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Revolution und Konterrevolution in Deutschland

Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland - Kapitel 18
Quellenangabe
typetractate
titleRevolution und Konterrevolution in Deutschland
authorFriedrich Engels
publisherNew-York Daily Tribune
senderjtroissner@freenet.de
created20020507
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XVIII. [Die Kleinbürger]

In unserem letzten Artikel haben wir gezeigt, wie der Kampf zwischen den deutschen Regierungen auf der einen und dem Frankfurter Parlament auf der anderen Seite schließlich eine solche Heftigkeit erreichte, daß in den ersten Maitagen ein großer Teil Deutschlands sich in offenem Aufstand erhob, erst Dresden, dann die bayrische Pfalz, Teile der preußischen Rheinprovinz und zuletzt Baden.

In allen diesen Fällen bestand der wirklich kämpfende Kern der Aufständischen, jener Kern der zuerst zu den Waffen griff und sich mit den Truppen schlug aus den Arbeitern der Städte. Ein Teil der ärmeren Landbevölkerung, Landarbeiter und Kleinbauern, schloß sich ihnen im allgemeinen nach dem tatsächlichen Ausbruch des Kampfes an. Die Mehrzahl der jungen Männer aller unterhalb der Kapitalistenklasse stehenden Klassen war, wenigstens eine Zeitlang, in den Reihen der aufständischen Truppen zu finden, aber dieser ziemlich bunt zusammengewürfelte Haufen junger Leute lichtete sich sehr bald, als die Dinge eine etwas ernstere Wendung nahmen. Namentlich die Studenten, diese »Vertreter der Intelligenz«, wie sie sich gern selbst bezeichneten waren die ersten, die fahnenflüchtig wurden, soweit sie nicht durch Verleihung des Offiziersrangs, wozu sie natürlich sehr selten eigneten, zurückgehalten wurden.

Die Arbeiterklasse beteiligte sich an diesem Aufstand, wie sie sich an jedem anderen beteiligt hätte, von dem sie erwarten durfte, er werde einige Hindernisse auf ihrem Wege zur politischen Herrschaft und zur sozialen Revolution aus dem Weg räumen oder wenigstens die einflußreicheren, aber weniger mutigen Gesellschaftsklassen in eine entschiedenere revolutionäre Richtung drängen, als sie bisher eingeschlagen. Die Arbeiterklasse griff zu den Waffen in dem vollen Bewußtsein, daß dieser Kampf in seiner unmittelbaren Zielsetzung nicht ihrer eigene Sache gelte; sie befolgte jedoch die für sie allein richtige Taktik, keiner Klasse, die (wie die Bourgeoisie im Jahre 1848) auf ihren Schultern emporgestiegen, die Festigung ihrer Klassenherrschaft zu gestatten, ohne mindestens dem Kampf der Arbeiterklasse für ihre eigenen Interessen freie Bahn zu eröffnen und auf jeden Fall eine Krise herbeizuführen, die entweder die Nation mit unwiderstehlicher Gewalt auf den Weg der Revolution trieb oder aber den vorrevolutionären Status quo soweit wie möglich wiederherstellte und damit eine neue Revolution unvermeidlich machte. In beiden Fällen vertrat die Arbeiterklasse die richtig verstandenen, wahren Interessen der gesamten Nation, indem sie den Verlauf der Revolution möglichst beschleunigte, jener Revolution, die für die veralteten Gesellschaftssysteme des zivilisierten Europas jetzt eine geschichtliche Notwendigkeit geworden ist, bevor sie daran denken können, ihre Kräfte wieder ruhiger und gleichmäßiger zu entfalten.

Die Landbevölkerung, die sich dem Aufstand anschloß, wurde der Revolutionspartei in der Hauptsache teils durch die unverhältnismäßig schweren Steuerlasten, teils durch die drückenden Feudalleistungen in die Arme getrieben. Ohne eigene Initiative, stellte sie ein Anhängsel der anderen Klassen dar, die in den Aufstand getreten, und schwankte zwischen den Arbeitern auf der einen und dem Kleinbürgertum auf der anderen Seite hin und her. Fast in jedem einzelnen Fall entschied ihre besondere soziale Lage, welcher Seite sie sich zuwandte; die Landarbeiter schlossen sich in der Regel den städtischen Arbeitern an; die Kleinbauern waren geneigt, mit den Kleinbürgern Hand in Hand zu gehen.

