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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel.

Ein Zauberbild.

Die ganze Nacht warf sich Richard schlaflos auf seinem Lager hin und her. Herz und Verstand jagten in stürmischem Galopp über die reiche, noch ungekostete Welt dahin und durch das große Reich des Geheimnisvollen, 135 von dem er nun nicht länger ausgeschlossen war. Monatelang war er an den Eingangspforten des Frauenreiches herumgewandert, erwartungsvoll, seufzend, anklopfend und hatte weder Eintritt noch Antwort erhalten. Jetzt hatte er den Schlüssel. Der eigene Vater hatte ihn ihm gegeben. Sein Herz war ein flinkes Roß und trug ihn weiter und immer weiter in unbeschränkte Regionen, die in übermenschliche, wundersame Schönheit getaucht waren, wo Kavaliere und Damen flüsternd auf verborgenen, grünen Abhängen ruhten, wo Ritter und Frauen in wilden Wäldern Glanz und Pracht verbreiteten, wo Lanzenspiele und Turniere an goldenen Höfen abgehalten wurden, denen Frauenaugen helles Licht verlieh, von denen ein Paar, nur halb gesehen, aber deutlich erkennbar, ihm durch das Dickicht des Waldes folgte und im Gedränge der Menschen strahlend auf ihm ruhte, während er sich über eine Hand neigte, die so glänzend und weiß und duftend war, wie die glimmernden Blüten einer Maiennacht.

Zuweilen stand sein Herz still, in zitterndem Schreck, wenn er alle irdische Seligkeit auszukosten vermeinte, indem er auf eine schmale, weiße Hand seine Lippen drückte. Nur das tun und dann sterben! rief es in dem magnetisch gewordenen Jüngling: die Perle des Lebens in diesen einen Becher schleudern und ihn leeren! Die Erwartung berauschte ihn. Dazu war er geboren! So gab es also einen Zweck des Daseins, etwas, wofür es sich zu leben lohnte! die Hand einer Frau küssen und sterben! Er sprang von dem Lager auf und stürzte sich auf Feder und Papier, um seinen schwärmenden Gefühlen Luft zu machen. Kaum saß er, so ließ er auch schon die Feder wieder fallen und warf das Papier zur Seite, indem er ausrief: »Habe ich nicht geschworen, niemals wieder zu schreiben!« Sir Austin hatte dieses 136 Sicherheitsventil verschlossen. Der Unsinn, der in dem Jüngling lebte, hätte harmlos ausströmen können. Er drängte so stark zum Ausdruck, daß er wiederholt seinen Schwur vergaß und sich unter der Lampe sitzend fand, im Begriff, Verse zu schreiben, noch ehe der Stolz zu Worte kam. Vielleicht wäre selbst der Stolz von Richard Feverel unterlegen, wäre das Dichten leicht gewesen in solcher Stimmung und hätte sich ein Gedanke klar herausgestellt; aber Tausende drängten sich auf den ersten Platz, chaotische Scharen, gleich Reihen brausender Wogen, drängten ungestüm zum Ausdruck, und die Unmöglichkeit, ihnen Gestalt zu verleihen, war es ebensowohl wie der Stolz, mit dem er so gerne seine Unfähigkeit vor sich selbst entschuldigte, die die machtlose Feder zur Seite warf und ihn wieder auf sein unruhiges Lager brachte, wo er von neuem das rosenumkränzte Land durchstürmte.

Gegen Morgen ließ die Tollheit des Fiebers etwas nach, und er ging hinaus ins Freie. Noch brannte eine Lampe in seines Vaters Zimmer, und Richard glaubte, als er aufblickte, das immer wachsame Haupt auf seinem Beobachtungsposten zu sehen. Sogleich aber verlöschte die Lampe und das Fenster hob sich kalt ab gegen die Farben der Morgendämmerung.

