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Rezensionen 1902 - 1939

Stefan Zweig: Rezensionen 1902 - 1939 - Kapitel 22
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleRezensionen 1902 - 1939
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3-596-22292-3
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Buch als Weltbild

Seit Jahrtausenden war es die Leidenschaft jedes geistigen Menschen, sich ein möglichst vollkommenes Weltbild zu schaffen, und dies war möglich ohne äußere Behelfe, solange die Welt noch im Spannraum der äußeren Sinne lag. Der Grieche kannte seine Landschaft, seine Denkmäler, seine Dichter und Künstler aus eigener Anschauung, die historische Vergangenheit war kurz und reichte kaum über das Alter der Ahnen hinaus, die Sprache umspannte eine beschränkte Anzahl von Vokabeln, die Wissenschaft ein fast handgreiflich nahes Netz von Gesetzen. Wir können uns kaum mehr veranschaulichen, wie gering, gemessen an dem Durchschnittswissen eines Durchschnittsmenschen von heute, eines Buchdruckergehilfen, eines Volksschullehrers, eines Kraftwagenfahrers, eines kaufmännischen Angestellten, das absolute Tatsachenmaterial selbst eines griechischen Gelehrten war, der mit einem verhältnismäßig geringen Quantum an Fakten die kühnsten und genialsten Bindungen entwickelte. Darum war in jener Zeit Universalität für den denkenden Menschen noch Selbstverständlichkeit. Ein Geist vermochte alle Wissenschaften einheitlich schöpferisch zu umfassen; ein Gehirn die ganze damalige Weltsubstanz unablässig und innerlich gegenwärtig zu haben.

Die ungeheuere Erweiterung der Welt hat erst das gedruckte Buch vollbracht, und wenn auch tausendmal festgestellt ist, daß die Erfindung des Drucks zweifellos das größte Geschehnis in der Geistentwicklung der Menschheit bedeutet, so ist vielleicht noch immer nicht die völlige Umformung geschildert, die die Denkart der Spezies Mensch durch diese scheinbar geringfügige technische Maßnahme erfahren hat. Und auch hier könnte nur die Statistik das Phantastische uns völlig zu Bewußtsein bringen, eine Statistik etwa, wieviel einzelne Druckzeichen bei einem einzigen modernen Menschen von heute von der Pupille gefaßt und in unbegreiflicher Umsetzung durch Nervenbahnen und Zellen zu Begriffen und logischen Feststellungen verwandelt werden. Milliardenzahlen und Billionen wären vielleicht zu gering, um die Gesamtsumme jener einzelnen Übermittlungen zu summieren, und ahnen zu lassen, welche geheimnisvolle Prägemaschine in dem halben Kilo Gallert, das wir Gehirn nennen, unablässig in Tätigkeit ist. Nur Statistik, eine ganz neuartige psychologische Statistik könnte uns zum eigenen Erschrecken begreiflich machen, etwa wieviel Namen von Orten, Menschen, Büchern, Pflanzen, Gegenständen oft in vierfach oder fünffach verschiedenen Vokabeln in unseren Hirnarchiven ruhen, deren jedes einzelne tausendmal mehr Einzelobjekte enthält als die größte Stadt Einwohner, als die umfassendste Bibliothek Bücher. Und erst ein Vergleich zu dem Weltbild der Früheren würde die ungeheure Erweiterung unseres geistigen Kosmos ehrfürchtig uns ahnen lassen.

Selbstverständlich kann ein irdisches Gedächtnis trotz seiner Vervollkommnung und Anpassung eine solch unheimliche Fülle nicht dauernd bereit halten und noch weniger ordnen. Wir haben zweifellos unsere Kenntnisse nicht in dem Maße bereit, wie die Menschen der früheren Welt, die die Epen Homers, die Gesetzeslehren und die Geschichte auswendig wußten vom ersten bis zum letzten Wort. Darum haben wir, das Geschlecht der Organisatoren, unser Gedächtnis zum Teil außerhalb unseres eigenen Lebens gestellt und gleichsam neben der Handbibliothek, der ständig nahen und innerlichen, eine immense andere Weltbibliothek in den Büchern. Sie bewahren, wie Akkumulatoren, unendliche Ströme geistiger Kraft, die, übergeleitet, sofort in uns weiter wirken und neue Kräfte entzünden. Sie sind die Reserve, die unerschöpfbare, unseres Wissens, die wirklichen Bausteine für das ewig unvollendbare Denkmal unseres Weltbilds.

Weil die Welt weit wird, drängt sie auf Abbreviatur, auf Verkürzung, und da wir nicht alles schauen und anschauen können, müssen wir uns schadlos halten an der gleichsam konzentrierten Anschauung unzähliger anderer in den Büchern. Für unsere eigene Ordnung arbeiten unzählige Vorordnungen wie die der Historiker, der Philologen, der Gelehrten, so daß wir Resultate übernehmen können, Durchschnitte und endgültige Feststellungen, und immer mehr, immer mehr benötigen wir für Ordnung und Überblick dieser vorordnenden Kräfte. Jeder Geistige unserer Zeit wirkt daran mit, der Dichter ebenso wie der Geograph, der Historiker wie der Philosoph und nicht zumindest der Verleger, dessen Aufgabe um so größer und schöpferischer wird, als sein Gesamtwerk selbst einen welthaften, einen universalischen Charakter annimmt. Enge Kreise zu ziehen, gelingt verhältnismäßig leicht, für die weiten aber sind weite Zeiträume vonnöten, ein einheitlicher schöpferischer Plan, ein geduldiges Durchführen, das sich mit dem Getanen nicht genug gibt, sondern den neuen Ansprüchen erweiterter Welt erneuerte und erweiterte Leistung ständig entgegenhält.