Diese Klasse der Kleinbürger, auf deren große Bedeutung und Einfluß wir bereits wiederholt hingewiesen, kann als die führende Klasse des Maiaufstands 1849 betrachtet werden. Da diesmal keine der großen Städte Deutschlands unter den Brennpunkten der Bewegung war, gelang es dem Kleinbürgertum, das in Mittel- und Kleinstädten immer vorherrscht, die Führung der Bewegung in die Hand zu bekommen. Überdies haben wir gesehen, daß in diesem Kampf für die Reichsverfassung und die Rechte des deutschen Parlaments die Interessen gerade dieser Klasse auf dem Spiel standen. In jeder der provisorischen Regierungen, die in allen aufständischen Gebieten gebildet wurden, vertrat die Mehrheit diesen Teil des Volkes, und ihre Leistungen können daher mit Recht als Maß dessen genommen werden, wessen das deutsche Kleinbürgertum fähig ist – wie wir sehen werden, zu nichts anderem als dazu, jede Bewegung zugrunde zu richten, die sich seinen Händen anvertraut.

Dem Kleinbürgertum, groß im Prahlen, fehlt die Kraft zur Tat, und es scheut ängstlich vor jedem Wagnis zurück. Der mesquine Charakter seiner Handelsgeschäfte und Kreditoperationen ist hervorragend dazu geeignet, ihm den Stempel mangelnder Tatkraft und Unternehmungslust aufzuprägen; daher ist zu erwarten, daß die gleichen Eigenschaften auch sein politisches Auftreten kennzeichnen. Demgemäß munterte das Kleinbürgertum mit hochtrabenden Worten und prahlerischem Rühmen der Taten, die es verrichten werde, zum Aufstand auf; kaum war der Aufstand, sehr gegen seinen Willen, ausgebrochen, suchte es gierig, die Macht an sich zu reißen, machte aber von dieser Macht nur Gebrauch, um den Erfolg des Aufstands zunichte zu machen. Wo immer ein bewaffneter Zusammenstoß zu einer ernstlichen Krise führte, waren die Kleinbürger entsetzt über die gefahrvolle Lage, in die sie geraten; entsetzt über das Volk, das ihren großsprecherischen Ruf zu den Waffen ernst genommen; entsetzt über die Macht, die ihnen aufgezwungen; entsetzt vor allem über die Folgen der Politik, auf die sie sich notgedrungen eingelassen, für sich selbst, für ihre gesellschaftliche Stellung, für ihren Besitz. Wurde von ihnen nicht erwartet, für die Sache des Aufstands »Gut und Blut« einzusetzen, wie sie zu sagen pflegten? Waren sie nicht gezwungen, amtliche Stellungen im Aufstand einzunehmen und damit im Fall der Niederlage den Verlust ihres Vermögens zu riskieren? Und im Falle des Sieges, waren sie nicht sicher, sogleich aus Amt und Würden gejagt zu werden und durch die siegreichen Proletarier, die die Hauptmasse ihrer Kampftruppe bildeten, ihre ganze Politik umgestoßen zu sehen? In dieser Lage, zwischen zwei Feuern, die sie links und rechts bedrohten, wußte das Kleinbürgertum mit seiner Macht nichts anderes anzufangen, als den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen, wobei natürlich auch die geringe Aussicht auf Erfolg, die vielleicht noch bestehen mochte, verlorenging, so daß der Zusammenbruch des Aufstandes unausbleiblich wurde. Seine Taktik oder vielmehr sein Mangel an Taktik war überall gleich, und darum waren die Erhebungen des Mai 1849 in allen Teilen Deutschlands alle über denselben Leisten geschlagen.

In Dresden währte der Kampf in den Straßen der Stadt vier Tage lang. Die Dresdner Kleinbürger, die »Bürgerwehr«, beteiligte sich nicht an den Kämpfen, sondern unterstützten in zahlreichen Fällen die Truppen gegen die Aufständischen. Diese wiederum bestanden fast ausschließlich aus Arbeitern der umliegenden Fabrikbezirke. Sie fanden einen fähigen, kaltblütigen Führer in dem russischen Flüchtling Michail Bakunin, der später in Gefangenschaft geriet und gegenwärtig in den Kasematten von Munkás in Ungarn eingekerkert ist. Durch das Eingreifen einer starken preußischen Truppenmacht wurde dieser Aufstand niedergeschlagen.

