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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunzehntes Kapitel.

Ein Zwischenspiel auf der Weidenpfeife.

Fort mit Systemen! Fort mit der verderbten Welt! Laßt uns die Luft atmen, die auf der Zauberinsel weht.

In goldenem Glanze liegen die Wiesen, golden strömt der Fluß dahin, in rötlichem Golde schimmern die Fichtenstämme. Die Sonne ist zur Erde herniedergestiegen und wandelt über Wasser und Feld.

Die Sonne ist zur Erde herniedergestiegen und Feld und Wasser jauchzen ihr entgegen. Sie kommt und ihre Herolde eilen vor ihr her und tauchen die Blätter der Eichen und Platanen und Buchen in leuchtend klares Grün, färben die Fichtenstämme mit röterem Gold und lassen helle Fußspuren auf den blumigen Abhängen des Flusses, wo des roten Fingerhutes obere Glöckchen niederhängen und Brombeerranken sich zwischen frischem Grün dahinschlängeln. Die Kronen der Bäume sind hell beleuchtet, und über ihnen jagen lange Schatten dahin, jagen über Heide und Hügel, bis die Herolde der Sonne die am östlichen Horizonte aufgetürmten Wolkenmassen mit rosigem Finger berühren und Ruhe finden.

182 Lieblich sind die verborgenen Ruheplätze des Waldes. Sanft weilt das Licht auf diesen Stätten. Ein leichter Hauch spannt sich über den Waldpfad und zittert in unzähligen Farben in dem warmen Licht der Fichtenstämme, über dem tiefen weichen Moosboden und den zart gefiederten Farnen. Das kleine braune Eichhörnchen läßt seinen Schwanz herunterhängen und hüpft von Baum zu Baum; ganz im Verborgenen ertönt das leise Lied eines Vogels. Schweigen herrscht im Walde.

Von all der zauberhaften Schönheit ringsumher fällt auch ein verstohlenes Licht in das empfängliche Herz. Der flammende West, die rotglühenden Höhen werfen ihren Glanz durch das volle Laub. In diesem Haine aber wohnt die höchste Seligkeit, erhabene Freude, die unabhängig ist von jenem Glanze, in dem das junge Lamm spielt und die Herzen der Menschen froh werden. Steige herab, göttliches Licht! umfasse die Schöpfung mit deinem wohltätigen Feuer und leuchte auch aus unserm Innern heraus. Du und dein Abglanz, der königliche Mond, ihr seid wie jedes himmlische Schauspiel nur Diener und Boten des Glücks, das sich im Innern regt.

Denn hier ist Zauberland. Hier treffen sich fern von feindlichen Gestaden der Prinz und die Prinzessin. Hier sitzen sie wie die Nachtigall im Schatten verborgen, und Augen und Ohren und Hände empfangen immer neue unendliche Schätze der Seele.

Rollt weiter, ihr knarrenden Räder der Welt: das Klagegeschrei der auf stillem Meere Versinkenden, die Seufzer eines Systems, das die rechte Zeit seines Triumphs unerkannt vorübergehen läßt, steigen zum Himmel empor. Hier verhallen sie ungehört.

Er nennt sie mit ihrem Vornamen, er nennt sie Lucy, und sie, errötend über ihre große Kühnheit, hat ihn Richard genannt. Diese beiden Namen bilden das 183 Leitmotiv für die wundervollen Harmonien, die Engel in der Höhe ertönen lassen.

»Lucy! Geliebte!«

»Ach, Richard!«

Draußen in der Welt, an dem Rande des Waldes, flötet in der nachdenklichen Abendstimmung ein Hirtenknabe auf einer Weidenpfeife.

Das Musikinstrument der Liebe ist so alt und so armselig, es hat nur zwei Töne, und doch kann der Musiker soviel daraus machen.

Sie haben kaum andre Worte. Ein leichter Schaum spielt auf den Wellen des Gefühls, eines tiefen Gefühls, das nur hervorbricht, wenn ein zu mächtiger Inhalt es fortreißt und in einem zärtlichen Seufzer seinen Ausdruck findet.

Vielleicht spielte die Liebe ihre Melodie so schön, weil sie noch nicht abgestumpft dagegen waren, weil sie den Segen noch in seiner ganzen Frische empfanden und ihn mit vollem Vertrauen hinnahmen. Für Herren und Damen spielt die Liebe mit seinem Bogenstrich auf der Violine oder in weichen Cellotönen, oder sie erweckt die Heldenkühnheit der Trompete, spielt auch vielleicht ein ganzes Orchester für sie. Und das gefällt ihnen. Liebe bleibt immer ein kluger Musikant. Sie schmachten und sind bezaubert. Aber bei allem Wohlklang bleibt es doch ein irdisches Konzert. Ihnen erklingt nicht Sphärenmusik aus zwei Tönen. Sie haben das erste übersinnliche Entfalten der reifen Sinne zur Leidenschaft verloren oder verpfändet oder vielleicht nie gekannt, wenn die Leidenschaft die Seele noch mit sich fortreißt und der Geist das Vorrecht hat, körperlos zu wandeln, grenzenlos zu fühlen. Oder der eine hat es noch, und der andere ist zu einem toten Körper geworden. Laßt sie Ambrosia essen und 184 Nektar trinken, hier sitzt ein Paar, dem das einfache Brot und Wasser der Liebe ein köstlicheres Mahl bereitet.

