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Revolution und Konterrevolution in Deutschland

Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
titleRevolution und Konterrevolution in Deutschland
authorFriedrich Engels
publisherNew-York Daily Tribune
senderjtroissner@freenet.de
created20020507
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IV. [Österreich]

Wir müssen uns jetzt mit Österreich befassen, jenem Land, das bis zum März 1848 für andere Völker fast ebensosehr ein Buch mit sieben Siegeln war wie China vor dem letzten Kriege mit England.

Natürlich können wir uns hier nur mit Deutschösterreich befassen. Die Angelegenheiten der Österreicher polnischen, ungarischen oder italienischen Ursprungs gehören nicht zu unserem Thema, und soweit sie seit 1848 das Schicksal der Deutschösterreicher beeinflußt haben, werden wir später darauf zu sprechen kommen müssen.

Die Regierung des Fürsten Metternich drehte sich um zwei Angelpunkte: erstens suchte sie jede einzelne der verschiedenen Nationen, die unter österreichischer Herrschaft standen, durch alle übrigen Nationen, die sich in der gleichen Lage befanden, in Schach zu halten; zweitens, und das war immer das Grundprinzip absoluter Monarchien, stützte sie sich auf zwei Klassen, die feudalen Grundherren und die Börsenfürsten; gleichzeitig aber spielte sie den Einfluß und die Macht dieser beiden Klassen so gegeneinander aus, daß die Regierung selbst volle Handlungsfreiheit behielt. Die adligen Grundherren, deren ganzes Einkommen aus den verschiedensten feudalen Revenuen bestand, konnte nicht umhin, eine Regierung zu unterstützen, die ihren einzigen Schutz gegen jene niedergetretene Klasse von Leibeigenen bildete, von deren Ausplünderung sie lebten; und wenn die weniger begüterten Adligen, wie 1846 in Galizien, sich einmal zur Opposition gegen die Regierung aufrafften, ließ Metternich sehr rasch ebendiese Leibeigenen gegen sie los, die auf jeden Fall die Gelegenheit benützten, um an ihren nächsten Unterdrückern furchtbare Rache zu üben. Die großkapitalistischen Börsenspekulanten waren ihrerseits durch die Riesenbeträge, die der Staat ihnen schuldete, an die Regierung Metternich gekettet. Österreich, das 1815 seine volle Macht wiedererlangte, das 1820 die absolute Monarchie in Italien wiederhergestellt hatte und seitdem aufrechterhielt, das sich durch den Bankrott von 1810 eines Teils seiner Verbindlichkeiten entledigt hatte, war nach Abschluß des Friedens auf den großen europäischen Geldmärkten sehr bald wieder kreditfähig geworden und hatte in dem Maße, wie sein Kredit stieg, neue Schulden aufgenommen. So hatten alle großen Geldmänner Europas erhebliche Teile ihres Kapitals in österreichischen Staatspapieren angelegt; sie waren daher alle an der Aufrechterhaltung des Kredits dieses Landes interessiert, und da die Aufrechterhaltung des österreichischen Staatskredits immer neue Anleihen erforderte, sahen sie sich gezwungen, von Zeit zu Zeit neues Kapital vorzustrecken, um das Vertrauen in jene Schuldverschreibungen aufrechtzuerhalten, für die sie bereits Geld vorgeschossen hatten. Der lange Frieden nach 1815 und die anscheinende Unmöglichkeit, ein tausend Jahre altes Reich wie Österreich umzustürzen, steigerten den Kredit der Metternich-Regierung in erstaunlichem Maße und machten sie sogar unabhängig von der Gunst der Wiener Bankiers und Börsenspekulanten; denn solange Metternich reichlich Geld in Frankfurt und Amsterdam bekommen konnte, hatte er natürlich die Genugtuung, die österreichischen Kapitalisten zu seinen Füßen zu sehen. Übrigens waren sie auch in jeder anderen Hinsicht in seiner Gewalt; die großen Profite, die Bankiers, Börsenspekulanten und Staatslieferanten immer aus einer absoluten Monarchie zu ziehen verstehen, wurden wettgemacht durch die fast unumschränkte Gewalt der Regierung über ihre Person und ihr Vermögen; daher war von dieser Seite auch nicht die leiseste Spur einer Opposition zu erwarten. So war Metternich der Unterstützung der beiden mächtigsten, einflußreichsten Klassen des Reiches sicher, und obendrein verfügte er über eine Armee und eine Bürokratie, wie sie für die Zwecke des Absolutismus nicht besser geeignet sein konnten. Die Beamten und Offiziere in österreichischen Diensten sind eine Gattung für sich; ihre Väter haben schon dem Kaiser gedient, und ihre Söhne werden dergleichen tun; sie gehören keiner der mannigfaltigen Nationen an, die unter den Fittichen des Doppeladlers versammelt sind; sie werden und wurden von jeher von einem Ende des Reiches ans andere versetzt, von Polen nach Italien, von Deutschland nach Transsylvanien; sie verachteten gleichermaßen jedes Individuum, ob Ungar, Pole, Deutscher, Rumäne, Italiener, Kroate, sie haben keine Nationalität, oder vielmehr: sie allein bilden die wirkliche österreichische Nation. Es ist klar, welch geschmeidiges und zur gleicher Zeit machtvolles Instrument eine solche zivile und militärische Hierarchie in den Händen eines intelligenten, energischen Staatsob erhaupts bilden mußte.

