»Du weinst, weil du eingewilligt hast, die Meine zu sein?«

»Nicht um meinetwillen! Ach, Richard!«

»Du weinst um meinetwillen? Sieh mich an! Um meinetwillen?«

»Wie soll es enden! Ach, Richard!«

»Du weinst um meinetwillen?«

»Liebster! Ich möchte für dich sterben!«

»Möchtest du, daß mir die ganze Welt gleichgültig würde? Möchtest du, daß ich untergehe? Glaubst du, daß ich noch einen Tag in England leben würde ohne dich? Ich habe alles, was ich habe, auf dich gesetzt, Lucy. Du hast mich schon einmal beinahe getötet. Noch einmal, und die Erde wird nicht mehr durch mich beunruhigt werden. Du verlangst von mir, daß ich warten soll, wenn sie von allen Seiten gegen uns Pläne schmieden? Mein Liebling, meine Lucy! sieh mich an. Sieh mich mit deinen lieben Augen an. Du verlangst von mir, daß ich warten soll, wenn du mir hier gegeben bist – wenn du meine Treue erprobt hast – wenn wir wissen, daß wir uns lieben, wie vorher niemand geliebt hat. Laß mich deine Augen sehen! Laß sie mir sagen, daß ich dein Herz besitze!«

Wo blieb nun ihre weise kleine Rede? Wie konnte sie einer solch mächtigen Beredsamkeit gewachsen sein? Sie suchte einige Bruchstücke ihrer Weisheit zusammen.

»Liebster! Dein Vater kann vielleicht allmählich dahin gebracht werden einzuwilligen, und dann – ach! wenn du mich jetzt nach Hause bringst –«

316 Der Liebende stand auf. »Er, der den schönen Plan ersonnen hat, dir Schande zu bringen und dich zur Märtyrerin zu machen? So wahr ich lebe! Das ist der Grund, weshalb sie dich nach Hause haben wollen. Deine alte Dienerin hörte, wie er und dein Onkel darüber sprachen. Er! Ach, Lucy! er ist ein guter Mann, aber er muß sich nicht zwischen dich und mich drängen. Gott hat dich mir gegeben.«

Er beugte sich wieder zu ihr nieder und seine Arme umschlossen sie.

Sie hatte gehofft, einen besseren Kampf zu kämpfen, als am Morgen, und sie war noch schwächer, noch hingebender.

Ach! warum sollte sie daran zweifeln, daß seine große Liebe das erste Gesetz für sie wäre? Warum sollte sie nicht daran glauben, daß sie ihn verderben würde, wenn sie sich ihm widersetzte? Und wenn sie litt, war es nicht süß zu denken, daß es um seinetwillen geschah! War es nicht süß, alle Weisheit auszuschließen, in vollkommener Blindheit, nur von ihm geführt zu werden!

Die alte Hexe Weisheit beunruhigte sie weiterhin nur noch wenig. Sie schüttelte unheilverkündend ihre Gewänder und verschwand.

Leise wie ein Hauch kam es von den Lippen des schönen Mädchens: »Ach, mein geliebter Richard!«

Er flüsterte: »Nenne mich noch einmal wie vorher!«

Sie errötete tief.

»Nenne mich noch einmal so,« wiederholte er. »Du sagtest es einmal heute!«

»Liebster!«

»Das nicht!«

»Ach Liebling!«

»Das nicht.«

»Mein lieber Mann!«

317 Sie war gewonnen. Die rosige Pforte, aus der das Wort entflohen war, wurde mit einem Siegel geschlossen.

Ripton hatte an diesem Abend nicht mehr die Freude, dem schönen, gefangenen Vogel vorgestellt zu werden. Er empfing unten von der würdigen Wirtin eine Lektion im Aushorchen, bis sie schließlich anfing zu gähnen und er die Augen nicht mehr offen halten konnte, und die Kerze, die zwischen ihnen brannte, mit Würde den mitternächtlichen Räuberhut trug und darunter hervor mit trunkenem Auge nach ihnen hinschielte.

 

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