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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel.

Ripton Thompson wird entlarvt.

Lady Blandish und andre, die behaupteten, sich für das Glück und die Zukunft des nach Systemen erzogenen Jünglings zu interessieren, hatten bei verschiedenen Gelegenheiten die Namen von Familien erwähnt, mit denen sich zu verbinden, allem Anschein nach, nicht gegen seine Ehre gehen würde. Sir Austin hatte diese Namen auf einem besonderen Blatte seines Taschenbuches niedergeschrieben und ließ, als er sich der Hauptstadt näherte, sein Auge wiederholt darauf weilen. Es waren historische Namen und Namen, die pilzartig aufgeschossen waren, Namen, die vielleicht schon Wilhelm der Eroberer in seinen Listen geführt hatte, und Namen, die augenscheinlich durch ein Maschinenrad oder durch den Kontorstuhl in die oberen Schichten des zivilisierten Lebens geworfen worden waren. Diesen hatte der Baron die Worte: Geld, oder Stellung, oder Grundsätze hinzugefügt, und Grundsätze besonders unterstrichen. Die Weisheit des Weltmannes, die er ab und zu annehmen konnte, bestimmte ihn, ehe er seine Besuchstour unternahm, seinen Rechtsanwalt und seinen Arzt zu Rate zu ziehen, da 156 Rechtsanwälte und Ärzte die Ratten sind, die die Verdienste eines Hauses am besten kennen lernen und am besten wissen, auf welchen Grundlagen es ruht.

Sir Austin betrat die große Stadt in trauriger Stimmung. Die Erinnerung an sein Unglück überkam ihn so lebhaft, als wenn nicht Jahre dazwischen lägen und als wenn der Brief erst gestern gekommen wäre, der ihm sagte, daß er keine Frau und sein Sohn keine Mutter mehr hätte. Er wanderte am Abend seiner Ankunft zu Fuß durch die Straßen; die Läden und Ausstellungen und das Geräusch der Welt, von der er sich getrennt hatte, blickten ihn fremd an und erweckten ihm das Gefühl, so verlassen zu sein wie der ärmste Landstreicher. Er hatten beinahe verlernt sich in der Stadt zurecht zu finden und kam, bei seinen Bemühungen sein Hotel wiederzufinden, an seinem alten Wohnhause vorbei. Die Fenster waren erleuchtet, fröhliches Leben herrschte darin. Er stand im Dunkeln auf der andern Seite der Straße und starrte hinauf. Er kam sich wie ein Geist vor, der auf sein vergangenes Leben schaut. Und der Geist der Vergangenheit, der seinen Spott über ihn ausgoß, so lange er wie ein anderer Mensch fühlte und litt, und der wieder zum Leben erwacht schien, erfüllte sein Herz, das noch immer nicht vergeben konnte, mit dem bittern Gift der Ironie. Sobald er wieder ruhiger wurde, erinnerte er sich, daß es Algernon wäre, dem er das Haus zur Verfügung gestellt hatte, und daß dieser wahrscheinlich eine Kartengesellschaft oder ähnliches gäbe. Am folgenden Morgen erinnerte er sich auch, daß er die Welt verlassen und sich einem System gewidmet hätte und diesem anspruchsvollen Gefährten jetzt Treue halten müßte, da er der einzige war, der ihn jetzt stärken und belohnen konnte.

Mr. Thompson empfing den Baron mit so viel Ehrerbietung und Aufregung, wie es einem so vermögenden 157 Klienten und dem unerwarteten Besuch entsprach. Er war ein magerer, stattlicher Mann des Gesetzes, gekleidet wie jemand, der begüterte Bischöfe in Audienz empfängt, während seinen Gesichtszügen die Zugehörigkeit zu den Pandekten und eine tugendhafte Neigung zu Portwein aufgedrückt waren, die genügten, sein Ansehen in den Augen des moralischen Englands noch zu erhöhen. Nachdem er Sir Austin zu dem günstigen Ausgang einiger Rechtsfälle beglückwünscht und die Versicherung erhalten hatte, daß des Barons Anwesenheit in der Stadt nichts damit zu tun hätte, erlaubte sich Mr. Thompson die Hoffnung auszusprechen, daß der junge Erbe seinem Vater Freude mache, und hörte mit Befriedigung, daß er ein Musterjüngling wäre.