Scharfes Rudern ist für eine gewisse Art von Fieber ein ausgezeichnetes Heilmittel. Richard griff instinktiv danach. Das klare, frische Wasser glänzte im Sonnenaufgang, funkelte vor dem pfeilspitzen Bug seines Bootes; die weichen, tiefen Schatten wichen vor seinem dahingleitenden Kiel. Über ihm entfaltete der einsame Morgen seine Blüten zu Knospen, seine Knospe zur Blume, in immer neuem entzückendem Wechsel von Licht und Farbe, Eindrücke, gegen die er gleichgültig war, während er unter Weiden und Espen dahinschoß, auf breiten Stromflächen, 137 die die überhängende Pracht wiederspiegelten. Einsame Morgenstille herrschte auf dem Strome. Irgendwo, an dem Urquell des Lebens lag das Land, dem er entgegenruderte; etwas von seinem unendlichen Licht konnte er hier und dort erkennen. Er wußte jetzt, es war kein Traum. Ein Geheimnis lag in der Luft. Der Wald war voll davon, Wasser und Wind trugen es mit sich. Ach, warum konnte man nicht auch heute noch, wie in König Artus' Zeiten, hohe ritterliche Taten vollbringen, die die Blicke der Frauen aus ihren himmlischen Höhen auf sich zogen. Dahin zielten die unbewußten Seufzer des Jünglings, als er sich von seiner ersten fieberhaften Aufregung freigerudert hatte.

Er war auf der Höhe von Bursley und war in jene nachdenkliche Ruhe versunken, welche starker körperlicher Anstrengung zu folgen pflegt, als er hörte, wie sein Name gerufen wurde. Es war keine Frau, auch keine Fee, sondern der junge Ralph Morton; ein Überfall gewöhnlichster, männlicher Prosa. Richard wünschte herzlich, daß er, wie die übrige Menschheit, noch zu Bett wäre, ruderte aber heran und sprang an Land. Ralph ergriff sogleich seinen Arm und sagte, daß er sehr den Wunsch gehabt hätte, mit ihm zu sprechen, entzog den magnetischen Jüngling seinen Wasserträumen und wanderte mit ihm auf und ab auf dem feuchten, frisch gemähten Gras. Was er ihm zu sagen hatte, ließ sich offenbar schwer aussprechen, und obgleich Richard kaum zuhörte, hatte er doch bald genug von der Wiedersehensfreude seines alten Rivalen und wurde ungeduldig; worauf Ralph, wie jemand, der sich auf ein ihm ziemlich fremdes Gebiet begibt, ihm plötzlich die Frage stellte:

»Sag' mal, welcher Frauenname gefällt dir am besten?«

»Ich kenne keinen,« erwiderte Richard gleichgültig. »Warum bist du eigentlich so früh auf?«

138 Als Anwort darauf meinte Ralph, daß man den Namen Mary wohl hübsch finden könnte.

Richard gab zu, daß das möglich sein könnte; die Haushälterin in Raynham und die Hälfte aller Köchinnen und Hausmädchen trügen diesen Namen; bei ihm zu Hause wäre er gleichbedeutend mit Weiblichkeit überhaupt.

»Ja, das weiß ich,« sagte Ralph, »wir haben auch furchtbar viel Marys. Er ist sehr gewöhnlich; ach, mir gefällt Mary gar nicht am besten. Wie gefällt dir Lucy?« Richard meinte, einer wäre wie der andere. »Weißt du,« fuhr Ralph fort, indem er die Maske abwarf und sich auf den Gegenstand stürzte. »Ich könnte alles in der Welt für einige Namen tun – für einen oder zwei. Es ist nicht Mary, auch nicht Lucy. Klarinda ist hübsch, aber es klingt zu sehr nach einem Roman. Klaribel habe ich auch gern, überhaupt alle Namen, die mit Kl anfangen. Die Kls sind immer sanfte und liebliche Mädchen, für die man sterben könnte! Meinst du nicht auch?«

