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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Richard wird zur Stadt gerufen, eine Predigt zu hören.

Am folgenden Tage um 12 Uhr mittags wußten die Bewohner von Raynham, daß des Barons Diener Berry mit Eilpost aus der Stadt gekommen wäre mit dem Befehl, den jungen Herren dorthin zu begleiten. Man hatte gehört, daß Richard sich geweigert hätte zu gehen, daß er geschworen hätte, er würde es nicht tun, daß er seinem Vater getrotzt und Berry zur Hölle gewünscht hatte. Berry war ganz das Gegenteil von Benson. Während Benson die Frauen haßte, brachte Berry ihnen warme Bewunderung entgegen. Nächst seiner eigenen stattlichen Person beherrschte das weibliche Geschlecht seine Gedanken und forderte seine Huldigungen heraus. Berry war von majestätischem Benehmen und hatte eine Schwäche für gelehrte und hochtrabende Worte. Unter den Mädchen von Raynham gaben seine stolz zur Schau gestellten Waden Veranlassung zu all der Uneinigkeit und Tollheit, die dieser Schmuck bestimmt zu sein scheint in zarten Herzen zu erwecken. Er stand außerdem in dem Ruf, um des schönen Geschlechtes willen gelitten zu haben, was ihm die Erreichung seines Zieles, das schöne Geschlecht um seinetwillen leiden zu lassen, sehr erleichterte. Mit seinen Waden und seinen gelehrten Ausdrücken und dem anziehenden 213 Heiligenschein, den ihm die mysteriöse Rachsucht der Venus verliehen hatte, war dieser Adonis des niederen Haushaltes in den unteren Regionen eine mächtige Persönlichkeit und trat dem entsprechend auf.

Als Adrian hörte, welcher Tumult durch Berrys Ankunft hervorgerufen worden war, schickte er nach ihm, hörte den Inhalt seiner Botschaft und das Resultat derselben.

»Sie hätten zuerst zu mir kommen sollen, Berry,« sagte Adrian, »ich hätte Sie für klug genug gehalten, das zu tun?«

»Verzeihen Sie, Mr. Adrian,« Berry zog die Ellenbogen an, um seine Handlungsweise zu erklären. »Verzeihen Sie, Herr! Als Empfänger spezieller Instruktionen war ich in der Bewegung gehindert.«

»Gehen Sie wieder zu Mr. Richard, Berry. Wir werden Unannehmlichkeiten haben, wenn er nicht kommen will. Vielleicht wäre es besser, wenn Sie auf Schlaganfall oder so etwas hinwiesen. Eine leichte Andeutung würde genügen. Und wenn Sie nach der Stadt zurückkehren, Berry, wäre es besser, Sie erwähnten, um mich gewählt auszudrücken, nichts von Bensons Verprügelung.«

»Natürlich nicht, Herr!«

Des weisen Jüngling Andeutung hatte die gewünschte Wirkung auf Richard.

Er schickte Tom mit einem eilig geschriebenen Brief nach Belthorpe, bestieg sein Pferd und galoppierte nach der Station Bellingham.

Sir Austin hatte sich zu einem ruhigen, frühen Mittagessen in seinem Hotel hingesetzt, als sein hoffnungsvoller Sohn und Erbe ins Zimmer stürmte.

Der Baron war nicht ärgerlich auf seinen Sohn. Er war gerecht und, so lange sein Stolz nicht erregt war, auch bereit die Schuld auf sich zu nehmen. Daher hatte er nach 214 dem Empfang von Bensons Brief den Tag über darüber nachgedacht, ob er seinem Sohne nicht freundlich genug entgegengekommen wäre, ob er trotz seiner großen Sorgfalt nicht kameradschaftlich genug mit ihm verkehrt hätte, ob er ihm nicht, wie es doch sein Bestreben gewesen war, genügend Vater und Mutter gewesen wäre, Lehrer und Freund, Ratgeber und Gefährte. Er durfte sein Gewissen nicht erst fragen, in welcher Hinsicht er noch kürzlich, in bezug auf das System, Tadel verdient hatte. Er hatte sich gerade in der Krisis des »Magnetischen Alters« aus Raynham fortgestohlen, und diese junge Person aus dem Dorfe (wie Benson die süße Lucy in seinem Briefe bezeichnet hatte) war die Folge davon.

