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Revolution und Konterrevolution in Deutschland

Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
titleRevolution und Konterrevolution in Deutschland
authorFriedrich Engels
publisherNew-York Daily Tribune
senderjtroissner@freenet.de
created20020507
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X. [Der Pariser Aufstand –Die Frankfurter Nationalversammlung]

Schon Anfang April 1848 war die revolutionäre Flut auf dem ganzen europäischen Kontinent eingedämmt durch das Bündnis, das jene Gesellschaftsklassen, die aus den ersten Siegen Nutzen gezogen, sofort mit den Besiegten eingingen. In Frankreich hatte sich das Kleinbürgertum und der republikanische Teil der Bourgeoisie mit der monarchistischen Bourgeoisie gegen das Proletariat zusammengetan; in Deutschland und Italien hatte die siegreiche Bourgeoisie eifrig für die Unterstützung des Feudaladels, der staatlichen Bürokratie und der Armee gegen die Masse des Volkes und der Kleinbürger geworben. Gar bald bekamen die vereinigten konservativen und konterrevolutionären Parteien wieder Oberwasser. In England gestaltete sich eine zur Unzeit abgehaltene, schlecht vorbereitete Volkskundgebung (10.April) zu einer vollständigen und entscheidenden Niederlage der Bewegungspartei. In Frankreich wurden zwei ähnliche Bewegungen (am 16.April und am 15.Mai) gleichfalls niedergeschlagen. In Italien erlangte König Bomba am 15.Mai mit einem einzigen Schlage wieder die alte Macht. In Deutschland festigten sich die verschiedenen neuen Bourgeoisieregierungen und ihre konstituierenden Versammlungen, und wenn der ereignisreiche 15.Mai in Wien zu einem Sieg des Volkes führte, so war das ein Geschehnis von bloß untergeordneter Bedeutung, das als das letzte erfolgreiche Aufflackern der Volksenergie betrachtet werden kann. In Ungarn schien die Bewegung in das ruhige Fahrwasser völliger Gesetzlichkeit einzulenken, und die polnische Bewegung wurde, wie wir in unserem letzten Artikel gesehen, durch preußische Bajonette im Keime erstickt. Aber noch war die Wendung, die die Dinge schließlich nehmen sollten, in keiner Weise entschieden, und jeder Zollbreit Boden, den die revolutionären Parteien in den verschiedenen Ländern verloren, war für sie nur ein Ansporn, ihre Reihen immer enger zu schließen zum entscheidenden Kampf.

Der entscheidende Kampf rückte näher. Er konnte nur in Frankreich ausgefochten werden; denn solange England an dem revolutionären Ringen nicht teilnahm und Deutschland zersplittert blieb, war Frankreich dank seiner nationalen Unabhängigkeit, seiner Zivilisation und Zentralisierung das einzige Land, das den Ländern ringsum den Anstoß zu einer gewaltigen Erschütterung geben konnte. Als daher am 23.Juni 1848 das blutige Ringen in Paris begann, als jedes neue Telegramm, jede neue Post vor den Augen Europas immer klarer die Tatsache enthüllte, daß dieser Kampf zwischen der Masse des arbeitenden Volkes einerseits und allen übrigen, von der Armee unterstützen Klassen der Pariser Bevölkerung andererseits, geführt wurde, als sich der Kampf mehrere Tage hinzog, mit einer Erbitterung, die in der Geschichte des modernen Bürgerkrieges ohnegleichen ist, jedoch ohne erkennbaren Vorteil für die eine oder die andere Seite – da war jedermann klar, daß dies die große Entscheidungsschlacht war, die, wenn der Aufstand siegte, den ganzen Kontinent mit erneuten Revolutionen überfluten, wenn er aber unterlag, zum mindestens vorübergehend zur Wiederaufrichtung des konterrevolutionären Regimes führen mußte.

