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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

Das magnetische Alter.

Jetzt folgte nach Sir Austins Aufzeichnungen: »Das magnetische Alter,« das Alter leidenschaftlicher Zuneigungen, in dem es gefährlich ist, von Liebe sprechen zu hören, und in dem der Anblick Verliebter ansteckend wirkt. Die Leute in Raynham wurden von dem Baron gewarnt, und man unterzog den Ruf seiner Weisheit einer ernsten 122 Kritik, als man von den Befehlen hörte, die er durch Hausmeister und Wirtschafterin bis herab zu dem niedern Haushalt ausgeben ließ, um seinen Sohn davor zu bewahren, irgend welche sichtbaren Zeichen der Leidenschaft bemerken zu müssen. Ein Diener und zwei Hausmädchen wurden, wie vermutet wird, entlassen, weil der gewichtige Benson von ihnen berichtete, daß sie verliebt wären oder zur Liebe neigten. Ein Küchenmädchen und ein Milchmädchen gaben freiwillig ihre Stellung auf, indem sie behaupteten: »wir machen uns zwar nichts aus den Mannsleuten, aber wenn ein elender, alter Kerl wie der,« womit der anmaßende Hausmeister gemeint war, »unsereins nachspioniert, so ist das etwas viel für ein christliches Mädchen;« und dann waren sie so wenig edelmütig, auf Bensons eigne, wohlbekannte unglückliche Eheverhältnisse hinzuweisen und anzudeuten, daß manche Leute das erhielten, was sie verdient hätten. So unerträglich wurde die Spionage des gewichtigen Benson, daß Raynham von aller Weiblichkeit entvölkert worden wäre, hätte nicht Adrian Einspruch erhoben und den Baron darauf aufmerksam gemacht, wie gefährlich die Macht sei, die sein Hausmeister ausübte. Sir Austin gab es niederschlagenen Sinnes zu.

»Es zeigt nur,« sagte er mit seinem feinen Gerechtigkeitsgefühl, »wie es beinahe unmöglich ist, Gesetze durchzuführen, wo Frauen sind!«

»Ich habe ja nichts dagegen einzuwenden,« fügte er hinzu, »ich hoffe ich bin zu gerecht, um etwas dagegen zu sagen, daß sie ihren natürlichen Neigungen folgen. Alles was ich von ihnen verlange ist, daß sie die Öffentlichkeit vermeiden.«

»Allerdings,« sagte Adrian, der in dieser Beziehung Wunderbares leistete.

»Kein paarweises Herumschlendern,« fuhr der Baron 123 fort, »kein öffentliches Küssen. Bei solchen Vorgängen sollte kein Knabe Zeuge sein. Wo auch immer Leute beiderlei Geschlechts zusammentreffen, benehmen sie sich albern; und wenn sie gut genährt sind, ungebildet und nicht genügend beschäftigt, muß man dies als eine natürliche Folge erwarten. Laß es deshalb bekannt werden, daß ich nur die Öffentlichkeit nicht dulde.«

Diskretes Benehmen sollte also in dem Schlosse herrschen. Unter Adrians geschickter Leitung eigneten sich die hübschesten der Dienstmädchen diese Tugend an.

Dasselbe wurde auch dem oberen Haushalte zur Pflicht gemacht. Sir Austin, der bis dahin von der hoffnungslosen Liebe des Lobourner Kuraten scheinbar keine Notiz genommen hatte, wünschte jetzt, daß Mrs. Doria seine Besuche untersagte oder ihn wenigstens nicht zum Kommen ermutigte, denn das Aussehen des Mannes war das eines verkörperten Seufzens und Schmachtens.

»Aber Austin,« sagte Mrs. Doria, die erstaunt war, ihren Bruder wachsamer zu finden, als sie vermutet hatte, »ich habe ihm wirklich nie erlaubt, sich Hoffnungen zu machen.«

»So zeige es ihm auch,« erwiderte der Baron, »zeige es ihm.«

»Der Mann amüsiert mich,« sagte Mrs. Doria. »Du weißt, daß wir minderwertigen Geschöpfe hier wenig Amüsement haben. Ich gestehe zu, eine Drehorgel wäre mir lieber, die erinnert einen wenigstens an die Stadt und die Oper und spielt außerdem mehr als eine Melodie. Wenn du aber meinst, daß meine Gesellschaft schlecht für ihn sei, dann mag er doch fortbleiben.«