»Es ist ein schwieriges Alter, Sir Austin!« sagte der alte Rechtsanwalt, sein Haupt schüttelnd. »Wir dürfen unsere Söhne nicht aus den Augen lassen – müssen sehr wachsam sein! Im Augenblick kann Unheil geschehen!«

»Wir müssen genau gesehen haben, wohin wir pflanzten und daß die Wurzel gesund war, oder das Unheil geschieht trotz oder gerade bei unserer Überwachung,« sagte der Baron.

»Ganz gewiß,« murmelte sein Rechtsbeistand, als ob das auch seine Ansicht wäre. »Das ist auch mein Plan mit Ripton, der die Ehre gehabt hat, Ihnen vorgestellt zu werden, und eine sehr schöne Zeit mit unserm jungen Freunde verleben durfte, die er noch nicht vergessen hat. Ripton soll Jurist werden. Er arbeitet jetzt bei mir und wird, wie ich hoffe, mein würdiger Nachfolger in Ihrem Vertrauen sein. Ich nehme ihn am Morgen mit mir zur Stadt und bringe ihn abends wieder heraus. Ich darf wohl sagen, daß ich ganz zufrieden mit ihm bin.«

»Glauben Sie,« sagte Sir Austin, ihn fest ansehend, 158 »daß Sie jede seiner Handlungen auf ihre Motive zurückführen können?«

Der alte Rechtsanwalt beugte sich vor und bat höflich, man möchte die Frage noch einmal wiederholen.

»Stellen Sie sich,« fuhr Sir Austin mit demselben durchdringenden Blick fort, »stellen Sie sich in das Zentrum der Erkenntnis, basieren Sie Ihre Wachsamkeit auf einer so vollständigen Bekanntschaft mit seinem Charakter, auf einer so vollkommenen Beherrschung der Konstruktion, daß alle ihre Bewegungen – selbst die exzentrischen – von Ihnen vorausgesehen und voraus bedacht sind?«

Diese Erklärung war etwas zu lang, als daß der alte Rechtsanwalt um eine nochmalige Wiederholung bitten konnte. Mit dem Ausdruck eines Tauben, der um Nachsicht für sein Gebrechen bittet, lächelte Mr. Thompson höflich, hüstelte beschwichtigend und meinte, er könne wohl nicht ganz so viel von sich sagen, obgleich er zu seiner Freude mitteilen könne, daß Ripton in der Schule immer sehr gute Zeugnisse gehabt hätte.

»Ich finde,« bemerkte Sir Austin, der seine ausforschende Stellung und Miene etwas aufgab, »daß es Väter gibt, die damit zufrieden sind, wenn man ihnen einfach gehorcht. Ich verlange aber nicht nur, daß mein Sohn mir gehorcht, ich verlange, daß er nicht einmal den Trieb empfindet, meinen Wünschen widersprechen zu können, daß bis zu einer gewissen Periode, wo meine Verantwortung aufhört und die seine beginnt, er meinen Willen in sich stärker empfindet als seine unentwickelte Natur. Der Mensch ist eine selbsttätige Maschine. Er kann nicht aufhören eine Maschine zu sein, aber durch die Selbsttätigkeit kann er die Selbstleitung verlieren und, grade durch seine lebensvolle Kraft, in einen falschen Gang und zum Verderben getrieben werden. So lange er jung ist, ist er ein Organismus, der dem regelmäßigen, mechanischen 159 Kreislauf des Tages entgegenreift, und während dieser Zeit müssen alle Engel ihn bewachen, damit er gerade und gesund aufwächst und geeignet wird zu der Erfüllung seiner materiellen Pflichten, welcher Art sie auch sein mögen.«

