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Revolution und Konterrevolution in Deutschland

Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland - Kapitel 19
Quellenangabe
typetractate
titleRevolution und Konterrevolution in Deutschland
authorFriedrich Engels
publisherNew-York Daily Tribune
senderjtroissner@freenet.de
created20020507
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XIX. [Das Ende des Aufstandes]

Während der Süden und Westen Deutschlands sich in offenem Aufstand befanden und während die Regierungen von der Eröffnung der Feindseligkeiten in Dresden bis zur Übergabe von Rastatt etwas mehr als zehn Wochen brauchten, um dieses letzte Aufflammen der ersten deutschen Revolution zu ersticken, verschwand die Nationalversammlung von der politischen Bühne, ohne daß man ihrem Abgang die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

Wir verließen diese erhabene Körperschaft in Frankfurt, bestürzt über die unverschämten Angriffe der Regierungen auf ihre Würde, über die Ohnmacht und verräterische Sorglosigkeit der von ihr selbst geschaffenen Zentralgewalt, über die Erhebung des Kleinbürgertums zu ihrem Schutze und die der Arbeiterklasse für ein revolutionäres Endziel. Unter ihren Mitgliedern herrschten tiefste Niedergeschlagenheit und Verzweiflung; die Ereignisse hatten mit einem Schlag eine so endgültige und entscheidende Wendung genommen, daß die Illusionen dieser gelahrten Gesetzgeber über ihre wirkliche Macht und Bedeutung binnen weniger Tage völlig zusammengebrochen waren. Die Konservativen hatten sich auf das von ihren Regierungen gegebene Zeichen hin bereits aus einer Körperschaft zurückgezogen, die nur mehr als Herausforderung der gesetzlichen Obrigkeit fortbestehen konnte. Die Liberalen gaben die Sache in völliger Verwirrung verloren und legten gleichfalls ihre Mandate nieder. Die Herren Abgeordneten nahmen zu Hunderten Reißaus. Ursprünglich acht- bis neunhundert an der Zahl, waren sie so rasch zusammengeschmolzen, daß zur Beschlußfähigkeit zunächst die Anwesenheit von hundertfünfzig und wenige Tage später von hundert Mitgliedern für genügend erklärt wurde. Und selbst diese waren schwer zusammenzubringen, obwohl die ganze demokratische Partei dageblieben war.

Der Weg, den diese Überbleibsel eines Parlamentes einzuschlagen hatten, lag klar genug zutage. Sie mußten sich nur offen und entschieden auf die Seite des Aufstands stellen und ihm damit so viel Kraft vermitteln, wie die Gesetzlichkeit ihm verleihen konnte, während sie selbst mit einem Schlag ein Heer zu ihrem eigenen Schutz erhielten. Sie mußten die Zentralgewalt auffordern, alle Feindseligkeiten sofort einzustellen, und wenn diese Gewalt, wie vorauszusehen, das weder konnte noch wollte, so mußten sie diese sofort beseitigen und durch eine andere, energischere Regierung ersetzen. War es nicht möglich, Truppen der Aufständischen nach Frankfurt zu bringen (was im Anfang, als die Regierungen der Einzelstaaten schlecht vorbereitet und noch unschlüssig waren, leicht geschehen konnte), dann hätte sich die Versammlung ihren Sitz ohne weiteres mitten ins Aufstandsgebiet verlegen können. Dies alles, sofort und entschlossen und nicht später als Mitte oder Ende Mai getan, hätte sowohl dem Aufstand wie der Nationalversammlung noch Aussichten auf Erfolg eröffnen können.