Mit der Selbstverleugnung einer Frau wurde sie geduldig und sanft, sobald es sich um ihre Tochter Klara handelte und ihr Lebenszweck in Sicht kam. Mrs. Dorias mütterliches Herz hatte Vetter und Cousine, hatte Richard 124 und Klara schon lange miteinander verlobt, hatte sie schon verheiratet und mit Nachkommen gesegnet gesehen. Dafür gab sie die Vergnügungen der Gesellschaft auf, dafür schloß sie sich in Raynham ein, dafür ertrug sie die tausend törichten Forderungen und Ansprüche des Barons, so schrecklich sie ihr auch waren. Der Himmel mag wissen, was sie sich alles für Qualen und Unbequemlichkeiten auferlegte und lächelnd erduldete, denn was erträgt nicht die größeste aller freiwilligen Märtyrerinnen – eine Mutter, die eine Tochter zu verheiraten hat. Mrs. Doria, als liebenswürdige Witwe hätte sicher wieder geheiratet, wenn nicht ihre Tochter Klara gewesen wäre. Ihr schönes Haar hätte keine Frau haben können, ohne stolz darauf zu sein. Es war das tägliche Gesprächsthema ihrer Jungfer – ein natürlicher Strahlenkranz um ihr Haupt. Sie war heiter, witzig, körperlich noch jugendlich genug, um selbst noch Ansprüche an das Leben machen zu können, und sie opferte alles, um ihrer Tochter willen! opferte, sagen wir, mit der Schere des Heroismus Haar, Witz, Fröhlichkeit – wir wollen nicht versuchen aufzuzählen, was sonst noch alles! – mehr als man sagen kann. Und sie war nur eine unter Tausenden, unter Tausenden, denen der Lohn des Heldentums nie zuteil wird; denn der Held darf auf den Beifall rechnen und auf Bedauern und Mitgefühl und Ehre, sie aber, die armen Sklaven, sie haben nichts zu erwarten, als den Widerstand ihres eignen Geschlechtes und den Hohn des andern. Ach, Sir Austin! wärest du nicht so blind gewesen, was für ein Aphorismus hätte von diesem Beobachtungspunkt aus entstehen können! Mrs. Doria wurde so ganz geschwisterlich kühl davon benachrichtigt, daß während des »magnetischen Alters« die Gegenwart ihrer Tochter in Raynham nicht erwünscht wäre. Sie fühlte sich nicht beleidigt, es wurde ihr nur klar, mit welch einem Berg von Vorurteilen 125 sie zu kämpfen hätte. Sie fügte sich und meinte, daß für Klara Seeluft zuträglich sein würde, – sie hätte sich von den Erschütterungen jener furchtbaren Nacht niemals ganz erholt. Mrs. Doria wünschte aber zu wissen, wie lange man erwartete, daß diese besondere Periode dauern würde?

»Das,« sagte Sir Austin, »hängt ganz davon ab. Ein Jahr vielleicht. Er tritt grade in diese Periode ein. Es wird mir sehr schwer werden, dich zu verlieren, Helen. Wie alt ist Klara jetzt?«

»Siebzehn.«

»Sie ist heiratsfähig.«

»Heiratsfähig, Austin! mit siebzehn! Sprich nicht von so etwas. Mein Kind soll nicht um ihre Jugend betrogen werden.«

»Die Frauen unserer Familie heiraten früh, Helen.«

»Mein Kind soll das nicht!«

Der Baron dachte einen Augenblick nach. Er wollte seine Schwester nicht gerne verlieren.

»Wenn du so denkst,« sagte er, »könnten wir vielleicht Einrichtungen treffen, um dich bei uns zu behalten. Würdest du es vielleicht ratsam finden, Klara eine Zeitlang – es wäre gut, wenn sie Disziplin kennen lernte – für einige Monate vielleicht – in ein Institut zu schicken?«

»In ein Asyl, Austin?« rief Mrs. Doria und versuchte so gut wie möglich ihre Entrüstung zu verbergen.

»In irgend ein vornehmes, höheres Seminar, Helen? Es gibt solche Institute.«

»Austin!« rief Mrs. Doria und kämpfte mit den Tränen. »Ungerecht, abgeschmackt,« murmelte sie. Dem Baron erschien es ganz natürlich, daß sie entweder heiraten oder lernen sollte.

