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Revolution und Konterrevolution in Deutschland

Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
titleRevolution und Konterrevolution in Deutschland
authorFriedrich Engels
publisherNew-York Daily Tribune
senderjtroissner@freenet.de
created20020507
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III. [Die übrigen deutschen Staaten]

In unserem letzten Artikel haben wir uns fast ausschließlich auf jenen Staat beschränkt, der während der Jahre 1840 bis 1848 die weitaus größte Bedeutung für die Bewegung in Deutschland hatte, nämlich auf Preußen. Wir müssen jetzt aber einen raschen Blick auf die übrigen deutschen Staaten während des gleichen Zeitraums werfen.

Die Kleinstaaten waren seit den revolutionären Bewegungen von 1830 vollständig unter die Diktatur des Bundestages, d.h. Österreichs und Preußens, geraten. Die verschiedenen Verfassungen, die ebensosehr zum Schutz vor den Diktaten der größeren Staaten erlassen worden waren wie zu dem Zweck, die Popularität ihrer fürstlichen Urheber zu sichern und den durch den Wiener Kongreß ohne jeglichen leitenden Grundgedanken bunt zusammengewürfelten Provinzen ein einheitliches Gepräge zu geben – diese Verfassungen hatten sich, so illusorisch sie auch waren, in den unruhigen Zeiten von 1830 und 1831 doch als eine Gefahr für die Autorität der kleinen Fürsten selbst erwiesen. Sie wurden so gut wie vernichtet; was man bestehen ließ, führte kaum noch ein Schattendasein, und es gehörte die geschwätzige Selbstgefälligkeit eines Welcker, Rotteck und Dahlmann dazu, um sich einzubilden, die mit entwürdigender Kriecherei vermischte untertänige Opposition, die sie in den ohnmächtigen Kammern der Kleinstaaten an den Tag legen durften, könne überhaupt Ergebnisse zeitigen.

Der energischere Teil der Bourgeoisie in diesen Kleinstaaten gab sehr bald nach 1840 alle Hoffnungen auf, die er früher auf die Entfaltung eines parlamentarischen Regimes in diesen Anhängseln Österreichs und Preußens gesetzt. Kaum hatten die preußische Bourgeoisie und die mit ihr verbündeten Klassen sich ernstlich entschlossen gezeigt, für ein parlamentarisches Regime in Preußen zu kämpfen, da überließ man ihnen auch schon die Führung der konstitutionellen Bewegung im ganzen nicht-österreichischen Deutschland. Es ist eine jetzt wohl kaum bestrittene Tatsache, daß der Kern jener mitteldeutschen Konstitutionalisten, die später aus der Frankfurter Nationalversammlung ausschieden und nach dem Ort, wo sie ihre Separatsitzungen abhielten, die Gothaer genannt wurden, lange vor 1848 einen Plan erwog, den sie 1849 mit geringen Abänderungen den Vertretern ganz Deutschlands vorlegten. Sie beabsichtigten den völligen Ausschluß Österreichs aus dem Deutschen Bund, die Gründung eines neuen Bundes unter dem Schutz Preußens mit einem neuen Grundgesetz und mit einem Bundesparlament sowie der Einverleibung der unbedeutenden Staaten in die größeren. Das alles sollte durchgeführt werden, sobald Preußen in die Reihe der konstitutionellen Monarchien eintrat, die Pressefreiheit herstellte, zu einer von Rußland und Österreich unabhängigen Politik überging und so den Konstitutionalisten der kleineren Staaten die Möglichkeit verschaffte, eine wirkliche Kontrolle über ihre Regierungen auszuüben. Der Erfinder dieses Planes war Professor Gervinus aus Heidelberg (Baden). Die Emanzipation der preußischen Bourgeoisie sollte also das Signal sein für die Emanzipation der Bourgeoisie in ganz Deutschland und für den Abschluß eines Schutz- und Trotzbündnisses gegen Rußland wie gegen Österreich; denn Österreich wurde, wie wir gleich sehen werden, als ein ganz barbarisches Land betrachtet, über das man nur sehr wenig wußte, und dieses Wenige war nicht eben schmeichelhaft für seine Bewohner; Österreich galt daher nicht als wesentlicher Bestandteil Deutschlands.

