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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwanzigstes Kapitel.

Altehrwürdiger Überlieferung getreu bekämpft der Held den Drachen.

Verzauberte Inseln sind noch immer nicht von ihrer Drachenbrut befreit. Wo immer noch Romantik lebt, da fühlen sich diese Ungeheuer auf verderbliche Weise angezogen. Da der Himmel den Liebenden sicherlich günstig gesinnt ist, haben sich die Ungeheuer der Tiefe, angeregt durch unzählige traurige Siege, dazu vereinigt, ihnen zu schaden, und jede Liebesgeschichte ist ein Epos, das den Kampf der oberen und unteren Gewalten besingt. Ich wünschte, die guten Feen wären etwas tätiger. Es scheint, sie haben sich durch das Glück ihrer Günstlinge in Sicherheit wiegen lassen, während die bösen immer wachsam und immer auf dem Posten sind. Sie warten, bis das junge Volk die Augen geschlossen hat und sich einbildet, nicht gesehen zu werden, und dann fangen sie ihre Arbeit an.

Diese Verabredungen und Zusammenkünfte, die es mit sich brachten, daß Richard von Tisch aufstehen mußte, in der Stunde, in der der weise Jüngling Adrian ein behagliches Gespräch liebte und sich in dem träumerischen Bewußtsein zurücklehnte, daß ein gutes Werk in ihm vorginge; diese Zerstreutheit bei seinen Studien, diese 187 wechselnde Übertreibung von Frohsinn und Verdrießlichkeit, diese Seufzer und andere seltsame Zeichen, vor allem aber dieses unpassende Benehmen seines Schülers bei Tische, ließen Adrian erkennen, daß der junge Mann, obgleich er sehr geschickt in der Erfindung von Entschuldigungen war, auf irgend eine Weise erfahren hatte, daß der Apfel der Schöpfung zwei Hälften hätte, und daß er sich eingeschifft hatte zu der großen Reise zur Erforschung der Verschiedenheit der beiden Hälften. Mit gewohnter Kaltblütigkeit überlegte Adrian, ob er wohl in dem beobachtenden oder schon in dem praktischen Studium der Reise angelangt sein mochte. Was ihn selbst betraf, so hätte Adrian, als Mann und Philosoph, gegen keines der beiden etwas einzuwenden gehabt, und er hatte nur in Erwägung zu ziehen, durch welche der beiden Stadien augenblicklich das lächerliche System, das er zu unterstützen hatte, mehr bedroht wurde. Richards Abwesenheit ärgerte ihn. Der Jüngling war lebhaft und seine Begeisterungsfähigkeit amüsierte ihn, außerdem blieb Adrian, wenn Richard gegangen war, mit der Großtante und Hippias allein. Beiden hatte er schon alles Amüsement entlockt, das von ihnen zu erwarten war, und er fürchtete, daß seine Gesundheit ernstlich durch die Gesellschaft zweier kranker Mägen bedroht werden könnte, die ihm grade dann lästig fielen, wenn er sich selbst so recht lieb hatte. Der arme Hippias war nun so weit gekommen, daß er die tiefsinnigsten Berechnungen anstellen mußte, ob ein besonderes Gericht oder ein extra Glas Wein eine böse Wirkung auf ihn haben und sich für den Rest seiner Jahre fühlbar machen könnten. Er hatte sich daran gewöhnt, diese Berechnungen halblaut anzustellen, wobei die prophetische Furcht vor dem Versuch und die verlockenden Einflüsterungen des Appetits einen heißen Kampf kämpften. Es war schrecklich ihm zuzuhören; so konnte man es 188 Adrian wohl verzeihen, wenn er die Neigung spürte, ihn zugunsten des letzten Stündleins in Versuchungen zu führen.

»Ich freue mich, ein Glas mit dir trinken zu können,« pflegte Adrian zu sagen, worauf Hippias die Flasche mit schmerzlichem Ausdruck ansah und den Doktor ins Treffen führte.

»Trink nur, Neffe Hippy, und denke erst morgen an den Doktor,« sagte die Großtante mit fröhlich knisternden Haubenbändern und empfahl ihm dann ihre eigne Methode.

»Das macht die literarische Arbeit,« sagt Hippias und faßt sein Glas mit Gewissensbissen. »Ich weiß nicht, was es sonst sein könnte. Ihr habt keine Ahnung davon, was für Beängstigungen ich manchmal fühle. Ich habe schreckliche Träume, ich bin beständig in Angst.«

»Das wundert mich gar nicht,« sagte Adrian, der sich über die kindische Einfalt amüsierte, zu der der arme Hippias durch das hingebende Studium seines materiellen Daseins gekommen war. »Das wundert mich gar nicht. Zehn Jahre Feen-Mythologie! könnte irgend ein Mensch erwarten, danach noch friedlich zu schlafen? Was deine Beschwerden anbetrifft, so kann ich dich versichern, kein Mensch hat einen gesunden Magen, der in der Hand der Ärzte ist. Sie verschreiben nach der Schablone und ziehen nicht die Konstitution in ihre Berechnung. Sie haben dich von zwei Flaschen auf zwei Gläser gebracht. Es ist vollständig abgeschmackt. Du kannst nicht schlafen, weil deine Konstitution nach dem verlangt, woran du gewöhnt bist.«

Hippias schlürft seinen Madeira mit sehr geringem Vertrauen und versichert Adrian, daß er wirklich lieber nicht wagen möchte eine ganze Flasche zu trinken, es wäre reine Tollheit eine Flasche zu wagen, meint er.

189 Erst gestern abend, als er gegen seinen Willen von dem fetten, französischen Gericht gegessen hatte, oder kam es vielleicht von der Ente? – Adrian riet ihm die Schuld lieber einem solch gewöhnlichen Vogel zuzuschieben. – Dann war es also die Ente; gestern abend, gleich nachdem er sich im Bett ausgestreckt hatte, war es ihm erschienen, als wäre er von einer ganz ungeheuren Größe, alle seine Glieder – seine Nase, sein Mund, seine Zehen – waren elefantenmäßig gewesen. Ein Elefant war ein Zwerg im Vergleich mit ihm. Und seine ungeheure Größe schien sofort zuzunehmen, sobald er die Augen schloß. Er wandte sich von der einen Seite auf die andere. Er lag auf dem Rücken, er versuchte sein Gesicht in den Kissen zu vergraben, es half alles nichts, er schwoll immer mehr. Er wunderte sich, daß er noch Raum im Zimmer hatte, er meinte es müßte bersten – und er mußte wirklich Licht anstecken und an den Spiegel gehen, um zu sehen, ob er noch erträglich aussähe.

