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Rezensionen 1902 - 1939

Stefan Zweig: Rezensionen 1902 - 1939 - Kapitel 36
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleRezensionen 1902 - 1939
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3-596-22292-3
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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›Das Werk der Artamonows‹

Maxim Gorki: Das Werk der Artamonows

Mehr als ein Jahrzehnt hat Maxim Gorki, der größte russische Dichter geschwiegen, und schon fürchteten die, die diesen wunderbaren Künstler leidenschaftlich lieben, die Freude an erzählender Gestaltung sei ihm für immer versiegt. Geistiger Wortführer und symbolischer Repräsentant der namenlosen Masse, aus der er durch eigene Kraft zu vollkommener Gestalt emporgestiegen, war Maxim Gorki jahrelang von der ungeheuren Krise der russischen Nation vollkommen mitgerissen gewesen, nicht als Politiker – denn niemals gibt sich der vollkommene Künstler vollkommen der Politik hin –, aber doch als Mensch und Mitlebender unendlich erschüttert von den Geschehnissen, die das Antlitz seiner Heimat für Jahrhunderte verwandelt haben. Nur Erinnerungen an einzelne Menschen verdanken wir jener epischen Brachzeit, schmale Bücher und Aufsätze, allerdings unvergeßlich jeder einzelne durch großartig anschauliche und zugleich seherische Kraft. Vielleicht ist in der ganzen Gegenwart kein vollendeteres und dauerhafteres Porträt geschaffen als jenes schmale Sechzig-Seiten-Buch Maxim Gorkis über Tolstoi und das andere über Lenin. Eine beispiellos wahrhaftige Kraft der Anschauung einigt sich darin der Fähigkeit profundester Intuition, und von all den dickleibigen, umfänglichen Werken, die vordem und nachdem über den tragischen Propheten von Jasnaja Poljana geschrieben wurden, hat keines eine so überwältigende Macht der sinnlichen Darstellung, keines auch eine ähnlich klar erklärende Magie des Verstehens. Vielleicht hat allzusehr während seines langen Schweigens die neu aufsteigende Generation in Rußland, der wir so blendende Erzähler wie Bunin, Schmeljow, Ilja Ehrenburg und Babel verdanken, uns immer zu Vergeßlichkeit Geneigte vergessen lassen daran, daß seit Tolstois Auge erlosch, keines mehr jene einzig darstellende und durchdringende Leuchtkraft besitzt denn jenes Maxim Gorkis. Erst sein großes, neugestaltetes Werk wird nun an seine Größe wieder besinnen lassen.

Denn eine Überraschung, eine wahrhafte Freude schon war es, zu hören, daß Maxim Gorki, von seiner schwankenden Gesundheit aus dem heimischen Nordlande nach dem Süden verbannt, in weitausholender, jahrelanger Arbeit sich einem Roman zugewandt, der beinahe ein ganzes russisches Jahrhundert überspannt und eine Epopöe sozialen Aufstieges im symbolischen Bilde veranschaulichen will. Nun endlich das langerwartete Werk vorliegt, freut sich das ihm für so vieles schon dankbare Gefühl, selbst im äußersten Ansprüche nicht enttäuscht zu sein. Denn dieses Werk hat monumentale Linie, und hinter seiner naturalistischen, streng-sachlichen und stark sinnlichen Gestaltung zeichnet sich deutlich eine geistig-symbolische Umfassung der ganzen russischen Gegenwart ab. In seinem Werke unternimmt Maxim Gorki nichts Geringeres, als in drei Stufen, in drei Generationen den Gang Rußlands von der ersten Loslösung jahrtausendalter Formen, von der Aufhebung der Leibeigenschaft bis zur Revolution im Rahmen eines Familienschicksals darzustellen, ähnlich wie Zola einstmals in der Serie der Rougon-Macquart. Aber in Wahrheit ist kein einzelner dieser Sippe Mittelpunkt und Held, sondern das russische Volk selbst, die elementare Volkskraft, die, kaum befreit, ihre Stärke zeigt und durch das Übermaß dieser Stärke in seelische Gefahr gerät.

