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Rheinisches Dichterbuch - Auszug

: Rheinisches Dichterbuch - Auszug - Kapitel 79
Quellenangabe
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typemisc
authorVerschiedene Autoren
titleRheinisches Dichterbuch - Auszug
publisherVerlag von Hoursch u. Bechstedt
editorHeinrich Sarnetzki
year1909
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Johannes Fastenrath

(Geb. 3. Mai 1859, † 16. März 1908)

Wie der Graf von Gleichen zwei Frauen, – so hat Johannes Fastenrath in den bunten Spenden deutscher Dichter und Denker der Gegenwart für das deutsche Schriftstellerheim in Jena in einer Rückschau auf sein Leben über sich selbst geschrieben, – so habe ich zwei Geliebten: Deutschland und Spanien. In beiden Sprachen zu singen und zu sagen, ist meine Lust, und beide Völker, die unter der Krone Karls V. vereint waren, unter dem Zepter der Poesie aufs neue zu verbinden, ist mein Dichten und Trachten.

Ich bin am 3. Mai 1839 in Remscheid geboren als der einzige Sohn eines Kaufmanns, der in geschäftlichen Beziehungen zu Frankreich stand, während mein Großvater mütterlicherseits mit den Spaniern Handel trieb. Die ersten spanischen Worte hörte ich von meiner Mutter. Sie war beim deutschen Aufsatz in der Elementarschule in Köln meine Egeria. 1849 nahm mich mein Vater auf seiner letzten Geschäftsreise nach Paris mit, und ich weinte bitterlich, daß ich mich mit den Freunden meines Vaters nicht französisch unterhalten konnte. Diese waren längst gestorben, als ich 1858 als Student morgens auf den Bänken der Sorbonne, des Collège de France oder der Bibliothèque de Sainte Geneviève und abends in den Pariser Theatern saß. Auf den Wunsch meines Vater studierte ich Jura, aber fremde Sprachen und die Poesie waren und blieben meine Leidenschaft, schon während meines Pariser Aufenthalts, der ein halbes Jahr dauerte, versuchte ich mich in einem französischen Lobgedicht auf den Vater Arndt, in dessen Haus ich in Bonn verkehrte, und der mich zu meinem Erstaunen in der Aufschrift seines Briefes schon damals komme! homme de lettres nannte. Er schrieb mir: »Eine Feine Uebung! Man kann auch von den Welschen viel Gutes lernen, doch werden Sie der teutonischen Muse nicht untreu.«

Von 1856 bis 1860 besuchte ich die Universitäten Bonn, Heidelberg, München, Paris und Berlin und wurde in letzterer im März 1860 zum Doctor utrinsque juris promoviert. Kurze Zeit gehörte ich dem Landgericht in Köln an, und seit 1862 lebe ich ganz meinen literarischen Neigungen. 1864 tat sich mir zuerst die Wunderwelt Spaniens auf, und von da an war ich im Bann der spanischen Romantik und der spanischen Poesie. Es reizte mich der Wettkampf mit einem König zur Bearbeitung des spanischen Lustspiels Receta contra las suegras (Rezept gegen Schwiegermütter) von Manuel Juan Diana, und ich hatte die Freude, daß das Stückchen in meiner Bearbeitung sofort am Wiener Carltheater gegeben wurde. Aber da ich noch ganz unbekannt war, hatte der Direktor es vorgezogen, statt meines Namens drei Steine zu setzen. Und auch später erlebte ich mit diesem Lustspielchen allerlei Scherze. So stand auf dem Theaterzettel in Vöslau: »Rezept gegen Schwiegermütter, nach dem Spanischen bearbeitet von Johannes Fastenrath (weiland König Ludwig I. von Bayern).« Dies Stückchen aber öffnete mir 1869 bei meinem zweiten Besuch von Madrid die Pforten der spanischen Dichter- und Künstlerwelt. Diana machte mich mit den Größen der spanischen Literatur (Hartzenbusch, Zorilla, Echegaray, Balanger, Campoamor, Núñez, de Arce, Valera ect.) bekannt, die meine Freunde fürs Leben wurden. 1872 forderte mich ein Freund Dianas auf, für die Madrider Zeitung El Argos spanische Artikel zu schreiben. Ich dachte fortes fortuna juvas und sagte zu. Aus meinen Aufsätzen über das Oberammergauer Passionsspiel, das mich 1871 erbaut und entzückt hatte, entstand mein erstes spanisches Buch. Hartzenbusch schrieb dazu ein Vorwort. Dann kam mir der Gedanke, den Spaniern in ihrer Sprache die Berühmtheiten Deutschlands auf jedem Gebiete, von Hermann dem Befreier bis auf unsere Tage vorzuführen. So entstand mein Werk La Walhalla y las glorias de Alemania, das bis jetzt mehr als zwölf starke Bände umfaßt und das mich zeitlebens beschäftigen wird. Meine ersten Essays über Deutschland veröffentlichte die Revista de España des Benito Pérez Galdós, Er beeinflußte auch meinen ursprünglichen Plan, indem er mich bat, vor allem in seiner Zeitschrift in ausführlicher Darstellung Bismarcks Leben und Taten zu schildern, da dies die Spanier zumeist interessiere.