Die anderen Gesellschaftsklassen in den kleineren Staaten traten, die einen schneller, die anderen langsamer, in die Fußstapfen ihrer Klassengenossen in Preußen. Die Kleinbürger wurden immer unzufriedener mit ihren Regierungen, mit dem Anwachsen der Steuerlast, mit der Beschränkung jener politischen Scheinrechte, mit denen sie so stolz taten, wenn sie sich mit den »Sklaven des Despotismus« in Österreich und Preußen verglichen; aber einstweilen fehlte ihrer Opposition noch jeder bestimmte Inhalt, der ihr das Gepräge einer sich von dem Konstitutionalismus der bürgerlichen Oberschicht unterschiedenen selbständigen Partei verleihen konnte. Auch in der Bauernschaft war die Unzufriedenheit im Ansteigen, aber bekanntlich bringt dieser Teil des Volkes in ruhigen, friedlichen Zeiten seine Interessen niemals zu Geltung und tritt niemals als selbständige Klasse auf, außer in Ländern, wo das allgemeine Wahlrecht besteht. Die Handwerker und Fabrikarbeiter in den Städten begannen, vom »Gift« des Sozialismus und Kommunismus verseucht zu werden; da es aber außerhalb Preußens nur wenige einigermaßen bedeutende Städte und noch weniger Fabrikbezirke gab, machte die Bewegung dieser Klasse infolge Mangels an Aktions- und Propagandazentren äußerst langsame Fortschritte in den kleineren Staaten.

Sowohl in Preußen wie in den kleineren Staaten erzeugten die Schwierigkeiten, die der Entfaltung einer politischen Opposition im Wege standen, eine Art religiöser Opposition in Gestalt der Parallelbewegungen des Deutschkatholizismus und der Freien Gemeinden. Die Geschichte liefert uns zahlreiche Beispiele, daß in Ländern, die sich der Segnungen einer Staatskirche erfreuen und in denen die politische Diskussion geknebelt ist, die gefährliche profane Opposition gegen die weltliche Macht sich unter der Maske eines höhere Weihe tragenden und anscheinend selbstloseren Kampfes gegen die Knechtung des Geistes verbirgt. So manche Regierung, die keinerlei Erörterung ihrer Handlungen duldet, wird sich gründlich überlegen, bevor sie Märtyrer schafft und den religiösen Fanatismus weckt. So galten 1845 in allen deutschen Staaten entweder die römisch-katholische oder die protestantische Religion oder beide als wesentlicher Bestandteil des im Lande herrschenden Rechts. Und ebenso bildete in allen diesen Staaten der Klerus der anerkannten Konfession oder Konfessionen einen wesentlichen Bestandteil des bürokratischen Regierungsapparats. Ein Angriff auf die protestantische oder katholische Orthodoxie, ein Angriff auf das Pfaffentum bedeutete also einen versteckten Angriff auf die Regierung selbst. Was die Deutschkatholiken anbelangt, so war schon ihre bloße Existenz ein Angriff auf die katholischen Regierungen in Deutschland, besonders auf die Österreichs und Bayerns; und so wurde es von diesen Regierungen auch aufgefaßt. Die Freigemeindler, protestantische Dissidenten, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den englischen und amerikanischen Unitariern aufweisen, machten keinen Hehl aus ihrer Gegnerschaft gegen die klerikalen, streng orthodoxen Tendenzen des Königs von Preußen und seines Günstlings, des Kultusministers Eichhorn. Die beiden neuen Sekten, die vorübergehend rasche Verbreitung fanden, die eine in katholischen, die andere in protestantischen Gegenden, unterschieden sich nur durch ihren Ursprung; was ihre Lehren betrifft, so stimmten sie in dem wichtigsten Punkt überein: daß jede dogmatische Festlegung vom Übel sei. Dieser Mangel an Bestimmtheit bildete den Kern ihres Wesens; sie behaupteten, sie bauten jenen großen Tempel, unter dessen Dach sich alle Deutschen zusammenfinden könnten; sie repräsentierten also in religiöser Form eine andere politische Idee jener Tage, die Idee der deutschen Einheit, und konnten doch selbst nie untereinander einig werden.