Mit einem Ruck wird gleich zu Anfang die Szene aufgerissen. In irgendein verlorenes russisches Dorf kommt ein Fremder, Ilja Artamonow, mit seinen drei Söhnen. Er ist noch leibeigen gewesen, er hat gedient, ehe er nun das Gebieten lernt. Mit scharfem Blick mißt er die Situation, erkennt die Zeit: sie ist reif für Industrie und das bäuerische Land dafür der richtige Boden: so gründet er mit seinen drei Söhnen aus gespartem Geld eine Leinenfabrik. Mitten in das gleichgültige und unkultivierte Land drängt er seinen tätigen Willen ein und setzt ihn, gleichgültig gegen dumpfen und lauten Widerstand, in Werk um. Dieser Ahnherr, der Ilja Artamonow, veranschaulicht prachtvoll die reine, ungebrochene alte russische Volkskraft, die in jahrelangem Dienste gelernt hat, sich selbst zu bezähmen, den Willen anzuspannen und durchzusetzen. Die Ungebrochenheit des Anfangs ist noch in ihm, Vehemenz, Männlichkeit des Willens ohne Ungeduld, jene strenge Zielhaftigkeit, die im Bewußtsein ihrer Stärke ruhig Schritt für Schritt vorwärtsgeht, wie der Bauer hinter dem Pflug: großartig verkörpert sich in seiner wie aus Holz geschnitzten Gestalt das herrlich Elementare der unsterblichen anonymen Volkskraft.

In seinen Söhnen, in Pjotr und Nikita (der dritte, Aljoscha, ist eigentlich nur Adoptivneffe) erscheint aber das Naturhafte dieser waldhaften Männlichkeit schon gelockert. Erstes äußeres Zeichen: sie sind nicht mehr absolute Herren der Frau. Sie bändigen nicht mehr sich selbst, sie zähmen drum auch nicht mehr mit List und Brutalität die Menschen. Sie haben schon Gewissen, schon feinere wachsamere Nerven, Stimmungen und Schwankungen. In ihnen beginnt die Kraft bereits abzuweichen, statt sich wie beim Vater starr einlinig und herrscherisch auf das eine einzige Ziel zu konzentrieren: den Boden, den Besitz, das Geld. Nikita, der zweite springt vorzeit ab und weicht der Wirklichkeit, der er sich nicht gewachsen fühlt, in ein Kloster aus. Pjotr und Alexej führen das Werk fort und erweitern es, aber nicht mehr mit jener eisernen unbeugsamen Energie. Sie haben Anfechtungen und Abschweifungen der Lebensunruhe, sie werden verführt von Sinnlichkeit und schwachen Augenblicken. Sie unterliegen manchmal dem Trunk wie den Weibern, aber immerhin: die ererbte Energie, die seit Generationen bewährte und vom Vater noch restlos übernommene Kraft erweist sich noch stark genug, das Werk zu steigern und zu erhalten.

Erst in der dritten Generation beginnt die Auflösung. Nicht daß die große bäurische, die russische Kraft schon vollkommen verbraucht wäre: sie geht nur ins Abseitige. Die Töchter heiraten reiche Kaufleute und rümpfen die Nase über das mühselige Fabriksleben im proletarischen Dorf. Die Söhne studieren und werden Revolutionäre, sie kehren die Kraft in sich gleichsam um und wenden sich nicht zur Erhaltung, sondern zur Zerstörung des Werkes. Und rings um sie herum spiegelt das einstmalige dumpfe und patriarchalische Dorf, das Fabriksstadt geworden ist, grell und unruhig die Verwandlung der Sitten. Die Auflösung im Moralischen und Sozialen beginnt, und die Revolution fegt dann wie ein Sturm über das schon gelockerte Dach.