Richard war noch niemals mit einer bekannt geworden, die ihm diesen Wunsch eingeflößt hätte. Diese dringende Inanspruchnahme seiner Phantasie in betreff weiblicher Namen um 5 Uhr morgens überraschte ihn in der Tat etwas, obgleich er für die Außenwelt nur halb wach war. Allmählich bemerkte er, daß Ralph sich sehr verändert hatte. Statt des frischen, lärmenden Jungen, seines Rivalen in männlichen Künsten, der so gradezu in seinen Worten war und auch danach handelte, fand er jetzt einen schüchternen, dauernd mit dem Erröten kämpfenden Jüngling, der inständig um ein freundschaftliches Ohr bat für die ihn allein beherrschenden Gedanken. Allmählich begriff Richard, daß auch Ralph an den Grenzen des geheimnisvollen Reiches angelangt sei, vielleicht ihm 139 näher war, als er selbst; und in plötzlich erwachter Sympathie enthüllte sich ihm mit einem Male die wunderbare Schönheit und Tiefe in der Bedeutung weiblicher Namen. Das Thema schien neu und bezaubernd, der Jahreszeit und der Stunde angemessen. Aber das Unglück war, daß Richard keinem von allen den Vorzug geben konnte; sie waren alle gleich für ihn, er liebte sie alle.

»Hast du wirklich die Kls nicht besonders gern?« sagte Ralph mit überredendem Tone.

»Nicht mehr als die die auf ›a‹ und ›y‹ enden,« erwiderte Richard und wünschte, er könnte es, denn Ralph war ihm entschieden voraus.

»Komm hier unter die Bäume,« sagte Ralph, und unter den Bäumen schüttete er sein Herz aus. Er sollte Offizier werden. Eton lag hinter ihm. In wenigen Monaten mußte er bei seinem Regiment eintreten, und bevor er abreiste, wollte er seinen Freunden Lebewohl sagen. Könnte Richard ihm Mrs. Foreys Adresse geben? Er hatte gehört, daß sie irgendwo an der See wäre. Richard besann sich nicht auf die Adresse, sagte aber, daß er sehr gerne jeden Brief nehmen und adressieren würde. Ralph steckte seine Hand in die Tasche. »Hier ist er; aber laß niemand ihn sehen.«

»Meine Tante heißt aber nicht Klara,« sagte Richard, als er gelesen hatte, was auf dem Briefumschlag stand. »Du hast ihn ja an Klara selbst adressiert.«

Das war nicht zu leugnen.

»Emmeline, Klementina, Matilda, Laura, Gräfin Blandish!« murmelte Richard leise vor sich hin, ließ die Namen in verschiedener Ordnung einander folgen und freute sich an ihrem melodischen Klang. Dann sagte er: »Frauennamen! wie lieblich sie ihre Namen wählen!«

Er sah Ralph fest an. Hatte er noch mehr entdeckt, so sagte er doch nichts, verabschiedete sich nur von dem 140 guten Jungen, sprang in sein Boot und ruderte mit der Flut hinab.

Sobald ihn ein Ufervorsprung vor Ralph verbarg, las er die Adresse noch einmal. Zum ersten Male kam es ihm in den Sinn, daß seine Cousine Klara ein sehr reizendes Geschöpf wäre; er erinnerte sich des Ausdrucks ihrer Augen und besonders an den letzten vorwurfsvollen Blick, den sie ihm beim Abschiednehmen zugeworfen hatte. Wie kam Ralph dazu, an sie zu schreiben? Gehörte sie nicht zu Richard Feverel? Er las wieder und wieder die Worte: Klara Doria Forey. Natürlich – Klara war der Name, der ihm am besten gefiel, – ja, den er liebte. Doria auch – sie hatten denselben Namen. Vorwärts stürmte sein Herz, nicht im Galopp nur, sondern in Karriere, als ob er die Beute vor sich sähe. Er fühlte sich zu schwach, um zu rudern. Klara Doria Forey! – welche vollkommene Harmonie!

Mit der Flut treibend, hörte er ihr melodisches Anschlagen an den Fuß der Hügel.

Wenn die Natur uns reif gemacht hat für die Liebe, geschieht es selten, daß das Schicksal zögert, uns einen Tempel für die Flamme zu errichten.