1879 besuchte ich meine spanischen Freunde aufs neue und hielt im Madrider Ateneo einen Vortrag in spanischer Sprache über den Kölner Dom. Die mir in Madrid bekannt gewordene Prinzesse Bonaparte, Madame Ratazzi, veranlaßte mich, auch französisch zu schriftstellern, und stellte mir ihre Pariser Revue internationale zur Verfügung, Aus den darin erschienenen Lobesartikeln über Deutschland entstanden meine Figures de l' Allemage contemporaine für die ich das Glück hatte, in den achtziger Jahren in dem Hispanophilen Albert Savine in Paris einen Verleger zu finden.

1888 besuchte mich in Barcelona ein liebenswürdiger alter Herr: Es war Joaquin Rubió' y Ors, der Wiedererwecker der catalanischen Literatur und der Barceloneser Blumenspiele. Er bat mich zur Feier seiner goldenen Hochzeit mit der catalanischen Poesie ein paar seiner Lieder ins Deutsche zu übertragen. Dies war der Anlaß, daß ich mich jetzt auch mit der reichen catalanischen Literatur beschäftigte und daß meine Frau und ich 1890 von Rubió' y Ors zu den Blumenspielen von Barcelona eingeladen wurden. Und wie dort als Königin des Festes im Schmuck der Blumenkrone, sah ich meine Frau auch im Oktober 1900 beim ersten poetischen Turnier von Saragossa das Diadem tragen.