Mr. Thompsons Augenbrauen arbeiteten heftig. Er war gänzlich außerstande zu folgen. Er hatte viel zu viel Hochachtung vor Sir Austins Besitztümern, um auch nur einen Augenblick zu denken, daß das, was er hörte, purer Unsinn wäre. Wie aber sollte er es sich sonst erklären, daß ihm sein vortrefflicher Klient so ganz unverständlich war? Denn ein Herr mittleren Alters und einer, bei dem es zur Gewohnheit geworden ist, Rat zu erteilen und Verhältnisse zu ordnen, wird selten darauf verfallen, sein eignes Verständnis anzuzweifeln, und Mr. Thompson kam es auch durch aus nicht in den Sinn, das zu tun. Aber des Barons Herablassung so zu ihm zu kommen und mit ihm über den Gegenstand zu sprechen, der seinem Herzen am nächsten lag, berührte ihn tief, und er legte sich die Sache schnell so zurecht, daß sie für beide Personen günstig erschien. Er sagte sich, daß sein sehr geehrter Klient sicher eine Meinung habe; diese wäre aber so tief und fein, daß es nur natürlich wäre, wenn er Schwierigkeiten hätte, ihr die richtigen passenden Worte zu verleihen.

Sir Austin verbreitete sich zur Erbauung seines Rechtsanwalts noch weiter über seine Theorie des Organismus und Mechanismus. Als das Wort »gesund« wieder dabei vorkam, griff Mr. Thompson es auf:

»Ich verstehe Sie! Oh, ich stimme vollständig mit Ihnen überein, vollständig, Sir Austin! Erlauben Sie, daß ich klingele und meinen Sohn Ripton rufen lasse. Ich bin überzeugt, daß wenn Sie sich herablassen würden, ihn zu prüfen, Sie mir zugeben werden, daß regelmäßige 160 Gewohnheiten, ausschließlich juristische Lektüre – denn jede andere Literatur habe ich streng verboten – ihn ganz zu dem gemacht haben, was Sie erwähnten.«

Mr. Thompsons Hand griff nach der Klingel. Sir Austin hielt ihn zurück: »Erlauben Sie mir, daß ich den jungen Mann bei seiner Beschäftigung aufsuche.«

Unser alter Freund Ripton saß in einem Zimmer allein mit dem alten Prokuristen Mr. Beazley, einem Veteranen des Gesetzes, der selbst nicht viel mehr war, als ein Dokument, das unterzeichnet und versiegelt war, um bald abgeliefert zu werden, und der von seinem Schüler und Gefährten nichts verlangte als absolutes Stillschweigen. Wenn Ripton dieses streng beobachtet hatte, so lobte Mr. Beazley ihn seinem Vater gegenüber, kümmerte sich aber nicht darum und dachte auch nicht darüber nach – so ein vertrocknetes altes Dokument wie er war – welcher Zauber es sein konnte, der einen lebhaften, normal beanlagten, jungen Mann sechs Stunden täglich veranlaßte still zu sein. Man nahm an, daß Ripton sich dem Studium des Gesetzbuches hingab. Ein Band des klassischen Kommentars der Gesetze lag auf seinem Pult, unter dessen halb offenem Deckel der Kopf des fleißigen Studenten steckte, wodurch das Gesetz in direkten Kontakt mit seiner Hirnschale gebracht wurde. Die Bureautüre öffnete sich, und er hörte es nicht, sein Name wurde gerufen, und er rührte sich nicht. Seine Methode sich die Gesetze einzuprägen war eigenartig, schien aber seine Gedanken vollständig in Anspruch zu nehmen.

»Er vergleicht Notizen, vermute ich,« flüsterte Mr. Thompson Sir Austin zu, »das nenne ich studieren.«

Der Prokurist erhob sich und verbeugte sich, ganz altersschwache Unterwürfigkeit.

»Ist es alle Tage so mit ihm, Beazley?« fragte Herr Thompson mit väterlichem Stolz.

161 »Ahem!« sagte der alte Sekretär, »er ist sich alle Tage gleich, ich könnte von einer Maus nicht mehr erwarten.«

Sir Austin trat an das Pult heran. Seine Nähe erweckte einen von Riptons Sinnen, der die andern zusammen rief. Der Deckel des Pultes klappte zu. Bestürzung und Studieneifer glühten auf Riptons Wangen. Er glitt von seinem hohen Sitz herab, viel mehr mit der Miene eines Mannes, der gesonnen ist seine Stellung zu verteidigen, als eines, der einen Vorgesetzten begrüßt. Seine rechte Hand spielte mit einem Schlüssel in der Westentasche, die linke hielt sich an dem leeren Stuhl.

