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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Anzeichen von nahendem Fieber.

Drei Wochen lang mußte Richard in der Stadt bleiben und die Lehren des Systems in einer neuen Atmosphäre über sich ergehen lassen. Er mußte sitzen und Männern der Wissenschaft lauschen, die zu ihnen kamen, um ihre Freundschaft mit seinem Vater zu erneuern, und von denen sein Vater ganz besonders wünschte, daß er sie kennen und achten lernen sollte, denn nach des Barons Meinung war der Umgang mit praktischen Männern der Wissenschaft der einzig passende und erstrebenswerte. Er mußte sich den Grandisons vorstellen lassen und wurde jungen Leuten seines eigenen Alters gegenübergestellt, während der Gedanke an den »törichtem jungen Mann« ihn nicht losließ. Die Vorstellung, daß er durch irgend 225 einen Zufall als zu dieser Sorte gehörig erkannt werden könnte, brachte den armen Jüngling fortgesetzt zu stillschweigender Unterwerfung. Und das war schrecklich. Denn es war eine dauernde Schmach für das schöne Bildnis, das er im Herzen trug. Die Vorstellung, daß die Welt über ihn lachen könnte, weil er die süße Lucy liebte, trieb ihn zeitweise förmlich zur Raserei und entwickelte frühzeitigen Menschenhaß in seinem Gemüt. Es gehörte auch zum System, ihm zu zeigen, wohin die Dorfmädchen uns bringen können, und er wurde zur Nachtzeit herausgezerrt, um, nach dem Rezept, das sein Vater Mr. Thompson vorgeschlagen hatte, die Söhne und Töchter der Dunkelheit zu sehen, wie sie auf dem breiten Wege des Verderbens dahintanzten mit verliebten Blicken. Aber von diesem Anblick lernte der Lehrer vielleicht mehr, als der Schüler, denn wir finden, daß er in einer nachdenklichen Stunde in seinem Taschenbuch ernsthaft die Frage notiert: »Warum spricht man nur von dem Austoben des einen Geschlechts?« – ein Frage, die ihm in Raynham sicher nicht aufgetaucht wäre, und weiter – »Legen die Menschen nicht zu viel Gewicht auf . . .?« es schien ein Etwas zu sein, das er nur durch Punkte andeuten konnte, denn er bezeichnete es nicht näher in seinem Taschenbuche. Aber ich nehme doch an, daß er zum besten der Frauen sprechen wollte und nach persönlichen Beobachtungen neue Anschauungen gewonnen hatte. Für Richard wurden die Szenen, deren Zeuge er war, zu seltsam wilden Bildern, die vor allem dazu gedient hätten, seinen Menschenhaß zu bestärken, hätte ihn nicht seine Liebe davor bewahrt.

Während der ersten zwei Wochen der Verbannung hielten einige süße, kleine Briefchen von Lucy den Liebenden aufrecht. Sie hörten auf; und nun verfiel Richard in eine solchen Zustand der Niedergeschlagenheit, daß 226 sein Vater beunruhigt wurde und Maßregeln traf, um die Rückkehr nach Raynham zu beschleunigen. Am Schluß der dritten Woche legte Berry Briefe auf den Frühstückstisch, die den Poststempel Raynham trugen, und nachdem der Baron einen derselben aufmerksam gelesen hatte, fragte er seinen Sohn, ob er geneigt wäre, die Hauptstadt zu verlassen.

»Um nach Raynham zu fahren, Vater?« rief Richard freudig, fiel dann aber wieder in sein altes Wesen zurück und sagte ruhig: »Ganz, wie du willst, Vater!« da er sich bewußt wurde, etwas von dem »törichten, jungen Mann« gezeigt zu haben.

Berry erhielt also Befehl, Vorbereitungen für ihre sofortige Rückkehr nach Raynham zu treffen.