Begeistert von den spanischen Blumenspielen, habe ich 1899 die Kölner Blumenspiele nach dem Vorbild der Jochs Florals von Barcelona gegründet, zunächst bloß für die Dichter und Dichterinnen von Rheinland und Westfalen, dann aber für alle Poeten deutscher Zunge. Alljährlich am ersten Sonntag des Mai sind sie zum Wettstreit im Gürzenich geladen. Mögen in diesem Kampf der Geister die Besten nicht fehlen. Diese Autobiographie, die Johannes Fastenrath im Jahre 1902 in einer besonderen Veranlassung geschrieben, zeigt eine auffallende Lücke: sie erwähnt mit keinem Worte des Autors literarische Tätigkeit in der Sprache des Landes seiner Geburt. Und doch ist diese nicht weniger umfangreich als die in der Sprache des Vaterlandes seiner Wahl. Als Frucht der ersten spanischen Reise erschien 1865 der Spanische Romanzenstrauß, diesem folgten 1866: Die Klänge aus Andalusien, 1867: Die Wunder Sevillas, 1869: Die Hesperischen Blüten und die Immortellen aus Toledo, 1870: Das Buch meiner spanischen Freunde (2 Bände), später, 1885: Die Granadinischen Elegien und 1887: Die zwölf Alfonsos von Castalien, So wie er in der Walhalla y las Glorias de Allemania den Spaniern die Kenntnis deutscher Heroen und deutschen Wesens vermittelte, führte er in diesen Dichtungen in deutscher Sprache den Deutschen die geschichtlichen Ereignisse der iberischen Halbinsel vor, aus den Zeiten der Römer und Goten, der Mauren und Kreuzkämpfer, der Entdecker und Eroberer der neuen Welt, und bis in die neueste Zeit. Die Form, in der er das tat, war meist die tönende Romanze, in die sich jedoch auch Formen anderen Stils, Lieder, Madrigale, Sonette und Volksweisen mischen. Eigenes und Nachgedichtetes wechselt dabei in bunter Reihe. In den Anmerkungen dazu bietet er eine Fülle von historischen und literarischen Notizen, die für den Forscher eine Fundgrube wertvollsten Materials sind. Hieran reihen sich seine Übersetzungen. Außer dem genannten Lustspiele von Manuel Juan Diana übertrug er aus dem Spanischen: Bruder Martins Vision (Luther im Spiegel spanischer Poesie) von D. Gaspar Nuñez de Arce, Stimmen der Weihnacht von D. Ventura Ruiz Aguilera, den andalusischen Roman Pepita Jimenez von D. Juan Valeria, die Dramen Im Schoße des Todes und Die Frau des Rächers von D. Jose Echegaray, mehrere Lustspiele von D. Manuel Breton de los Herreros, das Drama Norick von D. Manuel Tamayo y Baus und das Nationaldrama Don Juan Tenorio von D. José Zorilla, dem er eine wertvolle Abhandlung über die Don Juan-Sage in Spanien und in der Weltliteratur vorausschickte. Ferner übertrug er aus dem Catalanischen die Trilogie: Die Pyrenäen von Victor Balaguer und ein Buch Catalanische Troubadoure der Gegenwart, das von einer Uebersicht der gesamten catalanischen Literatur eingeleitet wird. Eine Besonderheit bilden die Zaragozaner Dialekt-Schnurren, die teilweise in Kölnischer Mundart wiedergegeben wurden, womit Fastenrath seiner Kenntnis und seiner Schätzung des heimatlichen Idiomes Ausdruck gab. Daneben veröffentlichte er als Ergebnis eindringlicher gelehrten Studien die Festschriften großen Stils: Calderón de la Barka, zur Feier von dessen zweihundertjährigem Todestage, ferner Calderén in Spanien mit einer Abhandlung über die Beziehungen zwischen Calderóns »Wundertätigem Magus« und Goethes »Faust« und zuletzt Christoph Columbus als Festgabe zur vierten Centenarfeier der Entdeckung Amerikas.

Die großen Ereignisse der Jahre 1870 und 1871 begeisterten ihn, der bei all seinen spanischen Sympathien ein glühender deutscher Patriot und insbesondere ein Verehrer Bismarcks war, zu einem Bändchen den deutschen Helden gewidmeten Kriegs- und Siegeslieder, das im Jahre seines Erscheinens sechs Auflagen erfuhr. Als Gelegenheits-Dichtungen entstanden 1880 zur Feier der Vollendung des Kölner Domes ein Festgruß und ein Heft Lieder und in den sonnigen Tagen, 1883, vor seiner Vermählung mit der Oesterreicherin Louise Goldmann dichtete er ein Bändchen Lieder, das er Von Hochzeit zu Hochzeit nannte.

