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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

In welchem der Held einen wichtigen Schritt tut.

Mag es dem dahinstürmenden Helden zur Entschuldigung dienen für den Schaden, den er anrichtet, und mag es ein Trost sein für die Unglücklichen, die von seinen Wagenrädern fortgerissen werden, daß er selbst 265 gewöhnlich der letzte ist, der etwas davon weiß, wenn er einen wirklichen Anfang gemacht hat; denn wenn er auch unser Schicksal beeinflußt, so ist er doch auch wie wir andern nur ein schwaches Geschöpf. Daran erkennt man den wahren Helden, sei er nun ein Prinz oder ein Küchenjunge, daß er keine Pläne schmiedet; das Schicksal tut alles für ihn. Man kann ihn mit jemand vergleichen, der in einem elektrischen Kreise damit beauftragt ist, die Batterie zu tragen. Wir machen Luftsprünge und schneiden Gesichter nach seinem Willen, und doch ist der Wille nicht sein, und nicht sein die Macht. Es gehört alles dem Schicksal, dessen Puppe er ist. Es teilt seine Gaben durch ihn aus. Ja, wären auch unsere Luftsprünge noch so komisch, er lacht nicht. Der wahre Held hat nur seine eigene Angelegenheit im Auge, er bittet uns dann und wann um kleine Dienste, hält es für ganz natürlich, daß sie ihm gewährt werden, und sieht nichts Lächerliches in den traurigen Verrenkungen, die wir anstellen müssen, um sie zu erfüllen. Wahrscheinlich ist er der Auserwählte des Schicksals, wegen seiner bemerkenswerten Fähigkeit um sein eigenes Ziel im Auge zu haben. »Was,« wie das Manuskript des Pilgers sagt, »bei Männern ebenso hoch geschätzt werden muß, wie die Kraft, die aus dem Wasser einen Strom macht.« Dieses Präludium war notwendig zu dem gegenwärtigen Kapitel in Richards Geschichte.

Es ereignete sich im Verlauf des Jahres, während die alte Erde mit ihren Blüten beschäftigt war, der Wind frisch wehte und die kleinen Vögel sangen, daß Hippias Feverel, der Dyspeptiker, zu seinem Erstaunen fühlte, wie sich auch in ihm der Frühling regte. Er teilte seine wundervollen, neuen Empfindungen seinem Bruder, dem Baron, mit, der mit Bezug auf ihn nur immer wieder sagte: »Der arme Hippias! Seine ganze innere Maschine 266 liegt unverhüllt da!« Der Baron hegte keine Hoffnung, daß sein Bruder jemals wieder imstande sein würde, sie zu verbergen. Hippias indessen hegte diese Hoffnung und sprach sie aus, wobei er die Maschine noch besonders bloßstellte, um die Erklärung wirkungsvoll zu machen. Er sprach von all seinen physischen Experimenten mit Frohlocken und Erstaunen. Die Ausführung alltäglicher Anstrengungen, die man gewöhnlich nicht austrompetet, feierte er als Triumphe und forderte Adrians Witz natürlich sofort damit heraus. Aber jetzt konnte er das, sowie alles andere ertragen. Es war eine unaussprechliche Erleichterung für ihn, daß er wieder auf die Welt der Sterblichen blicken konnte, anstatt in die schwarzen, gespenstischen Abgründe seines eigenen, verwickelten, schrecklichen Körpers. »Mein Gemüt scheint jetzt nicht so beunruhigt,« sagte Hippias mit einem kurzen Nicken und scharfen Zusammenziehen des Mundes, um seinen Zuhörern eine kleine Vorstellung von den höllischen Leiden zu geben, die er zu ertragen hätte: »Mir ist, als wenn ich jetzt über Wasser gekommen wäre.«

Ein armer Dyspeptiker mag reden, wie er will, er wird niemals Sympathie erregen oder Mitleid erfahren: und sein Stöhnen und Betteln um Barmherzigkeit ist am wenigsten dazu geeignet, jene christliche Tugend zu erwecken. Lady Blandish hatte eine mitleidige Seele und ein Herz für kleine Mäuse und Fliegen und doch konnte sie es nicht ertragen Hippias anzuhören, und Sir Austin hatte auch nur wenig Geduld mit seines Bruders Anschein von Gesundheit, der nur gerade ausreichte, seine Krankheit sichtbarer zu machen. Er erinnerte sich seiner früheren Torheiten und Ausschweifungen und hörte ihn an, wie ein Mann einen andern anhört, der sich darüber beklagt, daß er eine Schuld zu bezahlen hat, die er selbst auf sich geladen.

267 »Ich denke,« sagte Adrian, als er sah, wie Hippias' Mitteilungen aufgenommen wurden, »wenn unsere Nemesis sich im Magen festsetzt, tun wir am besten, wir spielen den Spartaner, wir lächeln und schweigen.«

Richard war der einzige, der wirklich freundlich zu Hippias war, ob aus Widerspruchsgeist oder wirklicher Zuneigung, konnte man nicht sagen, da der junge Mann in seinem Benehmen rätselhaft war. Er riet seinem Onkel, sich Bewegung zu machen, ging mit ihm spazieren, verschaffte ihm freundliche Eindrücke und wies auf unschuldige Beschäftigungen hin. Er veranlaßte Hippias, mit ihm einige der armen, alten Leute des Dorfes zu besuchen, welche den Verlust seines Vetters Austin Wentworth beklagten, und tat alles, was er konnte, um ihn aufzuwecken und der äußeren Welt mehr Einfluß auf ihn zu verschaffen. Er erreichte nicht mehr, als daß er seines Onkels Dankbarkeit gewann. Der Frühling blühte kaum länger als eine Woche für Hippias und fing dann wieder an zu schwinden. Der feste Griff, mit dem der arme Dyspeptiker die Seligkeit zu fassen gemeint hatte, ließ nach, er kam wieder unter Wasser. Er verkündigte, daß er »schwammige Dinge« fühle, ein Symptom, das seine Krankheit besonders dornenvoll machte. Der bittere Ausdruck kam wieder in sein Gesicht; er wiederholte aufs neue seine schrecklichen Halluzinationen. Er sagte Richard, daß er es aufgeben müsse mit ihm herumzugehen, es mache ihn zu elend, wenn die Leute von ihren Leiden sprächen, die Vögel wären so geräuschvoll beim Paaren – der rauhe, nackte Erdboden errege ihm Übelkeit. –

Richard behandelte ihn ebenso ernst, wie sein Vater es tat. Er fragte, was die Ärzte sagten.