Der Brief, von dem Sir Austin seine Blicke erhoben hatte, um seines Sohnes Wünsche zu erfahren, war von dem weisen Jüngling Adrian verfaßt worden und lautete wie folgt:

»Benson ist mürrisch, erholt sich aber wieder. Er verlangt hohen Schadenersatz. Es ist noch ein Glück, wenn keiner im Hause leidet außer dem treuen Narren. Ich stimme ganz mit Dir überein, daß ein treuer Narr für große Pläne der beste Diener ist. Benson wird jetzt zur historischen Persönlichkeit. Ich sagte ihm, daß schon dieses allein Schadenersatz genug wäre, und daß die schöne Muse sich gewöhnlich erst dann dazu herabließe von einem Herrn Notiz zu nehmen, wenn er halb geschunden wäre, aber zu meinem Bedauern muß ich sagen, daß Benson den Trost zurückweist, den eine so schöne Erwägung ihm gewähren könnte, und lieber seine Haut behalten und im Verborgenen blühen möchte. Der Heroismus scheint zum Teil Sache der Erziehung zu sein. Treue Dummheit liegt in Bensons Natur, das Übrige ist ihm aufgedrängt worden.

227 Die junge Person hat die Nachbarschaft verlassen. Ich hatte selbst eine Unterredung mit der schönen Papistin und auch mit dem Manne Blaize. Sie waren beide vernünftig, obgleich der eine fluchte und die andere seufzte. Sie ist hübsch. Ich hoffe, sie schminkt sich nicht. Ich weiß, daß sie kräftige Beine hat, denn sie geht zweimal wöchentlich nach Bellingham, um ihr Reinigungsbad bei einem Rotrock zu nehmen. Wenn sie gebeichtet hat und durch die römische Salbung gereinigt worden ist, geht sie um so schneller wieder zurück, was mein protestantisches Muskelsystem noch bezeugen kann. Es war auf dem Wege nach Bellingham, wo ich sie traf. Sie hat sehr schöne Haare. Frau Godiva könnte sie herausfordern, sie würden einander gewachsen sein. Ist es Dir noch nie aufgefallen, daß die Frau dem Pflanzenreich näher steht als der Mann? – Mr. Blaize hat sie für seinen Sohn bestimmt – eine Verbindung, die jeder Liebhaber der Feenmythologie nur wünschen kann. Der junge Tom ist ein Erbe aller Vorzüge des Tieres. Die Mädchen von Lobourne sagen, daß er unter ihnen den Prokulus spiele. Unser Schönchen drückt sich gar nicht so ungebildet aus, es ist überhaupt besser, man schafft sie aus dem Wege.«

Der andere Brief war von Lady Blandish und lautete:

»Ich habe Ihren Auftrag so gut ich konnte ausgeführt, und ich bin dabei von Herzen traurig geworden. Sie ist in der Tat sehr über ihren Stand hinaus gebildet – es ist schade, daß es so ist! Sie ist eine Schönheit – manchmal ist sie wirklich schön und durchaus nicht so, wie man es Ihnen hat einreden wollen. Das arme Kind hatte nicht viel zu erzählen. Ich habe sie noch einmal gesehen und eine Stunde lang so freundlich mit ihr gesprochen, wie es mir möglich 228 war. Ich konnte nichts mehr herausbekommen, als was wir schon wissen. Es ist eben die Geschichte der Frau, wie sie immer wieder anfängt. Richard ist der Gott ihrer Anbetung. Sie will ihn aufgeben und sich um seinetwillen opfern. Sind wir so schlecht? Sie fragte mich, was sie tun sollte. Sie würde alles tun, was man von ihr verlangte, alles, nur nicht behaupten, daß sie einen andern liebe; das würde sie niemals tun, und ich glaube auch wirklich, das tut sie nicht. Sie wissen, ich bin sentimental, und ich muß Ihnen gestehen, wir weinten ein paar Tränen zusammen. Ihr Onkel hat sie für den Winter nach dem Institut geschickt, wo man sie, wie es scheint, erzogen hat, und wo man sie sehr lieb hat und gerne behalten möchte. Es wäre gut, wenn man es täte. Der Bauer ist ein guter Mann. Sie ist ihm von ihrem Vater anvertraut worden, und er mischt sich nie in ihre religiösen Angelegenheiten ein und ist sehr gewissenhaft in allem, was damit zusammenhängt, obgleich er selbst, wie er sagt, ein Christ ist. Im Frühling, aber das weiß das arme Kind nicht, soll sie zurückkommen und mit seinem Lümmel von Sohn verheiratet werden. Ich bin fest entschlossen, das zu verhindern. Wollen Sie mir nicht versprechen, mich dabei zu unterstützen? Wenn Sie sie gesehen hätten, würden Sie es sicherlich tun. Es wäre Frevel, dabei zu stehen und so etwas zuzulassen. Sie müssen nicht vergessen, daß er ihr Vetter ist. Sie fragte mich, wo in der ganzen Welt irgend jemand wäre, der Richard gleichkäme. Was konnte ich darauf antworten? Das waren ja Ihre eigenen Worte und mit einem solchen Ton der Überzeugung gesprochen! Ich hoffe, er ist wirklich ruhig. Ich schaudere, wenn ich daran denke, wie er nach Hause kommen und entdecken wird, was ich getan habe. Ich hoffe, ich habe wirklich recht getan. 229 Eine gute Tat, sagen Sie, stirbt niemals; aber man kann nicht immer wissen – ich muß mich auf Sie verlassen. Ja, ich glaube, daß es leicht ist, ein Märtyrertum auf sich zu nehmen, wenn man seiner Sache nur sicher ist! aber man muß eben sicher sein. Ich habe mir in den letzten Tagen wiederholt Ihren Ausspruch Nr. 54, aus dem siebenten Kapitel, ins Gedächtnis gerufen; und er hat mich getröstet, ich kann nicht sagen warum, nur, daß alle Weisheit, ob man sie nun direkt anwenden kann oder nicht, etwas Tröstendes hat.