Die Proletarier von Paris wurden geschlagen, dezimiert, zerschmettert, dermaßen, daß sie sich von dem Schlag bis heute noch nicht wieder erholt haben. Und sofort erhoben in ganz Europa die neuen und alten Konservativen und Konterrevolutionäre das Haupt mit einer Frechheit, die zeigte, wie gut sie die Bedeutung der Ereignisse verstanden. Überall fiel man über die Presse her, das Vereins- und Versammlungsrecht wurde geschmälert, jeder unbedeutende Vorfall in irgendeiner kleinen Provinzstadt zum Vorwand genommen, das Volk zu entwaffnen, den Belagerungszustand zu verhängen, die Truppen in den neuen Manövern und Kunstgriffen zu drillen, die Cavaignac gelehrt. Zudem war zum erstenmal seit dem Februar beweisen, daß es ein Irrtum war, eine Volkserhebung in einer großen Stadt für unbesiegbar zu halten; die Ehre der Armee war wiederhergestellt; die Truppen, die bisher in jedem Straßenkampf von Bedeutung den kürzeren gezogen, gewannen wieder Zuversicht, auch dieser Art des Kampfes gewachsen zu sein.

Vor dieser Niederlage der ouvriers von Paris an kann man die ersten entschiedenen Schritte und bestimmten Pläne der alten feudal-bürokratischen Partei in Deutschland datieren, sich sogar ihres augenblicklichen Verbündeten, der Bourgeoisie zu entledigen und in Deutschland wieder den Zustand herzustellen, in dem es sich vor den Märzereignissen befand. Die Armee war wieder die entscheidende Macht im Staate, und die Armee gehörte nicht der Bourgeoisie, sondern eben jener Partei. Selbst in Preußen, wo vor 1848 bei einem Teil der Offiziere der unteren Rangstufen eine beträchtliche Neigung für ein konstitutionelles Regime beobachtet worden war, führte die durch die Revolution in die Armee hineingetragene Unordnung diese räsonierenden jungen Leute zu strammer Unterordnung zurück; sobald sich der einfache Soldat ein wenig Freiheit gegenüber den Offizieren herausnahm, schwand bei ihnen sofort jeder Zweifel an der Notwendigkeit von Disziplin und stummen Gehorsam. Die besiegten Adligen und Bürokraten begannen jetzt zu erkennen, welchen Weg sie einschlagen mußten; die Armee, stärker geeint denn je, mit gehobenem Selbstgefühl infolge des Sieges über kleinere Aufstände und in Kriegen mit anderen Ländern, eifersüchtig auf den großen Erfolg, den das französische Militär soeben errungen – diese Armee brauchte man nur ständig in kleine Konflikte mit dem Volke zu bringen, und sie konnte, war nur der entscheidende Augenblick erst einmal gekommen, mit einem großen Schlage die Revolutionäre zermalmen und mit den Anmaßungen der bürgerlichen Parlamentarier Schluß machen. Und der geeignete Augenblick für einen solchen Schlag kam bald genug.

Wir übergehen die zuweilen merkwürdigen, meist aber langweiligen parlamentarischen Verhandlungen und lokalen Kämpfe, die in Deutschland die verschiedenen Parteien während des Sommers beschäftigten. Es genüge zu sagen, daß die Verfechter der Interessen der Bourgeoisie, trotz zahlreicher parlamentarischer Triumphe, von denen nicht ein einziger zu irgendeinem praktischen Ergebnis führte, im allgemeinen fühlten, daß ihre Stellung zwischen den extremen Parteien von Tag zu Tag unhaltbarer wurde und daß sie sich daher gezwungen sahen, heute ein Bündnis mit den Reaktionären zu suchen und morgen um die Gunst der beim Volke beliebteren Parteien zu buhlen. Dieses ständige Schwanken gab ihrem Ansehen in der öffentlichen Meinung vollends den Rest, und bei der Wendung, die die Dinge nahmen, kam die Verachtung, der sie verfielen, für den Augenblick hauptsächlich den Bürokraten und den Anhängern des Feudalismus zugute.