»Ich kann mein Kind nicht verlassen,« rief Mrs. Doria zitternd. »Wo sie hingeht, gehe ich auch hin. Ich weiß 126 sehr wohl, daß sie nur eine meines Geschlechts ist und daher von keinem Wert für die Welt, aber sie ist mein Kind. Ich werde dafür sorgen, daß du keine Ursache hast, dich über das arme, liebe Ding zu beklagen.«

»Ich glaubte,« bemerkte Sir Austin, »daß du meine Ansichten in betreff meines Sohnes teiltest.«

»Ja – im allgemeinen,« sagte Mrs Doria und fühlte sich schuldig, daß sie es nicht schon lange ihrem Bruder gesagt hatte, und auch jetzt nicht sagen konnte, wie er ein Götzenbild in seinem Hause aufgerichtet hätte, ein Götzenbild von Fleisch und Blut, – verhängnisvoller und abscheulicher als irgend eins aus Holz, Erz oder Gold. Aber sie hatte sich zu lange vor dem Götzenbilde gebeugt, – sie hatte sich zu fest gebunden, da sie gehofft hatte, ihr Ziel durch Unterwürfigkeit zu erlangen. Sie hatte, wie sie jetzt dunkel erkannte, einen größeren strategischen Fehler damit begangen, daß sie auch ihre Tochter gelehrt hatte, sich vor dem Götzenbilde zu beugen. Liebe dieser Art nahm Richard als schuldigen Tribut. Er war gleichgültig gegen Klaras sanfte Augen. Der Abschiedskuß, den er ihr gab, war so unbefangen und kühl, wie es sein Vater nur wünschen konnte.

Sir Austin wurde jetzt sehr beredt im Lobe männlicher Beschäftigungen: aber Richard erschien seine Beredsamkeit trocken, seine Versuche, kameradschaftlich mit ihm zu verkehren, waren ihm unbequem, und alle männlichen Beschäftigungen und Bestrebungen, sowie das Leben selbst leer und wertlos. Wozu? seufzte der seiner Blüten beraubte Jüngling, und rief es laut aus, sobald er von seines Vaters Gesellschaft befreit war, was für einen Zweck hat das Leben überhaupt? Was er auch tat, welchen Pfad er auch wählte, es führte alles wieder nach Raynham zurück. Und was er auch unternahm, wie elend und launenhaft er sich auch zeigte, es diente alles dazu, 127 Sir Austin die Wahrheit seiner Vorhersagungen zu bestätigen.

Tom Bakewell, der jetzt des Jünglings Stallknecht war, mußte dem Baron über die Unternehmungen seines jungen Herrn Bericht erstatten, er und Adrian, und so lange es seinem jungen Herrn nichts schaden konnte, sprach Tom die Wahrheit. »Er reitet wie toll jeden Tag nach dem Hunderücken,« – so hieß der höchste Berg der Nachbarschaft, – »und steht da und starrt ohne sich zu bewegen, wie 'n Verrückter. Und dann wieder zurück, ganz langsam, als wenn ihn einer im Wettrennen geschlagen hätte.«

»Da steckt keine Frau dahinter,« sann der Baron. »Wenn eine Frau ihm im Kopfe steckte, würde er ebenso schnell zurückreiten, wie er ausritt,« überlegte dieser tiefe, wissenschaftlich gebildete Menschenkenner. »Er würde die weiten Fernblicke meiden und den Schatten, die Verborgenheit, die Einsamkeit aufsuchen. Der Wunsch nach der Ferne zeigt Leere und ziellosen Hunger. Wenn das Herz von einem Bilde erfüllt ist, fliehen wir in Haine und Wälder, wie die Schuldigen.«

Adrian konstatierte eine außerordentliche Zunahme von Menschenverachtung bei seinem Schüler.

»Natürlich,« sagte der Baron, »ganz wie ich es voraussah. In dieser Periode wird ein unstillbarer Hunger von einem anspruchsvollen Gaumen begleitet. Nichts Geringeres als die Quintessenz des Daseins, und auch diese nur in unerschöpflichem Vorrat, würde dieses Sehnen befriedigen, welches eben nicht zu befriedigen ist. Daher seine Bitterkeit. Das Leben kann ihm keine Nahrung gewähren, die für ihn passend wäre. Die Stärke und Reinheit seiner Lebenskraft haben eine beinah göttliche Höhe erreicht und durchschweifen das Weltall. Poesie, Liebe und ähnliches sind die Betäubungsmittel, die die Erde großen Naturen zu bieten hat, wie Ausschweifungen 128 den niedrigen. Seine Bitterkeit ist ein Zeichen dafür, daß er dem herrschenden Empirismus noch nicht verfallen ist. Nun kommt es darauf an ihn davor zu bewahren.«