›Es fallen viele von Gott ab, die nach ihm gestrebt haben, weil sie sich mit ihrer Schwachheit an ihn geklammert haben und nicht mit ihrer Stärke.‹

Ich möchte oft wissen, was Sie gedacht haben, wenn Sie diesen oder jenen Ausspruch niederschrieben, – was die Veranlassung gab. Wäre es nicht möglich, einen Einblick zu tun in die Werkstatt der Weisheit? Ich würde gerne wissen, wie Gedanken – wirkliche Gedanken – entstehen. Nicht, daß ich hoffe, in den Besitz des Geheimnisses zu gelangen. Hier haben Sie den Anfang eines Gedankens, aber wir armen Frauen können nicht einmal zwei oder drei Ideen zusammenfassen, was doch nach dem, was Sie sagen, zur Bildung eines Gedanken notwendig ist. ›Wenn ein weiser Mann einen falschen Schritt tut, wird er dadurch nicht weiter gebracht werden, als ein Narr?‹ Es kam mir nur grade so in den Sinn.

Mit Gibbon komme ich nicht vorwärts und warte lieber Ihre Rückkehr ab, um die Lektüre weiter aufzunehmen. Der höhnische Geist seiner Schriften mißfällt mir. Ich muß immer wieder sein Gesicht ansehen, dadurch wird die Abneigung schließlich persönlich. Wie anders ist es mit Wordsworth! Und doch kann ich nicht von dem Gedanken loskommen, daß er sich selbst zu 230 wichtig nimmt (aber ich verehre ihn trotzdem). Es ist aber wunderlich; Byron war ein größerer Egoist, und doch habe ich ihm gegenüber nie dieses Gefühl. Er erinnert mich an ein Tier der Wüste, wild und schön, und der andere ist nur, was ein höherer Esel sein würde, der vom Heidentum bekehrt ist, um – nun, um ein ganz ungewöhnlich hochstehender Esel zu sein – ich meine, einer, der große Kraft der Rede besitzt, und große natürliche Selbstgefälligkeit, und dessen Eigensinn man als einen Teil seiner Mission bewundern muß. Ist es nicht seltsam? Ich liebe Wordsworth am meisten, und doch hat Byron größere Kraft über mich. Warum ist das so?«

»Weil,« schrieb Sir Austin mit Bleistift neben die Frage, »die Frauen Feiglinge sind und sich von Ironie und Leidenschaft leichter unterwerfen lassen, als daß sie ihre Herzen der Vortrefflichkeit und Natürlichkeit hingeben.«

Der Brief fuhr fort:

»Ich habe Bojardo beendet und Berni angefangen. Der letztere beleidigt mich. Ich glaube, wir Frauen haben nicht viel Sinn für Humor. Sie haben recht, wenn Sie sagen, wir ›kichern‹ statt zu lachen. Es ist wahr (wenigstens was mich betrifft), daß ›Falstaff für uns nur ein unverbesserlicher, dicker Mann ist‹. Ich möchte wissen, was er eigentlich darstellen soll. Und Don Quixote – wozu kann es nützen, wenn ein edler Geist lächerlich gemacht wird? – Ich höre, wie Sie sagen, es diene praktischen Zwecken! Das ist es auch. Ich weiß, wir sind sehr engherzig. Aber wir lieben Witz, praktischen Witz wieder! Oder in Ihren Worten (wenn ich wirklich denke, kommen Sie mir gewöhnlich zur Hilfe – vielleicht sind es manchmal nur alles Ihre Gedanken); wir ›ziehen ein Streiflicht der Erkenntnis dem vollen Erfassen vor‹.«

231 Er verweilte noch eine Zeitlang bei dem Briefe, las einige Stellen noch einmal, während er im Zimmer auf- und abging und selbst kaum wußte, worüber er nachdachte. Es gibt Gedanken, für die die Sprache zu grob und jede Form zu willkürlich ist, welche über uns kommen und einen entscheidenden Einfluß auf uns ausüben, und doch können wir die luftigen Gebilde nicht fesseln, können sie uns nicht sichtbar und deutlich machen und noch viel weniger anderen. Warum warf er zweimal einen Blick in den Spiegel, als er daran vorüberging? Er stand einen Augenblick mit erhobenem Haupte davor. Seine Blicke schienen jetzt weniger seine äußeren Züge zu prüfen: die grauen, eng zusammengezogenen Brauen, und die Runzeln, die ihre lebhaften Bewegungen halbkreisförmig über seine hohe gerade Stirn gezogen hatten, das eisengraue Haar, das sich über der Stirne erhob und wie Richards lockig zur Seite fiel. Seine ganze Erscheinung zeigte die Spuren der Jahre, aber nichts von ihrer Last, und noch war nichts von der Kraft seiner Jugend verloren gegangen.

Soweit war alles befriedigend, aber seine Augen blickten scharf, wie die eines Mannes, der durch die äußere Maske sein inneres Wesen erschaut. Vielleicht dachte er während des Schauens darüber nach, welchen Anblick er wohl dem prüfenden Blick der Dame gewähren mochte. An ihren Gefühlen zweifelte er nicht. Aber er wußte, mit welch außerordentlicher Klarheit die Frauen, wenn sie wollen, und wenn ihre Gefühle nicht in der Glut der Mittagssonne kochen, alle Seiten eines Charakters erkennen und ihre Finger auf die schwachen Stellen legen können. Er war sich des vollkommenen Mangels an Humor in seinem Wesen bewußt, eines Mangels, der am meisten dazu beitrug, ihn von seinen Mitmenschen auszuschließen, und vielleicht hatte der klardenkende, sich scharf prüfende 232 Mann die unbestimmte Vorstellung: sie hält auch mich, wie den Dichter, für eine höher stehende Sorte von – grauen Tieren.

Vielleicht faßte er den Fall so auf; er war imstande so groß zu denken und konnte zuweilen einen sehr klaren Blick in den Spiegel werfen, den die Welt der Tatsachen, die außerhalb unserer kleinen Sphäre liegt, uns entgegenhält, damit wir uns darin erblicken, wenn wir wollen. Unglücklicherweise war ihm die Fähigkeit zu lachen, die mit einem großen Geiste verbunden sein sollte, versagt; und nachdem er das Bild erblickt hatte, konnte er, ebenso wie der Gefährte von Freund Bileam, nicht weiter gehen. Ein tüchtiges Gelächter hätte ihn von dem Meltau der Selbsttäuschung, der Wunderlichkeit und Übertreibung befreit und ihm eine gesündere Ansicht von unserer Lebensatmosphäre beigebracht; aber es war ihm versagt.