»Ach, die Ärzte!« rief Hippias mit heftigem Skeptizismus. »Kein vernünftiger Mann glaubt an Medizin für chronische Leiden. Hast du vielleicht zufällig von irgend 268 einem neuen Mittel gehört, Richard? Nicht? Ich kann dich versichern, mein Junge, sie annonzieren sehr viele Kuren für Magenkranke in den Zeitungen. Ich würde gerne wissen, ob man sich auf die Echtheit der Unterschriften verlassen kann. Ich sehe gar keinen Grund, weshalb es nicht eine Kur für solch eine Krankheit geben sollte. – He? und es ist gerade etwas, was ein Quacksalber, wie man sie nennt, eher finden könnte, als einer, der sich in den ausgetretenen Geleisen bewegt. Weißt du, mein lieber Junge, ich habe oft gedacht, daß, wenn wir auf irgend eine Art die außerordentlichen Verdauungskräfte, die eine Boa constrictor in ihrem Magensaft hat, uns zu eigenem Gebrauch verschaffen könnten, wirklich gar kein Grund vorhanden wäre, weshalb wir nicht bequem mit so viel von einem Ochsen sollten fertig werden können, als unser Magen halten kann, und französische Gerichte sollten essen können ohne den elenden Gedanken an die Folgen. Und das bringt mich auf den Gedanken, daß jene Burschen doch vielleicht etwas Wahrheit besitzen könnten, irgend ein Geheimnis, von dem sie natürlich verlangen, daß man es ihnen bezahle. Wir hegen zu viel Mißtrauen gegeneinander in dieser Welt, Richard. Ich habe schon ein- oder zweimal die Neigung verspürt – aber es ist ja abgeschmackt! – Wenn es nur ein klein wenig von meinen Leiden lindern wollte, dann wäre ich schon zufrieden. Ich zögere nicht, es auszusprechen, daß ich schon ganz zufrieden wäre, wenn es nur ein oder zwei Leiden aufheben würde und ich essen und trinken könnte, wie andere Menschen. Nicht, daß ich diese Mittel versuchen wollte. Es ist nur so ein Gedanke – He! Wie wichtig doch die Gesundheit ist, mein lieber Junge! Ach, wenn ich wäre wie du! Ich war auch einmal verliebt!«

»So!« sagte Richard und sah ihn kalt an.

269 »Ich habe vergessen, was ich damals fühlte,« seufzte Hippias. »Du hast dich sehr zu deinem Vorteil verändert, mein lieber Junge!«

»Die Leute behaupten es,« meinte Richard.

Hippias sah ihn erwartungsvoll an. »Wenn ich nach der Stadt ginge, um des Doktors Meinung über eine neue Kur zu erfahren – He, Richard? Würdest du dann mit mir kommen? Ich würde dich sehr gerne zur Gesellschaft haben. Sieh mal, wir könnten dann zusammen London sehen. Uns amüsieren,« sagte Hippias und rieb sich die Hände.

Richard lächelte bei dem schwachen Schein von Vergnügen, der aus seines Onkels Augen sprach und sagte, daß er es für besser hielte, sie blieben wo sie wären – eine Antwort, die sehr unbestimmt klang. Hippias war aber ganz eingenommen von dem lockenden Plane. Er ging zu dem Baron und legte ihm die Sache vor, indem er natürlich die Ärzte als den Grund seiner Reise anführte, nicht die Quacksalber, und bat um die Erlaubnis, Richard mitnehmen zu dürfen. Sir Austin fing an unruhig zu werden über das Wesen seines Sohnes. Es war nicht natürlich. Sein Herz schien zu Eis erstarrt: er hatte kein Selbstvertrauen: er schien auch keinen Ehrgeiz zu haben – es schien, als hätte er auch mit dem Gift, das aus ihm entfernt worden war, die Tugend der Jugend verloren. Der Baron war geneigt zu versuchen, welche Wirkung eine kleine Reise auf ihn haben könnte, und hatte selbst schon ein- oder zweimal Richard darauf hingewiesen, daß es gut für ihn sein könnte, etwas zu reisen, worauf der junge Mann ruhig geantwortet hatte, daß er nicht den Wunsch hätte, Raynham überhaupt zu verlassen, was eine etwas zu strenge Erfüllung von seines Vaters ursprünglichen Absichten war, ihn ganz zu Hause zu erziehen. An dem Tage, an welchem Hippias seinen 270 Vorschlag machte, wurde auch von Adrian ein Vorschlag gemacht, den Lady Blandish unterstützte. Die süße Frühlingszeit regte sich in Adrian ebensowohl, wie in anderen, nicht zu ländlichen Freuden, sondern zu den Freuden der Opern-Welt und der Bravour-Arien. – Er meinte auch, daß es ratsam wäre, Richard für eine Zeitlang nach London zu bringen, ihn mit seiner Stellung bekannt zu machen und ihm einige Freiheit zu gewähren. Es wäre ziemlich sicher, daß Richards Leidenschaft ausgebrannt wäre und der Jüngling jetzt nur noch unter der Last der Asche litte. Er hatte in dem Gasthaus in Bellingham auf Richards Herzen eine Locke goldenen Haares gefunden und sie an sich genommen. Der Liebende hatte einmal mit schwachen Händen danach gefühlt und dann niemals wieder danach gefragt. Was für Seufzer und Tränen hatte diese kostbare Locke, die Miß Davenport ihm als Lucys letzte Gabe in Belthorpe in die Hand gedrückt hatte, über sich ergehen lassen! Der Baron legte sie eines Tages so hin, daß Richard sie sehen konnte, und beobachtete, wie er sie aufnahm, umdrehte und ruhig wieder fallen ließ, als ob er irgend einen ganz gewöhnlichen Gegenstand in der Hand hätte. Es beruhigte ihn in dieser Beziehung. Des jungen Mannes Liebe war tot. Dr. Clifford hatte recht: er brauchte Zerstreuung. Der Baron beschloß, daß Richard reisen sollte. Hippias und Adrian verfochten jeder seinen Plan, jeder wollte ihn haben. Hippias fehlte es nicht an Verstand, wenn er sich selbst vergessen konnte. Er bemerkte, daß Adrian zurzeit kein passender Gefährte für Richard wäre und ihn lehren würde, das Leben von einem falschen Gesichtspunkte aus zu betrachten.

»Du hast kein Verständnis für einen jungen Philosophen,« sagte der Baron. »Ein junger Philosoph ist ein 271 alter Narr,« erwiderte Hippias, unbewußt, daß sein Groll sich zu einer Sentenz geformt hatte.