Ja! Stolz und Empfindlichkeit waren seine Hauptfeinde, und er wollte sie zu Boden werfen. Um einen Anfang damit zu machen, umarmte er seinen Sohn, was einem Engländer zu jeder Zeit schwer fällt – doppelt schwer einem, der sozusagen kühlen Blutes Empfindung zeigen soll. Er empfand aber doch ein ungewohntes Vergnügen daran. Und der Jüngling schien die Zärtlichkeit zu erwidern. Er war aufgeregt. Fing seine Liebe vielleicht an, der seines Vaters zu entsprechen, wie in jenen Tagen der Intimität vor der »Blütezeit«?

Aber als Richard in seiner Eile zunächst stammelnd hervorbrachte: »Mein lieber, lieber Vater! Du bist gesund! Ich fürchtete – Es geht dir besser, Vater? Gott sei Dank!« trat Sir Austin von ihm zurück.

»Gesund?« sagte er. »Was gab dir Veranlassung zur Besorgnis?«

Statt zu antworten, warf sich Richard auf einen Stuhl, ergriff seines Vaters Hand und küßte sie.

Sir Austin setzte sich und wartete darauf, daß sein Sohn sich näher erklären sollte.

»Die Ärzte sind solche Narren!« brach Richard los. 215 »Ich war ja sicher, daß sie sich geirrt hätten. Sie können Kopfschmerz und Schlaganfall nicht unterscheiden. Dich wiederzusehen, Vater, lohnt den Ritt. Du verließest Raynham so plötzlich. – Aber du fühlst dich jetzt wohl. Es war wirklich nicht ein Schlaganfall?«

Seines Vaters Brauen zogen sich zusammen, als er antwortete: »Nein, das war es nicht.«

Richard fuhr fort:

»Wenn du krank warst, konnte ich gar nicht schnell genug kommen. Wenn das Gesetz Pferdemord bestrafte, würden deine Ärzte verurteilt werden. Kassandra wird dran glauben müssen. Ich kam zu früh auf die Bahn in Bellingham und wollte nicht warten. Sie legte den Weg in vierdreiviertel Stunden zurück. Das ist ziemlich gut, nicht wahr?«

»Das hat dir wenigstens guten Appetit zu Mittag verschafft, hoffe ich,« sagte der Baron, nicht sehr erfreut, zu finden, daß nicht nur Gehorsam den Jüngling so schnell zu ihm gebracht hatte.

»Ich bin bereit,« erwiderte Richard, »ich kann dann den letzten Abendzug zeitig genug erreichen. Ich werde Kassandra in deiner Obhut lassen, damit sie sich etwas ausruhen kann.«

Der Vater legte schweigend die Suppe vor, welche Richard mit einem Eifer zu löffeln anfing, der für Appetit gelten konnte.

»Ist alles wohl in Raynham?« sagte der Baron.

»Ganz wohl, Vater!«

»Nichts Neues passiert?«

»Nichts.«

»Ist alles so, wie ich es verlassen habe?«

»Es hat sich nichts geändert!«

»Ich werde froh sein, wieder nach dem alten Schloß zu kommen,« sagte der Baron. »Mein Aufenthalt in der 216 Stadt ist allerdings nicht unnütz gewesen. Ich habe einige angenehme Leute kennen gelernt, die uns vielleicht mit einem Besuch im Spätherbst erfreuen werden – Leute, deren Bekanntschaft dir Vergnügen bereiten wird. Sie sind sehr begierig, Raynham kennen zu lernen.«

»Ich liebe das alte Haus,« rief Richard, »ich möchte es niemals verlassen.«

»Aber, mein Junge, du hast doch früher immer darum gebeten, die Stadt kennen lernen zu dürfen.«