Sir Austin legte zwei Finger auf des Jünglings Schulter und sagte, indem er, wie es ihm zur Gewohnheit geworden war, den Kopf ein wenig auf die Seite neigte: »Ich freue mich, den alten Kameraden meines Sohnes so nützlich beschäftigt zu finden. Ich weiß selbst was Studium heißt. Aber nehmen Sie sich in acht, es zu übertreiben! Seien Sie nicht böse, daß wir Sie unterbrochen haben, Sie werden den Faden bald wieder aufnehmen. Auch müssen Sie sich ja, wie Sie wissen, an die Besuche Ihrer Klienten gewöhnen.«

Mr. Thompson klangen diese Worte so herablassend und freundlich, daß er Ripton, der in Ausdruck und Haltung noch immer seine Verwirrung und seinen versteckten Trotz zeigte, Winke und Zeichen gab und ihn aufforderte, dem Baron zu sagen, mit welcher besonderen Materie er augenblicklich beschäftigt wäre.

Ripton zögerte einen Augenblick, und brachte dann sehr undeutlich heraus: »Das Gesetz Gravelkind.«

»Was für ein Gesetz?« sagte Sir Austin verwundert.

»Gravelkind,« stotterte Ripton noch einmal.

Sir Austin wandte sich um eine Erklärung an Mr. Thompson. Der alte Rechtsanwalt schüttelte seinen Gesetzeskasten.

162 »Wunderbar,« rief er aus, »er macht noch solch einen Fehler. Wie heißt das Gesetz?«

Ripton erkannte seinen Irrtum an dem ernsten, schmerzlichen Ausdruck in seines Vaters Antlitz und verbesserte sich: »Gavelkind, Vater.«

»Ach so,« sagte Mr. Thompson mit einem Seufzer der Erleichterung. »Wie konntest du nur Gravelkind sagen! Gavelkind! Ein altes kentisches Gesetz.« Er fing dann an nähere Erklärungen darüber zu geben, Sir Austin versicherte, er kenne es, es wäre ein sehr wunderliches Gesetz, setzte dann aber hinzu: »Ich würde gerne Ihres Sohnes Notizen und seine Bemerkungen in bezug auf die Judikatur dieses Familiengesetzes lesen, falls er einige darüber gemacht haben sollte.«

»Du machtest doch gerade Notizen oder suchtest sie auf, als wir eintraten,« sagte Mr. Thompson zu dem angehenden Rechtsgelehrten, »eine sehr gute Art zu arbeiten, die ich dir immer zur Pflicht gemacht habe. Nicht wahr? das tatest du doch?«

Ripton stammelte, daß er leider keine Notizen hätte, die zu zeigen der Mühe wert wäre.

»Was tatest du denn?«

»Ich machte Notizen,« murmelte Ripton, die verkörperte Ausrede.

»So zeige sie doch!«

Ripton blickte auf sein Pult und dann auf seinen Vater, auf Sir Austin und den Prokuristen. Er nahm seinen Schlüssel heraus, aber er paßte nicht in das Schlüsselloch.

»Zeige sie,« wurde energisch noch einmal verlangt.

In seinen lobenswerten Bemühungen den Schlüssel hereinzubringen, entdeckte Ripton, daß das Pult unverschlossen war. Mr. Thompson trat näher und hob den Deckel in die Höhe. Ein Buch lag offen darin, das 163 Ripton eiligst nach hinten, in eine dunkle Ecke, unter einen Haufen Papiere schob, aber Sir Austins Auge hatte noch ein buntes Titelblatt entdeckt.

Der Baron lächelte und sagte: »Sie studieren auch Heraldik? Interessieren Sie sich für diese Wissenschaft?«

Ripton erwiderte, daß er sie sehr gern habe, sich sehr dafür interessiere, und warf noch einen Haufen Papiere in die dunkle Ecke.

Die Notizen lagen nicht so offen da, und das Suchen nach ihnen war langweilig und vergeblich. Papiere, die nichts mit dem Gesetz oder juristischen Studien zu tun hatten, fanden sich vor und gaben Mr. Thompson einen intimen Einblick in die Finanzen seines Sohnes, aber nichts fand sich, das auf das fragliche Gesetz bezug hatte.

