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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 84
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authorJoseph Roth
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Alte Kosaken

Vor zwanzig Jahren kam die Truppe eben aus Rußland, singende Kosaken. Ich kannte sie. Sie machten halt in Berlin zuerst. Dann spielten sie ein paar Wochen in Wien. Dann sah ich sie in Zürich wieder, später in Belgrad, in Bukarest. Ihr Schicksal, das Schicksal fahrender Sänger, das in Konzertagenturen gesponnen wird, trieb sie nordwärts, nach Prag, dann nach Kopenhagen. Von hier kamen sie nach London. Von London nach Paris. Junge, gesunde Kosaken waren sie, in weiß-seidenen Rubaschkas, mit kaukasischen Gürteln und in hohen Stiefeln. Jeder spielte ein anderes Instrument, und jeder konnte jedes Instrument spielen. Sie waren freilich Musikanten und Sänger von Beruf, aber ihr Geschäft verlangte es, daß sie sich Kosaken nannten. Nur einige unter ihnen stammten von authentischen Kosakenfamilien ab. Aber wenn Kleider auch nicht Leute machen, so machen Lieder Kosaken, und meine Sänger sangen und musizierten so, wie es die Originale am Don auch nicht besser konnten. Sie hatten freilich das Heimweh in den Herzen und in den Kehlen und in den obligaten Balalaikas. Aber sie gehörten noch zu den ersten Opfern einer Welt, die damals gerade anfing, Heimatlose zu schaffen, und noch lange nicht, sie zu jagen. Auch konnten meine Kosaken noch hoffen, daß sich die »Verhältnisse ändern« würden. Also lebten sie von der Vergangenheit in den Tag hinein, aber in der Hoffnung, daß gerade er die Zukunft sei. Von der Politik hatten sie keine Ahnung. Sie waren die beruflichen Sänger eines vertriebenen Publikums gewesen und einfach ihren Zuhörern in die Fremde gefolgt.

Auch Frauen gab es unter ihnen, junge, kräftige. Am Vormittag sahen sie vergrämten Mädchen aus dem russischen Volke ähnlich; immerhin waren ihre Gesichter breit und schön, ganze Landschaften. Der Blick spazierte darin umher. Aber am Abend waren sie Prinzessinnen in blauen Kleidern, silberne Krönchen im Haar und silberne Schuhe an den Füßen, die wie Kleinodien unter langen Schleppen hervorlugten. Von einer Stadt zur anderen fuhren sie zwar in reservierten Kupees, aber dritter Klasse. Eigentlich reisten sie gar nicht: Sie wurden befördert.

Vor einigen Tagen traf ich sie wieder. Noch einmal hatte sie die Konzertagentur nach Paris geschickt, sie und die Balalaikas und die blauen Kleider, die silbernen Krönchen, die silbernen Schuhe, die weißen Rubaschkas und die kaukasischen Gürtel. Die Frauen trugen mehr Schminke, mehr Puder, mehr »Intimes«, und die Stiefel der Männer glänzten wie eh und je. Aber wie müde waren die Füße in diesen Stiefeln, weitgewanderte Füße in sorgfältig geschonten Stiefeln! Und die Kosakengesichter waren schwammig geworden. Und zwanzig Jahre sind eine lange Zeit! Das Heimweh altert, und die Hoffnung ist schon tot ...

Neue Emigranten sind gekommen. Du und ich zum Beispiel, mit einem Weh, das zwanzig Jahre jünger ist. Und unsere Schicksale werden eher in Ministerien gesponnen als in Konzertagenturen. Aber viele »Tourneen« werden wir noch antreten; und man müßte schon ein echter Kosak sein, um sie zu überstehen.

Pariser Tageszeitung, 20. 1. 1939

 

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