»Ich, Vater? Wie komisch! Nun, jetzt möchte ich jedenfalls nicht hier bleiben. Ich habe genug davon gesehen.«

»Wie hast du deinen Weg hierher gefunden?«

Richard lachte und erzählte, wie die meilenlangen Ziegelreihen, das Geräusch und das Gedränge der Menschen ihn verwirrt hätten, und schloß mit den Worten: »Es gibt nur ein Zuhause.«

Der Baron beobachtete seine verräterisch glänzenden Augen und erwiderte mit den doppelsinnigen Worten:

»Es ist die Torheit der Jugend, mein Sohn, das Herz Anker werfen zu lassen, ehe wir die halbe Welt kennen gelernt haben. Eile mit Weile! Das ist ein besserer Grundsatz.«

»Er weiß alles!« dachte Richard und zog sich innerlich meilenweit von seinem Vater zurück und warf Verschanzungen auf um sich und seine Liebe.

Nachdem das Mittagessen beendet war, sah Richard eilig auf seine Uhr und sagte sehr eifrig: »Ich werde grade zur Zeit kommen, Vater, wenn wir jetzt gehen. Kommst du mit mir zum Bahnhof?«

Der Baron antwortete nicht.

Richard wollte die Frage eben wiederholen, als er bemerkte, daß sein Vater ihn so bedeutungsvoll ansah, daß er unsicher wurde und mit seinem leeren Glase spielte.

217 »Ich denke, wir trinken noch eine Flasche Rotwein,« sagte der Baron.

Der Wein wurde gebracht und sie blieben allein.

Der Baron rückte seinem Sohne auf Armeslänge näher und fing an:

»Ich weiß nicht, was du während der Jahre, die wir zusammen gelebt haben, von mir gedacht haben magst, Richard, und ich habe mich auch wahrlich nicht damit beeilt, mich dir zu offenbaren, und wenn ich gestorben wäre, ehe mein Werk vollendet war, hätte ich mich nicht darüber beklagt, die Hälfte meines Lohnes zu verlieren – deinen Dank. Vielleicht werde ich, wie die Dinge liegen, diesen Lohn nie erlangen. Aber alles, außer der Selbstsucht, trägt eine Belohnung in sich. Ich werde zufrieden sein, wenn dein Glück blüht.«

Er holte tief Atem und fuhr fort: »Du hattest in deiner Kindheit einen großen Verlust.« Vater und Sohn erröteten gleichzeitig. »Um dich dafür zu entschädigen, beschloß ich, mich von der Welt abzuschließen, um ausschließlich für dich zu leben, und ich denke, es ist nicht Eitelkeit, wenn ich mir jetzt sage, der Sohn, den ich erzogen habe, ist unter Gottes Geschöpfen eins der hoffnungsvollsten. Aber grade deshalb bist du der Verführung am meisten offen und kannst am tiefsten sinken. Der höchststehende unter allen Engeln war es, der den Weg zur Hölle eröffnete.«

Er hielt wieder an. Richard spielte mit der Uhr.

»Wir sind in unserer Familie eigentümlich beanlagt, mein Sohn. Wir erleiden leicht Schiffbruch. Es klingt wie Aberglauben, aber ich muß annehmen, daß wir stärkere Versuchungen zu bestehen haben, als die meisten Menschen. Ich sehe es bei uns allen. Und du, mein Sohn, vereinigst das Blut zweier Geschlechter. Du hast starke Leidenschaften. Du hast das Gefühl der Rache kennen gelernt. Du hast in 218 kleinem Maßstabe erkannt, daß das Pfund Fleisch Ströme von Blut nach sich zieht. Aber eine andere Macht herrsche jetzt in dir. Du trittst jetzt auf den Kampfplatz des Lebens, wo sich eingebildete Kämpfe in wirkliche verwandeln, und du betrittst dieses Land beladen mit gleicher Kraft zu schaffen, wie zu zerstören.« Er zögerte, um dem folgenden Ausspruch besondere Bedeutung zu verleihen.