Sein Bruder lächelte befriedigt und zollte ihm lauten Beifall: »Ausgezeichnet, wert deiner besten Tage! Du hast aber unrecht, wenn du es auf Adrian anwendest. Er ist niemals frühreif gewesen. Alles, was er getan hat, war, gesunden Menschenverstand auf das in Anwendung zu bringen, was er sieht und hört. Vielleicht fehlt es ihm nur an Glauben an die besseren Eigenschaften der Menschen.«

Und diese Erwägung ließ ihn nicht wünschen, seinen Sohn mit Adrian allein zu lassen. Er ließ Richard die Wahl, und da dieser erkannte, nach welcher Richtung seines Vaters Wünsche gingen, entschied er sich demgemäß. Natürlich ärgerte sich Adrian sehr darüber. Er sagte zu seinem Vorgesetzten:

»Ich hoffe, du weißt, was du tust. Ich sehe nicht ein, wie es uns zum Vorteil gereichen sollte, wenn der Familienname durch zwanzig Jahre widerliche Leiden bekannt gemacht und zum Gegenstand des Spottes wird, für die Anlage unserer Konstitution zu Magenerweiterung, ehe wir zu unserm Glück die Pillen des Herrn Quacksalbers kennen lernten. Die Leiden meines Onkels sind ungeheuer groß, aber es wäre mir lieber, wenn die Gesellschaft nicht ihre verschiedenen Benennungen kennen lernte.« Adrian zählte einige der schrecklichsten auf. »Du kennst ihn ja. Wenn er es für seine Pflicht hält, wird er es tun, gegen allen Anstand und um so eigensinniger, weil seine Auffassung ungewöhnlich ist. Wenn er sich am Morgen nach einer Pille etwas wohler fühlt, schickt er den Brief, der unseren Namen berühmt macht! Wir werden der Nachwelt überliefert mit genauester Charakteristik, ganz abgesehen von der Berühmtheit unter unsern Zeitgenossen, die sich auf nichts Geringeres gründet, als daß 272 unser Innerstes vor dem Pöbel bloßgelegt wird. Ich gestehe, daß ich keine Lust verspüre, ihm meine Maschinerie zu enthüllen.«

Sir Austin versicherte dem weisen Jüngling, daß Hippias zu Dr. Bairam gehen würde. Er besänftigte Adrians Kummer, indem er ihm sagte, daß sie in ungefähr zwei Wochen nach London folgen würden, wies auch auf einen geplanten Sommerausflug hin.

Der Tag für Richards Abreise war bestimmt worden und kam nun heran. Die Großtante rief ihn in ihr Zimmer und legte eine Fünfzigpfundnote in seine Hand, als ihren Beitrag zu seinem Taschengelde. Er brauche es nicht, meinte er, aber sie sagte ihm, er wäre ein junger Mann und würde bald fliegen lernen, sobald er nur erst auf eigenen Füßen stände. Die alte Dame war in ihrem Herzen durchaus nicht mit dem System einverstanden und gab ihrem Großneffen zu verstehen, wohin er sich zu wenden hätte, wenn er mehr brauchen sollte, und daß Geheimnisse bewahrt werden würden.

Sein Vater gab ihm hundert Pfund – von denen Richard auch sagte, daß er sie nicht brauche – er machte sich nichts aus Geld. »Gib es aus oder nicht,« sagte der Baron und war vollständig beruhigt über seinen Sohn.

Hippias hatte nur wenige Vorschriften zu beachten. Sie sollten Zimmer in einem Hotel nehmen, da der Verkehr, den Algernon gewöhnlich unterhielt, nicht so ganz zuträglich war. Der Baron warnte Hippias besonders vor dem Versuch, nicht unklug die Freiheit des jungen Mannes beschränken zu wollen, damit nicht der Gedanke bei ihm aufkäme, daß er überwacht würde. Richard, der sozusagen durch Despotismus gekappt worden war, sollte jetzt gerade aufwachsen und wieder Blüten treiben, und sollte dabei glauben, vollkommen unabhängig zu sein. So bestimmte es der Weise; und wir wollen einen Augenblick 273 anhalten, um darüber nachzudenken, wie weise seine Voraussicht war und wie erfolgreich sie hätte sein müssen, hätte sich nicht Fortuna, die große Feindin menschlicher Klugheit, gegen ihn gewandt oder vielmehr er sich gegen sich selbst.

Die Abreise fand an einem schönen Märzmorgen statt. Die Wintervögel sangen auf den knospenden Bäumen, Sommervögel in der blauen Luft. Adrian ritt zwischen Richard und Hippias nach dem Bahnhof in Bellingham und ließ seine Verstimmtheit auf seine eigne launenhafte Weise an ihnen aus, da es nicht regnete, um ihre gute Laune zu dämpfen. Hinter ihnen ritten Lady Blandish und der Baron in ruhigem Gespräch, da sie sich auf dem Gipfel des Erfolges fühlten.

»Sie haben ihn zu Ihrem Ebenbilde gemacht,« sagte sie und zeigte mit der Reitgerte auf die ernste, stattliche Figur des jungen Mannes.

»Äußerlich vielleicht,« antwortete er und führte das Gespräch zu einer Erörterung über Reinheit und Stärke, worin Lady Blandish der Reinheit den Vorzug gab.

»Das tun Sie doch nicht wirklich,« sagte der Baron. »Und darin bewundere ich den immer richtigen Instinkt der Frauen, daß sie alle die Stärke verehren, in welcher Form sie auch auftritt, und sie als ein Kind des Himmels zu erkennen scheinen; wogegen die Reinheit nur ein Merkmal ist, ein Kleid, das befleckt werden kann – und wie leicht! Denn es gibt Fragen in diesem Leben, mit denen wir ringen müssen, wenn wir nicht verloren gehen wollen und wenn uns der kalte Blick des scharfen, inneren Bewußtseins verfolgt, dann wird auch die klarste Seele zum listigen Fuchs, wenn sie nicht den Mut hat, sich dem Kampfe zu stellen. Stärke zeigt unbegrenzte Natur – wie die des Schöpfers. Stärke ist für sie ein Gott – Reinheit ein Spielzeug.

»Ein hübsches Spielzeug, und Sie scheinen gern damit zu spielen,« fügte er mit ungewohnter Schelmerei hinzu.

Lady Blandish lauschte seinen Worten, erfreut über seine scherzhafte Bosheit, die ihr zeigte, daß der Druck von seinem Gemüt gewichen war. Jetzt mußten die Frauen ihre Sache ihm gegenüber ausfechten, sie nahm nur zu ihrer Belustigung daran teil. So kommt es, daß die Reihen unserer Feinde sich lichten; sobald nur die armen Frauen eine Kämpferin aus ihrer Mitte aufgestellt haben, werden sie auch schon von ihr verraten.

