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Revolution und Konterrevolution in Deutschland

Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland - Kapitel 13
Quellenangabe
typetractate
titleRevolution und Konterrevolution in Deutschland
authorFriedrich Engels
publisherNew-York Daily Tribune
senderjtroissner@freenet.de
created20020507
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XIII. [Die preußische konstituierende Versammlung – die Frankfurter Nationalversammlung]

Am 1.November fiel Wien, und am 9. desselben Monats zeigte die Auflösung der konstituierenden Versammlung in Berlin, wie sehr dies Ereignis sofort den Mut und die Kraft der konterrevolutionären Partei in ganz Deutschland gehoben hatte.

Die Ereignisse des Sommers 1848 in Preußen sind bald erzählt. Die konstituierende Versammlung, oder richtiger »die Versammlung, die gewählt war, um mit der Krone eine Verfassung zu vereinbaren«, und ihre aus Vertretern der Bourgeoisie bestehende Mehrheit hatten sich längst um jede Achtung der Öffentlichkeit gebracht, weil sie sich aus Angst vor dem energischeren Teil der Bevölkerung zu allen Intrigen des Hofes hergaben. Sie hatten die verhaßten feudalen Vorrechte bestätigt oder vielmehr wiederhergestellt und so die Freiheit und die Interessen der Bauernschaft verraten. Sie hatten sich weder als fähig erwiesen, einen Verfassungsentwurf auszuarbeiten, noch die Gesetzgebung überhaupt zu verbessern. Sie hatten sich fast ausschließlich mit theoretischen Haarspaltereien befaßt, bloßen Formalitäten und Fragen der konstitutionellen Etikette. Die Versammlung war tatsächlich mehr eine Schule des parlamentarischen savoir-vivre für ihre Mitglieder als eine Körperschaft, der das Volk Interesse entgegen bringen konnte. Überdies waren die großen Gruppen ziemlich gleich stark, und fast immer gaben die wankelmütigen Abgeordneten des Zentrums den Ausschlag, deren Schwankungen von rechts nach links und umgekehrt erst den Sturz des Ministeriums Camphausen, dann des Ministeriums Auerswald-Hansemann herbeiführten. Aber während so die Liberalen, hier wie überall sonst, den günstigen Augenblick ungenutzt verstreichen ließen, sammelte der Hof die Kräfte wieder, auf die er sich im Adel und bei dem zurückgebliebensten Teil der Landbevölkerung wie auch in der Armee und der Bürokratie stützen konnte. Nach dem Sturze Hansemanns wurde ein Ministerium von Bürokraten und Offizieren gebildet, lauter eingefleischte Reaktionären, das aber zum Schein den Wünschen des Parlaments nachgab; und die Versammlung, die nach dem bequemen Grundsatz verfuhr, nur auf die »Maßnahmen und nicht auf Männer« komme es an, ließ sich tatsächlich derart übertölpeln, daß sie dieses Ministerium mit Beifall begrüßte, während sie natürlich kein Auge für die Konzentration und Organisierung der konterrevolutionären Kräfte hatte, die dies selbe Ministerium recht offen betrieb. Als schließlich der Fall von Wien das Signal gegeben, entließ der König seine Minister und ersetzte sie durch »Männer der Tat« unter Führung des jetzigen Ministerpräsidenten, des Herrn Manteuffel. Da wurde sich die traumversunkene Versammlung auf einmal der Gefahr bewußt; sie sprach dem Kabinett ihr Mißtrauen aus, was sofort durch einen Erlaß beantwortet wurde, der den Sitz der Versammlung von Berlin, wo sie im Fall eines Konflikts auf die Unterstützung der Massen zählen konnte, nach Brandenburg verlegte, einer kleinen Provinzstadt, die völlig von der Regierung abhing. Die Versammlung erklärte jedoch, sie könne ohne ihr Einverständnis weder vertagt noch verlegt, noch aufgelöst werden. Mittlerweile rückte General Wrangel an der Spitze von etwa 40000 Mann in Berlin ein. In einer Zusammenkunft der städtischen Behörden und der Offiziere der Bürgerwehr wurde beschlossen, von Widerstand abzusehen. Und nun, nachdem die Versammlung und die liberale Bourgeoisie, aus der sie hervorgegangen, den vereinigten Kräften der Reaktion gestattet hatte, alle wichtigen Posten zu besetzen und ihren Händen fast jede Verteidigungsmöglichkeit zu entwinden, begann jene grandiose Komödie des »passiven Widerstandes im Rahmen der Gesetze«, die sie zu einer glorreichen Nachahmung des Beispiels von Hampden und der ersten Maßnahmen der Amerikaner im Unabhängigkeitskrieg zu gestalten dachte. Über Berlin wurde der Belagerungszustand verhängt – und Berlin blieb ruhig; die Bürgerwehr wurde von der Regierung aufgelöst – und ihre Waffen wurden mit der größten Pünktlichkeit abgeliefert. Die Versammlung wurde vierzehn Tage lang von einem Sitzungssaal zum anderen gejagt und überall durch Militär auseinandergetrieben – und die Mitglieder der Versammlung beschworen die Bürger, Ruhe zu bewahren. Von der Regierung zuletzt für aufgelöst erklärt, beschloß die Versammlung, die Steuererhebung für ungesetzlich zu erklären, und dann zerstreuten sich ihre Mitgli eder über das ganze Land, um die Steuerverweigerung zu organisieren. Aber sie mußten entdecken, daß sie sich in der Wahl ihrer Mittel kläglich vergriffen hatten. Nach einigen bewegten Wochen, denen strenge Maßnahmen der Regierung gegen die Opposition folgten, gab man allgemein den Gedanken auf, einer praktisch abgestorbenen Versammlung zuliebe, die nicht einmal den Mut zur Selbstverteidigung aufgebracht, die Steuern zu verweigern.