Als er so weit gekommen war, konnten sich Adrian und Richard nicht mehr vor Lachen halten: In der Großtante aber fand er ein interessierte Zuhörerin. Sie meinte, es müßte eine neue Krankheit sein, die man in ihrer Jugend noch nicht gekannt habe, und die wohl näherer Untersuchung wert wäre. Sie fand Freude daran, ihre Empfindungen mit den seinigen zu vergleichen, aber ihre waren nicht von solch verwickelter Art, und Medizin brachte sie bald wieder in Ordnung. Nahrung und Medizin schien in der Tat ihre Konstitution als streitbares Land anzusehen, auf dem sie ihre Schlachten kämpften, und sie konnte Hippias frohen Herzens verkünden, daß sie sich durchaus nicht schlechter befände, wenn der Kampf vorüber war. Ein Bauer hat niemals einen Prinzen, oder ein Landmädchen eine Schönheit des Hofes mit mehr Neid betrachtet, als in den Blicken lag, mit denen Hippias die 190 Großtante ansah. Die Sache war ihm zu ernst, als daß er sich um das Gelächter der jungen Leute hätte kümmern sollen.

Diese »Tragödie des Kochherdes,« wie Adrian Hippias' Krankheit bezeichnete, wiederholte sich regelmäßig an jedem Abend. Es war nur natürlich, wenn ein Jüngling suchte, solchen Magengesprächen so schnell wie möglich zu entfliehen.

Adrian hatte rücksichtsvolle Nachsicht mit Richards Benehmen, bis ihn ein Brief des Barons, in dem dieser das Haus und das mütterliche Erziehungssystem einer Mrs. Karoline Grandison und die hoffnungsvollen Aussichten ihrer jüngsten Tochter beschrieb, dazu aufrüttelte, an seine Pflicht zu denken und einmal nachzusehen, was vorging. Er gab Richard eine halbe Stunde Vorsprung, setzte dann seinen Hut auf und folgte seinem scharfen Instinkt, während Hippias und die Großtante bei Piquet zurückblieben.

Auf dem Landwege nach Belthorpe traf er ein Bauernmädchen, die ihm nicht unbekannt war, eine gewisse Molly Davenport, ein dralles Mädel. Als sie ihn sah, rief sie nach solcher Mädchen Art:

»Ach du mein Himmel,« und kicherte, als lebhafte, wenn auch alte Erinnerungen, in ihr auftauchten. »Suchen Sie Ihren jungen Herrn?« fragte Molly dann sofort.

Adrian blickte wie ein kaltblütiger Straßenräuber den Weg entlang, um zu sehen, ob das Feld frei wäre, und antwortete dann: »Ja, Molly, und du sollst mir alles sagen, was du von ihm weißt.«

»Ach, Gotte,« sagte das dralle Mädel, »kommen Sie heute abend das von mich zu hören?«

Adrian wies sie zurecht, wahrscheinlich wegen ihrer schlechten Grammatik.

»Ich kann nämlich heut abend nicht lange draußen bleiben,« erklärte Molly, indem sie den Verweis nur auf ihre schlechte Grammatik bezog.

191 »Du kannst hineingehen, wenn es dir Spaß macht.«

»Kommt da jemand?«

»Tritt hier in den Schatten.«

»Nanu, machen Sie aber keine Geschichten,« sagte Molly.

Jetzt sprach Adrian mit sehr viel Nachdruck: »Höre zu, Molly Davenport, was ich dir zu sagen habe.«

Er steckte ihr eine Münze in die Hand, was einen besänftigenden Einfluß hatte und sie so beruhigte, daß sie aufpaßte. »Ich will wissen, ob du ihn überhaupt gesehen hast?«

»Wen? Ihren jungen Herrn? Natürlich habe ich ihn gesehen. Ich sah ihn nur eben noch, heut abend. Hübsch ist er geworden. Er ist jetzt immer um Belthorpe herum. Jetzt braucht er keine Heuschober mehr anzustecken, jetzt brennt er selber. Haben Sie die noch nicht zusammen gesehen? Er ist hinter dem Fräulein her –«

Adrian hieß Molly Davenport nicht den Respekt vergessen und sich auf Tatsachen beschränken.

Das Mädchen erzählte ihm also, daß ihr junges Fräulein und Herrn Adrians junger Herr ein hübsches Paar wären und sich jeden Abend träfen. Aber ganz unschuldig, wie sie beteuerte.

»Fräulein Lucy ist ganz natürlich und er auch.«

»Ich bin überzeugt davon, daß sie ganz natürlich sind,« sagte Adrian. »Wie kommt es, daß ich das Fräulein nicht in der Kirche gesehen habe?«

»Sie ist katholisch oder so was,« sagte Molly. »Ihr Vater war das, und er war Leutnant. Sie hat 'n Kreuz in ihrem Schlafzimmer. Sie geht nicht zur Kirche. Ich hab' Ihnen neulich in der Kirche gesehen und mit so 'nem feierlichen Gesicht,« Molly strich mit der Hand an ihrem Kinn herunter, um seinen Ausdruck nachzuahmen.

Adrian bestand darauf, daß sie sich an Tatsachen halten 192 sollte. Es war dunkel, und in der Dunkelheit war er gleichgültig gegen den ausfallenden Widerstreit in dem Mädchen, aber er wollte alles hören, was sie zu sagen hatte, und drückte ihr noch einmal Geld in die Hand, damit sie nichts als Tatsachen erzählte. Worauf sie ihm dann weiterhin mitteilte, daß ihr junges Fräulein ein unschuldiges, harmloses Geschöpf sei, das bis vor drei Jahren bei den Nonnen in der Schule gewesen wäre und etwas eignes Geld hätte und schön genug wäre, um eine große Dame zu sein, und immer in Herrn Richard verliebt gewesen wäre, schon wie sie ein ganz kleines Mädchen war. Molly hatte von ihrer Freundin Mary Garner, die Stubenmädchen auf dem Schloß war, gehört, wie sie einmal, als sie Herrn Richards Stube aufräumte, ein Stückchen Papier gefunden hätte mit des jungen Herrn Handschrift. Und das hätte sie Fräulein Lucy gegeben, und Fräulein Lucy hätte ihr dafür ein Goldstück gegeben, nur für seine Handschrift! Fräulein Lucy scheine auf dem Bauernhofe nicht sehr glücklich zu sein, von wegen dem jungen Herrn Tom, der immer nach ihr hinschielte, und sie wäre auch wirklich eine Dame und könnte spielen und singen und sich anziehen, wie nur irgend eine.