»Ich sehe,« sagte sie listig, »daß wir die zarteren Geschöpfe sind; Sie beanspruchen für sich die direktere Abstammung. Die Männer sind Samenpflanzen: die Frauen – Setzlinge! Ja, das haben Sie gesagt,« rief sie lachend bei seiner abwehrenden Bewegung.

»Aber ich habe es niemals drucken lassen.«

»Ach, was Sie sprechen, ist für mich so gut wie gedruckt.«

Entzückende Lady Blandish! Er konnte nicht anders, er mußte sie lieben.

»Sagen Sie mir, was Sie jetzt für Pläne haben?« fragte sie. »Darf eine Frau sie wissen?«

Er antwortete: »Ich habe keine Pläne, oder Sie würden sie teilen. Ich werde sein Benehmen in der Welt beobachten. Diese Gleichgültigkeit muß sich verlieren. Ich werde sehen, wohin seine Neigungen gehen, und er soll das werden, wozu er Neigung zeigt. In der Beschäftigung wird hauptsächlich seine Sicherheit liegen. Seines Vetters Austin Lebensplan scheint am meisten nach seinem Geschmack und er kann auf die Art dem Volke eben so viel nützen wie im Parlament, wenn es ihm an stärkerem Ehrgeiz fehlen sollte. Die deutliche Pflicht eines wohlhabenden Mannes ist, dem Volke so gut zu dienen, wie er kann. Er soll sich Austins Gesellschaft anschließen, wenn er es 275 wünscht, obgleich ich persönlich kein Vergnügen an übereilten Unternehmungen und unausgereiften Plänen finde, die sich auf den Prinzipien des Instinkts aufbauen.«

»Sehen Sie ihn jetzt,« sagte die Dame. »Er scheint für nichts Interesse zu haben, nicht einmal für die Schönheit des Tages.«

»Oder für Adrians Scherze,« fügte der Baron hinzu.

Man konnte sehen, wie eifrig sich Adrian bemühte, seine Hörer zu einem Lächeln zu zwingen, oder zu einem Zeichen der Gereiztheit, indem er sich bald zu dem einen, bald zu dem andern wandte mit vernehmlichen Nebenbemerkungen. Er behandelte Richard als ein neues Werkzeug der Zerstörung, das auf die schlummernde Hauptstadt losgelassen werden sollte, Hippias als eine Person in interessanten Umständen, und aus der Vorstellung, daß diese beiden zusammen reisten, und der Voraussicht aller Unglücksfälle, die ihnen zustoßen könnten, leitete er so viel Witze ab, daß er es beinahe als persönliche Beleidigung auffaßte, daß seine Hörer nicht lachten. Das langweilige Leben, das der weise Jüngling in Raynham führte, hatte ihm manche Eigentümlichkeiten des berufsmäßigen Witzboldes verliehen.

»Ach der Frühling, der Frühling!« rief er, als sie wie zum Hohn auf seine Späße über ihn hinweg ihre gleichgültigen Bemerkungen über das schöne Wetter austauschten. »Ihr scheint beide außerordentlich aufgeregt über die Vorgänge bei den Turteltauben, Raben und Dohlen. Warum könnt Ihr sie nicht zufrieden lassen?«

Der Wind weht,
Der Hahn kräht,
        Dudelduck.
Hippy regt sich,
Rick bewegt sich,
        Singt Kuckuck!

276 »Da habt ihr ein altes Hirtenlied! – Warum schreibst du nicht ein Frühlingssonett, Ricky? Die Spargelbeete versprechen gute Ernte, höre ich, und auch die Erdbeeren. Für Beeren hat dein Pegasus, wie ich annehme, eine besondere Vorliebe. Was für Beeren waren das, über die ich einmal ein Sonett von dir gelesen habe? – ein Liebeslied an irgend welche Beeren – Erdbeeren, Blaubeeren, Brombeeren! Es waren sehr hübsche Verse, recht warm. Lippen, Augen, Brust und Beine – Beine? Nein, ich denke, Beine hast du ihr nicht gegeben. Keine Beine und keine Nase. Das scheint der poetische Geschmack des Tages zu sein. Man muß zugeben, daß ihr Schönheiten schafft, die gut für keusche Leute passen.

Oh, könnt' ich ruh'n, wo ihre Laute schläft!

und der moralischen Gemeinde keinen Anstoß geben. Das ist kein schlechter Vergleich, den du da gemacht hast, mein lieber Junge:

Sie gleicht der flinken Antilope
Auf den Hügeln im fernen Ost.

Aber als aufrichtiger Kritiker muß ich dich doch fragen, ob der Vergleich als ganz korrekt angesehen werden kann, wenn du ihr keine Beine gibst? Beim Ballett wirst du sehen, daß du jetzt in betreff der Frauen noch im Irrtum bist, Richard. Diese bewundernswerte Einrichtung, die unsere ehrwürdigen Vorfahren aus Gallien eingeführt haben, zur Belehrung der staunenden Jugend, wird dich erheben und in Verwunderung versetzen. Ich versichere dich, ich pflege mir infolge der Lektüre des Manuskripts des Pilgers allerhand wunderliche Dinge von ihnen einzubilden, bis ich dorthin geführt wurde und erfuhr, daß sie uns schließlich sehr ähnlich sind, und da hörten sie auf, mich zu beunruhigen. Das Geheimnisvolle ist die große 277 Gefahr für die Jugend, mein Sohn! Das Geheimnisvolle ist die furchtbare Waffe der Frau, oh du Richard der Prüfungen! Ich weiß wohl, daß du deinen Unterricht in Anatomie erhalten hast, aber nichts wird dir die Überzeugung beibringen, daß eine anatomische Figur Fleisch und Blut bedeutet. Man kann sich die Tatsache nicht klar machen. Hast du die Absicht, deine Gedichte herauszugeben, wenn du nach der Stadt kommst? Es wird besser sein, wenn du es nicht mit deinem Namen tust. Wenn man seinen Namen auf einem Band Gedichte hat, so ist das beinahe ebenso schlimm, wie auf einem Reklameschild für Pillen.«

»Ich werde dir eins der ersten Exemplare schicken, Adrian, sobald ich gedruckt bin,« sagte Richard. »Höre doch die alte Drossel, Onkel!«

»Ja,« sagte Hippias mit zitternder Stimme und sah von dem gewöhnlichen Gegenstand seiner Betrachtung auf und machte den Versuch, sich für den Vogel zu interessieren, »ein schöner alter Bursche!«

»Wie er trillert, bevor er auffliegt! Beinahe wie die Nachtigallen im Juli. Du besinnst dich doch noch auf den Vogel, von dem ich dir erzählte, auf die Amsel, deren Gefährte erschossen wurde und die nun dem Vogel bei der alten Frau Bakewell vom nächsten Baume aus zusang. Ein Schurke hat vorgestern die Amsel tot geschlagen und die alte Frau sagt, daß ihr Vogel seitdem keinen Ton mehr gesungen habe.«

»Höchst wunderbar!« murmelte Hippias zerstreut. »Ich erinnere mich der Verse.«

»Aber wo bleibt die Moral?« warf der zornige Adrian ein; »wo bleibt die Belohnung für die Treue?