Aber solch ein entschiedenes Vorgehen war von den Vertretern der deutschen Spießbürgerherrschaft nicht zu erwarten. Diese strebsamen Staatsmänner waren immer noch nicht von ihren Illusionen befreit. Jene Abgeordneten, die ihren verhängnisvollen Glauben an die Macht und Unverletzlichkeit des Parlamentes verloren hatten, hatten sich bereits auf die Strümpfe gemacht; die Demokraten, die dablieben, waren nicht so leicht dazu zu bringen, die Träume von Macht und Größe aufzugeben, in denen sie zwölf Monate lang geschwelgt. Treu der Methode, die sie bisher befolgt, scheuten sie vor entschiedenem Handeln zurück, bis jede Aussicht auf Erfolg, ja jede Möglichkeit eines Untergangs in Ehren, geschwunden war. Um eine erkünstelte, geschäftige Aktivität zu entfalten, deren reine, mit hohen Ansprüchen gepaarte Ohnmacht nur Mitleid und Spott hervorrufen konnte, richteten sie auch weiterhin Resolutionen, Adressen und Ansuchen an einen Reichsverweser, der sie nicht einmal zur Kenntnis nahm, und an Minister, die offen mit dem Feind paktierten. Und als Wilhelm Wolff, der Abgeordnete für Striegau, einer der Redakteure der »Neuen Rheinischen Zeitung«, der einzige wirklich revolutionär in der ganzen Versammlung, ihnen sagte, wenn es ihnen ernst sei mit ihren Reden, müßten sie dem Geschwätz ein Ende machen und den Reichsverweser, diesen obersten Reichsverräter, sofort für vogelfrei erklären, da brach die ganze zusammengeballte tugendhafte Entrüstung dieser Herren Parlamentarier mit einer Wucht hervor, die sie niemals aufgebracht, wenn die Regierungen sie mit Schimpf und Spott überhäuften. Natürlich – denn Wolffs Vorschlag war das erste vernünftige Wort, das innerhalb der Mauern der Paulskirche gesprochen wurde; natürlich, denn es war gerade das, was getan werden mußte; und eine derart offene Sprache, die so direkt auf das Ziel losging, konnte jener Schar empfindsamer Seelen nur verletzen, bei denen nichts entschieden war als die Unentschiedenheit, und die, zum Handeln zu feige, ein für allemal übereingekommen waren, daß nichts tun gerade das sei, was getan werden müsse. Jedes Wort, das einem Blitze gleich die verblendete, aber beabsichtigte Vernebelung ihrer Hirne erhellte, jeder Fingerzeig, der geeignet war, sie aus dem Labyrinth herauszuführen, in dem sie solange wie möglich zu verweilen sich versteiften, jede klare Auffassung vom wirklichen Stand der Dinge war naturgemäß ein Verbrechen gegen die Majestät dieser souveränen Versammlung.

Bald nachdem die Stellung der Herren Abgeordneten in Frankfurt trotz aller Aufrufe, Resolutionen, Interpellationen und Proklamationen unhaltbar geworden war, zogen sie sich zurück, aber nicht ins Aufstandsgebiet – das wäre ein zu entschiedener Schritt gewesen. Sie gingen nach Stuttgart, wo die württembergische Regierung eine Art abwartender Neutralität wahrte. Hier erklärten sie endlich den Reichsverweser seines Amtes für enthoben und wählten aus ihrer eigenen Mitte eine Regentschaft von fünf Mitgliedern. Diese Regentschaft machte sich schleunigst daran, ein Milizgesetz annehmen zu lassen, das tatsächlich in gebührender Form allen deutschen Regierungen übermittelt wurde.

Sie, die ausgesprochenen Feinde der Nationalversammlung, wurden aufgefordert, Truppen zu deren Verteidigung auszuheben! Weiter wurde – auf dem Papier natürlich – eine Armee zur Verteidigung der Nationalversammlung geschaffen. Divisionen, Brigaden, Regimenter, Batterien, alles war genau geregelt und verordnet. Nichts fehlte als die Wirklichkeit. Denn diese Armee wurde natürlich nie ins Leben gerufen.