»Es gibt Frauen in der Welt, mein Sohn.«

Der jungen Mannes Herz stürmte im Galopp nach Raynham zurück.

»Wenn du mit ihnen zusammentriffst, dann beginnt die entscheidende Prüfung. Wenn du sie kennen lernst, wird dein Leben dir entweder zum Gaukelspiel oder, nach der Erfahrung anderer, zu einer Gabe des Segens. Die Frauen sind unsere Feuerprobe. Liebe zu irgend einem menschlichen Wesen ist die Feuerprobe der Seele; und sie sind unsere Feuerprobe, ob wir sie lieben oder nicht.«

Der junge Mann hörte das Pfeifen des Zuges. Er sah den mondbeleuchteten Wald und die Erscheinung der Geliebten. Es war ihm kaum möglich, still zu sitzen und zuzuhören.

»Ich glaube,« sagte der Baron, aber von der Freudigkeit des Glaubens lag wenig in seinem Ton, »ich glaube, es gibt gute Frauen.«

Ach, wenn er Lucy kennte!

»Aber,« und er blickte Richard scharf an, »es wird nur wenigen vergönnt, sie auf der Schwelle des Lebens zu treffen, ich darf wohl sagen, niemandem. Wir finden sie, nachdem uns das Leben hart herumgestoßen hat, und gewöhnlich, wenn wir die eine finden, die für uns paßt, hat unsere eigne Tollheit unserm Geschick schon die falsche Gestalt gegeben, ist unser Los schon gefallen. Denn die Frauen sind nicht der Zweck, sondern das Mittel des Lebens. In der Jugend halten wir sie für den Zweck, 219 und tausende, die nicht einmal die Entschuldigung der Jugend haben, wählen eine Gefährtin – oder Schlimmeres – nur in diesem Sinne. Ich glaube, die Frauen strafen uns dafür, daß wir ihren Zweck so verkennen. Sie strafen die Gesellschaft.«

Der Baron legte die Hand an die Stirn und ließ seine Gedanken wandern.

»Unser fleißigster Schüler lernt nicht so viel, wie ein ernster Lehrer,« sagt das Manuskript des Pilgers, und indem Sir Austin sich selbst dazu zwang, mit Überlegung von den Frauen zu sprechen, fing ihm an ein leises Verständnis aufzugehen für ihre Seite der Frage.

Das kalte Blut sprach jetzt über die Liebe zu dem heißen Blut.

Das kalte Blut sagte: »Es ist eine Leidenschaft, die nach der Bestimmung der Natur über uns kommt, als reife Frucht unsers tierischen Wesens.«

Das heiße Blut fühlte: »Es ist etwas Göttliches. Es ist das einzige, was dem Leben in dieser Welt Wert verleiht.«

Das kalte Blut sagte: »Es ist ein Fieber, das unsere Kraft auf die Probe stellt und nur zu oft zum Verderben führt.«

Das heiße Blut fühlte: »Führe es, wohin es mag, ich folge ihm.«

Das kalte Blut sagte: »Es ist der Name, mit dem Männer und Frauen sich gewöhnt haben, ihren Appetit zu heiligen.«

Das heiße Blut fühlte: »Es ist Anbetung, Religion, Leben!«

Und immer weiter fort liefen diese beiden Linien parallel nebeneinander her.

Der Baron wurde persönlicher:

»Du kennst meine Liebe zu dir, mein Sohn. Ihre 220 ganze Ausdehnung kannst du nicht ermessen: aber du mußt wissen, daß sie sehr tief ist, und – ich spreche nicht gern davon – aber ein Vater muß manchmal um Dankbarkeit bitten, da die moralische Unverdorbenheit seines Sohnes der einzige, wahre Ausdruck derselben ist. Wenn du dir etwas aus meiner Liebe machst oder sie erwiderst, dann hilf mir mit deiner ganzen Kraft dich so zu erhalten, wie ich dich erzogen habe, und hüte dich vor den Fallen, die dir gestellt werden. Einstmals lag dieses in meiner Hand. Es ist nicht länger so. Erinnere dich daran, mein Sohn, was meine Liebe bedeutet. Sie ist, wie ich fürchte, sehr verschieden von der Liebe anderer Väter; aber ich lebe nur in deinem Wohlergehen: was du tust, trifft mich bis ins Innerste. Du kannst keinen Schritt tun, der nicht mit meinem Glück oder meinem Elend verknüpft ist. Ich habe große Enttäuschungen erlebt, mein Sohn.«