Mr. Thompson fragte seinen Sohn, ob die Notizen sich nicht unter den Papieren befinden könnten, die er sorglos in die dunkle Ecke geschoben hatte. Ripton war ganz sicher, daß sie darunter nicht wären, willigte aber ein, sie durchzusehen.

»Was haben wir hier?« sagte Mr. Thompson, als Ripton ein Papier nach dem andern hervorbrachte, und ergriff ein sorgfältig zusammengefaltetes Blatt, das an den Herausgeber einer juristischen Zeitschrift adressiert war. Mr. Thompson setzte seine Brille auf und las laut: »An den Herausgeber des ›Juristen‹!«

»Mein Herr, – in Ihren kürzlich veröffentlichten Bemerkungen zu dem Falle« –

Mr. Thompson räusperte sich und hielt an, wie ein Mann, der plötzlich eine Schlange auf seinem Wege entdeckt. Mr. Beazley scharrte mit den Füßen. Sir Austin veränderte seine Stellung.

»Es ist, denke ich, auf der andern Seite,« keuchte Ripton. Mr. Thompson drehte das Blatt um und las vertrauensvoll mit lauter Stimme: 164

»An Absalom, den Sohn Davids, den kleinen, jüdischen Wucherer in Bond Court, Whitecroß Gutters, schulde ich 5 Pfund Sterling für die Einführung bei Venus. Zahlbar, sobald ich kann.

Gezeichnet: Ripton Thompson.«

Diesem nachgemachten gesetzlichen Dokument war vorsichtigerweise hinzugefügt:

(»NB. Dieses Dokument ist nicht bindend.«)

Es entstand eine Pause: ein schrecklicher Hauch heiligen Staunens und Vorwurfs schwebte durch das Bureau. Sir Austin nahm eine würdige Haltung an. Mr. Thompson warf seinem Prokuristen einen strengen Blick zu, den dieser durch aufgehobene Hände abwehrte.

Ripton, der jetzt vollständig verwirrt war, schob ein andres Blatt unter seines Vaters Nase, da er hoffte, daß ihn hier wenigstens die Außenseite befriedigen würde. Es war bezeichnet: »Juristische Betrachtungen.« Mr. Thompson lag aber der Gedanke, seinen Sohn schützen oder schonen zu wollen, sehr fern. Ja, wie viele Männer, deren Eigenliebe durch ihre Nachkömmlinge verletzt ist, fühlte er sich rachsüchtig und war bereit, ihn bis zu einem gewissen Punkte preiszugeben, zu beider Nutzen. Er öffnete deshalb das Papier in der Erwartung, trotz der förmlichen Überschrift noch Schlimmeres zu finden, als was er bisher gesehen hatte, und sah sich nicht enttäuscht.

Die juristischen Bemerkungen bezogen sich auf denselben Fall, dessentwegen Ripton sich veranlaßt gesehen hatte an den Herausgeber des »Juristen« zu schreiben. Es war wirklich ein bedeutender und sehr ehrwürdiger Fall und war entschieden ausdrücklich wieder hervorgeholt worden, damit der junge Jurist, Mr. Ripton Thompson, seine richterliche Beredsamkeit zugunsten des Klägers entfalten konnte, wozu sich der Anwalt, in seinen einleitenden Worten, besonders beglückwünschte. Das war ziemlich 165 ungewöhnlich und wahrscheinlich nur hervorgerufen durch die Bedeutung und den Ruf dieses jungen Juristen vor dem Gerichtshofe seines Bezirks. Man konnte dieses aus dem Zeitungsberichte ersehen, der den Bemerkungen oder juristischen Betrachtungen des jungen Rechtsbeflissenen vorangestellt war, über die Vernehmung oder Nichtvernehmung gewisser Zeugen und über das Endurteil des Richters.

Mr. Thompson senior hob das Papier hoch und mit erhobener Stimme, wie jemand, der bereit ist, das Urteil über einen Schuldigen zu sprechen, las er mit bitterm, höhnischem Tone:

»Vulkan kontra Mars.