Noch ein letztes Mittel bot sich der Nationalversammlung. Aus allen Teilen des Landes entsandte die demokratische Bevölkerung Deputationen, um sich dem Parlament zur Verfügung zu stellen und es zu energischem Handeln anzuspornen. Das Volk, das die Absichten der württembergischen Regierung kannte, beschwor die Nationalversammlung diese Regierung zu offener, aktiver Teilnahme am Aufstand im Nachbarlande zu zwingen. Aber nein! Indem sie nach Stuttgart ging, hatte sich die Nationalversammlung der württembergischen Regierung auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Die Abgeordneten wußten das und drosselten die Bewegung im Volke. Dadurch verloren sie den letzten Rest von Einfluß, der ihnen noch geblieben sein mochte. Sie ernteten die Verachtung, die sie verdienten, und auf Drängen Preußens und des Reichsverwesers machte die württembergische Regierung dem demokratischen Possenspiel ein Ende, indem sie am 18.Juni 1849 den Sitzungssaal des Parlamentes absperrte und die Mitglieder der Regentschaft des Landes verwies.

Sie gingen nunmehr nach Baden, ins Lager des Aufstands; aber dort waren sie jetzt überflüssig: niemand schenkte ihnen Beachtung. Die Regentschaft indessen blieb – im Namen des souveränen deutschen Volkes – eifrig um die Rettung des Vaterlandes bemüht. Sie unternahm einen Versuch, von fremden Mächten anerkannt zu werden, indem Pässe ausstellte für jeden, der gewillt war, sie zu nehmen. Sie erließ Proklamationen und sandte Kommissare aus, um dieselben Gebiete Württembergs zum Aufstand zu bringen, deren aktiven Beistand sie verschmäht hatte, als es noch Zeit gewesen. Natürlich ohne Erfolg. Wir haben gerade einen Originalbericht vor uns, den einer dieser Kommissare, der Abgeordnete für Öls, Herr Rösler, der Regentschaft erstattete und dessen Inhalt recht bezeichnend ist. Es trägt das Datum Stuttgart, den 30.Juni 1849. Nachdem er die Abenteuer eines halben Dutzend dieser Kommissare bei ihrer ergebnislosen Suche nach barem Geld beschrieben, gibt er eine Reihe Entschuldigungen zum besten, weshalb er noch nicht auf seinen Posten gegangen, und ergeht sich dann in gar gewichtigen Betrachtungen über mögliche Differenzen zwischen Preußen, Österreich, Bayern und Württemberg und die möglichen Konsequenzen daraus. Nachdem er sich ausführlich damit beschäftigt, kommt er jedoch zu dem Schlusse, daß die Sache hoffnungslos sei. Danach macht er den Vorschlag, einen Postdienst aus zuverlässigen Männern zur Beförderung von vertraulichen Nachrichten und ein Spionagesystem zur Ausforschung der Absichten des württembergischen Ministeriums und der Truppenbewegungen zu schaffen. Dieser Brief ist nie beim Adressaten angelangt, denn als er geschrieben wurde, war die »Regentschaft« bereits völlig an das »Ministerium des Äußeren«, d.h. nach der Schweiz übergegangen; und während der bedauernswerte Herr Rösler sich noch über die Absichten des furchtbaren Ministeriums eines Königreichs sechsten Ranges den Kopf zerbrach, hatten bereits hunderttausend preußische, bayrische und hessische Soldaten die ganze Sache in der letzten Schlacht unter den Mauern von Rastatt erledigt.

