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Rezensionen 1902 - 1939

Stefan Zweig: Rezensionen 1902 - 1939 - Kapitel 28
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleRezensionen 1902 - 1939
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3-596-22292-3
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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›Die Schule der Empfindsamkeit.

Geschichte eines jungen Mannes‹ von Gustave Flaubert

Es ließe sich schließlich doch noch etwas mehr über diesen Roman sagen, als daß er äußerst langweilig ist. So hat ihn nämlich von je das französische Publikum gewertet, das sich – schon unangenehm berührt, daß Flaubert, der Held des Bovaryprozesses, ihnen statt eines Sensationsromanes ein dickes, unmögliches Buch aus Afrika (›Salammbô‹) präsentierte – beim Erscheinen dieses innigsten und persönlichsten Dichterdokumentes mißmutig von dem verbitterten Dichter zurückzog. Aber ähnlich, wie bei unserm Grillparzer, hat sich bei Flaubert aus diesem ernsten, äußerlich ein wenig polternden, innerlich aber sacht sich verwurzelnden Schmerze eine wunderbare Süße losgerungen, ein Beredterwerden aus Verachtung für die Zuhörer, Eigengestaltung aus Vergessenheit fremden Lebens. Was ihn zutiefst berührte, eine Episode – oder wohl die Episode – seines Schicksals, hat er in diesem Romane versponnen, vergraben förmlich, aber doch ganz gegeben: die Geschichte seiner Liebe. Man weiß heute schon den Namen dieser Dame und auch Details: Doch das ist hier unwichtig, weil es äußerlich ist. Und das Innerliche, die wundervollen Zartheiten einer dichterischen Natur, die, noch sanft angehaucht vom romantischen Atem der vergangenen Epoche, aus dem Traume einer ersten Begegnung die Wirklichkeit eines ganzen Lebens gestaltet – alle diese feinen Strahlungen edler Seelen im Lichte ihrer Liebe sind hier in Prosastellen aufgefangen, die transponierte Lyrik scheinen.

Aber warum »éducation sentimentale«? Fréderic ist innerlich keine sentimentale Natur. Er ist einer jener edlen Bummler, wie sie alle großen Dichter lieben: mehr Träumer als Schöpfer, Dichter in Phantasien der Liebe, aber nicht in Versen, unfruchtbar in allen seinen Begabungen, aber Ästhet. Er ist das Passive gegenüber dem Alltag, den Flaubert nicht minder haßte als Balzac. Aber sentimental ist er eigentlich nicht: er wird es erst in der Liebe. »Alles was man als übertrieben tadelt, haben Sie mich fühlen gemacht«, sagt er im Epilog seiner Geliebten, halb in Dankbarkeit, halb in Schmerz. Er ist empfindsam insofern, als ihm Kleinigkeiten unendlich viel werden, als die Farbe eines Kleides, ein Druck ihrer Hand, ein Seufzer größere Erlebnisse in seinem Leben sind als die Französische Revolution, die nur leicht sein Ästhetenherz berührt. Übertrieben ist er in Träumen, vorsichtig, behutsam, edelsinnig in seinen Taten, mehr Gedicht, so rein und zart, denn Dichter. »Er beneidete die Pianisten um ihr Talent, die Soldaten um ihre Narben. Er wünschte sich eine gefährliche Krankheit, in der Hoffnung, sie auf diese Weise zu interessieren.« Er liebt sie wie Dante Beatrice. »Eines wunderte ihn: daß er nicht eifersüchtig auf Arnoux war; und er konnte sie sich nicht anders als angekleidet vorstellen – so natürlich schien ihre Schamhaftigkeit.« Von solchen kleinen Wundern der Zartheit und hingebungsvoller Neigung ist das ganze Buch erfüllt: und zwei Szenen verzweifelter Tragik gibt es darin, die mit so behutsam kühler Hand, so mit verhaltenem Zittern geschrieben sind, daß sie unwiderstehlich werden. Das ist der Augenblick, wie Fréderic in den Armen einer fremden Frau schluchzt, und jene Schlußszene des Buches, das Wiedersehen mit der ergrauten Geliebten – ganz Sehnsucht noch und darüber wie eine scheidende Abendwolke das letzte Rot der Leidenschaft – vier Seiten, wie sie die französische Literatur nicht besser hat.

Nur hat der unerbittliche Beobachter des Lebens, der wahllose Referent der kleinen Dinge, der Realist Flaubert, der dem Idealisten in ihm ein Leben lang auf der Lauer lag, mit allerhand Kleinkram versucht, den Weg zu diesen Schätzen seiner romantischen Seele zu verrammeln. Es gibt unglaublich langweilige Passagen in dem Buche – ich bemitleidete die Übersetzerin, die ihre Sache sehr gut gemacht hat und meines Wissens nur zweimal auf dem spiegelglatten Eise der Flaubert-Prosa ausrutschte. Aber es ist – nebst der ›Correspondance‹ – das beste Porträt Flauberts, in dessen Gestalt die Balzac-Tragödie der großen Gegensätze eines ästhetisch perfekten Künstlers und eines bourgeoisen, stilwidrigen Milieus gleichsam definitiv gedichtet ist. Und so man dieses Werk nicht auf seine Unterhaltsamkeit hin liest, wird man eine Süße spüren, wie sie nur der Herbe tiefsten Lebens entwächst.

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