»Sie sieht wie ein Engel aus in ihrem Nachthemde,« fügte Molly noch zum Schlusse hinzu.

Im nächsten Augenblick trat sie dicht an ihn heran und sprach nun zum erstenmal so, als ob ein Standesunterschied zwischen ihnen bestände, mit bittendem Tone: »Mr. Harley, Sie werden doch nicht gehen und ihnen was zu leide tun, weil ich was gesagt habe, nicht wahr? Sagen Sie doch, daß Sie das nicht tun werden, Mr. Harley! Sie ist gut, wenn sie auch katholisch ist. Sie war freundlich zu mir, als ich krank war, und ich möchte nicht, daß ihr jemand in die Quere käme – lieber möcht' ich schon, daß mir selbst so was passierte!«

193 Der weise Jüngling gab Molly kein bestimmtes Versprechen, und sie konnte seine Zustimmung nur daraus ersehen, daß seine Strenge nachließ. Das Geräusch eines polternden Schrittes, der schwerfällig den Weg herunterkam, veranlaßte indessen, daß sie augenblicklich frei gegeben wurde. Molly ergriff die Flucht, der polternde Fuß beschleunigte seinen Schritt, und man hörte ländliche Laute, die ihre fliegenden Röcke aufzuhalten versuchten – »Moll – bist du da – ich bin es, der Kampfhahn.« Aber die mutwillige Sylphe wollte nicht auf sein Werben hören, und lachend über diese Schäferspiele wandte sich Adrian heimwärts.

Adrian war ein fauler Drache. Er begnügte sich fürs erste mit Anspielungen und Neckereien. »Es ist das Unvermeidliche,« sagte er sich und fragte sich selbst, warum er versuchen sollte, es aufzuhalten. Er hatte kein Vertrauen zu dem System. Der gewichtige Benson hingegen hatte Vertrauen dazu. Benson mit den dicken, vorsintflutlichen Augenlidern, Benson, der Saurier und Weiberfeind, war wachsam. Es bestand zwischen dem weisen Jüngling und dem gewichtigen Benson eine Art von Nebenbuhlerschaft. Die Treue des letztgenannten Dieners hatte den Baron dazu bewogen, ihm einen Teil der Verwaltung von Schloß Raynham zu übergeben, was Adrian mißfiel. Keiner, der seinen Ehrgeiz darein gesetzt hat, einen andern an der Nase herumzuführen, kann einen Teilnehmer in dieser ehrenvollen Beschäftigung dulden. Bensons mürrischer Instinkt ließ ihn erkennen, daß er dem weisen Jüngling im Wege war, und er beschloß, seinem Herrn einen schlagenden Beweis davon zu geben, wie viel mehr seine Treue wert wäre. Einige Wochen lang hatten die Augen des Sauriers diese beiden geheimnisvollen Geschöpfe bewacht. Am Tage sah er Briefe kommen und gehen, und nun war sein junger Herr jeden Abend aus 194 und schien Flügel bekommen zu haben. Benson wußte, wohin er ging und weshalb er ging. Es handelte sich um eine Frau – das genügte ihm. Sein Saurierauge hatten tatsächlich gesehen, wie das sündhafte Geschöpf den hoffnungsvollen Erben in das Dickicht des Waldes gelockt hatte. Er verfaßte über das, was im Gange war, verschiedene Warnungsbriefe an den Baron, aber ehe er einen davon abschickte, wünschte er etwas von ihrer sündhaften Unterhaltung berichten zu können, und zu diesem Zwecke trottete der treue Bursche über den abendlichen Tau, um den Lauscher zu spielen, und weckte dadurch die gute Fee in der Gestalt Tom Bakewells, des einzigen Vertrauten von Richards Zustand.

Tom sagte zu seinem jungen Herrn: »Wissen der gnädige Herr was? Der gnädige Herr werden bewacht.«

Richard bat ihn voller Zorn den Elenden zu nennen, worauf Tom die Arme herunterhängen ließ und des Hausmeisters Art, den Kopf vorzustrecken, nachäffte.

»Er ist es?« rief Richard. »Er soll es bereuen, Tom. Finde ich ihn in meiner Nähe, wenn wir zusammen sind, dann soll er sein Leben lang dran denken.«

»Schlagen sie ihn nicht zu sehr, Herr,« meinte Tom, »der gnädige Herr können fürchterlich schlagen, wenn Sie es ernst meinen.« Richard behauptete, er könne alles andere eher vergeben, als das, und befahl Tom, sich morgen in der Nähe zu halten; wo, wüßte er schon. Als die Stunde des Wiedersehens kam, hatte der Liebende alles vergessen.

Lady Blandish war an diesem Abend auf Adrians besonders dringende Einladung zum Diner in Raynham. Nach seiner Gewohnheit sprang Richard mit wenig Worten der Entschuldigung von Tisch auf. Die Dame zeigte keine Überraschung. Sie und Adrian gingen auch ins Freie, um den schönen Sommerabend zu genießen. Sie 195 hatten nicht die Absicht zu spionieren. Vielleicht dachten sie, daß, wenn sie Richard und seine Geliebte treffen sollten, sie Gelegenheit haben könnten, sein Verhältnis lächerlich zu machen und dadurch die Leidenschaft zu untergraben. Vielleicht dachten sie so – sie handelten nichts im ausgesprochenen Einverständnis.

»Ich habe das kleine Mädel gesehen,« sagte Lady Blandish. »Sie ist hübsch. In der richtigen Fassung würde sie sehr einnehmend sein. Sie spricht hübsch. Wie abgeschmackt von diesen Leuten, ihre Frauen über ihren Stand zu erziehen! Das Kind ist wirklich zu gut für einen Bauern. Sie fiel mir auf, noch ehe ich von dieser Sache gehört hatte; sie hat beneidenswertes Haar. Ich glaube nicht, daß sie ihre Augenbrauen malt. Ganz die Art Mädchen, die einen jungen Mann fesselt. Ich vermutete schon, daß etwas nicht in Ordnung war. Ich bekam vorgestern ein leidenschaftliches Gedicht, das augenscheinlich nicht für mich bestimmt war. Mein Haar wäre golden. Das Schicksal hätte bestimmt, daß ich ihn treffen sollte. In meinen Augen wohnte das Licht von Nacht umgeben. Ich schickte das Gedicht zurück und korrigierte die Angabe der Farben.«

»Was wahrscheinlich die Reime umbrachte,« sagte Adrian. »Ich sah sie heute morgen. Der Junge hat keinen schlechten Geschmack. Wie Sie schon sagten, sie ist zu gut für einen Bauern. Solch ein Funken könnte jedes System zur Explosion bringen. Sie hat auch mich nicht ganz unberührt gelassen. Unserm wilden Jungen hat sie ganz den Verstand verdreht.«

»Aber wir müssen wirklich schreiben und es dem Vater mitteilen,« sagte Lady Blandish.