Zu Beginn des Herbstes war die Stellung der verschiedenen Parteien zueinander so gereizt und kritisch geworden, daß eine Entscheidungsschlacht nicht mehr zu vermeiden war. Das erste Treffen in diesem Krieg zwischen den demokratischen und revolutionären Massen und der Armee fand in Frankfurt statt. Obwohl nur von untergeordneter Bedeutung, brachte es doch den Truppen den ersten bemerkenswerten Vorteil gegenüber den Aufständischen und hatte eine große moralische Wirkung. Der von der Frankfurter Nationalversammlung eingesetzten Scheinregierung war von Preußen aus sehr durchsichtigen Gründen erlaubt worden, einen Waffenstillstand mit Dänemark zu schließen, der nicht nur die Deutschen in Schleswig der dänischen Rache preisgab, sondern auch die mehr oder weniger revolutionären Grundsätze, die bei dem dänischen Krieg nach allgemeiner Ansicht eine maßgebende Rolle spielten, völlig verleugnete. Dieser Waffenstillstand wurde von der Frankfurter Versammlung mit einer Mehrheit von zwei oder drei Stimmen abgelehnt. Die Abstimmung hatte eine Scheinkrise des Ministeriums zur Folge, aber drei Tage später kam die Versammlung auf ihren Beschluß zurück und ließ sich tatsächlich dazu bringen, ihn umzustoßen und den Waffenstillstand zu billigen. Dieses schmachvolle Verhalten erregte im Volk Empörung. Barrikaden wurden errichtet, aber es waren bereits genügend Truppen nach Frankfurt beordert worden, und nach sechsstündigem Kampf war die Erhebung niedergeschlagen. Im Zusammenhang mit diesem Ereignis fanden in anderen Teilen Deutschlands (Baden, Köln) ähnliche, wenn auch weniger bedeutende Bewegungen statt, die aber gleichfalls niedergeschlagen wurden.

Dieses Vorgefecht brachte der konterrevolutionären Partei den einen großen Vorteil, daß jetzt die einzige Regierung, die – wenigstens dem Anschein nach – ausschließlich aus Volkswahlen hervorgegangen war, die Reichsregierung zu Frankfurt, ebenso wie die Nationalversammlung, in den Augen des Volkes erledigt war. Diese Regierung und diese Versammlung waren gezwungen gewesen, gegenüber der Kundgebung des Volkswillens an die Bajonette der Truppen zu appellieren. Sie waren kompromittiert, und so gering das Ansehen auch war, auf das sie bisher Anspruch erheben konnten, diese Verleugnung ihres Ursprungs, diese Abhängigkeit von den volksfeindlichen Regierungen und deren Truppen machten fortan den Reichsverweser, seine Minister und seine Abgeordneten vollends zu Nullen. Wir werden bald sehen, wie zuerst Österreich, dann Preußen und schließlich auch die kleineren Staaten jede Verfügung, jedes Ansuchen, jede Abordnung dieser Gesellschaft impotenter Träumer, die bei ihnen vorsprach, mit Verachtung behandelten.

Wir kommen jetzt zu dem großen Gegenstück der französischen Junischlacht in Deutschland, jenem Ereignis, das für Deutschland ebenso entscheiden war, wie der Kampf des Pariser Proletariats es für Frankreich gewesen: Wir meinen die revolutionäre Erhebung und darauffolgende Erstürmung Wiens im Oktober 1848. Dieser Kampf ist aber von solcher Bedeutung und die Erklärung der verschiedenen Umstände, die für seinen Ausgang in erster Linie mitbestimmend waren, wird soviel Raum der »Tribune« in Anspruch nehmen, daß wir genötigt sind, sie in einem besonderen Brief zu behandeln.

London, Februar 1852

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