Flöte, glücklicher Schäferknabe Eros!

Strahlende Engel, entfaltet eure Schwingen und laßt eure Stimmen ertönen!

Sie sind über alle Philosophie erhaben. Ihr Instinkt hat sie über das Erkennen der Wissenschaft hinausgeführt. Sie waren für das Paradies geschaffen.

»Solch ein göttliches Geschenk sollte mir zuteil werden!«

Das wiederholte einer dem andern unaufhörlich.

Es ist der immer wiederkehrende Refrain ihrer Harmonien. Welchen Glanz verbreitet er über die vergangenen Jahre und wie verklärt und belebt er die Zukunft.

»Du bist mein und ich bin dein!«

»Wir sind für einander geboren!«

Sie glauben, daß die Engel sich von der Wiege an mit ihnen beschäftigt haben. Die himmlischen Scharen haben sich ernstlich bestrebt sie zusammen zu bringen. Und oh, Sieg! oh, Wunder! nach Sorgen und Mühen, nach außerordentlichen Schwierigkeiten, ist es den himmlischen Scharen gelungen.

»Hier sitzen wir zwei beieinander, von denen es im Himmel geschrieben steht, daß sie eins sein sollen.«

Flöte, glücklicher Eros! flöte weiter diesen beiden Unschuldigen!

Die Farbenflut des Himmels schwindet dahin. Im Westen versinkt das flüssige Feuer. Die Sterne blitzen auf in zitterndem Licht und dunkeln wieder vor dem aufsteigenden Mond, der den silbernen Wolkenschleier von seinen Schultern gleiten läßt und auf den Wipfeln der Fichten ruhend den Himmel überschaut.

»Hast du niemals davon geträumt, daß du mich wieder treffen würdest, Lucy?«

185 »Ach, ja, Richard, ich hatte dich ja nicht vergessen.«

»Und hast du darum gebetet, Lucy, daß wir uns wieder treffen möchten?«

»Ja, das habe ich.«

Mit jugendlichen Strahlen, wie sie die Liebenden des Paradieses beschienen, gleitet der Mond dahin. Wo sein Licht leuchtet, ist es nicht Nacht, sondern verschleierter Tag. Nur halb ist der Himmel beleuchtet, nicht Dunkelheit herrscht und nicht Tag, das Dämmerlicht erster Liebe.

»Meine einzig Geliebte, meine einzige in alle Ewigkeit. Sage, daß du die Meine bist. Flüstere es mir zu!«

Er lauscht der zauberhaften Musik.

»Und du bist ganz die Meine?«

Ein sanfter Strahl trifft das Farngebüsch unter den Fichten, wo sie sitzen, und als Antwort hat er ihre Augen, die sie ihm einen Augenblick zuwendet und die schüchtern zitternd seinen tiefen Blick empfangen und sich dann senken.

In ihren Augen liegt ihre Seele unverhüllt vor ihm ausgebreitet.

»Lucy, meine Braut, mein Leben!«

Die Nachtschwalbe spinnt ihr eintöniges Lied auf dem Fichtenzweige. Der sanfte Strahl umfaßt sie und lauscht an ihren klopfenden Herzen. Ihre Lippen schließen sich aufeinander.

Flöte nicht, oh, Eros, flöte jetzt nicht mehr! Flöte, wie du willst, du kannst diesem ersten Kuß nicht Ausdruck verleihen, nichts von seiner Süße, nichts von seiner Heiligkeit, nichts. Wenn die heilige Cäcilie dort oben auf den silbernen Orgelpfeifen des Paradieses alle Töne erklingen läßt, von denen die Liebe nur einer, dann könnte sie vielleicht das rechte Lied dafür finden.

Doch die Liebe bedarf keiner Töne. Draußen in der Welt, an dem Rande des Waldes pfeift der genügsame 186 Schäferknabe wohlgefällig noch einmal die ganze Skala seiner Weidenpfeife herunter, endet mit einem wunderlichen Triller und geht schweigend nach Hause, wo ihm das Abendessen winkt. Stille ruht über dem Walde. Nur die Nachtschwalbe spinnt ihr Lied auf dem Fichtenzweige, vom Mondlicht umwoben.

 

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