Der weise Jüngling sah nicht ein, weshalb sie eine Kleinigkeit so wichtig nehmen sollten. Die Dame meinte, sie würde mit Richard sprechen und dann schreiben, wie es 196 ihre Pflicht wäre. Adrian zuckte mit den Schultern und wollte das Benehmen des Jungen wissenschaftlich erörtern, worauf die Dame nicht einging.

»Der arme Junge,« seufzte sie, »er tut mir wirklich leid. Ich hoffe, es geht ihm nicht zu tief. Sie fühlen beide tief, Vater und Sohn.

»Und wählen weise,« setzte Adrian hinzu.

»Das ist ein ander Ding,« sagte Lady Blandish.

Sie sprachen dann darüber, wie langweilig ihre ländlichen Nachbarn wären, es schienen fast gar keine Skandalgeschichten im Umlauf zu sein: dann davon, daß Lady Blandish eine Saison in der Stadt versäumt hätte, was sie nicht zu bedauern behauptete, obgleich sie über allgemeine Abgespanntheit klagte; dann von Mr. Morton von Poer Hall und ob er wohl um Mrs. Doria anhalten würde; von der zu erwartenden Verzweiflung des unglücklichen Lobourner Kuraten und anderem Klatsch – auf französisch. Sie waren um den See herumgegangen und kamen auf den Weg, der durch den Park nach Lobourne führte. Der Mond war aufgegangen. Die Luft war warm und weich.

»Recht eine Nacht für Liebende,« sagte Lady Blandish.

»Und ich habe niemand zum lieben – bemitleiden Sie mich,« der weise Jüngling versuchte einen Seufzer.

»Und Sie werden auch nie jemand haben,« sagte Lady Blandish kurz, »Sie kaufen Ihre Lieben.«

Adrian verwahrte sich dagegen. Er widersprach allerdings nicht ausdrücklich der Beschuldigung, war aber sehr erstaunt über die scharfe Einsicht der Dame. Er fing an, Respekt vor ihr zu bekommen, er freute sich an der bezaubernden Geringschätzung, die aus ihren Worten sprach und kam zu der Überzeugung, daß Witwen schreckliche Geschöpfe sein könnten.

Er hatte auf einen kleinen Gefühlsaustausch mit Lady 197 Blandish gehofft, da er ihre Neigung zur Sentimentalität kannte. Diese Mischung von scharfem Verstand mit der Miene, die ausdrückte: »Ich kenne euch Männer,« und dazu Romantik und ein verfeinertes Temperament, besiegten den weisen Jüngling mehr als eine direkte, durch Zeugen gestützte Anschuldigung es hätte tun können.

Er sah Lady Blandish an. Ihr Gesicht war zum Monde erhoben. Sie wußte nichts Bestimmtes – sie hatte einfach aus der Fülle ihrer Menschenkenntnis gesprochen und ihre Worte bereits wieder vergessen. Vielleicht war ihre Bewunderung für den Baron, oder was für ein Gefühl es sonst sein mochte, doch aufrichtig und wirklich die Sehnsucht nach einem tugendhaften Manne. Vielleicht hatte sie die entgegengesetzte Art genügend kennen gelernt. Adrian zuckte mit den Achseln. Jedesmal, wenn der weise Jüngling auf eine geistige Schwierigkeit stieß, hob er instinktiv seine Schultern zu gleicher Höhe, womit er wohl ausdrücken wollte, daß er nicht daran zweifelte, die Sache wäre der Erwägung wert, und man könnte sehr viel für und wider sagen, was für ihn einer endgültigen Lösung gleich kam.

An ihrem Zusammenkunftsorte im Walde, der an den Raynhamer Park angrenzte, ganz ineinander versunken, während der nie ermüdende Eros ihnen zuflötete, saßen Richard und Lucy und vergaßen Anfang und Ende der Zeit! Wie ewig scheinen diese Augenblicke, als ob sie nie enden würden! und wie winzig, wenn sie vorüber sind! Und wie gewinnen sie Leben in der Erinnerung, mit der Länge der Zeit und wachsen und glühen und erscheinen uns als bei weitem der größte und sicher der beste Teil unsers Lebensfeuers.

Mit dem Zunehmen der Vertrautheit hörten die Liebenden auf, so ängstlich jeden gewöhnlichen Gesprächsstoff zu vermeiden, und ihre Rede wies nicht mehr alles das 198 als wertlos zurück, was nicht das reine Gold des Gefühls war.

Lucy fragte viel nach allen Einrichtungen und allen Bewohnern von Raynham. Von jedem, der seit Richards Geburt um ihn gewesen war, wollte sie die Lebensgeschichte erfahren, und für einen Kuß erzählte er alles, was sie wissen wollte.

So klang das Liebesduett:

»Du solltest meinen Vetter Austin kennen, Lucy, Liebling! Geliebte!«

»Mein einziger Richard!«

»Du solltest meinen Vetter Austin kennen. Du wirst ihn auch kennen kernen. Er wird am schnellsten Zuneigung zu dir gewinnen und du zu ihm. Er ist jetzt in den Tropen und sucht einen Ort – es ist noch ein Geheimnis – wohin arme englische Arbeiter auswandern können und eine Kolonie gründen: du weißer Engel!«

»Liebster!«

»Er ist solch ein edler Mensch. Keiner außer mir hat Verständnis für ihn. Ist es nicht sonderbar? Seit ich dich kennen gelernt habe, liebe ich ihn noch mehr. Das kommt daher, daß ich alles Gute und Edle jetzt mehr liebe – du Schöne! Ich liebe – ich liebe dich!«

»Mein Richard!«

»Weißt du, was ich beschlossen habe, Lucy? Wenn mein Vater – aber nein! Mein Vater liebt mich – nein! Er wird es nicht tun, und wir werden hier glücklich werden. Und ich werde mir meine Stellung im Leben gewinnen mit dir. Und alles, was ich gewinne, wird dir gehören, denn ich werde es dir verdanken. Ich fühle, als ob ich keine Kraft hätte, die nicht von dir käme – keine! Und du machst mich – ach Lucy!«

Er läßt die Stimme sinken. Dann murmelt Lucy:

199 »Aber dein Vater, Richard!«

»Ja, mein Vater?«

»Liebster Richard! Ich fürchte mich so vor ihm!«

»Er liebt mich, und er wird dich lieben, Lucy!«

»Aber ich bin so arm und niedrig, Richard.«

»Keine, die ich je gesehen habe, kommt dir gleich Lucy.«

»Das denkst du, weil du –«

»Weil ich?«

»Weil du mich liebst,« flüsterte sie errötend, und das Duett wird auf eine neue stumme Weise fortgesetzt, aber ebenso harmonisch.