Der Kuckuck, der der Grasemück
So gern ins Nestchen heckt,
Und lacht darob mit arger Tück
Und manchen Ehmann neckt.

278 »Wo steckt da die Moral? Wenn es nicht bedeutet, daß dem Dichter jedes Wildbret recht ist. Es ist sicherlich ein edles Beispiel von der Treue des Weibchens, das sich drei Tage nicht hören läßt, wegen eines verstorbenen Gatten. Ich glaube das war es, worauf Ricky anspielte.«

»Wie du willst, mein lieber Adrian,« sagte Richard und machte seinen Onkel auf die Lärchenknospen aufmerksam, während sie durch den frischen grünenden Wald ritten.

Der weise Jüngling wurde bis zum äußersten getrieben. An einen solchen Wechsel in den Gefühlen seines Schülers vom Heroismus bis zu arkadischer Kühle konnte Adrian nicht glauben. »Höre doch die alte Drossel!« rief er nun seinerseits und versuchte den abgebrochenen Gesang in Worten wiederzugeben.

»Ach, was für eine hübsche Komödie? – Verstehen wir es nicht gut, unsere Maske zu tragen, mein Fiesko? – Genua wird morgen uns gehören! – Wartet nur bis der Zug abgeht – lustig! lustig! lustig! Wir werden doch noch Sieger sein!

Kein schlechtes Lied, nicht wahr, Ricky? mein Lucius Junius!«

»Du verstehst es gut, die Drossel zu spielen,« sagte Richard und sah ihn sanft und freundlich an.

Adrian zuckte mit den Achseln. »Du bist ein wunderbar begabter junger Mann,« sagte er mit besonderm Nachdruck, womit er sagen wollte, daß Richard ihm bei weitem überlegen wäre, für welche Ansicht ihm Richard mit ernster Miene dankte, und während dessen ritten sie auf dem Bahnhof in Bellingham ein.

Der junge Tom Blaize war auf der Station in seinem Sonntagshut, in seiner Staatsweste und besten Krawatte und kam sich Tom Bakewell gegenüber, der mit dem Gepäck beauftragt, seinem Herrn vorangegangen war, sehr 279 wie ein Herr vor. Er war auch auf dem Wege nach London. Als Richard abstieg, hörte er, wie Adrian zu dem Baron sagte: »Das Ungeheuer scheint auf dem Wege, um Schönchen abzuholen,« schenkte den Worten aber keine Beachtung. Ob nun Tom Blaize diese Worte hörte oder nicht, Adrians Blick nahm ihm viel von seinem Herrengefühl und er zog es vor, sich in die Dunkelheit zurückzuziehen, wo ihm sein schöner Anzug, der so modern war, wie ihn die Bellinghamer Schneider leisten konnten, natürlicher saß, und wo ihn die Blicke der Höherstehenden, denen er gleichzukommen trachtete, nicht ungelenk machten. Der Baron, Lady Blandish und Adrian blieben zu Pferde und sagten Richard über das Bahnhofsgitter hinweg Lebewohl. Er schüttelte jedem von ihnen in derselben freundlich kühlen Art die Hand, was Adrian dazu veranlaßte, ihm sein hohes Lob über die Art, wie er es täte, auszusprechen. Der Zug lief ein, und Richard bestieg hinter seinem Onkel das Coupé.

Es wird sicherlich eine Zeit kommen, wo die Darstellung des Kampfes der Wissenschaft mit dem Geschick und dem Glück als das wahre Epos des modernen Lebens betrachtet werden wird; und wo man den Anblick eines wissenschaftlich gebildeten Menschenkenners, der kraft seiner unausgesetzten Wachsamkeit gegen diese tätigen Kräfte ein System durchgeführt hat, als erhaben bezeichnen wird; selbst wenn er im Augenblick nichts andres tut, als an einem schönen Märzmorgen wie diesem zu Pferde sitzt und ernsthaft lächelnd zusieht, wie der Sohn seines Herzens, sein verkörpertes System der Bevormundung, ein heiteres Lebewohl zuwinkt; um weder zu eifrig, noch zu unwillig, einmal zwei Wochen lang sein Glück allein zu versuchen. Heute weiß ich, wird ein Leserkreis, der nach blutigen, ruhmreichen Taten verlangt, den Nachdruck, den ich auf solch kleinliche Ereignisse und ein so wenig 280 imposantes Bild lege, verachten. Es wird aber ein Leserkreis kommen, dem es gegeben sein wird, die Maschine in ihrer elementaren Arbeit zu beobachten und der sozusagen aus einer kleinen Bewegung der Strohhalme die Märzwinde fühlen wird, auch wenn sie nicht wehen. Diesen Leuten wird nichts geringfügig erscheinen, da sie den unsichtbaren Konflikt im Auge haben werden, der sich um uns herum abspielt, und dessen Züge sich durch ein Nicken, ein Lächeln, ein Lachen von uns stündlich verändert. Und sie werden außerdem bemerken, daß im wirklichen Leben alles im Zusammenhange steht: daß das Heben der Augenbrauen eine Bewegung entfesseln kann, die Tausende mit fortreißt. Sie werden im Vorübergehen die Bindeglieder zwischen den Dingen erkennen und sich nicht länger darüber wundern, wie es törichte Leute heute noch tun, daß ein solch wichtiges Ereignis aus einer so geringen Ursache entstehen konnte.

Solch ein Leserkreis wird dann Anteil nehmen an des Barons Gefühl der Befriedigung bei dem Benehmen seines Sohnes, worin er den ruhigen Einfluß der Erfahrung erkannte, die nicht auf die gewöhnliche, oberflächliche Weise erlangt worden war, und wird auch nicht ohne Aufregung und Verständnis sein schmerzhaftes Erstaunen mit empfinden, als er sah, wie, grade als der Zug sich in schnellere Bewegung setzte, der ernste, kühl gefaßte, junge Mann sich in die Kissen zurückwarf und in ein stürmisches Gelächter ausbrach. Die Wissenschaft geriet in Verlegenheit, wie sie das erklären sollte. Um sich jeden Argwohn fern zu halten, unterließ es Sir Austin, der Sache nachzuforschen, aber es kam ihm seltsam vor und er wurde das störende Gefühl, das seine Nerven bei dem Anblick durchzuckt hatte, auch auf dem Wege nach Hause nicht los.

