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Revolution und Konterrevolution in Deutschland

Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
titleRevolution und Konterrevolution in Deutschland
authorFriedrich Engels
publisherNew-York Daily Tribune
senderjtroissner@freenet.de
created20020507
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XIV. [Die Wiederherstellung der Ordnung – Reichstag und Kammern]

Die ersten Monate des Jahres 1849 wurden von der österreichischen und preußischen Regierung dazu benutzt, die im Oktober und November des Vorjahres errungenen Vorteile weiter zu verfolgen. Der österreichische Reichstag hatte seit der Einnahme Wiens ein reines Schattendasein in dem kleinen mährischen Landstädtchen Kremsier geführt. Hier widerfuhr den slawischen Abgeordneten, die mitsamt ihren Wählern hauptsächlich dazu beigetragen hatten, die österreichische Regierung aus ihrer tiefen Erniedrigung wieder emporzuheben, eine einzigartige Züchtigung für ihren Verrat an der europäischen Revolution. Kaum hatte die Regierung ihre Kraft wiedererlangt, da begann sie den Reichstag und sein slawische Mehrheit mit der größten Verachtung zu behandeln, und als nach den ersten Erfolgen der kaiserlichen Waffen eine rasche Beendigung des Kriegs in Ungarn zu erwarten stand, wurde der Reichstag am 4.März aufgelöst und seine Abgeordneten mit Waffengewalt auseinandergetrieben. Jetzt erkannten die Slawen endlich, daß man sie zum Narren gehalten, und jetzt erhob sich der Ruf: Auf nach Frankfurt, laßt uns dort die Opposition weiterbetreiben, die uns hier unmöglich gemacht wird! Aber jetzt war es zu spät, und die bloße Tatsache, daß sie keine andere Wahl mehr hatten, als sich still zu verhalten oder in die machtlose Frankfurter Versammlung einzutreten – diese Tatsache allein bewies zur Genüge ihre völlige Hilflosigkeit.

So endeten für jetzt und höchstwahrscheinlich für immer die Versuche der Slawen Deutschlands, wieder zu nationaler Selbständigkeit zu gelangen. Zersplitterte Reste zahlreicher Nationen, deren Nationalität und politische Lebenskraft längst erloschen waren und die sich daher seit beinah einem Jahrhundert gezwungen sahen, den Spuren einer stärkeren Nation zu folgen, die sie überwunden, wie die Walliser in England, die Basken in Spanien, die Niederbretonen in Frankreich und in jüngster Zeit die spanischen und französischen Kreolen in den neuerdings von den Angloamerikanern besetzten Teilen Nordamerikas – diese sterbenden Völkerstämme, die Böhmen, Kärntner, Dalmatiner usw., hatten versucht, sich die allgemeine Verwirrung des Jahres 1848 zunutze zu machen, um den politischen Status quo wiederherzustellen, der A.D. 800 bestanden. Die Geschichte eines Jahrtausends müßte ihnen gezeigt haben, daß ein solcher Rückschritt nicht möglich war; daß wenn das ganze Gebiet östlich der Elbe und der Saale einstmals von miteinander verwandten slawischen Völkerschaften besiedelt gewesen, diese Tatsache nur die geschichtliche Tendenz und die physische und intellektuelle Fähigkeit der deutschen Nation bewies, ihre alten östlichen Nachbarn zu unterwerfen, aufzusaugen und sie zu assimilieren; daß diese absorbierende Tendenz der Deutschen stets eines der mächtigsten Mittel gewesen und noch ist, wodurch die westeuropäische Zivilisation in Osteuropa verbreitet wurde; daß diese Tendenz erst dann aufhören konnte, als der Prozeß der Germanisierung auf die Grenze starker, geschlossener, ungebrochener Nationen stieß, die imstande waren, ein selbständiges nationales Leben zu führen wie die Ungarn und in gewissem Grade die Polen; und daß es deshalb das natürliche unvermeidliche Schicksal dieser sterbenden Nationen war, diesen Prozeß der Auflösung und Aufsaugung durch ihre stärkeren Nachbarn sich vollenden zu lassen. Das ist allerdings keine sehr schmeichelhafte Aussicht für den nationalen Ehrgeiz der panslawistischen Schwärmer, die es fertiggebracht, einen Teil der Böhmen und Südslawen in Bewegung zu setzen, aber können sie erwarten, die Geschichte werde um tausend Jahre zurückschreiten, einigen schwindsüchtigen Völkerschaften zuliebe, die auf den von ihnen bewohnten Gebieten überall mitten unter Deutschen und in deutscher Umgebung, die seit fast undenklichen Zeiten für jede Äußerung kulturellen Lebens keine andere Sprache haben als die deutsche und denen die erste Bedingung nationaler Existenz fehlen: größere Bevölkerung und Geschlossenheit des Gebiets? Daher prallte die panslawistische Welle, unter der sich überall in den slawischen Gegenden Deutschlands und Ungarns das Streben nach Wiederherstellung der Unabhängigkeit all dieser ungezählten kleinen Nationen verbarg, überall mit der revolutionären Bewegung Europas zusammen; und mochten die Slawen auch vorgeben, für die Freiheit zu kämpfen, so waren sie doch (mit Ausnahme des demokratischen Teils der Polen) unwandelbar auf seiten des Despotismus und der Reaktion zu finden. So war es in Deutschland, so war es in Ungarn und hier und da sogar auch in der Türkei. Verräter an der Sache des Volkes, Helfershelfer und Hauptstützen des Ränkespiels der österreichischen Regierung, brachten sie sich durch ihr Verhalten bei allen revolutionären Nationen in Acht und Bann. Und obwohl die Masse des Volkes sich nirgends an dem kleinlichen Gezänk über Nationalitäten beteiligte, das die panslawistischen Führer anzettelten, schon aus dem einfachen Grunde, weil es zu unwissend war, wird es doch für immer unvergessen bleiben, daß in Prag, einer halbdeutschen Stadt, Scharen slawischer Fanatiker jubelnd den Ruf aufnahmen: »Lieber die russische Knute als die deutsche Freiheit!« Nachdem ihre erste Anstrengung 1848 nutzlos verpufft war und nach der Lehre, die ihnen die österreichische Regierung erteilte, ist kaum anzunehmen, daß sie bei späterer Gelegenheit einen neuen Versuch unternehmen. Aber wenn sie noch einmal versuchen sollten, sich unter ähnlichen Vorwänden mit den Mächten der Konterrevolution zu verbinden, so ist die Pflich t Deutschlands klar. Kein Land, das sich im Zustand der Revolution und im Krieg mit dem Ausland befindet kann eine Vendée innerhalb des Landes dulden.