Auf der Rückreise nach Bellingham, im Zuge, mit den glänzenden Augen seines aufgeregten Sohnes an seiner Seite, bemühte sich Sir Austin sehr, sich für unfehlbar zu halten, was für einen Mann mit einem System doch notwendig ist; und da es ihm trotz großer geistiger Anstrengung nicht gelang, ließ er sich dazu herab, eine persönliche Abneigung gegen die junge Person zu hegen, die zwischen sein Experiment und den Erfolg getreten war. Er dachte nicht liebevoll von ihr. Lady Blandishs Lobpreisungen ihres Benehmens und ihrer Schönheit ärgerten ihn. Indem er vergaß, daß er gewissermaßen das Recht dazu verloren hatte, stellte er sich auf den Standpunkt gewöhnlicher Väter und fragte sich selbst: ob er nicht das Recht habe, alles zu tun, was in seiner Macht stand, um seinen Sohn daran zu hindern, sich an das erste beste hübsche Gesicht, dem er begegnete, fortzuwerfen? Bei solchen Überlegungen verlor er die 233 Zärtlichkeit, die er für sein Experiment hätte empfinden sollen, – für den lebenden, glühenden Jüngling an seiner Seite, und seine große Liebe zu ihm gewann einen Anflug von Strenge. Es erschien ihm politisch, vernünftig und gerecht, daß der Onkel dieses jungen Frauenzimmers, der solange den weisen Plan gehegt hatte, sie mit seinem Sohne zu verheiraten, nicht nur bei der Erreichung seines Zieles nicht gehindert, sondern dazu ermutigt und sogar unterstützt werden sollte, – wenigstens nicht gehindert. Sir Austin hatte keinen Spiegel vor sich, während sich diese Gedanken in seinem Gemüt verhärteten, und er hatte Lady Blandishs Brief beinahe vergessen.

Vater und Sohn waren allein im Coupé. Beide waren zu sehr in Gedanken, um zu sprechen. Als sie sich Bellingham näherten, breitete sich Dunkelheit über das Land. Über dem Fichtenhügel hinter der Station lag noch ein letzter rosiger Streifen auf dem grünlichen Himmel. Richard blickte darauf hin, während sie dahinflogen. Der helle Streifen zog ihn vorwärts, schien von dem Geiste seiner Liebe erfüllt zu sein und brachte Tränen trauernder Sehnsucht in seine Augen. Die traurige Schönheit dieses einen hellen Scheins schien seiner Seele zuzurufen, auf die Treue seiner Lucy zu bauen; sie glich dem melancholischen Antlitz seiner Lilie, wie er sie nannte, wenn sie flehend um seine Treue bat. Die schüchterne, zärtliche Art mit der sie manchmal, mit halb geschlossenen Augenlidern von unten herauf ihren Liebsten anblickte, war so lieblich und so geheimnisvoll, daß dieser Blick zur Quelle seiner Träume wurde; er sah ihn dort drüben und sein Blut erbebte.

Kennst du die zaubergleichen unerklärlichen Empfindungen, vor denen unser gröberes Wesen dahinschmilzt, und vor denen wir, so sehr wir auch das Gefühl haben, wach zu sein, vergeistigt dastehen, zitternd vor 234 neuempfundener Freude? Diese Empfindungen kommen nur selten; selten selbst in der Liebe, und dann halten wir sie törichterweise für Offenbarungen. Sie sind zweifellos nur Empfindungen und um ihretwegen stehen wir auf keiner höheren Stufe, als irgendwelche prächtigen, durchsichtigen Polypen, die am Strande liegen und zittern, wenn die Sonnenstrahlen sie durchleuchten. Doch in dem Herbste unserer Tage bedeutet es schon etwas für das Tier, auf solche rein fleischliche Polypenempfindungen zurückblicken zu können, die ihm einen Horizont verschaffen – ein bleiches Meer lockenden Glanzes. Der, der sie gehabt hat (wenn er ihnen nicht unterlegen ist), kann die Insel der Seligen leichter finden, als jeder andere. Sinnlicher Glaube an überirdische Herrlichkeit ist auch etwas. »Vergessen wir nicht,« sagt das Manuskript des Pilgers, »daß die Natur, wenn sie auch heidnisch ist, in ihren besten Teilen bis an den Fußschemel des Höchsten hinanreicht. Sie ist nicht nur Staub, sondern ein lebendiger Teil der Sphäre. In unserem Streben nach Höherem begehen wir den Irrtum, sie zu verachten, indem wir vergessen, daß wir nur mit Hilfe der Natur emporsteigen können. Liebevoll gehegt, erzogen und gereinigt, wird sie des göttlichen Genossen wert, der sie selbst zur Göttlichkeit erhebt. St. Simeon sah, daß das Schwein ein Teil der Natur war, und hielt deshalb die ganze Natur für ein Schwein.«