Lady Blandish sagte mit zartem, weiblichem Verständnis für reine Stimmung: »Sie sehen, es war grade das, 281 was er brauchte. Er hat schon seine natürliche Stimmung wieder erlangt.«

»Es war,« fügte Adrian seinerseits hinzu, »genau das, was er brauchte. Seine natürliche Stimmung ist auf wunderbare Weise wiedergekehrt.«

»Es muß ihn irgend etwas amüsiert haben,« sagte der Baron und blickte dem keuchenden Zuge nach.

»Wahrscheinlich etwas, was sein Onkel sagte oder tat,« meinte Lady Blandish und setzte ihr Pferd in Galopp.

Ihre Vermutung war zufälligerweise die richtige. Die Veranlassung zu Richards Gelächter war einfach genug. Nachdem sich die Coupétüre hinter ihnen geschlossen hatte, war sich Hippias plötzlich der goldhaarigen Hoffnung bewußt geworden, die in jedem Wechsel liegt, für diejenigen, die ihn nicht zu häufig aufsuchen. Um der plötzlichen Erleichterung von der Niedergeschlagenheit, die sein Gemüt bei dieser fröhlichen Aussicht fühlte, Ausdruck zu verleihen, beugte sich der Dyspeptiker vor und rieb seine zwischen den Knien hängenden Hände so heftig, daß durch diese unglückliche Bewegung Adrians Verse:

Hippy regt sich,
Singt Kuckuck

für Richard eine solch komische Bedeutung gewonnen, daß ihn ein wahrer Lachteufel erfaßte.

Hippy regt sich!

Jedesmal, wenn er nach seinem Onkel hinsah, fielen ihm diese Worte ein und er lachte so unmäßig, daß es aussah, als wenn er plötzlich toll geworden wäre.

»Aber, aber, aber, warum lachst du denn so, mein lieber Junge,« sagte Hippias und wurde auch zu einem bescheidenen »Ha! ha!« angesteckt.

282 »Worüber lachst du denn, Onkel?« rief Richard.

»Ich weiß wirklich nicht,« kicherte Hippias.

»Ich auch nicht, Onkel! Sing Kuckuck!«

Sie lachten sich in die denkbar angenehmste Stimmung hinein. Hippias kam nicht nur über Wasser, er flog wirklich bis zum Himmel auf und regte sich wie nur irgend ein fröhliches Geschöpf zur Frühlingszeit. Er erinnerte sich an alte, juristische Witze und Anekdoten, und Richard lachte über alle; aber noch mehr über den Onkel selbst – er war so natürlich und kindlich frisch und unschuldig vergnügt über seine eigne Verwandlung, während im Grunde seiner Augen dann und wann ein Zweifel auftauchte, daß es nicht dauern könnte und daß er wieder untersinken müßte, was ihm einen zugleich pathetischen und komischen Ausdruck verlieh, der seinem jugendlichen Gefährten das Herz für ihn erwärmte, ihn aber auch immer von neuem zum Lachen reizte.

»Höre mal, Onkel,« sagte Richard, »ich finde, Reisen ist eine famose Sache.«

»Das Beste in der Welt, mein lieber Junge,« erwiderte Hippias. »Ich wünschte wirklich, ich hätte mein Werk aufgegeben und früher versucht zu reisen, statt mich an meine Aufgabe zu fesseln. Wir werden in einem Augenblick zu ganz andern Wesen. Ich bin es schon. Hm! Sage mal, was wollen wir zu Mittag essen?«

»Überlasse das mir, Onkel. Ich werde alles für dich bestellen. Du weißt, ich habe die Absicht, dich gesund zu machen. Wie wundervoll kommen wir vorwärts. Ich möchte jeden Tag Eisenbahn fahren.«

Hippias bemerkte: »Man sagt, daß es ziemlich ungesund für die Verdauung sei.«

»Unsinn! Pass' mal auf, wie du heut und morgen verdauen wirst!«

»Vielleicht werde ich noch etwas schaffen können,« 283 seufzte Hippias und dachte an den großen literarischen Ruhm, den er einstmals erträumt hatte. »Ich hoffe, ich werde heute Nacht gut schlafen.«

»Natürlich wirst du! Nach solchem Lachen!«

»Ach!« grunzte Hippias, »du schläfst wohl, Richard, in dem Augenblicke, in dem du zu Bett gehst?«

»Den Augenblick, sobald mein Kopf auf dem Kissen ist, und ich stehe auf, sobald ich aufwache. Gesundheit ist die Hauptsache.«

»Gesundheit ist die Hauptsache!« tönte es bei Hippias, wie aus unendlicher Ferne wieder.

»Und wenn du dich nur mir überlassen willst,« fuhr Richard fort, »dann sollst du es ebenso machen, wie ich. Du sollst gesund sein und stark und fröhlich singen, wie Adrians Amsel. Bei meiner Ehre, Onkel, das sollst du wirklich!«

Er bestimmte die Stunden des Tages – nicht weniger als zwölf täglich – die er der Gesundheit seines Onkels widmen wollte, und seine fröhliche Jugendkraft brachte den Onkel beinahe so weit, daß er aufsprang und die Gesundheit als sein eigen in die Arme schloß.

»Nimm dich aber in acht,« sagte Hippias und sein Lächeln zeigte, daß er schon halb gewonnen war, »daß deine Gerichte nicht zu stark gewürzt sind!«

»Leichte Nahrung und Rotwein! Regelmäßige Mahlzeiten und Vergnügungen! Genieße alles, aber laß dich nicht vom Genuß beherrschen,« ruft die junge Weisheit, und Hippias murmelt: »Ja, ja,« und deutet damit an, daß der Ursprung seiner Krankheit darin gelegen hätte, daß er diese Grundsätze nicht früher befolgte.

»Die Liebe ruiniert uns, mein lieber Junge,« sagte er mit der Absicht, Richard eine Lehre zu geben, und Richard brach geräuschvoll los: 284

»Die Liebe des Herrn Francatelli,
Brachte Verderben – et caetera. –«

Hippias blinzelte, kniff die Augen und sagte: »Mein lieber Junge, ich habe dich wirklich noch nie so aufgeregt gesehen.«

»Das macht die Eisenbahn! Es ist solch ein Spaß, Onkel!«

»Ach!« Hippias schüttelte melancholisch sein Haupt. »Du hast die ›Goldene Braut!‹ erworben. Erhalte sie dir, wenn du kannst. Das ist eine sehr hübsche Fabel von deinem Vater. Ich habe ihm allerdings die Idee dazu gegeben. Austin eignet sich sehr viele von meinen Ideen an.«

»Hier ist derselbe Gedanke in Versen, Onkel –

Oh, Wanderer, habt ihr erschaut,
Dort bei der Flut, die Goldne Braut!
Man sagt, daß liebend, schön und treu
Sie mehr als jede andre sei.