Auf die Verfassung, die der Kaiser gleichzeitig mit der Auflösung des Reichstags erließ, brauchen wir nicht zurückzukommen, denn sie ist praktisch niemals wirksam geworden und ist jetzt bereits völlig beseitigt. Der Absolutismus ist in Österreich seit dem 4.März 1849 in jeder Beziehung vollständig wiederhergestellt.

In Preußen traten im Februar die Kammern zusammen, um die vom König erlassene neue Verfassung zu revidieren und zu bestätigen. Sie tagten etwa sechs Wochen, unterwürfig und demütig genug in ihrem Verhalten gegenüber der Regierung, aber doch nicht ganz so gefügig, wie der König und seine Minister sie haben wollten. Deshalb wurden sie auch bei der ersten passenden Angelegenheit aufgelöst.

Damit war man fürs erste in Österreich wie in Preußen der Fesseln der parlamentarischen Kontrolle ledig. Die beiden Regierungen konzentrierten jetzt die gesamte Macht bei sich allein und konnten sie überall einsetzen, wo sie gerade gebraucht wurde, Österreich gegen Ungarn und Italien, Preußen gegen Deutschland. Denn auch Preußen rüstete zu einem Feldzug, durch den die »Ordnung« in den kleineren Staaten wiederhergestellt werden sollte.

Nachdem jetzt in den beiden großen Mittelpunkten der Bewegung in Deutschland, in Wien und Berlin, die Konterevolution wieder das Heft in der Hand hatte, blieben nur die kleineren Staaten, in denen der Kampf noch nicht entschieden war, obgleich sich die Waage auch dort immer mehr zuungunsten der Revolution senkte. Diese kleineren Staaten hatten, wie schon bemerkt, einen gemeinsamen Mittelpunkt in der Frankfurter Nationalversammlung gefunden. Nun war aber diese sogenannte Nationalversammlung, mochte auch ihr reaktionärer Charakter längst so offenkundig sein, daß das Volk in Frankfurt selbst die Waffen gegen sie erhob, ihrem Ursprung nach doch mehr oder weniger revolutionärer Natur. Sie hatte im Januar eine abnorme, revolutionäre Stellung eingenommen. Ihre Zuständigkeit war niemals abgegrenzt wurden, und schließlich hatte sie sich zu dem – von den größeren Staaten allerdings niemals anerkannten – Entschluß aufgerafft, ihren Beschlüssen Gesetzeskraft zu verleihen. Unter diesen Umständen, und da die konstitutionell-monarchistische Partei infolge des Wiedererstarkens des Absolutismus ihre Stellung völlig verändert sah, ist es nicht verwunderlich, daß die liberale monarchistische Bourgeoisie fast in ganz Deutschland ihre letzte Hoffnung auf die Mehrheit dieser Versammlung setzte, ebenso wie das Kleinbürgertum, der Kern der demokratischen Partei, in seiner wachsenden Bedrängnis sich um jene Minderheit der gleichen Körperschaft scharte, die in der Tat die letzte geschlossene parlamentarische Phalanx der Demokratie darstellte. Auf der anderen Seite erkannten die größeren Regierungen und besonders die preußische immer mehr die Unvereinbarkeit einer solchen regelwidrigen, aus Wahlen hervorgegangenen Körperschaft mit dem wiederhergestellten monarchischen System in Deutschland, und wenn sie nicht sofort ihre Auflösung erzwangen, so nur darum, weil die Zeit dazu noch nicht gekommen war und weil Preußen sie zunächst noch zur Förderung seiner eigenen ehrgeizigen Pläne ausnutzen wollte.