Was die übrigen Klassen der Bevölkerung betrifft, so kümmerte sich Metternich, ganz im Geiste eines Staatsmanns des ancien régime, wenig um ihre Unterstützung. Ihnen gegenüber kannte er nur eine Politik: soviel wie möglich in Form von Steuern aus ihnen herauszupressen und sie gleichzeitig ruhig zu halten. Die Handels- und Industriebourgeoisie entwickelte sich in Österreich nur langsam. Der Donauhandel war verhältnismäßig unbedeutend; das Land besaß nur einen Seehafen, Triest, und der Handel dieses Hafens war sehr beschränkt. Die Fabrikanten erfreuten sich weitgehenden Schutzes, der in den meisten Fällen bis zum völligen Ausschluß jeglicher ausländischen Konkurrenz ging; aber diese Vorzugsstellung war ihnen hauptsächlich im Hinblick auf die Steigerung ihrer Zahlungsfähigkeit beim Steueramt eingeräumt worden und wurde weitgehend aufgewogen durch Beschränkungen der Industrie im Innern, durch Privilegien der Zünfte und anderer feudaler Korporationen, die ängstlich aufrechterhalten wurden, solange sie nicht den Zwecken und Absichten der Regierung im Wege standen. Die kleinen Handwerker waren eingezwängt in die engen Schranken dieser mittelalterlichen Zünfte, die eine ewige Fehde zwischen den verschiedenen Gewerbezweigen um ihre Privilegien in Gange hielten und den Mitgliedern dieser Zwangsvereinigungen eine Art erblicher Stabilität verliehen, indem sie Angehörigen der Arbeiterklasse die Möglichkeit sozialen Aufstiegs fast völlig versperrten. Die Bauern und Arbeitern endlich wurden als bloße Steuerobjekte behandelt, und man kümmerte sich nur um sie, um sie möglichst an die Lebensbedingungen zu fesseln, unter denen sie existierten und unter denen bereits ihre Väter existiert hatten. Zu diesem Zweck wurde jede alt eingewurzelte Autorität in gleicher Weise hochgehalten wie die Autorität des Staates: die Autorität des Grundherren über den kleinen Pächter, des Fabrikanten über den Fabrikarbeiter, des kleinen Handwerksmeisters über den Gesellen und Lehrjungen, des Vaters über den Sohn wurde von der Regierung allenthalben strengstens gewahrt, und jede Art von Unbotmäßigkeit ebenso geahndet wie eine Gesetzesübertretung, mit dem Universalwerkzeug der österreichischen Justiz – dem Stock.

Schließlich, um alle diese Bemühungen zur Schaffung einer künstlichen Stabilität in ein allumfassendes System zu bringen, wurde die dem Volke erlaubte geistige Nahrung mit der peinlichsten Sorgfalt ausgewählt und ihm so spärlich wie möglich zugeteilt. Die Erziehung lag überall in den Händen der katholischen Geistlichkeit, deren Oberhäupter genauso wie die großen feudalen Grundherren an der Erhaltung des bestehenden Systems aufs stärkste interessiert waren. Die Universitäten waren so organisiert, daß sie nur Spezialisten hervorbringen konnten, die allenfalls auf einzelnen Sondergebieten der Wissenschaft sich hervortun mochten, daß sie aber auf keinen Fall jene freisinnige Allgemeinbildung vermitteln konnten, die man sonst von Universitäten erwartet. Zeitungen gab es überhaupt nicht, außer in Ungarn, und die ungarischen Blätter waren in allen anderen Teilen der Monarchie verboten. Was die Literatur im allgemeinen anbelangt, so hatte sich ihr Bereich im Laufe eines Jahrhunderts nicht erweitert; nach dem Tode Josephs II. wurden ihr sogar wieder engere Grenzen gesteckt. Und überall an der Grenze, wo immer die österreichischen Staaten an ein zivilisiertes Land stießen, war in Verbindung mit dem Kordon von Zollbeamten ein Kordon von Literaturzensoren errichtet, die kein ausländisches Buch, keine ausländische Zeitung nach Österreich hineinließen, bevor sein Inhalt nicht zwei- oder dreimal gründlich geprüft und völlig frei selbst von der leisesten Befleckung durch den verruchten Geist des Jahrhunderts befunden worden war.