Ob es Anfang November 1848 bereits zu spät war, den bewaffneten Widerstand zu versuchen, oder ob ein Teil der Armee, wäre er auf ernstliche Gegenwehr gestoßen, sich auf die Seite der Versammlung geschlagen und so die Sache zu ihren Gunsten entschieden hätte, ist eine Frage, die wohl für immer ungelöst bleiben wird. Aber in der Revolution wie im Kriege ist es immer notwendig, dem Feind die Spitze zu bieten, und wer angreift ist im Vorteil; und in der Revolution wie im Krieg ist es unbedingt notwendig, im entscheidenden Augenblick alles zu wagen, wie die Chancen auch stehen mögen. Es gibt keine einzige erfolgreiche Revolution in der Geschichte, die nicht die Richtigkeit dieser Axiome beweist. Für die preußische Revolution war nun aber im November 1848 der entscheidende Augenblick gekommen; die Versammlung, die offiziell an der Spitze der ganzen revolutionären Bewegung stand, bot dem Feind jedoch nicht die Stirn, sondern wich bei jedem feindlichen Vorstoß zurück; noch weniger ging sie zum Angriff über – zog sie doch vor, sich nicht einmal zu verteidigen; und als der entscheidende Augenblick gekommen, als Wrangel an der Spitze von 40000 Mann an die Tore Berlins pochte, da fand er nicht jede Straße mit Barrikaden verrammelt, jedes Fenster in eine Schießscharte verwandelt, wie er und alle seine Offiziere bestimmt erwartet hatten, sondern er fand die Tore offen und auf den Straßen als einziges Hindernis friedliche Berliner Bürger, die sich köstlich über den Streich belustigten, den sie Wrangel dadurch gespielt, daß sie sich, an Händen und Füßen gebunden, den erstaunten Soldaten auslieferten. Allerdings hätten Versammlung und Volk im Falle des Widerstandes geschlagen werden können, Berlin konnte bombardiert werden, und viele Hunderte wären dabei vielleicht ums Leben gekommen, ohne den schließlichen Sieg der Königspartei zu verhindern. Aber das war kein Grund, ohne weiteres die Waffen zu strecken. Eine Niederlage nach schwerem Kampf ist eine Tatsache von ebenso großer revolutionärer Bedeutung wie ein leicht errungener Sieg. Die Niederlagen von Paris im Juni 1848 und von Wien im Oktober haben zur Revolutionierung der Bevölkerung dieser beiden Städte sicher weit mehr beigetragen als die Siege von Februar und März. Die Versammlung und das Volk von Berlin hätten wahrscheinlich das Schicksal jener beiden Städte geteilt; aber sie wären ruhmvoll unterlegen und hätten in den Herzen der Überlebenden das Verlangen nach Rache hinterlassen, das in revolutionären Zeiten eine der stärksten Triebfedern zu energischem, leidenschaftlichem Handeln bildet. Bei jedem Kampf ist es selbstverständlich, daß derjenige, der den Handschuh aufnimmt, Gefahr läuft, geschlagen zu werden; aber ist das ein Grund, sich geschlagen zu geben und das Joch auf sich zu nehmen, ohne das Schwert gezogen zu haben?