So verschwand das deutsche Parlament und mit ihm die erste und letzte Schöpfung der deutschen Revolution. Seine Einberufung war das erste sichtbare Zeichen gewesen, daß in Deutschland eine Revolution wirklich stattgefunden hatte; und es bestand solange, wie diese erste Revolution des modernen Deutschlands noch nicht zum Abschluß gebracht worden war. Gewählt unter dem Einfluß der Kapitalistenklasse von einer zerstückelten, verstreuten Landbevölkerung, die größtenteils erst aus der Dumpfheit des Feudalismus erwachte, diente dies Parlament dazu, alle die großen, volkstümlichen Namen aus der Zeit von 1820 bis 1848, vereinigt in einer Körperschaft, auf die politische Bühne zu bringen und sie dann völlig zu erledigen. Alle Berühmtheiten des bürgerlichen Liberalismus waren hier versammelt. Die Bourgeoisie erwartete Wunder; sie erntete Schande für sich und ihre Vertreter. Die Klasse der Industrie- und Handelskapitalisten erlitt in Deutschland eine schwerere Niederlage als in irgendeinem anderen Lande; sie wurde zuerst in jedem einzelnen deutschen Staat besiegt, gedemütigt und aus den Ämtern gejagt und dann im zentralen deutschen Parlament aufs Haupt geschlagen, mit Schmähungen überhäuft und verspottet. Der Liberalismus in der Politik, die Herrschaft der Bourgeoisie, gleichviel ob unter monarchischer oder republikanischer Regierungsform, ist fortan in Deutschland unmöglich.

In der letzten Periode seines Bestehens diente das deutsche Parlament dazu, jene Partei, die seit März 1848 an der Spitze der offiziellen Opposition gestanden, mit unauslöschlicher Schmach zu bedecken: die Demokraten, die die Interessen des Kleinbürgertums und eines Teils der Bauernschaft vertraten. Diese Klasse hatte im Mai und Juni die Gelegenheit gehabt, zu zeigen, daß sie imstande sei, eine feste deutsche Regierung zu bilden. Wir haben gesehen, wie sie scheiterte, nicht so sehr infolge der Ungunst der Verhältnisse, als infolge der Feigheit, die sie bei jeder schwierigen Wendung seit Ausbruch der Revolution fortgesetzt zeigte; infolge der Kurzsichtigkeit, Kleinmütigkeit und Unentschlossenheit, die für ihr geschäftliches Gebaren bezeichnend sind und die sie auch in die Politik übertrug. Im März 1849 hatte diese Klasse durch ihr Verhalten das Vertrauen der Arbeiterklasse, der wirklichen Kampftruppe aller europäischen Erhebungen, verloren. Aber noch waren die Aussichten für sie nicht schlecht. Das deutsche Parlament war nach dem Austritt der reaktionäre und der Liberalen vollständig in ihrer Hand. Die Landbevölkerung stand auf ihrer Seite. Zwei Drittel der Truppen der kleineren Staaten, ein Drittel der preußischen Armee, der größere Teil der preußischen Landwehr waren bereit, sich ihr anzuschließen, wenn sie nur entschlossen und mit jener Kühnheit handelte, die sich aus klarer Erkenntnis der Sachlage ergibt. Aber die Politiker, die diese Klasse führten, besaßen nicht mehr Scharfblick als die Scharen der Kleinbürger, die ihnen Gefolgschaft leisteten. Es erwies sich, daß sie sogar noch verblendeter, noch leidenschaftlicher an Illusionen hingen, die sie wider besseres Wissen aufrechterhielten, daß sie noch leichtgläubiger waren und noch unfähiger, den Tatsachen entschlossen ins Auge zu sehen, als selbst die Liberalen. Ihre politische Bedeutung ist gleichfalls unter den Gefrierpunkt gesunken. Aber da sie noch keine Gelegenheit gehabt, ihre abgedroschenen Prinzipien tatsächlich in die Wirklichkeit umzusetzen, hätten sie unter sehr günstigen Umständen vorübergehend wieder aufleben können, wenn ihnen nicht, gleich ihren Kollegen von der »reinen Demokratie« in Frankreich, der coup d'état des Louis Bonaparte auch diese letzte Hoffnung genommen hätte.

Mit der Niederlage des südwestdeutschen Aufstands und dem Auseinanderjagen des deutschen Parlaments findet die Geschichte der ersten deutschen Revolution ihren Abschluß. Wir haben jetzt noch einen letzten Blick auf die siegreichen Partner der konterrevolutionären Allianz zu werfen. Das soll in unserem nächsten Briefe geschehen.

London, 24. September 1852

Ende

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