Ungefähr dreißig Jahre lang, von 1815 an, wirkte dieses System mit erstaunlichem Erfolg. Österreich blieb für Europa beinah unbekannt, und ebensowenig kannte man Europa in Österreich. Der gesellschaftliche Stand der einzelnen Klassen der Bevölkerung und der Bevölkerung in ihrer Gesamtheit hatte scheinbar nicht die geringste Veränderung erfahren. Was auch an Feindseligkeit zwischen den Klassen vorhanden sein mochte – und das Vorhandensein dieser Feindseligkeit war eine der Hauptbedingungen des Metternichschen Systems, das sie sogar förderte, indem es die höheren Klassen als Werkzeug jeder drückenden staatlichen Maßnahme benutzte und so den Haß auf sie ablenkte –, wie sehr das Volk auch die unteren Staatsbeamten hassen mochte: mit der Zentralregierung war man alles in allem nicht unzufrieden. Der Kaiser wurde angebetet, und die Tatsachen schienen dem alten Franz I. recht zu geben, wenn er seine eigenen Zweifel an der Dauerhaftigkeit des Systems selbstgefällig einschränkte: »Immerhin, mich und den Metternich halt's noch aus.«

Und doch ging unter der Oberfläche eine langsame Bewegung vor sich, die alle Bemühungen Metternichs zuschanden machte. Der Reichtum und Einfluß der Industrie- und Handelsbourgeoisie nahmen zu. Die Einführung von Maschinen und Dampfkraft in der Industrie wälzte in Österreich, wie überall, die alten Verhältnisse und Lebensbedingungen ganzer Gesellschaftsklassen vollständig um; sie befreite die Leibeigenen, sie verwandelte die Kleinbauern in Fabrikarbeiter; sie untergrub die alten feudalen Handwerkerzünfte und raubte vielen von ihnen jede Möglichkeit des Weiterbestehens. Die neue kommerzielle und industrielle Bevölkerung geriet überall in Widerspruch mit den alten feudalen Einrichtungen. Die Bourgeoisie wurde durch ihre Geschäfte immer häufiger zu Reisen ins Ausland veranlaßt und brachte von dort manch märchenhafte Kunde von zivilisierten Ländern mit, die jenseits der kaiserlichen Zollschranken lagen; und schließlich beschleunigte der Bau von Eisenbahnen die industrielle wie die geistige Entwicklung. Zudem gab es im österreichischen Staatsgefüge selbst einen gefährlichen Bestandteil: die ungarische Feudalverfassung mit ihren parlamentarischen Verhandlungen und ihren Kämpfen der verarmten, oppositionellen Masse des Adels gegen die Regierung und deren Verbündete, die Magnaten. Preßburg, der Sitz des Reichstags, lag dicht vor den Toren Wiens. Alle diese Elemente trugen dazu bei, in der städtischen Bourgeoisie einen Geist, wenn auch nicht gerade der Opposition – denn eine Opposition war noch nicht möglich –, so doch der Unzufriedenheit zu erzeugen, einen allgemeinen Wunsch nach Reformen mehr administrativer als konstitutioneller Art. Und genau wie in Preußen schloß sich ein Teil der Bürokratie der Bourgeoisie an. In dieser erblichen Beamtenkaste waren die Traditionen Josephs II. noch unvergessen; die gebildeteren Regierungsbeamten, die bisweilen selbst mit der Möglichkeit imaginärer Reformen kokettierten, gaben dem fortschrittlichen, aufgeklärten Despotismus jenes Kaisers entschieden den Vorzug vor dem »väterlichen« Despotismus Metternichs. Ein Teil des ärmeren Adels schlug sich gleichfalls auf die Seite der Bourgeoisie, und was die unteren Klassen der Bevölkerung anbetrifft, die immer reichlich Grund zur Unzufriedenheit mit den höheren Klassen, wo nicht mit der Regierung gehabt hatten, so konnten sie in den meisten Fällen nicht umhin, sich den Reformwünschen der Bourgeoisie anzuschließen.