Wer in einer Revolution eine entscheidende Stellung befehligt und sie dem Feind übergibt, statt ihn zu zwingen, einen Sturm auf sie zu wagen, verdient unter allen Umständen, als Verräter behandelt zu werden.

Der gleiche Erlaß des Königs von Preußen, der die konstituierende Versammlung auflöste, verkündete auch eine neue Verfassung, die auf dem von einem Ausschuß der Versammlung ausgearbeiteten Entwurf beruhte, wobei jedoch in manchen Punkten die Befugnisse der Krone erweitert, in anderen Fällen die des Parlamentes in Frage gestellt wurden. Diese Verfassung sah zwei Kammern vor, die demnächst zusammentreten sollten, um die Verfassung zu revidieren und zu bestätigen.

Wir brauchen kaum zu fragen, wo die deutsche Nationalversammlung während des »legalen und friedlichen« Kampfes der preußischen Konstitutionalisten war. Sie war, wie gewöhnlich, in Frankfurt damit beschäftigt, höchst zahme Resolutionen gegen das Vorgehen der preußischen Regierung zu fassen und das »imposante Schauspiel des passiven, gesetzlichen, einmütigen Widerstandes eines ganzen Volkes gegen brutale Gewalt« zu bewundern. Die Zentralregierung sandte Kommissare nach Berlin, die zwischen dem Ministerium und der Versammlung vermitteln sollten; aber sie fanden dasselbe Schicksal wie ihre Vorgänger in Olmütz und wurden höflich hinauskomplimentiert. Die Linke der Nationalversammlung, d.h. die sogenannte radikale Partei, entsandte ebenfalls Kommissare; aber nachdem sie sich von der völligen Hilflosigkeit der Berliner Versammlung gebührend überzeugt und ihrerseits ebenso große Hilflosigkeit an den Tag gelegt hatten, kehrten sie nach Frankfurt zurück, um über den Stand der Dinge zu berichten und die bewundernswert friedliche Haltung der Berliner zu bezeugen. Ja, noch mehr! Als Herr Bassermann, einer der Kommissare der Zentralregierung, berichtete, die jüngsten scharfen Maßnahmen des preußischen Ministeriums seien nicht unbegründet, da man in letzter Zeit allerhand verwegen aussehende Gestalten in den Straßen Berlins habe herumstrolchen sehen, wie sie immer am Vorabend anarchischer Bewegungen auftauchten (und die seitdem den Namen »Bassermannsche Gestalten« erhalten haben), da erhoben sich in allem Ernst jene würdigen Abgeordneten der Linken und entschiedenen Verfechter der revolutionären Belange, um zu beschwören und zu bezeugen, daß dem nicht so sei! So hatte sich im Verlaufe zweier Monate die völlige Unfähigkeit der Frankfurter Versammlung klar erwiesen. Schärfer konnte nicht mehr bewiesen werden, daß diese Körperschaft ihrer Aufgabe nicht im geringsten gewachsen war, ja, daß sie nicht im entferntesten einen Begriff davon hatte, was in Wirklichkeit ihre Aufgabe war. Die Tatsache, daß die Entscheidung über das Schicksal der Revolution in Wien und Berlin fiel, daß in diesen beiden Hauptstädten die wichtigsten Lebensfragen erledigt wurden, ohne das man von der Existenz der Frankfurter Versammlung auch nur die leiseste Notiz nahm – diese Tatsache allein genügt, um festzustellen, daß diese Körperschaft ein bloßer Debattierklub war, bestehend aus einer Ansammlung leichtgläubiger Tröpfe, die sich von den Regierungen als parlamentarische Marionetten mißbrauchen ließen, um zur Belustigung der Krämer und Handwerker kleiner Staaten und Städte ein Schauspiel zu geben, solange man es für angezeigt hielt, die Aufmerksamkeit dieser Herrschaften abzulenken. Wie lange man das für angezeigt hielt, werden wir bald sehen. Aber es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß unter all den »hervorragenden« Männern dieser Versammlung nicht ein einziger war, der auch nur die geringste Ahnung von der Rolle hatte, die man sie zu spielen zwang, und daß bis auf den heutigen Tag Exmitglieder des Frankfurter Klubs unwandelbar ganz eigengeartete Organe für das Erfassen geschichtlicher Vorgänge haben.

London, März 1852

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