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Rezensionen 1902 - 1939

Stefan Zweig: Rezensionen 1902 - 1939 - Kapitel 25
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleRezensionen 1902 - 1939
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3-596-22292-3
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Stendhals deutsche Wiederkehr

»Ich werde um 1900 berühmt sein« – bis auf das Jahrzehnt richtig hat der Exauditor und ehemalige Kavallerieoffizier Henri Beyle, genannt Stendhal, sich das Horoskop seines Erfolges aus Verzweiflung über die Gleichgültigkeit seiner Zeitgenossen gestellt. Zwar Goethe respektierte ihn noch, freilich ebenso wie Byron nur als amüsanten, geistreichen Konversationsmenschen, aber nach diesem kurzen literarischen Intermezzo bei dem Gewaltigsten wird der erste psychologische Romanschriftsteller der Franzosen so gründlich bei uns vergessen, daß durch Jahre in der Neuausgabe der ›Gespräche Goethes‹ mit dem Kanzler Müller »Stendel« statt »Stendhal« gedruckt bleibt und kein Teufel und keine Gelehrtenseele sich bekümmerte, diese impertinente Ahnungslosigkeit zu berichtigen.

Erst um 1880 herum hat er wieder einen guten Leser in Deutschland. Friedrich Nietzsche, der, wie er erzählt, die beiden Romane 60 oder 70mal gelesen hätte und der ihm nur Dostojewski in der Psychologie überlegen hält. Sein starker Fanfarenstoß weckt die Literaten wieder zum Gedächtnis auf. Und prompt zu Anfang des Jahrhunderts – welch ein Meister seines Schicksalshoroskops! – erscheint die erste, heute längst vergriffene Gesamtausgabe bei Diederichs. Heute eröffnen von drei Seiten drei Verleger ein Kreuzfeuer, die Propyläen-Ausgabe, die Insel und Georg Müller, indes in Paris der Verleger Champion die große Monumental-Edition vorbereitet, die freilich noch das Schock Manuskript-Bände in der Bibliothek von Grenoble wird durchackern müssen.

Das resignierte Motto, das er damals vor den Titel seiner Romane stellte, »To the happy few« (»Den Wenigen Erlesenen«, wie ich es übersetzen möchte im Gegensatz zu dem sonst so feinfühligen Arthur Schurig, der das ganz sinnlos »Den Wenigen Glücklichen« verwörtlicht) – dieses Motto gilt also heute, gilt 1921 nicht mehr. In allen Bibliotheken, in allen Sprachen, sind seine beiden besten Romane und der Traktat ›Von der Liebe‹ verbreitet, andererseits ist es auch heute nur ein engster Kreis, der dem spielhaften, unruhigen, halb scham-, halb charlatanhaften Charakter des romantischen Psychologen oder psychologischen Romantikers wirklich seelisch nahe gekommen ist. Ein paar Dutzend sind's in ganz Europa, und nichts bleibt charakteristischer für diese Fanatiker Stendhals, als daß sie statt schön brav einen Verein oder einen Klub, einen geheimnisvollen Stendhal-Bund gegründet haben, der halb Phantom und halb Realität, undurchdringlich und unfaßbar wie sein Protagonist die Getreuen freimaurerisch vereinte, um Jahr für Jahr ein neues Buch mit irgendeinem neuen Lebensdokument den »happy few« zu bescheren. Wer, wie und wo dieser Klub war, konnte ich auch in Paris nie recht in Erfahrung bringen; ein Pole, Kasimir Stryenski, war sein Präsident, und von den deutschen Initiatoren war der Fleißigste, der Tüchtigste, der Leidenschaftlichste Arthur Schurig, dessen unermüdlichem Eifer (bei größter Geistigkeit) wir kostbare Arbeiten danken. Eine vollendete runde Biographie hat freilich auch dieser beste Lebenskenner noch nicht gegeben, denn wie weit ist man bei dem Lebenslabyrinth Stendhals noch vom Ausgang! Da gibt es Masken hinter Masken, Schleichwege und falsche Fährten, einen ganzen Karneval von Kostümen, hinter denen Stendhal, ein Fregoli der Verwandlung, sich selbst und seine geliebten Figuren verbirgt. Nichts ist sicher, nichts ist gewiß in seinen Dokumenten; schreibt er ein Datum auf ein Manuskript, so kann man wetten, daß es ein falsches ist, um irgendeinen imaginären Forscher irrezuführen, nennt er eine Ortschaft, meint er eine andre, selbst auf seinem Grabstein läßt er statt seiner Geburtsstadt Grenoble Mailand nennen. Er zählt immer nach dem Hexeneinmaleins: so ist jeder Brief, jedes Dokument, jedes Buch (mit allen seinen Entlehnungen) eine Charade, die aufzulösen der ewige Reiz für die Stendhal-Forscher gewesen und geblieben ist.