Die Erstürmung des Olymps durch die Titanen war eine leichte Aufgabe im Vergleich zu der Durchführung des Systems. Und doch konnte man bis jetzt nicht sagen, daß es fehlgeschlagen wäre. Im Gegenteil, es hatte einen Jüngling hervorgebracht, schön, klug, gesittet, und wie die Damen mit scharfem Nachdruck bemerkten – unschuldig. Wo, fragten sie, findet man wieder einen solchen jungen Mann?

»Ach,« sagte Lady Blandish zu Sir Austin, »wenn die Männer ihre Hände unbefleckt den Frauen reichen könnten, – wie anders würde dann manch eine Ehe sein! Glücklich das Mädchen, das Richard zum Gatten erhält!«

»Glücklich in der Tat,« rief der Baron mit satirischem Ton. »Aber wo soll ich die finden, die ihm gleichkäme und die für ihn paßte?«

»Ich war ein unschuldiges Mädchen,« sagte Lady Blandish.

Sir Austin drückte durch eine Verbeugung aus, daß er sich darüber kein Urteil erlaube.

»Glauben Sie denn, daß kein junges Mädchen unschuldig wäre?«

Sir Austin meinte galant, daß es alle wären.

»Nein, Sie wissen, daß das nicht der Fall ist,« sagte die Dame mit dem Fuße stampfend. »Aber ich bin sicher, daß sie unschuldiger sind als die Knaben.«

»Das liegt an ihrer Erziehung, verehrte Frau. Sie sehen nun, was ein Jüngling sein kann. Vielleicht, wenn mein System veröffentlicht wird oder – um mich bescheidener auszudrücken – wenn es sich bewährt haben wird, kann das Gleichgewicht hergestellt werden, und wir werden tugendhafte Männer haben.«

129 »Für mich Arme ist es zu spät, auf einen Gatten aus ihren Reihen zu hoffen,« sagte die Dame lachend und schmollend.

»Für die Schönheit ist es nie zu spät Liebe zu erwecken,« erwiderte der Baron und sie scherzten in diesem Tone weiter. Sie näherten sich Daphnes Laube, traten ein und setzten sich, um die Kühle des sinkenden Sommerabends zu genießen.

Der Baron schien zu würdigen Scherzen aufgelegt, die Dame zu ernster Unterhaltung.

»Ich werde wieder anfangen, an König Artus und seine Ritter zu glauben,« sagte sie. »Als ich ein Kind war, träumte ich von einem Ritter.«

»Und war er auf der Suche nach dem heiligen Gral?«

»Wenn Sie es so auffassen wollen.«

»Und zeigte einen guten Geschmack, indem er seinen Weg verließ, um des leichter erreichbaren heiligen Blandish willen?«

»Natürlich nehmen Sie an, daß es so gewesen sein müßte,« seufzte die Dame verletzt.

»Ich kann nur nach unserer Generation urteilen,« sagte Sir Austin mit einer huldigenden Verbeugung.

Die Gesichtszüge der Dame glätteten sich wieder. »Entweder sind wir sehr mächtig, oder Sie sind sehr schwach.«

»Beides, verehrte Frau!«

»Aber was wir auch sein mögen, und selbst wenn wir schlecht sind, ja schlecht! so lieben wir doch Tugend und Weisheit und erhabene Seelen bei den Männern, und wenn wir diese Eigenschaften in ihnen finden, dann sind wir treu und würden für sie sterben – ja, für sie sterben. Ach, Sie kennen die Männer, aber nicht die Frauen!«

»Die Ritter, die solche Eigenschaften besitzen, müssen wohl jung sein, nehme ich an?« sagte Sir Austin.

»Alt oder jung!«

130 »Wenn sie aber alt sind, können sie kaum noch Heldentaten ausführen?«

»Sie werden um ihrer selbst willen geliebt, nicht um ihrer Taten willen.«

»Ah!«

»Ja – so ist es,« sagte die Dame. »Der Geist kann die Frauen unterwerfen und sie zu Sklaven machen, und sie verehren die Schönheit vielleicht eben so sehr, wie die Männer es tun. Aber nur da lieben sie, nur da binden sie sich für immer, wo sie eine edle Seele finden.«

Sir Austin sah sie sinnend an.