Fastenrath besaß eine unverwüstliche Arbeitskraft und war von einer literarischen Fruchtbarkeit, die von der sprichwörtlichen der großen Spanier kaum übertroffen wurde; seine Schriften bilden eine ganze kleine Bibliothek. Das Gewicht seines literarischen Wirkens liegt in der Vermittlung geistiger Werte zunächst zwischen Deutschland und Spanien und auf diesem Gebiete hat er geleistet, was kaum einer vor ihm geleistet hat und leichtlich auch keiner nach ihm leisten wird. Ueber dieses besondere Gebiet hinausgehend aber erstrebte er eine weltliterarische Annäherung aller Kulturvölker, so wie sie auch Goethe einmal vorgeschwebt hat. Ein Mittel zu diesem Ziele sollten die von ihm geschaffenen Kölner Blumenspiele werden, die unter seiner Führung von ihrem Anfange an sich in dieser Richtung bewegten. Das ist vielfach verkannt worden, am meisten in Deutschland, während er in Spanien, in Frankreich, insbesondere in der Provence, und neuerdings auch in Ungarn viel mehr Verständnis dafür gefunden hat. Jenseits der Pyrenäen sind ihm deshalb auch früher schon die Anerkennung und die Ehrungen geworden, die ihm in Deutschland erst später zu teil wurden und dort auch in uneingeschränkterem und gerechterem Maße, als es diesseits geschehen ist. Um nur einiges anzuführen, mag daran erinnert werden, daß er von Spanien drei Großkreuze hoher Orden erhielt, deren jeder den Titel Exzellenz verlieh, ein Titel, von dem er in seiner Bescheidenheit nie Gebrauch machte, weil er meinte, daß der Titel Hofrat, den er vom Großherzog von Sachsen-Weimar erhalten, gerade gut genug für ihn sei, da Schiller auch keinen besseren gehabt. Alle spanischen Akademien haben ihn zu ihrem Ehrenmitglied ernannt, die Stadt Sevilla hat ihm das Ehrenbürgerrecht verliehen, in Arenas del Rey trägt eine Straße, die Avenida de Fastenrath, seinen Namen und die Stadt Barcelona veranstaltete nach seinem Tode eine großartige Gedächtnisfeier.

Als Mensch war Fastenrath eine durchaus vornehme, nur auf das Ideale gerichtete Natur mit einem stark betonten romantischen Einschlag und von einer, jedoch von aller Eitelkeit seinen, Neigung zu prunkvoller Repräsentation, eine sich immer gleichbleibende, heitere Kinderseele, edel, hilfreich und von stets offener Hand. In seinem Testament hat er dem noch einmal Ausdruck gegeben durch eine großherzige Stiftung, aus deren Zinsen alljährlich bei Begehung der Kölner Blumenspiele an etwa acht oder zehn deutsche Schriftsteller und Dichter je ein namhafter Ehrensold gespendet werden soll, der es Bedürftigen ermöglicht, ein Jahr lang von drückendster Sorge frei zu schaffen.

Wenn ihr je mich suchen solltet.

Wenn ihr je mich suchen solltet,
Sucht mich unter Paladinen,
Denen würd'ger nichts des Strebens
Als der Siegeslohn erschienen,

Den die edelste der Damen,
Die das Aug' durch Schönheit blendet,
Auf dem lieblichsten der Throne,
Auf dem Blumenthrone spendet.

Sucht mich auf Colonias Wartburg,
In dem wonniglichen Maien,
Wenn sich holde Mädchenblüten
An die Troubadoure reihen,

Deren Herzen bei dem Kampfpreis
Gold'ner Blumen höher schlagen.
Und die ew'gen Banner Liebe,
Vaterland und Glauben tragen.

Das Eichhörnchen und das Roß

Fabel

Eichhörnchen sah ein edles Roß,
Das galoppierte Hop, Hop, Hop,
Eichhörnchen aber sehr verdroß
Des Rosses trefflicher Galopp.

Das Roß, gelehrig nach dem Sporn,
War ihm im Auge gar ein Dorn,
Und unwirsch wie es war gelaunt,
Hat es dem Rosse zugeraunt:
»Herr Roß,
Gleich dem Geschoß
Fliege geschwinde,
Fliege im Winde,
Fliege nur, fliege,
Dennoch besiege
Ich dich: ich bin noch viel schneller als du!
Ich bin behende,
Schaff' ohne Ende,
Ich mag im Schaffen
Nimmer erschlaffen,
Unten, jetzt oben,
Das nenn' ich Proben
Wahrer Arbeit: bin nimmer in Ruh'!«

Da hemmt das Füllen seinen Lauf,
Und so zum Eichhorn spricht es drauf:
»Dieses Gehen,
Dieses Drehen,
Dieses Wenden
Ohne Enden,
Hierhin und dorthin,
Nach jedem Ort hin,
Freund Gerngroß, was nützt doch dein Purzelbaum?
Ich aber renne
Hierbei Dienst, den ich kenne.
Nicht ist vergebens
Schweiß meines Strebens,
Und wenn ich eile,
Immer zum Heile
Meines Gebieters durchstieg' ich den Raum!«

Was die Moral ist des Gedichts?
Vergeude nicht die Kraft um nichts:
Wenn du was tust, so tu' was Rechtes,
Wenn du was schaffst, so schaff' was Echtes.