Es war eine dieser wunderlichen, körperlichen Erregungen, die den jungen Mann durchbebten, er wußte nicht, wie es kam, seine Traurigkeit und seine bösen Ahnungen waren verschwunden. Der sanfte Zauberstab berührte ihn. Hätte Sir Austin in diesem Augenblick offen mit ihm gesprochen, so wäre Richard ihm wahrscheinlich ans Herz gesunken. Er konnte es nicht. Er zog es vor, sich nach der Art gewöhnlicher Väter beleidigt zu fühlen, und durch das Aussinnen von Plänen sein System 235 weiter zu verfolgen. Lady Blandish hatte aufs neue seine Eifersucht gegen das Geschöpf erregt, das dem System gefährlich zu werden drohte, und Eifersucht ist in bezug auf ein System ebenso unüberlegt und rachsüchtig wie in bezug auf eine Frau.

Heidekraut und Fichten dufteten scharf an dem kalten Herbstabend auf der Station in Bellingham. Richard stand, nachdem er den Zug verlassen hatte, einen Augenblick still und sog mit tiefen Zügen die Landluft ein. Er überließ seinen Vater den Begrüßungen des Stationsvorstehers und ging nach dem Lobourner Wege, um nach seinem treuen Tom auszuschauen, welcher durch Berry persönlichen Befehl erhalten hatte, mit dem Pferde seines jungen Herrn, mit Kassandra, bereit zu sein. Er hielt sich jetzt in einer am Wege liegenden, uneingeschlossenen Fichtenpflanzung versteckt, wo Richard, der seines Gefolgsmannes Vorliebe für heimliche Verschwörungen zu gut kannte, um ihn irgendwo anders, als in dem verborgensten und geschütztesten Ort zu suchen, ihn fand, wie er verstohlen seine Pfeife rauchte.

»Was gibt es Neues, Tom? Ist irgend jemand krank?«

Tom schob seine Mütze auf ein Ohr, um sich in dieser schwierigen Lage den Kopf zu kratzen, eine alte, ländliche Angewohnheit, der er zuzeiten tiefen Nachdenkens oder plötzlicher Schwierigkeiten noch immer unterworfen war.

»Nein, ich brauch' auch nicht zu kratzen, Herr Richard,« grinste er, als er sah, wie seines Herrn Auge unwillkürlich der Bewegung folgte.

»Sprich!« wurde ihm befohlen. »Ich habe seit einer Woche keinen Brief erhalten!«

Richard erfuhr die Neuigkeit. Er empfing sie äußerlich überraschend ruhig, trat nur ein wenig näher an Kassandras Hals heran und blickte scharf nach Tom hin, 236 ohne doch das Geringste von ihm zu sehen, was auf Tom die Wirkung hatte, daß er aufrichtig wünschte, sein Herr möchte ihn nur lieber gleich durchprügeln, anstatt ihn so eulenartig anzusehen.

»Weiter!« sagte Richard heiser. »Ja? Sie ist fort! Nun also?«

Tom fing an zu verstehen, daß er jede Kleinigkeit ausmalen müsse, und berichtete, wie er von einem Dienstmädchen aus Belthorpe, Davenport genannt, die er früher gekannt hatte, gehört hätte, daß die junge Dame keinen Augenblick mehr geschlafen hätte, von der Stunde an, da sie wußte, daß sie fort sollte; aber daß sie bis zum Morgen in ihrem Bett gesessen und höchst jämmerlich geweint hätte, obgleich sie sich niemals beklagte. Hierbei strömten die Tränen Richards Wangen herab, ohne daß er sich dessen bewußt wurde. Tom sagte, daß er versucht hätte, sie zu sprechen, daß aber Mr. Adrian ihn bei der Arbeit gehalten hätte; schreckliche Summen hätte er zusammenzählen müssen – das und nichts anderes den ganzen Tag! das würde seinen jungen Herrn erfreuen, wenn er zurückkäme, hätte man ihm gesagt. »Und dann noch was Lateinisches,« fügte Tom hinzu, »so was wie Nom'tive! genug, um einen Menschen verrückt zu machen, Herr!« rief er mit Pathos. Man hatte von dem Unglücklichen verlangt, daß er die Deklination lerne. –

Tom hatte sie an dem Morgen gesehen, an dem sie fortging, erzählte er; sie hätte sehr traurig ausgesehen und ihm freundlich zugenickt, als sie mit dem jungen Tom Blaize im Wagen an ihm vorbeifuhr. »Sie hat ganz ungewöhnlich freundliche Augen, Herr,« sagte Tom, »und das Weinen verdirbt sie nicht,« wofür ihm die Hand gedrückt wurde.