Für den Kläger erschien der Staatsanwalt, unterstützt von Mr. Ripton Thompson. Für den Beklagten Herr Richter Cupido und Herr Gute Gelegenheit.«

Mr. Thompson senior stöhnte und warf dem unglücklichen Ripton einen giftigen Blick über die Brille zu: »Darüber machst du dir Notizen! Dazu verwendest du deine Zeit!«

Nach einem zweiten vorwurfsvollen Blick auf den Prokuristen, der mit einem Achselzucken antwortete, trieb der Teufel der Erbitterung Mr. Thompson an weiter zu lesen:

»Dieser Fall ist zu gut bekannt, um mehr als kurze Angabe der Einzelheiten –«

»Hm! Wir wollen uns die Einzelheiten sparen, wären sie auch noch so kurz gegeben,« sagte Mr. Thompson – »aber – was meinst du hiermit? – genug! Man kann es uns wohl kaum verdenken, wenn wir deine juristischen Studien über solch einen Fall nicht lesen! Hierauf verwendest du sie? Mr. Beazley! Sie werden von jetzt ab wieder allein sitzen. Ich muß diesen jungen Mann unter meiner persönlichen Aufsicht haben. Sir Austin, 166 ich muß Sie um Entschuldigung bitten, daß ich Sie zum Zeugen einer so unangenehmen Szene machte. Es war die Pflicht des Vaters, ihn nicht zu schonen.«

Mr. Thompson wischte sich die Stirne, wie es Brutus getan haben mochte, nachdem er den Sprößling seines Hauses gerichtet hatte.

»Diese Papiere,« fuhr er fort, indem er die kostbaren Erzeugnisse von Riptons ernstem Studium in seiner richterlichen Hand schwenkte, »werde ich behalten. Der Tag wird kommen, wenn er sie mit Scham sehen wird. Und das soll seine Buße, seine Strafe sein! Halt!« rief er, als Ripton sein Pult geräuschlos schließen wollte. »Hast du noch mehr von derselben Art? Bringe sie hervor, damit wir dich von der schlimmsten Seite kennen lernen. Was hast du da – in der Ecke?«

Ripton murmelte undeutlich, daß er alte Briefe über wichtige Fälle in der Ecke verwahre.

Mr. Thompson suchte mit zitternden Fingern unter den alten Akten und zog das Buch hervor, das Sir Austin schon bemerkt aber nicht beachtet hatte, da sein Verdacht nicht auf Gedrucktes gerichtet gewesen war.

»Ein Handbuch der Heraldik?« fragte der Baron höflich und vielleicht etwas ironisch, bevor Ripton Zeit hatte, das Buch zu verstecken.

»Ich habe es sehr gern,« sagte Ripton und hielt das Buch krampfhaft fest.

»Lassen Sie mich einmal sehen, ob unser Wappen darin richtig abgebildet ist.« Der Baron streckte seine Hand nach dem Buche aus.

»Ein Greif zwischen zwei Weizenbündeln,« rief Ripton und hielt das Buch in schrecklicher Angst fest.

Ohne sich recht klar zu machen, was er tat, nahm Mr. Thompson das Buch aus Riptons Hand, und die beiden alten Herren beugten ihre grauen Häupter über 167 das Titelblatt. Neben einem bunten, sehr vielversprechenden Titelbilde verkündete es in schönen Buchstaben die bezaubernden Abenteuer einer gewissen Miß Random.

Wäre im Bereich dieses richterlichen Hauses ein tiefer Kerker gewesen, um Ripton darin einzusperren, oder feurige Zangen, um sein sündiges Fleisch zu züchtigen, Mr. Thompson hätte auf der Stelle davon Gebrauch gemacht. Wie es nun einmal war, begnügte er sich damit, den entlarvten Jüngling mit Blicken zu strafen, die Kerker und Zangen ersetzen konnten, während Ripton ganz zusammengesunken auf seinem hohen Stuhle saß, vollständig gleichgültig gegen alles, was jetzt noch kommen konnte.

Mr. Thompson warf das gottlose Buch mit einem Ausruf der Verachtung fort, nahm es dann aber wieder auf und ging damit hinaus. Sir Austin gab Ripton zwei Finger seiner Hand, legte leicht die andere Hand auf sein Haupt und sagte: »Leben Sie wohl! In späteren Jahren wird Richard sich freuen, wenn Sie ihn in Raynham besuchen.«

Zweifellos bedeutete dieses Ereignis einen großen Triumph für das System!

 

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