Nun sprechen sie wieder.

»Du schwärmst für die Ritter, Lucy. Austin ist so tapfer, wie nur irgend einer von ihnen – meine geliebte Braut! Wie ich dich anbete! Wenn du gegangen bist, könnte ich niederknien und das Gras küssen, das dein Fuß betreten hat. Es ist mir, als hätte ich kein Herz mehr in der Brust. – Lucy, wenn wir in jenen Tagen gelebt hätten, wäre ich ein Ritter gewesen und hätte Ehre und Ruhm für dich erworben. Ach! jetzt kann man nichts derartiges tun! Du Dame meines Herzens! – Was, Lucy! Eine Träne?«

»Ach, liebster Richard! Ich bin keine Dame.«

»Wer wagt das zu sagen? Der Engel, den ich liebe, keine Dame?«

»Bedenke doch, Richard, wer ich bin.«

»Du Herrliche! Gott hat dich erschaffen und dich mir gegeben.«

Ihre Augen füllen sich mit Tränen, und als sie sie zum Himmel erhebt, um Gott zu danken, fällt das Licht auf sie, und sie ist so entzückend in ihrer reinen Schönheit, daß der junge Mann am ganzen Körper zittert.

»Lucy! O du Himmlische! Lucy!«

200 Sanft tönt es von ihren Lippen – »Ich weine nicht aus Kummer.«

Die großen, leuchtenden Tropfen fallen nieder und prägen sich in seinem Herzen ein.

Sie lehnen sich aneinander – unaussprechliche Zärtlichkeit zittert auf ihren Wangen und Stirnen.

Er hebt ihre Hand auf und preßt seine Lippen darauf. Sie hat wenig von den Menschen gesehen, aber ihr Herz sagt ihr, daß dieser eine verschieden ist von den andern, und bei diesem Gedanken, in dieser großen Freude müssen ihr Tränen strömen – ihr Herz würde sonst brechen – Tränen grenzenloser Dankbarkeit. Und er, wenn er in diese sanften, leuchtenden, dunkelumschatteten Augen blickt und auf diese anmutig herabfallenden Flechten, fühlt, wie ein kaum erträgliches, heiliges Feuer durch seine Glieder strömt.

Es dauert lange, bis sie wieder Worte finden.

»O, glücklicher Tag, an dem wir uns gefunden haben!«

Was die Stimme des einen ausspricht, findet ein Echo in dem Herzen des andern.

»Wie herrlich ist der Himmel, der auf uns herabblickt.«

Ihre Herzen haben sich verbunden, sind eins geworden unter dem segnenden Himmelsgewölbe.

»O du Ewigkeit voller Segen.«

Dann geht die himmlische Stimmung vorüber, und sie kommen wieder zur Erde herab.

»Lucy! Komm heut abend mit mir und sieh den Ort, an dem du eines Tages leben sollst. Komm, ich werde dich über den See rudern. Du entsinnst dich doch noch des Traumes, von dem du in deinem Briefe schriebst? – daß wir über das Schloß hinwegschwebten, und Nonnen bei Fackelschein Cypressen fällten und jedem 201 von uns einen Zweig gaben. Liebling, das war ja das beste Omen von der Welt, daß sie die alten Bäume fällten. Du schreibst solch entzückende Briefe. Ich liebe die Nonnen, weil du es bei ihnen gelernt hast.«

»Ach siehst du, Richard, wir vergessen es ganz.« Sie hebt ihr Gesicht bittend empor, als ob sie sich selbst anklagen müßte.

»Siehst du, selbst wenn dein Vater meine niedrige Geburt vergeben würde, er würde mir niemals meine Religion vergeben. Und wenn ich auch für dich sterben könnte, Liebster, ich könnte sie nie aufgeben. Ich würde mir vorkommen, als ob ich Gott verleugnete – und ach, ich würde mich meiner Liebe schämen.«

»Fürchte nichts!« Er umschlingt sie mit seinen Armen. »Komm! Er wird uns beide lieben, und dich nur um so mehr, weil du deines Vaters Glauben treu bleibst. Du kennst ihn nicht, Lucy. Er erscheint hart und streng – er ist voller Freundlichkeit und Liebe. Er ist durchaus kein Frömmler. Und außerdem, wenn er hört, was die Nonnen für dich getan haben, wird er ihnen dann nicht eben so dankbar sein, wie ich es bin? Und – ach! Ich muß bald mit ihm sprechen, und du mußt dich darauf vorbereiten, ihn bald zu sehen, denn ich kann es nicht ertragen, daß du in Belthorpe bleibst, wie eine Perle vor den Säuen. Denke nicht, daß ich irgend etwas gegen deinen Onkel sage. Ich erkläre, daß ich jeden liebe, der dich sieht und dich berührt. Bleibe immer! Es ist ein Wunder, wie du dort hast aufwachsen können. Aber du bist nicht dort geboren, und dein Vater war aus guter Familie. Desborough – es gab einen Kapitän Desborough – das ist aber ganz gleich. Komm!«

Sie fürchtet sich. Sie bittet, nicht gehen zu müssen. Sie wird fortgezogen.

Der Wald ist still und dann –

202 »Was halten Sie von diesem hübschen Schäferspiel?« sagt eine ganz andere Stimme.

Adrian lehnte sich an eine Fichte, die über dem Farndickicht stand. Lady Blandish saß auf den abgefallenen, braunen Fichtenzapfen und sah auf das niedrige Gebüsch, das sich nach dem mondbeschienenen Tal zu öffnete, ihre Hände waren um ihre Kniee geschlungen, ihre Züge erschienen beinahe finster in ihrem entschlossenen Ausdruck.