Solche Unternehmungen sind selten, sie sind selten wie der universalische Mensch, wie der umfassende Geist, und selbst innerhalb Deutschlands haben wir wenige, die einem solch verwegenen Versuche sich gewidmet. Zu ihnen zählt, und an erster Stelle, das Haus Reclam, auf hundert Jahre zurückblickend und drei Generationen an dem fast übermenschlichen Unterfangen eines universalischen Weltbilds durch das Buch bauend, alle Künste, alle Wissenschaften, alle Erkenntnisse umfassend und sie in einheitlicher, handlicher Form vereinend. Es wäre verlockend, dem Ursprung und Grundplan dieses Baues nachzuspüren, der seinen anfänglichen Grundriß zweifellos im Wachstum überhöht hat: wahrscheinlich hat hier ein Vorfahre nur geplant, den Deutschen in billigster und handlichster Form ihre wesentlichen literarischen Meisterwerke zu übermitteln. Jener Trieb zum Weltbild, jener urmächtige, wohnt aber nicht nur dem einzelnen Menschen selbst inne, sondern jeder seiner Tätigkeiten. Wirkt sein Samen in einer Sammlung, so wird diese Sammlung universalischen Charakter unwillkürlich annehmen wollen, sie wird begehren, Welt zu sein, Kosmos. Wird er dichterisch sich erproben, so gerät er bald in die Verlockung, alle nur denkbaren Formen sich einzufügen, den inneren Lebenskreis mit allen Problemen zu verbinden. Wird er als Gelehrter nur eine Spezies als Eingang des Stollens wählen, so gelangt er, gerade fortstoßend, in natürlicher Verlängerung doch irgendwie an den Mittelpunkt der Welt. So ist diesem ursprünglich begrenzten Unternehmen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer deutlicher der Sinn zugewachsen, Weltbild und weltbildnerisch zu werden, mit der Unterhaltung Belehrung, mit der Belehrung Vertiefung, mit der Vertiefung im seelischen zugleich Erweiterung im geistigen Raume zu verbinden, Gebiet für Gebiet in immer weiterer Nachbarlichkeit einzubeziehen und schließlich eine Repräsentation aller dichterischen und denkerischen Bemühung zu werden, die in allen Ländern und zu allen Zeiten jemals versucht wurde. Wo einmal aber dieser Trieb des Wachstums ins Weltmäßige eingesenkt ist, kann er nicht enden und stocken, denn wer kann beschließen innerhalb einer Zeit, die sich unablässig verwandelt und fortgestaltet, wer innehalten, indes ihn die Strömung weitertreibt, wer zu schauen aufhören in einer Sphäre, wo die Horizonte unablässig wachsen und weiterschreiten? Alles Zielmäßige erschöpft sich. – Nur wo das Ziel ins Unendliche und Universalische hinausgeht, verbietet sich der Stillstand. Vielleicht hat Großvater Reclam, als er seiner bescheiden geplanten Serie den Namen »Universal-Bibliothek« gab, nicht geahnt, zu welcher Verpflichtung und Aufgabe er damit sein eigenes Leben und drei anderer Geschlechter aufrief. Hier wie immer wurde die Größe der Aufgabe erschaffen, drei Generationen haben sie gefördert, ohne sie je vollenden zu können, jeder dem nächsten neue Möglichkeiten überlassend und damit das Glück schöpferischer Tätigkeit.

Was dies für Deutschland bedeutet, daß diesem wissensbegierigen und kenntnisfreudigen Volke zu billigstem Preise alles Wesentliche der ganzen Nation zugänglich, alles Fremde vermittelt und so die Möglichkeit geboten war, das individuelle Weltbild zu erweitern, das läßt sich heute nicht mehr ausmessen, aber gewiß, wenn diese Nation heute in der Bildungsleistung an der ersten Stelle Europas steht, so dankt sie dies nicht zum geringsten Teile diesem großartigen Unternehmen, das allzu oft als ein bloß privates oder literarisches gewertet wird. In Wirklichkeit hat es wie kein anderes vielleicht innerhalb der deutschen Verlegerzunft mitgeschaffen an dem, was einmal Jean Paul mit so glücklichem Wort »Weltseitigkeit« der Deutschen nannte, die Fähigkeit, nach allen Seiten zu blicken, sich dem Fernsten zu verbinden und aus eingeborenem metaphysischen Geiste alles Einzelne als Teil der Gesamtheit zu begreifen. Was ihr Schöpfer damals zufällig zugreifend, aus dunklem Instinkte blind im voraus entschied, als er die kleine Reihe kühn »Universal-Bibliothek« nannte, hat weltbildend auf vier oder fünf Geschlechter der Deutschen gewirkt und steht heute als die vollkommenste Enzyklopädie jedem Gebildeten zur Seite, unerschöpflich und unerschöpfbar, unabgeschlossen, weil unabschließbar, dauernder Steigerung fähig. Und wir sind gewiß, sie wird, so groß begonnen, sich auch weiterhin groß fortführen und den kommenden Generationen ebenso notwendig und entscheidend sein, wie sie es den früheren gewesen ist.

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