Juan Soldado

Ein andalusisches Märchen

Juan an die vierundzwanzig Jahr'
Soldat des Königs von Spanien war,
Und da seine Kraft verzehrt, verbraucht,
Und er zum Soldaten nicht mehr taugt,
Bekommt er den Abschied – doch was zum Lohn?
Bekommt er – nun, es klingt wie Hohn –
Bekommt er der Maravedis sechs,
Dazu ein Pfund Kommißgebäcks.
»Das alles für vierundzwanzig Jahr'?
'S ist Lumpengeld und Schande fürwahr.
Doch bin ich jetzt auch ein armer Mann,
Ich ärg're mir drum die Galle nicht an.«
Juan Soldado sonder Gram
Das Ränzel auf den Rücken nahm.
Und als er drauf so fürbaß schritt,
Wer ist's, der in den Weg ihm tritt?
Der Kahlkopf da gleicht auf ein Haar
San Pedro, der andre ist Christus gar.
»Gieb uns eine Gabe, du lieber Mann.«
Er aber spricht: »Ich heiße Juan,
war vierundzwanzig Jahr Soldat,
Dies Wams hier ist mein einz'ger Staat,
Secks Heller gab mir der König und
Des Brodes nur ein einzig Pfund,
was soll ich euch geben?« Doch Pedro läßt
Nicht nach, bis er eine Gab' erpreßt.
»Nun, wenn ich auch vierundzwanzig Jahr'
Soldat des Königs von Spanien war,
Und nur ein Brot mein eigen nenn',
Ihr Freunde, so teilt es mit mir denn!«
Das Laib er flugs in drei Stücke schnitt,
Gab beiden zwei, und fürbaß schritt
Er drauf zwei Meilen, und plötzlich sah
Er wieder die beiden Bettler da.
»Nun, wenn ich auch vierundzwanzig Jahr'
Soldat des Königs von Spanien war,
Und nur dies Stückchen Brot mir blieb,
Ich teil' es noch einmal euch zu lieb.«
Und redlich teilt er, doch zum Glück
Verzehrt er jetzt auch sein eigen Stück,
Daß ihm von lauter Teilen wär'
Nicht selber der hungrige Magen leer.
Drauf geht er wieder seine Straß',
Doch abends sieht er – welch ein Spaß!
Die beiden Bettler zum dritten Mal:
»Dich kenn' ich wieder am Scheitel kahl,
Doch wenn ich auch vierundzwanzig Jahr'
Soldat des Königs von Spanien war,
Und nur noch sechs Maravedis hab',
Ich teile mit euch die letzte Hab'!«
Von sechs Maravedis verbleiben jetzt
Ihm nur noch zwei zuguterletzt.
Da spricht San Pedro zu seinem Herrn:
»Für uns hat der Arme verschleudert gern
In seiner Liebe frommer Brunst
Des Königs von Spanien ganze Gunst,
Jetzt sei auch ihm ein Gutes getan.«
Und Christus spricht: »So frag' ihn an,
Gleich soll geschehn, was er begehrt.«
Juan die Frage mit Staunen hört,
Doch sagt er dem Heiligen schnell gefaßt:
»Ich trag' im Tornister gar leichte Last,
So möchte ich, daß was ich begehr'
Stets im Tornister drinnen wär!«
Juan war wohl im Bitten klug,
Jetzt hat er sein Lebelang genug.
Brot sieht er, wie Jasmin so weiß,
Und eben kommt's aus dem Ofen heiß.
Flugs spricht er: »In den Tornister hinein!«
Da bekommt das Brot gar flinke Bein'
Und setzt sich ihm ins Ränzel dicht.
Jetzt tauscht er wohl mit dem König nicht.
Manch Jahr verfloß ihm heideldidum,
Bis endlich auch seine Stunde um.
Und als der Tod ihn angerührt,
Da hat er flugs sein Bündel geschnürt,
Tritt keck vor den Heilgen Pedro sofort,
Einlaß begehrend zur Himmelspfort'.
»Holla, das geht nicht so im Sturm,
Der Himmel ist kein Soldatenturm,
Der sich ergiebt, wer grad ihn berennt.«
»Ei, ei, ob mich der Herr nicht kennt?
Ich bin's, der vierundzwanzig Jahr'
Soldat des Königs von Spanien war,
Der nur der Maravedis sechs
Empfing und ein Pfund Kommißgebäcks.
Ich dächte, das genügte grad.«
»Beim Himmel, nein, mein Herr Soldat.« –
»Was? das soll noch genug nicht sein?
San Pedro, schnell in den Ranzen hinein!« –
»Barmherzigkeit, was willst du tun?«
»Flugs in den Ranzen, du weißt es nun,
Denn wer an die vierundzwanzig Jahr'
Soldat des Königs von Spanien war,
Und wer – und so weiter – der fürchtet sich nicht!«
San Pedro weiß nicht, wie ihm geschieht:
Er liegt in des engen Ranzens Schoß,
»Juan Soldado, o laß mich los,
Die Himmelspforte ist unbewacht,
Und jede arme Seele kann sacht
Spazieren jetzt in den Himmel hinein!«
»Das will ich eben, so soll es sein,«
Spricht drauf Juan und durchs Himmelstor
Geht er ein und richtet sein Haupt empor:
»Denn wer an die vierundzwanzig Jahr'
Soldat des Königs von Spanien war,
Und wer vom Dienste Jahr aus Jahr ein
Nur sechs Maravedis nannte sein:
Verdient der, da die Dienstzeit aus,
Den Himmel nicht als Invalidenhaus?«