Sie hatten, ohne es zu wollen, ungefähr so viel gehört, wie man in solcher Lage hören kann, ein oder zwei lauter tönende Worte.

Die Dame antwortete ihm nicht. Eine Bewegung zwischen dem Farnkraut erregte Adrians Aufmerksamkeit, er schritt den Abhang hinab über die Fichtenwurzeln und sah unten den gewichtigen Benson, der Farnsamen und Spinnweben von seinem runzligen Gesicht abschüttelte.

»Sind Sie es, Herr Adrian?« rief Benson aufspringend, pustend und sein Taschentuch eifrig benutzend.

»Sind Sie es, Benson? Haben Sie die Kühnheit gehabt, diesen Mysterien nachzuspüren?« rief Adrian zurück und fügte näherkommend hinzu. »Sie sehen aus, als wenn Sie eben tüchtig Prügel bekommen hätten.«

»Ist es nicht schrecklich, Herr,« schnaufte Benson. »Und ohne daß der Herr Vater irgend etwas davon weiß, Herr Adrian!«

»Er wird es erfahren, Benson! Er wird es erfahren, wie Sie Ihr wertvolles Leben in seinem Dienst in Gefahr gebracht haben. Wenn Herr Richard Sie jetzt da gefunden hätte, würde ich nicht für die Folgen einstehen wollen.«

»Pah!« erwiderte Benson verächtlich. »Das soll nicht so weiter gehen, Herr Adrian. Das darf nicht sein. Der Sache wird bald ein Ende gemacht werden. Das nenne 203 ich Verführung eines jungen Herrn und Liederlichkeit nenne ich es. Ich möchte jede Frauensperson prügeln lassen, Herr, die einen unschuldigen, jungen Herrn dazu bringt.«

»Warum haben Sie denn der Sache nicht selbst ein Ende gemacht, Benson? Ach, ich verstehe, Sie haben noch abwarten wollen, was? Es ist wohl nicht das erstemal, daß Sie Apollo und Fräulein Nymphe belauscht haben? Und Sie haben an das Hauptquartier geschrieben?«

»Ich habe meine Pflicht getan, Herr Adrian.«

Der weise Jüngling kehrte zu Lady Blandish zurück und erzählte ihr von Bensons Eifer. Die Augen der Dame funkelten.

»Ich hoffe, Richard wird ihn so behandeln, wie er es verdient,« sagte sie.

»Wollen wir zurückgehen?« fragte Adrian.

»Tun Sie mir einen Gefallen,« erwiderte Lady Blandish, »lassen Sie meinen Wagen herumfahren und mich am Parkgitter erwarten.«

»Wollen Sie nicht? –«

»Ich will allein sein.«

Adrian verbeugte sich und verließ sie. Sie saß noch immer mit den Händen um ihr Knie geschlungen da und blickte in das mondbeschienene Tal.

»Ein wunderbares Geschöpf!« murmelte der weise Jüngling. »Sie ist so wunderbar wie nur irgend eine. Sie sollte eine Feverel sein. Vielleicht bereitet sie sich darauf vor. Verflucht der alte Esel Benson! er hat die Frechheit gehabt mir zuvorzukommen.«

Die Schatten der Cypressen auf dem See wurden kürzer. Der Mond stieg höher. Während Richard ruderte, sang Lucy mit leiser Stimme. Sie sang zuerst ein kleines, modernes, französisches Lied und erinnerte ihn dadurch 204 an den Tag, an dem man sie gebeten hatte, vor ihm zu singen, und er sie nicht hatte hören wollen. »Lebte ich denn damals?« fragte er sich. Dann sang sie ein Stück aus einem jener majestätischen, gregorianischen, alten Kirchenlieder, die, wo wir sie auch immer hören mögen, die Bogen einer Kathedrale um uns aufzurichten scheinen. Er ließ die Ruder sinken. Die seltsam feierlichen Klänge brachten eine fromme Stimmung in seine Liebe und trugen ihn fort in Ritterzeiten und zu ritterlichen Gefühlen.

Zwischen zwei Himmeln schwebend, gleiten sie dahin bei Lucys Gesang; der Mond zieht durch die weißen, weichen Wolken; sie gleiten dahin bei ihrem Gesang: kein anderer Hauch schwebt in der Luft. Seine Seele scheint den Körper verlassen zu haben.

Sie müssen sich trennen. Er rudert langsam zum Ufer.

»Ich war noch nie so glücklich wie heute abend,« flüsterte sie.

»Sieh, Lucy! Die Lichter aus dem Schlosse spiegeln sich im See. Sieh, dort wirst du wohnen.«

»Welches ist dein Zimmer, Richard?«

Er zeigt es ihr.

»Ach, Richard, könnte ich doch eine der Frauen sein, die dich bedienen! Ich würde nichts anders verlangen. Wie glücklich könnte ich sein!«

»Mein Liebling, mein Engel. Du sollst glücklich sein, aber alle sollen dir dienen und ich vor allen andern, Lucy.«

»Liebster, darf ich morgen auf einen Brief hoffen?«

»Um elf Uhr, morgen. Und ich?«

»Du sollst auch meinen haben, Richard.«

»Tom wird darauf warten. Aber bitte einen recht langen! Gefiel dir mein letztes Lied?«

205 Sie legt ihre Hand sanft gegen ihre Brust, und er weiß, wo es ruht. Oh, Liebe! Oh, Himmel!

Sie werden durch das Knirschen des Kieses auf dem Ufersand aufgeschreckt. Er springt aus dem Boot und hebt sie heraus.

»Sieh,« sagt sie noch errötend von seiner Umarmung, »sieh,« sie stellt sich furchtsam und ist es wohl auch, »die Zypresse zeigt nach uns hin. Ach, Richard! sie tut es wirklich!«

Und er sieht mehr sie an, als die Zypresse und erwidert, entzückt von ihrem schelmischen und doch halb ernsthaften Wesen –

»Aber sie wirft ja kaum einen Schatten, Lucy. Mein Liebling muß nicht träumen oder nur von mir!«

»Das tue ich auch, Lieber.«

»Auf morgen, Lucy! Der Brief am Morgen und du am Abend. Oh, glückliches Morgen!«

»Du wirst doch sicher kommen, Richard?«

»Wenn ich nicht gestorben bin, Lucy.«

»Ach, Richard, bitte, bitte sprich nicht von so etwas. Ich könnte deinen Tod nicht überleben.«

»Laß uns beten, Lucy, daß wir zusammen sterben, wenn mir sterben müssen. Tod oder Leben mit dir! Wer steht dort? Ich sehe jemand – ist das Tom? Es ist Adrian.«

»Ist es Mr. Harley?« Das schöne Mädchen zittert.