So weit war alles gut. Richard liebte seinen Vater und konnte ihn trotz seines aufgeregten Zustandes nicht ohne Bewegung so sprechen hören. Ein böses Schicksal ließ den Baron niemals erkennen, wenn er im Begriff war die Schlacht zu gewinnen, und so wollte es das Unglück, daß er es in seiner Weisheit für angebracht hielt, die Trockenheit seiner Predigt mit einigen Scherzen anzufeuchten. Er fing an über junge Leute zu sprechen, die sich einbildeten, verliebt zu sein, und die, wenn sie noch ganz unreif und grün wären, durchaus heiraten wollten – diese furchtbar ernste Sache, die die weisesten und stärksten Männer nur zögernd und nach Selbstkasteiung und Buße zu unternehmen wagten.

Er gab eine Schilderung des törichten, jungen Mannes, wie er sich vor aller Welt lächerlich macht und im geheimen von jedermann verachtet wird. Er schilderte dann dieses seltsame Bild, die Frau, die nach unserm Bilde 221 gemacht und mit all unsern Fähigkeiten ausgestattet ist, wie sie unter die Herrschaft eines Mannes gerät, der schon allein dadurch, daß er sich mit ihr verbindet, beweist, daß er nicht einmal sich selbst beherrschen kann, und der von ihr nicht mehr wußte, als daß sie ein außergewöhnlicher Leckerbissen sei, für dessen Besitz er die ganze Welt und sich selbst dazu in Brand zu stecken bereit gewesen war. Er sprach lang und breit über den »törichten, jungen Mann«, bis dem törichten, jungen Mann die Haut brannte und er vor Scham und Wut beinahe erstickte.

Jetzt hätte dem Baron keine Weisheit mehr helfen können: er hatte sein Werk vollständig vernichtet.

Mochte er auch jetzt die Liebe analysieren und die Frau anatomisch zerlegen. Mochte er ihr die ihr zukommende Stellung zugestehen, mochte er ihre Schönheit schildern, mochte er klug oder scherzhaft, sanft oder pathetisch oder wunderbar weise sein, er sprach vor tauben Ohren.

Nachdem er seine Predigt mit der sanft geäußerten Frage geschlossen hatte: »Hast du mir irgend etwas zu sagen, Richard?« und auf ein Bekenntnis und eine vollständige Wiederherstellung des Vertrauens gehofft hatte, traf ihn mit vernichtender Kälte die gefühllose Antwort: »Nein, nichts!«

Der Baron sank in seinen Stuhl zurück und legte seine Finger zum Dreieck zusammen.

Richard wandte sich von einem weiteren Gespräche ab, indem er an das Fenster trat. An dem Stück Himmel, das er über der Straße sehen konnte, funkelten zwei oder drei Sterne, schienen mit blassem Licht, da sie die Nähe des Mondes fühlten. Bald würde der Mond aufgehen, die Wälder würden ihm entgegenrauschen, sein Stern des Waldes würde da sein. Eine Moosbank in Blumen gebettet erschien vor ihm, ließ ihn deutlich und scharf 222 die Waldluft atmen und erfüllte ihn mit trunkenem Sehnen.

Er seufzte schwer, und die Hand seines Vaters legte sich auf seine Schulter.

»Du hast nichts, was du mir sagen könntest, mein Sohn? Sage es mir, Richard! Vergiß nicht, daß die Seele keine Ruhe findet, wo nur ein Schatten der Unwahrheit wohnt!«

»Gar nichts, Vater,« erwiderte der junge Mann, ihn voll ansehend.

Der Baron zog seine Hand zurück und schritt auf und ab in dem Zimmer.