Bei einem solchen verwegenen Maskenspieler wie Stendhal gibt es darum auch gar nichts, das man von vornherein als authentisch unbesehen hinnehmen könnte, selbst in den zahlreichen Fragmenten von Autobiographien, in den Briefen und Tagebüchern: denn trotz aller Offenheit und Unbarmherzigkeit gegen sich selbst ist Stendhal zu launisch, um »dauernd wahr bleiben zu können«. Seine Beichten sind nur intermittierend aufrichtig. Auch als Psychologe ist er zu dilettantisch im Sinne des italienischen »dilettante«, eines, der die Kunst einzig zum Vergnügen und nicht als Gewissenspflicht betreibt. Was in seinen Konfidenzen ein Bericht so sorglos ausplaudert, verbirgt und verwirrt der nächste wieder in bewußter Entstellung. Darum war es ein ausgezeichneter Gedanke von Arthur Schurig, alle verschiedenen Fragmente der Selbstdarstellung Stendhals (mit Ausnahme jener in Romanen), sowie auch die wichtigsten Dokumente aus seiner Freundschaftswelt in übersichtlichem Nebeneinander zu einem Buche ›Das Leben eines Sonderlings‹ (Insel-Verlag, Leipzig) zusammenzustellen, einer Biographie, die also gar nicht die Prätention hat, eine zu sein und doch hundertmal amüsanter, aufschlußreicher und wahrer in ihrem Anekdotismus wirkt, als die berühmte dicke des Historikers Arthur Chuquet, die immer nur im Äußeren hängenbleibt. Mit ganz ausgezeichnetem Geschick ist hier alles gewählt, was Stendhal je zu seiner Selbstkenntnis geäußert hatte, und daß dies nicht wenig war, mag man von einem Menschen getrost erwarten, der in seinem Testamente ursprünglich einen »Stendhalpreis für Seelenforschung« hinterließ, dem dann jährlich eine Medaille mit »Nosce te ipsum« beigefügt werden sollte. Selbsterkenntnis, Selbstbeobachtung, war im wesentlichen die einzige Lust und bis zum Laster getriebene Leidenschaft des sonst nur lässig durch die Welt Flanierenden. Literatur, Erfolg, Kunst interessierten ihn nicht, einzig er selbst und der Reflex aller Dinge auf ihn, den »Egotisten«, wie er sich nannte. Und aus diesen Reflexen, aus unzähligen kleinen Äußerungen ist hier psychologisch ein ganz scharfes und unvergeßliches Bild zusammengesetzt, unentbehrlich für alle Stendhal-Verehrer und noch mehr für alle jene, die es erst werden wollen.

Gleichzeitig mit diesem seinem schönsten Roman, dem Roman seines Lebens, kündigen sich in schöner Konkurrenz drei deutsche Ausgaben an, die des Propyläen-Verlags, geleitet von Oppeln-Bronikowski, die der Insel in der Romanbibliothek, übertragen von Schurig und anderen, und die dritte bei Georg Müller, herausgegeben von Franz Blei und Wilhelm Weigand. Alle drei halten sie vorläufig ungefähr gleich weiten Schritt, ich persönlich möchte bisher der Propyläenausgabe den Vorzug geben wegen ihrer zauberhaften Ausstattung, des reizenden Einbands, des guten Drucks, des angenehmen Formats, der trefflichen Übertragung von Arthur Schurig und Friedrich Oppeln-Bronikowski, diesen beiden wohlbewährten und gerade im Falle Stendhal besonders verdienten Übersetzern. Auch die Übertragung bei Georg Müller von Rudolf Lewy und Erwin Rieger scheint, so flüchtig ich sie auch nur vergleichen konnte, durchaus Niveau zu halten: Aus drei Spiegeln leuchten die romantischen Gestalten in unsere Zeit und so könnte sich der kühne Lotteriespieler von Civitavecchia, der seinerzeit schrieb: »Meine Bücher betrachte ich als Lotterielose, ich schätze sie erst, wenn sie um 1900 neu gedruckt werden«, glücklicher Erfüllung verwegenen Satzes zum mindesten in Deutschland rühmen, wo er gleich eine Terne, eine dreifache Ausgabe, in dem Spiel um die Unsterblichkeit gewonnen hat.

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