Großartig ist dieser Plan aufgestuft, man vermag in dem weiten, mit Menschen überfüllten Panorama doch immer deutlich die bildnerische Absicht des Künstlers zu erkennen, an dieser einzelnen Familie den ganzen Übergang der Nation von altbewahrter Bäuerlichkeit in das Brüsk-Neuartige darzustellen und die Krise als notwendig verstehen zu lassen, die ein so rascher Übergang notwendig entzünden mußte. Und mit welcher Kunst im einzelnen steht diese ganze russische Nation auf! Die Szene der Hochzeit im Anfang, die wüste Orgie auf dem Jahrmarkt von Nischni-Nowgorod sind die eindrucksvollsten und farbigsten Bilder, die Gorki bisher gestaltet hat, und der Reichtum an Menschen, von denen das Buch geradezu durchtränkt ist, fordert immer neue Bewunderung. Wie Tolstoi hat Gorki die Gabe, ein Gesicht, einen Menschen mit vier, fünf Strichen plastisch zu machen: Breite ist hier vollkommen durchfüllt. Auch der Flüchtigste, der Vorüberstreifende erscheint durch diese einzige physiognomische Scharfsichtigkeit unerhört lebendig, und so fehlen eigentlich vollkommen reine episodische Gestalten. Selbst der Geringste bleibt nicht schattenhaft, jeder einzelne Arbeiter, jede kleine Stickerin wendet einem scharf das Profil entgegen, und eine Sekunde genügt, um sie erkennbar zu machen. Dazu kommt noch der unvergleichliche Reichtum an Typen, der ja jedem russischen Dichter als Morgengabe von seiner Nation gegeben ist: immer fühlt man wieder, um wieviel farbiger, zusammengewürfelter, unergründlicher und mannigfaltiger in seinen Individuen die russische Unterwelt des Proletariats und des Bauerntums ist, als die unsere schon ausgewogene und dem Bürgertum stark angeglichene, welche starken, ungegorenen Kräfte der Seele in Rußland ruhen und nun erst vielleicht in dem Quirl der Geschehnisse an der Oberfläche sichtbar werden.

Aber ist nicht er selbst, Maxim Gorki, der großartigste Beweis dieser anonymen Kräfte, die aus der Tiefe und Weite der russischen Welt in die Weltgeschichte emporgedrungen sind? Er, der Bäckerjunge war, Vagabund, Matrose, der aus Hungerverzweiflung vor vierzig Jahren (1888) sich eine Kugel in die Brust schoß, mühsam im Hospital hochgebracht, dann wieder Eisenbahnwärter wurde, Bierausträger, Holzflößer, Schiffszieher, der erst mit fünfzehn Jahren mit zäher Energie die Schrift und Rechtschreibung lernte, um ein Jahrzehnt später schon der größte Dichter Rußlands, um heute einer der elementarsten und notwendigsten Künstler zu sein, die unsere heutige Zeit besitzt. Was sein Roman symbolisch ausdrückt in erfundener Gestalt, bestätigt ebenso großartig sein eigenes Dasein: den unausmeßbaren Reichtum, der ebenso wie in den ungeförderten Minen und unerschlossenen Erzen dieses halb mythischen Landes auch im Volkstum seiner Menschen liegt. Gerade jetzt, da unsere westeuropäische Literatur immer mehr an Erfindung und Gestaltung verarmt – freilich um immer eindringlicher und wissender zu werden in der Psychologie – sind sie, diese letzten großen Menschengestalter, die vom Rande Europas kommen, Knut Hamsun, Selma Lagerlöf, Maxim Gorki noch die letzten Vertreter des Mystischen und Naturhaften in unserer Gegenwart geworden. In ihnen sammelt sich noch sinnbildlich die unausgewirkte und dunkel strömende Gewalt, die dem Zeitlosen magisch verbunden ist zu dichtenscher Aussage, und sie stehen selbst schon wunderbar legendär in unserer dem Technischen ganz hingegebenen Welt. Gerade das Dasein und der Aufstieg eines Maxim Gorki aus den untersten Schichten des Proletariats zu der höchsten Vollendung schöpferischen Dichtertums hat etwas von dem herrlich Elementaren der sich immer durchwirkenden Natur inmitten unserer ganz schon Geist, Wissenschaft und Erkenntnis gewordenen Literatur, und mit besonderer Bewunderung ziemt es darum, sein Werk und seine wirklich heroische Gestalt zu betrachten.

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