In Rheinpreußen kam es nur zu unbedeutenden bewaffneten Kämpfen. Da alle großen Städte Festungen waren, die von Zitadellen beherrscht wurden, konnten die Aufständischen nur einige Scharmützel liefern. Sobald eine genügende Anzahl Truppen zusammengezogen war, war es mit dem bewaffneten Widerstand vorbei.

Mit der Pfalz und mit Baden dagegen fielen den Aufständischen eine reiche, fruchtbare Provinz und ein ganzer Staat in die Hände. Geld, Waffen, Soldaten, Kriegsvorräte, alles stand zur Verfügung. Selbst die Soldaten der regulären Armee schlossen sich den Aufständischen an, ja, in Baden standen sie in ihren vordersten Reihen. In Sachsen und in Rheinpreußen opferten sich die Aufständischen auf, um Zeit für die Organisierung der Bewegung in Süddeutschland zu gewinnen. Niemals hatte eine so günstige Lage für einen provinziellen Teilaufstand bestanden wie hier. Man erwartete eine Revolution in Paris, die Ungarn standen vor den Toren Wiens; in allen Staaten Mitteldeutschlands neigten nicht nur die Volksmassen, sondern auch die Truppen stark auf die Seite des Aufstands und warteten nur auf eine Gelegenheit, um sich ihm offen anzuschließen. Und doch war die Bewegung, einmal in die Hände des Kleinbürgertums geraten, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die kleinbürgerlichen Regenten, namentlich in Baden – an ihrer Spitze Herr Brentano –, vergaßen keinen Augenblick, daß sie durch Usurpierung des Platzes und der Prärogative des »gesetzlichen« Souveräns, des Großherzogs, Hochverrat begingen. Sie setzten sich in ihre Ministersessel mit Schuldbewußtsein im Herzen. Was kann man von solchen Feiglingen erwarten? Nicht nur, daß sie den Aufstand seiner eigenen spontanen Entwicklung überließen, ohne einheitliche Leitung und daher ohne rechte Wirkung, sie taten faktisch alles, was in ihren Kräften stand, um der Bewegung die Spitze abzubrechen, sie zu entmannen und zugrunde zu richten. Und sie taten das mit Erfolg, dank der eifrigen Unterstützung jener Sorte unergründlicher Politiker, der »demokratischen« Helden des Kleinbürgertums, die tatsächlich glaubten, »das Vaterland zu retten«, dieweilen sie sich von einer Handvoll geriebener Leute vom Schlag des Herrn Brentano an der Nase herum führen ließen.

Was die Kämpfe selbst betrifft, so sind militärische Operationen niemals nachlässiger durchgeführt worden als unter dem badischen Oberbefehlshaber Sigel, einem früheren Leutnant der regulären Armee. Alles wurde durcheinandergebracht, jede günstige Gelegenheit wurde versäumt, jeder kostbare Augenblick mit dem Ausspinnen gewaltiger, aber undurchführbarer Pläne vertrödelt, bis, als schließlich der begabte Pole Mieroslawski den Befehl übernahm, die Armee desorganisiert, geschlagen, entmutigt, mangelhaft versorgt einem viermal so starken Feind gegenüberstand, so daß dem neuen Befehlshaber nicht übrigblieb, als bei Waghäusel eine ruhmvolle, aber erfolglose Schlacht zu schlagen, einen geschickten Rückzug durchzuführen, ein letztes aussichtsloses Gefecht unter den Mauern von Rastatt zu liefern und abzudanken. Wie bei jedem Insurrektionskrieg, wo sich die Truppen aus geschulten Soldaten und aus ungeübten Aufgeboten zusammensetzen, gab es in der revolutionären Armee zahlreiche Fälle von Heldenmut und zahlreiche Fälle von unsoldatischer, oftmals unbegreiflicher Panik; aber so unvollkommen diese Armee notwendigerweise auch sein mußte, sie hatte wenigsten die Genugtuung, daß man eine vierfache Überzahl nicht für ausreichend hielt, um sie zu schlagen, und daß der Einsatz von hunderttausend Mann regulärer Truppen in einem Feldzug gegen zwanzigtausend Aufständische militärisch eine so hohe Einschätzung bekundete, wie wenn es sich um einen Kampf mit der alten Garde Napoleons gehandelt hätte.

Im Mai war der Aufstand ausgebrochen, Mitte Juli 1849 war er gänzlich niedergeworfen. Die erste deutsche Revolution war zu Ende.

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