Über dem grünfunkelnden Strudel des Wehrs, von dem donnernden Rauschen da unten erschüttert, wiegten sich goldgelbe und weiße Lilien zwischen dem Schilf. Wiesenspiräa hing dicht von dem Flußufer herab, zwischen Unkraut und langen Brombeerranken, und dazwischen hing auch eine Tochter der Erde.

Ihr Gesicht wurde von einem großen Strohhut mit biegsamem Rande beschattet, der Lippen und Kinn frei ließ und unter dem zuweilen, wenn er aufklappte, ein Strahl aus vielversprechenden Augen zu sehen war. Über ihre Schultern und ihren Rücken herab hingen reiche Locken, bräunlich im Schatten und beinahe golden, wo 141 der Strahl der Sonne sie traf. Sie war einfach gekleidet, schicklich und der Jahreszeit angemessen. Bei näherem Hinsehen hätte man bemerken können, daß ihre Lippen gefärbt waren. Dieses blühende, junge Wesen erquickte sich an Brombeeren. Sie wuchsen auf dem Abhange nach dem Wasser zu. Die Frucht war augenscheinlich reichlich vorhanden, denn sie führte die Hand häufig zum Munde. Anspruchsvolle Jünglinge, deren Geschmack sich dagegen auflehnt, daß Frauen ihr entzückendes Ebenmaß mit Brot und Butter anfüllen, und die sie deshalb, wie man annehmen muß, lieber mager sehen möchten, so lange sie nur poetisch sind, können gegen Brombeeren kaum etwas einzuwenden haben. Das Essen derselben erscheint in der Tat zierlich und setzt Überlegung voraus. Die Brombeere ist eine Schwester der Lotuspflanze und unschuldiger als diese. Man ißt: Mund, Auge und Hand sind beschäftigt und der unbeschwerte Geist kann frei herumgreifen. Und so war es mit dem kleinen Fräulein, das hier kniete. Die Lerche stieg über ihr empor – ein verkörpertes Lied – zu den weichen Wolken, die nach Süden zu in dem blauen Äther schwebten, aus dem dunklen, tauigen Gebüsch über ihrem nickenden Hut flötete die Amsel ihr in den süßesten Tönen zu. Das Gefieder des Eisvogels blitzte smaragdfarben durch die grünen Weiden, mit bogenförmigen Schwingen schwebte ein Reiher in die Höhe und suchte die Einsamkeit. Ein Boot glitt auf sie zu, das einen träumenden Jüngling enthielt, und sie pflückte die Früchte und aß und sann, als ob kein Märchenprinz in ihr Gebiet eingedrungen wäre, als ob sie sich nach keinem sehnte oder ihre Wünsche nicht kännte. Umgeben von den grünen, gemähten Wiesen, in dem Summen der sommerlichen Luft, bei dem donnernden Rauschen des schäumenden Wehrs, in dem Duft und der Schönheit der wilden Blumen, war sie ein Stück lieblichen 142 Menschenlebens in schönster Umrahmung, unheimlich anziehend. Der magnetische Jüngling lehnte sich aus dem Boot, um zu sehen, wie weit er noch von den Pfeilern des Wehrs entfernt wäre, und erblickte die süße Vision. Stiller und stiller wurde es in der Natur, wie bei dem Treffen zweier Gewitterwolken. Des Mädchens Stellung war so anmutig, daß er nicht wagte, das Ruder einzutauchen, obgleich er unaufhaltsam dem Wehr entgegentrieb. Grade da fesselte eine verführerische Brombeere ihren Blick. Er trieb unbemerkt vorbei und sah, wie ihre Hand sich ausstreckte, aber nicht erreichen konnte, was sie suchte. Ein Ruderschlag brachte ihn neben sie. Das Fräulein blickte erschreckt auf, und ihr ganzer Körper schwebte über dem Abgrund. Richard sprang aus seinem Boot in das Wasser. Eine Hand unter ihren Fuß legend, mit dem sie auf dem zerbröckelnden, feuchten Uferrand eine Stütze suchte, machte er es ihr möglich, das Gleichgewicht wieder zu erlangen und sichern Boden zu gewinnen, wohin er ihr folgte.

 

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