Ungefähr um diese Zeit, um 1843 oder 1844, entfaltete sich in Deutschland ein besonderer Literaturzweig, der diesen Veränderungen entsprach. Einige österreichische Literaten, Romanschriftsteller, Literaturkritiker, schlechte Poeten, durchweg recht mäßig begabt, aber mit jener spezifischen Betriebsamkeit ausgestattet, die der jüdischen Rasse eigen ist, ließen sich in Leipzig und anderen deutschen Städten außerhalb Österreichs nieder und veröffentlichten hier, außer der Reichweite Metternichs, eine Anzahl Bücher und Flugschriften über österreichische Fragen. Sie und ihre Verlager machten damit ein reißendes Geschäft. Ganz Deutschland war begierig, in die Geheimnisse der Politik von Europäisch-China eingeweiht zu werden; und noch neugieriger waren die Österreicher selbst, die diese Veröffentlichungen auf dem Wege über den im großen betriebenen Schmuggel an der böhmischen Grenze erhielten. Natürlich waren die Geheimnisse, die in diesen Veröffentlichungen verraten wurden, nicht von großer Bedeutung, und die Reformpläne, die ihre wohlmeinenden Verfasser ausbrüteten, trugen den Stempel einer an politische Jungfräulichkeit grenzenden Harmlosigkeit. Eine Verfassung und Pressefreiheit für Österreich galten als unerreichbar; administrative Reformen, Erweiterungen der Rechte der Provinziallandtage, Zulassung ausländischer Bücher und Zeitungen und Milderungen der Zensur – weiter gingen die untertänigst ergebenen Wünsche dieser braven Österreicher kaum.

Auf jeden Fall trug das immer sinnlosere Unterfangen, den literarischen Verkehr Österreichs mit dem übrigen Deutschland, und durch Deutschland mit der übrigen Welt, zu verhindern, viel zur Bildung einer regierungsfeindlichen öffentlichen Meinung bei und machte einem Teil der Österreicher wenigstens etwas an politischer Information zugänglich. So wurde gegen Ende des Jahres 1847 Österreich wenn auch in geringerem Maße, von jener politischen und politisch-religiösen Agitation erfaßt, die damals in ganz Deutschland überhandnahm, und wenn sie sich in Österreich auch weniger geräuschvoll entwickelte, so fand sie doch genügend revolutionäre Elemente vor, auf die sie wirken konnte. Da war der Bauer, Leibeigener oder Zinsbauer, zu Boden gedrückt durch die Abgaben, die der Grundherr oder die Regierung aus ihm herauspreßte; dann der Fabrikarbeiter, den der Polizeistock zwang, sich zu jeglicher Bedingung abzurackern, die der Fabrikant festzusetzen beliebte; dann der Handwerksgeselle, dem die Zunftgesetze jede Aussicht versperrten, sich in seinem Gewerbe jemals selbständig zu machen; dann der Kaufmann, der in seinem Geschäft auf Schritt und Tritt über sinnlose Vorschriften stolperte; dann der Fabrikant, in stetem Konflikt mit den eifersüchtig über ihre Privilegien wachenden Handwerkerzünften oder mit gierigen Beamten, die in alles ihre Nase steckten; dann der Lehrer, der Gelehrte, der gebildetere Beamte, alle in vergeblichem Kampf mit einem unwissenden, anmaßenden Pfaffentum oder mit stupiden, herrschsüchtigen Vorgesetzten. Kurz, es gab keine einzige Klasse, die zufrieden gewesen wäre; denn die kleinen Zugeständnisse, zu denen sich die Regierung hin und wieder gezwungen sah, gingen nicht auf deren eigene Kosten – das wäre über die Kräfte der Staatskasse gegangen –, sondern auf Kosten des Hochadels und des Klerus; und was die großen Bankiers und Besitzer von Staatspapieren anbelangt, so waren die jüngsten Ereignisse in Italien, die wachsende Opposition des ungarischen Reichstags, der ungewohnte Geist der Unzufriedenheit und der Schrei nach Reformen, der im ganzen Reiche laut wurde, nicht dazu angetan, ihr Vertrauen in die Solidität und Zahlungsfähigkeit des österreichischen Kaiserreichs zu stärken.

So reifte auch in Österreich langsam, aber sicher ein gewaltiger Umschwung heran, als plötzlich in Frankreich ein Ereignis eintrat, das nunmehr den drohenden Sturm sogleich entfesselte und die Behauptung des alten Franz Lügen strafte, zu seinen und zu Metternichs Lebzeiten werde der Bau schon noch halten.

London, September 1851

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