Mehr hatte Tom nicht zu erzählen, nur daß an der Biegung des Weges die junge Dame ihre Hand hätte 237 heraushängen lassen und es geschienen hätte, als habe sie sie hin und her bewegt, als ob sie hätte sagen wollen, lebe wohl, Tom! »Und obgleich sie mich nicht sehen konnte,« sagte Tom, »nahm ich doch meinen Hut ab. Mir kam es so freundlich von ihr vor, daß sie an so 'nen Kerl wie mich denken sollte.« Er sprach unter dem Hochdruck des Gefühls, sei es infolge seiner Erziehung zum Helden, oder in Berücksichtigung des verliebten Zustandes seines Herrn.

»Dann sahst du nichts mehr von ihr, Tom?«

»Nein, Herr. Das war das letzte!«

»Das war das letzte, das du von ihr sahst, Tom?«

»Ja, Herr. Ich sah nichts mehr.«

»Und so verschwand sie!«

»Rein weg, so war es, Herr!«

»Warum brachten sie sie fort? Was haben sie mit ihr getan? Wo haben sie sie hingebracht?«

Diese glühend heißen Fragen richteten sich mehr an den allwissenden Himmel, als an Tom.

»Warum hat sie nicht geschrieben?« fuhr er weiter fort. »Warum ist sie fortgegangen? Sie ist mein Eigentum! Sie gehört mir! Wer wagte es, sie fortzubringen? Warum ist sie gegangen, ohne zu schreiben? – Tom!«

»Ja, Herr,« sagte der gut gedrillte Rekrut und stellte sich stramm bei dem Kommandowort. Nach dem Ton der Stimme, mit dem sein Name ausgesprochen worden war, erwartete er ein neues Thema, aber es ging wieder weiter: »Wo haben sie sie hingebracht?« und das brachte den armen Tom in noch größere Verwirrung, als seine schweren Rechenaufgaben es getan hatten. Er konnte nur die Mundwinkel herunterhängen lassen und seinen Herrn traurig ansehen.

»Sie hat geweint – das hast du gesehen, Tom?«

»Daran kann gar kein Zweifel sein, Mr. Richard. Die ganze Nacht geweint und den ganzen Tag sozusagen.«

238 »Und sie weinte, als du sie sahst?«

»Sie sah aus, als ob sie grade für einen Augenblick aufgehört hätte, Herr.«

»Und ihr Gesicht war blaß?«

»Weiß wie 'n Laken.«

Richard hielt an, um herauszufinden, ob sein Instinkt aus diesen Tatsachen eine neue Auffassung der Sachlage gewinnen könnte. Er war wie in einem Käfig und stieß immer wieder gegen dieselben Eisenstäbe, er mochte fliegen, wie er wollte. Ihre Tränen waren die Sterne in seiner schwarzen Nacht. Er klammerte sich an diese goldenen Gestirne. So unerklärlich sie auch waren, sie waren wenigstens ein Unterpfand der Liebe.

Die Farben des Sonnenunterganges waren aus dem Westen verschwunden. Kein Licht herrschte außer dem blassen, gleichmäßigen Licht der Dämmerung. Dorthin zog es ihn. Er bestieg Kassandra, und mit den Worten: »Sage ihnen, was du willst, Tom, ich komme zum Essen nicht nach Hause,« ritt er der verlassenen Heimat des Lichtes zu, nach Belthorpe hin, wo er Lucys blasse Hand zu sehen meinte, die ihm ihr Lebewohl zuwinkte und immer weiter zurückwich, während er vorwärtsritt. Sein Juwel war gestohlen, er wollte wenigstens die leere Schachtel sehen.

 

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