»Und trafen Sie den Ritter Ihres Traumes?«

»Damals nicht.« Sie senkte ihre Augenlider. Das sah sehr hübsch aus.

»Und wie ertrugen Sie die Enttäuschung?«

»Ich träumte, als ich noch in der Kinderstube war. An dem Tage, an dem ich das erste lange Kleid anzog, stand ich am Altar. Ich bin nicht das einzige Mädchen, das an demselben Tage, an dem es die Kindheit verläßt, in die Hände eines Ungeheuers fällt, statt in die eines treuen Ritters.«

»Guter Gott!« rief Sir Austin, »die Frauen müssen viel ertragen.«

Hier wechselte das Paar die Rollen. Die Dame wurde heiter und der Baron ernsthaft.

»Sie wissen, daß das unser Los ist,« sagte sie. »Und man gestattet uns auch viele Vergnügungen. Wenn wir unsere Pflicht erfüllen und Kinder zur Welt bringen, dann liegt schon darin, wie in der Tugend, unsere Belohnung. Und dann – jetzt als Witwe habe ich wundervolle Vorrechte.«

»Und zur Erhaltung derselben bleiben Sie Witwe?«

»Natürlich,« erwiderte sie. »Ich brauche mir jetzt keine Mühe mehr zu geben, den Fetzen, den die Welt guten Ruf 131 nennt, zu flicken und auszubessern. Ich kann täglich zu Ihren Füßen sitzen, ohne daß jemand danach fragt. Andere tun es ja freilich auch, aber das sind überspannte Frauen, die jenen Fetzen ganz abgeworfen haben.«

Sir Austin rückte näher an sie heran. »Sie würden eine bewundernswerte Mutter geworden sein!«

Das von Sir Austin sah sehr nach einer direkten Werbung aus.

»Es ist tausendmal schade,« fuhr er fort, »daß Sie es nicht sind.«

»Glauben Sie?« sagte sie demütig.

»Ich wünschte,« fuhr er fort, »daß der Himmel Ihnen eine Tochter gegeben hätte!«

»Glauben Sie, daß sie Richards wert gewesen wäre?«

»Unser Blut, verehrte Frau, hätte sich verbinden sollen.«

Die Dame klopfte mit dem Sonnenschirm auf die Spitze ihres Fußes.

»Aber ich bin eine Mutter,« sagte sie. »Richard ist mein Sohn! Ja, Richard ist mein Junge,« wiederholte sie.

Sir Austin fügte sehr huldvoll hinzu: »Nennen wir ihn unsern Sohn, teure Frau,« und beugte das Haupt, als ob er das Wort von ihren Lippen auffangen wollte, aber sie hielt damit zurück oder schob es noch auf. Sie richteten beide ihre Blicke auf die westliche Abendröte, und dann sagte Sir Austin:

»Da Sie nicht sagen wollen ›unser Sohn‹, so lassen Sie es mich sagen. Und da Sie deshalb dasselbe Recht an den Knaben haben, will ich Ihnen einen Plan enthüllen, den ich kürzlich gefaßt habe.«

Die Ankündigung eines Planes schmeckte wenig nach einem kommenden Antrag, aber bei Sir Austin waren vertrauliche Mitteilungen einer Frau gegenüber beinahe 132 gleichbedeutend mit einer Erklärung. So dachte auch Lady Blandish, und das sprach aus dem sanften, ernsten Lächeln, mit dem sie zu Boden blickte, während sie dem Plane lauschte. Er betraf Richards Heirat. Er war jetzt beinahe achtzehn. Er sollte heiraten, wenn er fünfundzwanzig wäre. Unterdes müßte man in den Familien Englands nach einer jungen Dame suchen, die einige Jahre jünger wäre, und die in jeder Weise durch Erziehung, Neigung und Abstammung – über jeden dieser Punkte sprach sich der Baron rückhaltlos aus – geeignet wäre, einen so vollkommenen Jüngling zu heiraten und die ehrenvolle Pflicht zu übernehmen, zur Fortpflanzung der Feverels beizutragen. Der Baron bemerkte dann weiter, daß er beabsichtige, sich sogleich auf die Reise zu begeben und einige Monate diesem ersten Versuch in der Brautschau zu widmen.