Du weißt wie der junge Mann, der so fragt, an dem Rande eines Stromes eine Gruppe reuiger Sünder trifft. Sie klagen und antworten ihm:

Ob treu auch – läßt sie uns allein,
Und liebend, schafft sie uns nur Pein,
Und schön, doch mit dem Fluch geboren,
Nur zu versteh'n, wenn sie verloren.

Und dann geht die traurige Gesellschaft einzeln, einer hinter dem andern feierlich fort und der Dichter fährt fort:

Ihr hohes Schloß im Westen steht,
Bei Hespers Schein zu Ruh' sie geht.
Und früh der Morgenstern begrüßt
Den, den in ihren Arm sie schließt.
    So lebt er, bis er, ach, begehrt
    Die Mädchen von gering'rem Wert.

285 Und nicht achtend des Glückes, das sie ihm gewährt, verlangt er danach, es mit einem von jenen Mädchen zu teilen. Da kommt das Silber-Mädchen und dann das Kupfer-Mädchen, das Messing-Mädchen und dann noch andre. Zuerst versucht er die Argentina, wie du weißt und findet, daß von ihr nur zwanzig aufs Pfund gehen: eine noch schlechtere Erfahrung macht er mit Kupferina, bis er zur Küchenmagd herabsteigt, und je tiefer er sinkt, desto heller strahlen die Züge seiner ›Goldenen Braut‹ und ihr voller Glanz verbreitet sich. War es nicht so, Onkel?«

»Die Verse stumpfen die Pointe etwas ab. Nun da du sie einmal hast, halte dich an sie,« sagte Hippias.

»Das wollen wir, Onkel! Sieh, wie die Bauernhöfe an uns vorüberfliegen! Sieh das Vieh auf den Weiden! Und wie die Ferne sich senkt und verschwimmt!

Das Ganze will sie , nicht den Teil,
Das Herz noch unverbraucht und heil!
Nun sucht er mit der Trauerschar
Die »Goldne Braut«, die sein einst war.

– und nun wird er nicht mehr von dem Morgenstern geweckt!«

»Nicht, wenn er erst eine Stunde, ehe der Morgenstern aufgeht, einschläft!« warf Hippias ein. »Du reimst nicht schlecht. Aber halte dich lieber an die Prosa. Die Poesie ist ein Mädchen von wertlosem Metall. Ich weiß nicht, ob nicht alle literarische Arbeit schlecht für den Magen ist. Ich fürchte, meiner ist dadurch verdorben.«

»Fürchte nichts, Onkel!« lachte Richard. »Du sollst alle Tage mit mir im Park spazieren reiten, um dir Appetit zu machen. Du und ich und die Goldene Braut. Du kennst doch das kleine Gedicht von Sandoe?

Sie reitet im Park auf dem schnaubenden Roß –

286 und so weiter – War nicht Sandoe früher ein Freund meines Vaters? Sie haben sich wohl erzürnt? Er versteht das Herz. Wie läßt er doch seinen ›Demütig Liebenden‹ sagen:

Schönheit gehört dem stärksten Herz,
Und keinen Abgrund scheut die Liebe!

Jetzt lachte Hippias grimmig, wie ein Mann über die Hohlheit der Worte lacht.

»Das stärkste Herz!« höhnte er. »Aber stelle deine Bewunderung für jenen Mann nicht zu sehr zur Schau, Richard. Dein Vater wird mit dir über den Gegenstand sprechen, wenn es ihm passend erscheint.«

»Ich dachte, sie hätten einen Streit miteinander gehabt,« sagte Richard. »Wie schade!« Und dann murmelte er wohlgefällig vor sich hin:

»Schönheit gehört dem stärksten Herz!«

Ihre Unterhaltung wurde auf einer Station durch das Hinzukommen neuer Reisender unterbrochen. Richard betrachtete ihre Gesichter mit Vergnügen. Alle Gesichter gefielen ihm. Die menschliche Natur lag ihm und seiner Goldenen Braut unterwürfig zu Füßen. Da er seine Gedanken nicht gut vor ihnen aussprechen konnte, sah er aus dem Fenster hinaus, freute sich an der wechselnden Landschaft, plante allerhand Freuden für seinen alten Freund Ripton und ließ die wunderbaren Dinge, die er in der Welt tun, und die großen Dienste, die er seinen Mitmenschen leisten würde, in unbestimmten Bildern an sich vorüberziehen. Inmitten seiner Träumereien hatten sie London erreicht. Tom Bakewell stand an der Coupétüre. Ein Blick sagte Richard, daß sein Gefolgsmann etwas Merkwürdiges erlebt haben müßte, und er fragte Tom, 287 was es wäre. Tom schob seinen Herrn außer Hörweite und sprudelte lachend heraus:

»Verflucht, ich kann nicht anders, Herr!« sagte er. »Der junge Tom! Hat er sich so fein ausstaffiert für die Stadt! und nun kann er seinen Weg ebensowenig finden wie 'n Hirsch. Er ist gekommen, um jemand von einer andern Station abzuholen, und nun weiß er nicht, wie er dahin kommen soll, und weiß nicht mal sicher, welche Station es ist. Sehen Sie, Mr. Richard, da geht er.«

Tom Blaize sah aus, als wenn das Gewicht von ganz London auf seinem Hute lag.

»Wen holt er denn ab?« fragte Richard.

»Wissen der gnädige Herr das nicht? Der gnädige Herr wollen doch nicht, daß ich den Namen ausspreche,« murmelte Tom, und brannte darauf, ganz deutlich zu werden.

»Sie ist es, Tom?«

»Miß Lucy, Herr.«

Richard wandte sich um und wurde von Hippias ergriffen, der ihn bat, aus dem Getümmel und dem Geräusch heraus zu kommen, und der seinen schlaff herunterhängenden Arm festhielt, um ihn nach einem Wagen zu führen; aber Richard drehte sich bald nach rechts, bald nach links, um immer dahin zu sehen, wo Tom Blaize versuchte, sich einen bequemen Weg zu schaffen. Selbst als sie in dem Wagen saßen, konnte ihn Hippias nicht dazu bewegen, los zu fahren. Er entschuldigte sich damit, daß er nicht loszufahren wünschte, solange der Weg nicht frei wäre. Schließlich fand Tom Blaize einen Ruhepunkt bei einem Polizisten, setzte sich, zweifellos auf den Vorschlag des Beamten, schüchtern in eine Droschke und wurde von dem Strudel des Londoner Lebens mit fortgerissen. Jetzt fragte Richard den Kutscher ärgerlich, worauf er eigentlich warte.