Inzwischen verfiel diese klägliche Versammlung selbst in immer größere Verwirrung. Ihre Deputationen und Kommissare waren in Wien wie in Berlin mit der größten Verachtung behandelt, eines ihrer Mitglieder, trotz seiner parlamentarischen Immunität, in Wien als gemeiner Rebell hingerichtet worden. Ihre Erlasse wurden nirgends beachtet; wenn die größeren Staaten sie überhaupt zur Kenntnis nahmen, so nur in Protestnoten, die der Versammlung das Recht abstritten, Gesetze anzunehmen und Beschlüsse zu fassen, die für ihre Regierungen bindend seien. Das Vertretungsorgan der Versammlung, die Zentrale Exekutivgewalt, war mit fast allen Kabinetten Deutschlands in diplomatische Händel verwickelt, und trotz aller ihrer Bemühungen konnten werde die Versammlung noch die Zentralregierung Österreich oder Preußen dazu bringen, ihre Absichten, Pläne und Forderungen endgültig darzulegen. Endlich begann die Versammlung wenigstens klar zu erkennen, daß sie sich alle Macht hatte entgleiten lassen, daß sie Österreich und Preußen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert war und daß sie, wenn sie überhaupt eine Reichsverfassung für Deutschland zustande bringen wollte, sofort und allen Ernstes an diese Aufgabe herangehen mußte. Und viele ihrer schwankenden Mitglieder erkannten jetzt ebenfalls klar, daß sie von den Regierungen gründlich zum Narren gehalten worden waren. Aber was konnten sie bei ihrer Ohnmacht jetzt noch tun? Der einzige Schritt, der sie noch retten konnte, war der schleunige, entschiedene Übergang in das Lager des Volkes, obgleich der Erfolg selbst dieses Schrittes mehr als zweifelhaft geworden; und bei alledem, wo waren in diesem hilflosen Haufen unentschlossener, kurzsichtiger, aufgeblasener Geschöpfe, die, wenn der ewige Lärm widerspruchsvoller Gerüchte und diplomatischer Noten sie völlig betäubte, ihren einzigen Trost und Halt in der endlos wiederholten Versicherung suchten, daß sie die besten, die größten, die weisesten Männer des Landes seien, die allein Deutschland retten könnten; – wo waren, fragten wir, unter diesen Jammergestalten, die ein einziges Jahr parlamentarischen Lebens zu völligen Idioten gemacht, wo waren da die Männer, die einen raschen, kraftvollen Entschluß fassen, geschweige den tatkräftig und konsequent handeln konnten?

Endlich ließ die österreichische Regierung die Maske fallen. In ihrer Verfassung vom 4.März erklärte sie Österreich zur unteilbaren Monarchie mit gemeinsamem Finanz- und Zollsystem und gemeinsamem Heerwesen, um so alle trennenden Schranken zwischen den deutschen und nichtdeutschen Provinzen zu beseitigen. Diese Erklärung stand im schroffen Widerspruch zu Resolutionen und Artikeln der künftigen Reichsverfassung, die von der Frankfurter Versammlung bereits angenommen worden waren. Das war der Fehdehandschuh, den ihr Österreich hinwarf, und der armen Versammlung blieb keine andere Wahl, als ihn aufzunehmen. Sie tat dies mit einiger Prahlerei, was Österreich im Bewußtsein seiner Macht und der völligen Bedeutungslosigkeit der Versammlung ruhig hingehen lassen konnte. Und diese Vertretung des deutschen Volkes, wie diese köstliche Versammlung sich selbst betitelte, wußte, um sich für diesen Schimpf an Österreich zu rächen, nicht besseres zu tun, als sich, an Händen und Füßen gebunden, der preußischen Regierung zu Füßen zu werfen. So unglaublich es auch scheinen mag, sie beugte das Knie vor denselben Ministern, die sie als verfassungswidrig und volksfeindlich gebrandmarkt und auf deren Entlassung sie vergeblich gedrungen. Die Einzelheiten dieser schmachvollen Verhandlungen und die tragikomischen Ereignisse, die ihnen folgten, werden der Gegenstand unseres nächsten Briefes bilden.

London, April 1852

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