»Ich fürchte,« sagte Lady Blandish, nachdem der Plan ausführlich erörtert worden war, »Sie haben sich eine schwierige Aufgabe gestellt. Sie dürfen nicht zu viel verlangen.«

»Ich weiß es,« sagte der Baron mit einem Mitleid erweckenden Kopfschütteln. »Selbst in England wird sie schwer zu finden sein. Aber ich beschränke mich nicht auf eine Gesellschaftsklasse. Wenn ich gute Abstammung verlange, so meine ich unbefleckte, nicht, was man hohe Abstammung nennt. Ich glaube, daß viele Familien des Mittelstandes häufig vorsichtiger sind – reineres Blut haben, meine ich – als unser Adel. Zeigen Sie mir unter jenen eine gottesfürchtige Familie, die ihre Kinder erzieht – ich würde allerdings einem Mädchen ohne Geschwister den Vorzug geben – wie ein christliches Mädchen erzogen werden sollte, sagen wir nach dem Muster meines Sohnes, dann mag sie ohne einen Pfennig Vermögen sein, ich werde sie mit Richard Feverel verloben.«

133 Lady Blandish biß sich auf die Lippen. »Und was werden Sie mit Richard tun während Ihrer Abwesenheit zu diesem Zwecke?«

»Ach,« sagte der Baron, »er begleitet seinen Vater.«

»Dann geben Sie es auf! Seine zukünftige Braut trägt jetzt noch ein kurzes Kleidchen und schwärmt für Butterbrot. Sie tobt noch herum, ist laut und lärmend und träumt von Spiel und Pudding. Wie kann er sie da lieb gewinnen? In seinen Jahren hält er mehr von Frauen meines Alters. Glauben Sie mir, er wird sich sicherlich gegen die Erwählte auflehnen und Ihren Plan zerstören, Sir Austin.«

»Ja, glauben Sie das wirklich?« sagte der Baron. Lady Blandish gab ihm eine Menge Gründe.

»Ja, es ist wahr!« murmelte er. »Adrian sagt dasselbe. Er darf sie nicht sehen. Wie konnte ich nur daran denken! Das Kind ist die unverhüllte Frau. Er würde sie verachten. Natürlich!«

»Natürlich,« tönte es von Lady Blandish zurück.

»Dann, verehrte Frau,« und der Baron stand auf, »bleibt mir nur eine Entscheidung übrig. Ich muß ihn, zum ersten Male in meinem Leben, verlassen.«

»Wollen Sie das wirklich?« fragte Lady Blandish.

»Es ist meine Pflicht, nachdem ich ihn so erzogen habe, auch zu sehen, daß er passend verheiratet wird und nicht Schiffbruch leidet auf dem Triebsand der Ehe, wie es einem so zart erzogenen Jüngling leichter geschehen könnte, als jedem andern! Sobald er verlobt ist, ist er vor tausend Fallen sicher. Ich glaube, ich kann ihn eine Zeitlang verlassen. Meine Vorsichtsmaßregeln haben ihn vor den Verführungen seines Alters bewahrt.«

»Und wem wollen Sie ihn anvertrauen?« fragte Lady Blandish.

Sie war aus dem Tempel herausgetreten und stand 134 auf den obersten Stufen neben Sir Austin, in der klaren Dämmerung des Sommerabends.

»Teure Frau!« er faßte ihre Hand und seine Stimme klang ritterlich und zärtlich, »wem anders als Ihnen?«

Als der Baron dieses sagte, beugte er sich über ihre Hand und führte sie an seine Lippen.

Lady Blandish fühlte, daß man um sie warb und sie zur Gemahlin begehrte. Sie zog ihre Hand nicht zurück. Des Barons Kuß war ehrfurchtsvoll und zärtlich. Er verweilte lange dabei, als wenn er eine feierliche Zeremonie ausführte. Er, der Verächter der Frauen, hatte sie für seine Huldigungen erwählt. Lady Blandish vergaß, daß sie sich auch Mühe gegeben hatte, es zu erreichen! Sie empfand die köstliche Gabe in ihrer ganzen Süße: denn in der Liebe müssen wir nichts erworben haben, oder der Zauber des Genusses ist dahin.

Noch wurde ihre Hand festgehalten und noch hatte der Baron sich nicht von seiner tiefen Verbeugung erhoben, als ein Geräusch von dem nahen Birkenwalde die beiden Akteure in dieser höfischen Pantomime aufschrecken ließ. Sie wandten sich um und erblickten den jungen Erben von Raynham, der zu Pferde die Szene beobachtete. Im nächsten Augenblick war er davongesprengt.

 

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