288 »Bist du krank, Junge?« sagte Hippias. »Du bist ja ganz blaß geworden?«

Er lachte seltsam und antwortete, ohne auf die Frage zu hören, er hoffe, der Bursche werde rasch fahren.

»Ich hasse langsame Bewegung, wenn ich aus der Eisenbahn komme,« sagte er.

Hippias versicherte ihm, daß irgend etwas mit ihm los sein müsse.

»Nichts, Onkel! Nichts!« sagte Richard und bemühte sich, ganz ungeheuer aufrichtig auszusehen.

Wenn die Geschicklichkeit und Sorgfalt der Menschen das flackernde Lebenslicht eines Ertrunkenen vor dem Verlöschen bewahren und zur ruhigen Flamme erwärmen will, wenn das Blut seinen Weg durch die trockenen Kanäle erzwingt, dann verursachen die sich schwerfällig regenden Nerven und das träge Herz – der Kampf zwischen Leben und Tod – und das Weichen des grimmen Todes dem Geretteten einen solchen Schmerz, daß er denen, die ihn zollweise aus der Tiefe des Todes emporreißen, keinen Dank weiß. Und derjenige, der eine Liebe erloschen geglaubt hat und von dem alten Feuer überrascht wird und der alten Tyrannei, empört sich dagegen und versucht sich frei zu kämpfen, aus den Wolken vergessener Empfindungen, die ihn umdrängen; ein solcher Schmerz ist es für ihn, wenn die alte süße Musik wieder in ihm erwacht und der Reiz seiner Leidenschaft ihn wieder überfällt. Noch war die schöne Lucy die einzige Frau für Richard. Nur aus einem Instinkt der Selbstverteidigung hatte er es verboten, daß ihr Name genannt werde. Sollten die Mädchen aus niederem Metall ihn wieder beherrschen, so konnte es nur in Lucys Gestalt geschehen. Wenn er an sie dachte, daß sie ihm nun so nahe war – sein Liebling! dann schwebten ihre Anmut, ihre Lieblichkeit, ihre Treue, – denn trotz seines bitteren Tadels, wußte er, daß 289 sie treu war – in tausend Visionen vor seinen Augen; rührenden und glänzenden Visionen, die bald sein Herz zerrissen, bald es erhoben. Ebensowohl könnte ein Schiff versuchen den Ozean zu beruhigen, wie dieser junge Mann es hätte versuchen können die Erregung zu meistern, welche in seiner Brust zu rasen anfing. »Ich werde sie nicht sehen,« sagte er sich triumphierend und dachte doch im selben Augenblick, wie schwarz doch die ganze Erde sei, mit Ausnahme des einen Fleckens, wo Lucy stand! wie gänzlich reizlos der Ort wäre, den er aufsuchen wollte! Dann beschloß er, es zu ertragen und weiter in Dunkelheit zu leben; es lag ein Trost in dem Gedanken an ein freiwilliges Märtyrertum. »Denn, wenn ich jetzt wollte, könnte ich sie sehen noch heute, in einer Stunde! – Ich könnte sie sehen, ihre Hand berühren, und, oh Himmel! – aber ich will nicht.« Und eine große Woge durchflutete ihn und wurde nur erstickt, um noch stürmischer wieder aufzusteigen.

Dann fielen ihm Tom Bakewells Worte ein, daß Tom Blaize ungewiß wäre, von wo er sie holen sollte, und daß sie unbeschützt in dieses Babylon geworfen werden könnte. Und wie seine Gedanken von einem Punkt zum andern flogen, fuhr es ihm durch den Sinn, daß sie in Raynham von ihrer Rückkehr gewußt hatten und ihn zur Stadt geschickt hätten, um ihn aus dem Wege zu räumen – daß sie wieder auf jämmerliche Weise Pläne gegen ihn geschmiedet hätten. »Sie sollen sehen, wie recht sie hatten mich zu fürchten. Ich will sie zu Schanden machen,« war die erste Wendung, die seine zornigen Gedanken nahmen, als er beschloß, daß er gehen wollte und sie in Sicherheit bringen und dann ruhig zu seinem Onkel zurückkehren, denn von ihm glaubte er aufrichtig, daß er nicht zu den Verschwörern gehörte. Trotzdem saß er, nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, vollkommen still, als ob etwas 290 Verhängnisvolles in den Rädern wäre, die ihn von seinem Entschluß forttrügen – vielleicht weil er wußte, wie es manchem ergeht, wenn die Leidenschaft Herr über ihn wird, daß sein Verstand mit ihm kämpfte; aber – den Argwohn und das ihm zugefügte Unrecht fühlte er deshalb nicht weniger scharf. Seine »Goldene Braut« schwand schnell dahin. Aber als Hippias, um ihn aufzumuntern, ausrief: »Nun werden wir bald da sein!« war der Zauber gebrochen. Richard ließ den Wagen halten, sagte, daß er mit Tom zu sprechen hätte und die letzte Strecke mit ihm fahren würde. Er wußte nur zu gut, mit welcher Bahnlinie Lucy kommen mußte. Er hatte jede Stadt und jede Station auf der Linie studiert.. Ehe noch sein Onkel mehr als stummen Einspruch erheben konnte, war er aus dem Wagen gesprungen und hatte Tom Bakewell zugerufen, der mit den Koffern und Gepäckstücken hinter ihnen herfuhr, mit seinem Kopf immer weit aus dem Wagen heraus, um nur ja nicht seine Sicherungsmarke, den voranfahrenden Wagen, zu verlieren.

»Was für ein wunderlicher, stürmischer Junge er ist,« sagte Hippias, »wir sind ja schon in unserer Straße!«

Noch eine Minute und der tüchtige Berry, der von dem Baron vorausgeschickt worden war, um alles behaglich für sie einzurichten, öffnete die Wagentür und verbeugte sich.

»Mr. Richard, Herr? – verschwunden?« fragte Berry.

»Er kommt hinten – mit den Koffern, du Narr!« Hippias stöhnte bei Berrys derber Hilfe beim Aussteigen. »Ist das Frühstück fertig? – He?«

»Das Frühstück war präzise um 2 Uhr bestellt worden, Herr – wartet seit einer Viertelstunde. Heda!« rief Berry dem zweiten Wagen zu, welcher mit seiner Pyramide von Gepäck ungefähr dreißig Schritt entfernt stehen blieb. Als er rief, drehte der majestätische Haufen ihm bedächtig den Rücken und fuhr in der entgegengesetzten Richtung davon. 291

 

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