»Wie kann er es wagen, hierher zu kommen!« rief Richard.

Adrians Gestalt, statt näher zu kommen, bewegte sich diskret nach der andern Seite des Sees zu. Sie schlichen sich fort, als sie ihn rufen hörten. Sein Rufen wiederholte sich. Lucy bat Richard zu ihm zu gehen; aber der junge Mann zog es vor, seinen Diener Tom herbeizurufen und ihn zu Adrian zu schicken, um zu erfahren, was man von ihm wollte.

206 »Kann er mich gesehen haben? Kann er mich erkannt haben?« flüsterte Lucy zitternd.

»Und wenn er dich sah, Liebste?« sagte Richard.

»Ach! wenn er mich sah, Richard, ich weiß nicht weshalb, aber ich habe solch eine Ahnung. Du hast heute abend nicht von ihm gesprochen, Richard. Ist er gut?«

»Gut?« Richard drückte ihre Hand, um dieser unschuldigen Mädchenfrage willen. »Er ißt gerne gut, das ist alles, was ich von Adrian weiß.«

Er drückte seine Lippen auf ihre Hand, als Tom zurückkehrte.

»Herr Adrian wünscht ausdrücklich mit dem jungen Herrn zu sprechen,« sagte Tom.

»Geh zu ihm, Liebster, bitte geh!« bittet Lucy.

»Ach, wie ich Adrian hasse,« der junge Mann knirscht mit den Zähnen.

»Bitte geh!« treibt ihn Lucy. »Tom – der gute Tom wird mich nach Hause bringen. Auf morgen, mein Geliebter! Auf morgen!«

»Du wünschst von mir zu scheiden?«

»Ach, wie kannst du so unfreundlich sein! aber du mußt jetzt wirklich nicht mit mir kommen. Vielleicht hat er wichtige Nachrichten für dich. Bedenke doch, Richard!«

»Tom, geh fort!«

Auf diese dringende Aufforderung geht der gut gedrillte Tom zwanzig Schritte weiter und sieht nichts. Dann wird ihm der kostbare Schatz anvertraut. Richards Herz bricht beinahe.

Richard ging zu Adrian. »Was willst du von mir, Adrian?«

»Sind wir Sekundanten oder Duellanten, du kleiner Wüterich?« war Adrians Antwort. »Ich will nichts von dir; ich wollte nur wissen, ob du Benson gesehen hast?«

207 »Wo sollte ich Benson gesehen haben? Was weiß ich von Bensons Taten?«

»Natürlich weißt du nichts von ihm – von solch einem verschwiegenen alten Kerl, wie der ist! Ich suchte nach jemandem, der Lady Blandish' Wagen nach dem Parkgitter schicken sollte. Ich dachte, er wäre vielleicht drüben bei dir – ich traf ihn eben zufällig im Schloßwald. Was ist dir, Junge?«

»Du hast ihn dort getroffen?«

»Er wird wohl auf der Jagd nach der Diana gewesen sein. Er meint vielleicht, sie wäre nicht so keusch, wie man von ihr sagt,« fuhr Adrian fort. »Was hat dir der Baum getan, daß du so auf ihn losschlägst?«

Richard stand nach der Zypresse zugewendet und zerrte an ihren Ästen. Er ließ die Zypresse los und wandte sich nach der Esche.

»Du ruinierst den Zweig,« rief Adrian, »da kommt er schon herunter! Gute Nacht, Ricky. Wenn du Benson triffst, vergiß nicht, es ihm zu bestellen.«

Als Adrian sprach, tauchte Bensons plumper Schatten auf dem mondbeglänzten Wege auf. Sein Urteil war gesprochen. Der weise Jüngling ging lachend am See entlang und blickte ab und zu zurück.

Es dauerte nicht lange, so hörte er einen Hilfeschrei – das Heulen eines Drachen in schrecklichen Schmerzen.

Adrian setzte sich ruhig auf das Gras nieder und blickte ins Wasser. Dort, während das Echo das Gebrüll in schauerlichen Tönen wiedergab, hing der weise Jüngling seinen Gedanken nach:

»Das Schicksal handelt mit uns wie die Juden, wenn es die Strafe aufschiebt,« so sagt das Manuskript des Pilgers, oder drückt wenigstens denselben Gedanken in ähnlichen Worten aus. Benson ist augenscheinlich ein Liebling des Himmels, da er seine Strafe auf der Stelle 208 erhält. Herr Richard ist ein leidenschaftlicher Junge. Das hat er von dem Vorfahren Gruffudh geerbt. Ich glaube, es liegt doch etwas in Rasse. Was für einen Spektakel der alte Schurke macht. Wir werden ihm morgen Umschläge und Trost aus dem Manuskript des Pilgers geben müssen. Morgen werden wir eine Botschaft erhalten, dann wird wohl alles in Aufruhr geraten, und vielleicht fahren wir alle nach der Stadt. Das wäre gar nicht so übel für einen, in dem die Langeweile alle möglichen Wünsche großgezogen hat. Benson heult, der alte Hund lebt also noch. Er bellt den Mond an. Und wie ruhig der aussieht! Und doch hat er ebensoviel Sympathie mit Benson, wie mit Cupido. Er würde ebenso lächeln, wenn beide Prügel bekämen. War das ein Rabe oder Benson? Er heult nicht mehr. Es klingt wie Röcheln – wie ein Frosch, halb wie Breckekekex und halb wie das heisere Gekrächz eines Raben. Der Junge schlägt ihn tot. Es ist Zeit, daß ich zu Hilfe komme. Der Befreier erlangt mehr Ehre, wenn er beim letzten Atemzug erscheint, als wenn er die Katastrophe vorausgesehen hätte. – Heda, was ist los?«

Mit diesem Ausruf stand der weise Jüngling auf und schlenderte langsam nach dem Orte des Gefechts, wo der heilige Georg keuchend über dem am Boden liegenden Drachen stand.

»Hallo, Richard! bist du das?« sagte Adrian. »Was ist los? Wen hast du da vor? – Benson, so wahr ich lebe!«

»Mache doch, daß dieses Biest aufsteht,« erwiderte Richard, schwer atmend und seinen Eschenzweig schüttelnd.