Die Idee der deutschen Einheit, die die eben erwähnten Sekten wenigstens auf religiösem Gebiet zu verwirklichen suchten, indem sie eine gemeinsame Religion für alle Deutschen erfanden, die eigens auf ihre Bedürfnisse, ihre Gewohnheiten und ihren Geschmack zugeschnitten war – diese Idee war in der Tat weit verbreitet, besonders in den kleineren Staaten. Seitdem Napoleon den Zerfall des Deutschen Reiches herbeigeführt, war der Ruf nach Vereinigung all der disjecta membra Deutschlands der allgemeinste Ausdruck der Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung gewesen, und zwar am meisten in den kleineren Staaten, wo der Aufwand für den Hof, die Staatsverwaltung, das Heer, kurz, das ganze tote Gewicht der Besteuerung in direktem Verhältnis zur Kleinheit und Ohnmacht des Staates wuchs. Wie diese deutsche Einheit aber in der Wirklichkeit aussehen sollte, das war eine Frage, über die die Meinungen der Parteien auseinandergingen. Die Bourgeoisie, die keine gefährlichen revolutionären Erschütterungen wünschte, wäre mit einer Lösung zufrieden gewesen, die sie, wie wir gesehen, für »praktikabel« hielt, nämlich mit einem Bund, der mit Ausnahme Österreichs ganz Deutschland umfaßte, unter der Vorherrschaft eines konstitutionell regierten Preußen; und sicher konnte man damals nicht mehr erreichen, ohne bedrohliche Stürme heraufzubeschwören. Das Kleinbürgertum und die Bauernschaft, soweit sich letztere überhaupt um dergleichen Dinge kümmerte, gelangten nie zu einer Definition jener deutschen Einheit, die sie so laut forderten; einige wenige Träumer, in ihrer Mehrzahl feudalistische Reaktionäre, erhofften die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches; ein paar unwissende soi-disant Radikale, voller Bewunderung für die Einrichtungen der Schweiz, mit denen sie noch nicht jene praktische Bekanntschaft gemacht, die ihnen später so lächerlich die Augen öffnete, erklärten sich für die föderative Republik; und nur die extremste Partei wagte es damals, für die eine und unteilbare deutsche Republik einzutreten. So war die deutsche Einheit selbst eine Frage, die Uneinigkeit, Zwietracht und unter Umständen sogar Bürgerkrieg in ihrem Schoß barg.

Kurz zusammengefaßt war dies der Zustand Preußens und der kleineren deutschen Staaten zu Ende des Jahres 1847: Die Bourgeoisie, im Bewußtsein ihrer Kraft, war entschlossen, nicht länger die Fesseln zu tragen, mit denen ein feudaler und bürokratischer Despotismus ihre kommerziellen Geschäfte, ihre industrielle Leistungsfähigkeit, ihr gemeinsames Handeln als Klasse einengte; ein Teil der adligen Grundherren war so weit zu reinen Warenproduzenten geworden, daß sie die gleichen Interessen wie die Bourgeoisie hatten und mit ihr gemeinsame Sache machten; das Kleinbürgertum war unzufrieden, murrte über die Steuern, über die Hindernisse, die seiner gewerblichen Tätigkeit in den Weg gelegt wurden, hatte aber kein bestimmtes Reformprogramm, das seine Stellung in Staat und Gesellschaft zu sichern imstande war; die Bauernschaft war hier bedrückt durch feudale Lasten, durch Geldverleiher, Wucherer und Advokaten; das arbeitende Volk in den Städten, ebenfalls erfaßt von der allgemeinen Unzufriedenheit, haßte gleichermaßen die Regierung wie die großen industriellen Kapitalisten und war immer mehr durch sozialistische und kommunistische Ideen angesteckt; kurz eine heterogene oppositionelle Masse, getrieben von den verschiedensten Interessen, aber mehr oder minder unter Führung der Bourgeoisie, in deren vorderster Reihe wiederum die preußische Bourgeoisie, namentlich die der Rheinprovinz marschierte. Auf der anderen Seite Regierungen, die in vieler Hinsicht uneinig waren, voll Mißtrauen gegeneinander, besonders aber gegenüber Preußen, auf dessen Schutz sie doch angewiesen waren; in Preußen eine Regierung, aufgegeben von der öffentlichen Meinung, aufgegeben sogar von einem Teil des Adels, gestützt auf ein Heer und eine Bürokratie, die von Tag zu Tag mehr mit den Ideen der oppositionellen Bourgeoisie verseucht und von ihrem Einfluß erfaßt wurde – eine Regierung zu alledem, ohne einen Pfennig Geld im buchstäblichen Sinne des Wortes und nicht in der Lage, auch nur einen Groschen zur Deckung ihres wachsenden Defizits aufzutreiben ohne sich auf Gnade und Ungnade der oppositionellen Bourgeoisie auszuliefern. Wo hätte sich die Bourgeoisie jemals in einer glänzenderen Position befunden in ihrem Kampf um die Macht gegen die bestehende Regierung?

London, September 1851

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