Der Fandango vor Gericht

Tod geschworen dem Fandango
Haben Roma's strenge Richter,
Bannstrahl zuckt von ihren Brauen,
Finster dräuen die Gesichter.

Spanien ist des Glaubens Lilie,
Doch der Wurm an ihren Blättern
Ist der sündige Fandango,
Bannstrahl soll ihn niederschmettern!

Und im hohen Konsistorium
Sitzen alle sie beisammen,
Aber einer der Prälaten
Spricht: »Eh' also wir verdammen,

Laßt uns von des sünd'gen Tanzes
Unheil selbst uns überzeugen.«
Vor der Weisheit dieses Vorschlags
Müssen sich die Richter beugen.

»So erscheine denn, Fandango,
Tanz, so zeig' uns deine Greuel!« –
Und ein Tänzerpaar aus Spanien
Dringt durch der Prälaten Knäuel.

Schön wie Phryne ist die Doña,
Ihres Mundes Hauch sind Düfte,
Seide schmeichelt ihren Füßchen,
leichtes Kleidchen ihrer Hüfte.

Zärtlich lockt sie ihren Tänzer,
Schaut ihn an mit samt'nen Augen,
Und er will aus ihren Blicken
Einen Liebeshimmel saugen;

Oeffnet weit schon seine Arme,
Feurig will er sie umschlingen,
Da hebt trotzig sie die Hüfte,
Und die Castañuelos klingen

Zürnend fast in ihrem Händchen,
Und sie biegt sich, eine Schlange,
Senket dann die Stirne nieder,
Flieht verfolgend vor dem Drange,

Vor des Tänzers hellen Gluten,
Stemmt das Händchen in die Seite,
Mustert Hüfte sich und Füßchen,
Alle Grazien im Geleite.

Glühend sehen es die Richter
Und sie wanken auf den Stühlen,
In den alten Adern brennt es
Wie von jugendlichem Fühlen.

Als der Doña Stolz gebrochen,
Als von sanfter Regung wallet
Ihr der Busen: feurig wieder
Kastagnettenklang erschallet!

Und die Kastagnettenschwinger
Sind die jugendlichen Greise –
hei, wie tanzen die Prälaten
Nach der Kastagnettenweise!

Und sie tanzen den Fandango,
Sprechen heilig ihn im Tanze –
Freigesprochen ist der Sünder,
Und er strahlt in neuem Glanze!

 

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