»Er scheint nicht aufstehen zu können, mein lieber Junge. Was ist hier vorgegangen? – – Benson! – Benson– Hör mal Richard, das sieht böse aus.«

»Er verstellt sich nur!« schrie Richard wie ein Wilder. 209 »Hinter mir her zu spionieren! Ich sage dir, er stellt sich nur so. Er hat noch nicht halb genug bekommen. Ein Spion kann gar nicht hart genug gestraft werden. Sage ihm, daß er aufsteht.«

»Du unersättlicher Jüngling! Wirf mal erst deine fürchterliche Waffe fort.«

»Er hat an meinen Vater geschrieben!« schrie Richard. »Dieser elende Spion! Sag ihm, daß er aufsteht!«

»Hu – hu – hu! Ich will nicht,« stöhnte Benson in heiseren Tönen. »Mr. Adrian, Sie sind mein Zeuge, daß er mich – ach, mein Rücken!« Gurgelnde Töne traten an Stelle des weiteren Berichts über die Mißhandlung.

»Ihr Rücken wird Ihnen wohl augenblicklich der wichtigste Körperteil sein,« brummte Adrian. »Kommen Sie, Benson! ermannen Sie sich. Mr. Richard hat den Stock fortgeworfen. Machen Sie, daß Sie nach Hause kommen, damit wir den Umfang des Schadens feststellen können.«

»Huh –! Er ist ein Teufel! Herr Adrian, er ist ein Teufel, Herr!« stöhnte Benson, sich halb umdrehend, um seine Schmerzen zu erleichtern.

Adrian packte Benson beim Kragen und brachte ihn in eine sitzende Stellung. Er gewann eine Vorstellung davon, was die Hand seines hoffnungsvollen Schülers im Zorn zu leisten imstande war. Des elenden Hausmeisters Rock hing in Fetzen an ihm herab, sein Hut war eingedrückt, sein Mut so gänzlich gebrochen, daß er zusammenfuhr und zitterte, wenn sein unbarmherziger Richter sich nur rührte. Richard stand über ihm, er hatte seinen großen Stock fest gepackt, in seinem Ausdruck war kein Schatten von Erbarmen mit Benson.

Benson drehte seinen Hals nach ihm um und stöhnte dann sogleich wieder. »Ich will nicht aufstehen! In will nicht! Er wartet nur darauf mich tot zu schlagen! Mr. Adrian, wenn Sie dabei stehen und zusehen, kommen 210 Sie auch vors Gericht – ich stehe nicht auf, so lange er da ist.« Keine Überredung konnte Benson zu einem Versuche bewegen sich zu erheben, so lange sein Richter in der Nähe war.

Adrian nahm Richard beiseite: »Du hast den armen Kerl beinahe tot geschlagen, Ricky. Damit mußt du dich zufrieden geben. Sieh ihn doch nur an!«

»Der Feigling duckte sich, während ich schlug. Da bekam er es auf den Rücken. Er duckte sich noch mehr, da sagte ich ihm, daß die Prügel dann noch schlimmer würden.«

Adrian stand mit offenem Munde vor so planvoller Wildheit.

»Tatest du das wirklich? Das bewundre ich. Du sagtest ihm, daß er dann noch schlimmere Prügel bekommen würde?«

Adrian brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Höre mal,« sagte er, »dein Racheschwert hat seine Schuldigkeit getan. Wirf es in den See. Und sieh, hier kommt Lady Blandish. Du kannst vor einer Frau nicht wieder anfangen. Geh ihr entgegen und sage ihr, daß das Geschrei von einem Ochsen gekommen wäre, der geschlachtet wurde. Oder sage auch von Argus.«

Bensons Rücken zuckte zusammen, als der große Eschenzweig schwirrend durch die Luft sauste. Richard ging Lady Blandish entgegen, um sie aufzuhalten.

Adrian brachte Benson auf seine Füße. Der gewichtige Hausmeister versuchte so viel Mitleid wie möglich für seinen gemißhandelten Körper zu erregen. Bei jedem halben Schritt, den er machte, schien er sich zu verrenken. Sein Stöhnen und Seufzen war schrecklich anzuhören.

»Wie viel hat der Hut gekostet, Benson?« sagte Adrian, als er ihn ihm auf den Kopf setzte.

»Ein fünfundzwanzig Schilling-Zylinder, Mr. Adrian!« sagte Benson und streichelte seine Wunden.

211 »Das ist die billigste Lebensversicherungspolize, von der ich jemals gehört habe,« sagte Adrian.

Benson schwankte und brachte vor seinem grausamen Tröster stoßweise hervor:

»Er ist ein Teufel, Mr. Adrian! Er ist ein Teufel, Herr – Hu – hu – er ist ein Teufel. Ich kann nicht gehen, Mr. Adrian. Sie müssen mich holen lassen, Herr. Ich werde niemals mehr arbeiten können. Ich habe keinen ganzen Knochen im Leibe, Mr. Adrian!«

»Sehen Sie, Benson, das kommt davon, daß Sie der Aphrodite den Krieg erklärt haben. Ich hoffe, die Mädchen werden Sie ordentlich pflegen. Wie war es doch? Sie sind mit der Wirtschafterin sehr befreundet, nicht wahr? Es hängt ja jetzt alles von der Pflege ab.«

»Ich bin nur ein treuer Diener, Mr. Adrian,« knurrte der elende Hausmeister.

»Dann ist also Ihr Bett Ihr einziger Freund. Gehen Sie so schnell wie möglich zu Bett, Benson.«

»Ich kann nicht gehen,« Benson blieb entschlossen stehen. »Sie müssen mich holen lassen,« winselte er. »Es ist eine Schande, daß Sie von mir verlangen, daß ich gehen soll, Mr. Adrian.«

»Sie können nicht leugnen, daß Sie sehr schwer sind, Benson,« sagte Adrian, »ich kann Sie also nicht tragen. Ich sehe aber, daß Herr Richard so freundlich ist, zurückzukommen, um mir zu helfen.«

Bei diesen Worten fand Benson plötzlich den Gebrauch seiner Beine und ging mit schlotternden Schritten weiter.

Lady Blandish war in großer Unruhe, als Richard sie traf.

»Ich habe mich furchtbar erschreckt,« sagte sie. »Was bedeutete nur das Geschrei, das ich hörte?«

»Es wurde nur über einen Spion Gericht gehalten,« 212 sagte Richard, und Lady Blandish lächelte und blickte ihn zärtlich an und strich mit ihrer Hand über sein Haar.

»War das alles, das hätte ich auch getan, wenn ich ein Mann gewesen wäre. Gib mir einen Kuß.«

 

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