Schließlich wurde es Richard unmöglich, seine Ungeduld noch länger zu beherrschen, und er sagte: »Hast du die Absicht mich hier zu behalten, Vater? Soll ich heute abend gar nicht nach Raynham zurück?«

Und wieder scherzte der Vater zur unrechten Zeit: »Was? Du willst den Zug einholen, nachdem du ihm zehn Minuten Vorsprung gegeben hast?«

»Kassandra wird mich zurückbringen,« sagte der junge Mann ernsthaft. »Es ist ja nicht nötig, daß ich zu schnell reite, Vater. Oder vielleicht leihst du mir deinen Winkelried? Auf ihm würde ich in wenig mehr als drei Stunden zu Hause sein.«

»Du weißt, daß selbst dann die Parkgitter schon geschlossen sein würden.«

»Dann könnte ich ihn im Dorfe einstellen. Dowling kennt das Pferd und wird es jedenfalls richtig behandeln. Darf ich Winkelried haben, Vater?«

Richards Gesicht hellte sich auf, als er so fragte. Wenn er seine Liebste heut abend nicht treffen sollte, so würde er doch wenigstens in ihrer Nähe sein, dieselbe Luft atmen, sehen, welcher Stern über ihrem Schlafzimmer stände, das leise Nachtgespräch der Bäume über ihrer Wohnung 223 hören, würde in die Ferne blicken, die halb erfüllter Hoffnung glich und Gestalt angenommen hatte, seit er sie kannte.

Zwei Schwalben wohnten unter der Dachrinne, die Lucys Zimmerfenster beschattete, zwei Schwalben, Gefährten eines Nestes, glückselige Vögel, welche der einsam in ihrem Bett liegenden Schönheit zuzwitscherten und schiepten. An diese Vögel klammerte sich das Herz des Liebenden, er wußte nicht, weshalb. Mit ihnen verknüpften sich alle seine unklaren Träume von Glück. Es verging kaum ein Morgen, an dem er nicht beobachtete, wie sie ihr Nest auf ihrem Frühstücksausflug verließen, geschäftig in der glücklichen Stille der Morgendämmerung. Es schien ihm nun, daß, wenn er nur in Raynham sein könnte, um die Schwalben im ersten Morgengrauen zu sehen, er entschädigt sein würde für den unberechenbaren Verlust des Abends, daß er seinem Vater vergeben würde und seinen Vater und London und das Leben und die Welt wieder lieben könnte. Nur grade diese glänzend schwarzen Rücken und weißen Brüste in der ruhigen Morgenluft aufblitzen sehen! Mehr verlangte er nicht!

Des Barons Zögern hatte dieses unermeßliche Glück der Einbildungskraft des jungen Mannes erreichbar erscheinen lassen.

Aber er hörte nicht auf, die Geduld des Knaben auf die Probe zu stellen.

»Du weißt, daß niemand in Raynham zu deinem Empfange bereit sein würde. Es ist nicht recht, die Mädchen so aufzustören.«

Richard widerlegte jeden Einwand.

»Nun denn, mein Sohn,« sagte der Baron, indem er seine halb scherzhafte Miene beibehielt. »Ich muß dir sagen, daß es mein Wunsch ist, dich in der Stadt zu haben.«

224 »Dann bist du überhaupt gar nicht krank gewesen, Vater?« rief Richard, als er in seiner Verzweiflung das ganze Komplott zu begreifen anfing.

»Ich bin so gesund gewesen, wie du es nur wünschen konntest,« sagte sein Vater.

»Warum haben sie mich denn belogen?« rief der junge Mann zornig.

»Ich denke, Richard, daß du dir das selbst am besten beantworten kannst,« bemerkte Sir Austin mit ernster Freundlichkeit.

Die Furcht, als der »törichte, junge Mann« bezeichnet zu werden, hielt Richard vor weiteren Äußerungen zurück. Sir Austin sah, wie er seinen Zorn zu Pulver verrieb für kommende Explosionen und hielt es für das Beste, ihn eine Zeitlang allein zu lassen.

 

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