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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 83
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authorJoseph Roth
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Im Bistro nach Mitternacht

In dem Bistro, in dem ich jeden Tag nach Mitternacht zu sitzen pflege, verkehren die sogenannten kleinen Leute aus dem Quartier: Briefträger, die den ganzen Tag gearbeitet haben, Polizisten, die im Begriff sind, den Nachtdienst anzutreten, und vorher noch einen schwarzen Kaffee mit Kirsch trinken (denn es handelt sich darum, nicht nur wach zu bleiben, sondern auch in der Laune, wach zu bleiben). Kellner, die vom Dienst heimkehren, Schauspieler, deren Theater eben geschlossen worden ist, auch die Kulissenschieber dieses Theaters, Chauffeure, deren Halteplatz sich just vor meinem Bistro befindet und zufällige Passanten, die eigentlich nur ein harmloses Paket Zigaretten zu kaufen eingetreten waren, aber, verführt von dem verwirrenden, um nicht zu sagen: bunten Anblick der Gäste vor der Theke und den mehrfarbigen Getränken, die vor ihnen stehen, bleiben auch sie, die um harmlose Zigaretten gekommen sind, vor der Theke stehen, trinken und mischen sich ins Gespräch.

Wir Einheimische betrachten sie mißtrauisch. Seit vielen Jahren treffen wir uns jede Nacht vor dieser Theke, und es ist ungefähr so, als wären wir vertraute Reisegenossen in einem Kupee geworden, in dem wir seit vielen Jahren dahinrollen und plötzlich stiegen wildfremde Reisende ein. Dennoch gelingt es dem und jenem, unsere Sympathie zu gewinnen, dermaßen, daß nach einer feindseligen Stille das Gespräch wieder anfängt, aufklingt, könnte man sagen. Denn nichts kann uns mehr ermuntern als die plötzliche Einsicht, daß der Eindringling, aus einem fremden Bezirk eingebrochen, lediglich um Zigaretten zu kaufen, eigentlich auch in unserem Quartier zu leben wohl geeignet wäre. Hierauf, nachdem wir durch Blick-Einhelligkeit festgestellt haben, daß er an der Theke bleiben dürfe, setzen wir unseren Gedankenaustausch fort.

Ich gebe hier, ungefähr wörtlich, einen Ausschnitt aus einer unserer nächtlichen Konferenzen wieder:

Der Briefträger, ein schmächtiger Mann auf hurtigen Beinen, wie es sich für seinen Beruf gehört, sagte zuerst: »Ich sage euch, es wird ein böses Ende nehmen, wenn die Welt so weitergeht. Sehen Sie hier, wir stehen hier, wir trinken; ob wir es noch in einem Jahr werden tun können?«

»Ganz gewiß«, sagte ein Mann, der wie ein Buchhalter aussah; das heißt: ruhig, seiner Pension gewiß, seines bescheidenen Bankkontos sicher und dennoch von einer ganz vagen Angst geplagt, es könnte sich plötzlich verflüchtigen. Sein Optimismus war gewissermaßen nicht die Folge seiner Sicherheit, sondern eine Beschwörung seiner Befürchtungen. »Jetzt wird man Ruhe haben. Ich fürchte mich nicht.«

»Ich fürchte mich wohl«, erwiderte der Kulissenschieber. »Ich fürchte mich vor dem Tod. Man wird nicht mehr hier vor der Theke stehen und trinken können. Ich fürchte mich aber noch viel mehr vor dem Leben. Ja, ich fürchte mich selbst vor dieser Stunde, jetzt, da wir so heiter an der Theke stehen. Es ist mir so, als wäre es nicht wahr, daß wir heiter sind. Wenn Sie ein Kulissenarbeiter wären wie ich, hätten Sie wahrscheinlich genau die gleiche Empfindung. Es ist etwas vom Theater in unserem Leben. Dritter Akt vielleicht. Herr B. wird es bestätigen.«

B., ein Schauspieler desselben Theaters, in dem der Kulissenschieber arbeitete, sagte: »Ja«, ohne Überzeugung. Er hatte gar nicht zugehört. Er bildete sich ein, ein Liebling des Publikums zu sein. Er glaubt also, ein einziges »Ja« aus seinem Munde, ohne Überzeugung ausgesprochen, um nicht zu sagen, ausgetönt, hätte bedeutend mehr Gewicht als sämtliche erregten Reden der anderen. Vielleicht war er auch deshalb ein wenig gekränkt, weil die anderen zu ausführlich gesprochen hatten. Denn er war lediglich seiner eigenen, inneren Hohlheit hingegeben, und er horchte nur auf deren taube Stimmen.

»Ja«, sagte der Nachtkellner, »was nennt ihr die Welt eigentlich? Die Welt, von der ihr redet, besteht aus einer Handvoll Menschen. Sie lenken die Geschicke der Welt. Die Welt ist ihnen ausgeliefert. Wer weiß, welche privaten Interessen jeder einzelne hat? Ein Minister ist doch nicht nur ein Minister? Er ist ja auch ein Mensch. Er hat eine Frau, eine Geliebte, einen Sohn. Was hat ihn zu diesem oder jenem Entschluß bewogen?«

Die zwei Polizisten, kräftig, prall, fast schienen sie ihre Uniformen zu sprengen, sagten gleichzeitig: »So ist die Welt. Aber man darf es nicht sagen.« Hierauf bestellten sie noch zwei Cafés mit Kirsch. (Sie haben ermäßigte Preise, einigermaßen.)

»Keine Politik«, sagte der Herr, der wie ein Buchhalter aussah. Er zahlte und wollte gehen. Aber er stieß an der Schwelle mit unserem alten Chauffeur zusammen, den er haßte. Und um nicht zu verraten, daß er ihn haßte, kehrte der Buchhalter um.

Dieser Chauffeur kommt jede Nacht in unser Bistro. Wenn er nicht so bejahrt wäre, könnte man sagen, er sei lieb Kind im Hause. Er ist nicht mehr »bejahrt«, man darf wohl von ihm sagen, daß er bereits »betagt« ist. Er war sein Lebtag Droschkenkutscher gewesen. Als aber die menschliche Periode, die Menschheitsperiode der Pferde aufgehört hatte, war er Chauffeur geworden. Und es ist ein Wunder, daß er es bleiben kann. Denn so, wie er einst gewohnt sein mochte, seine Pferde an jedem Brunnen Wasser trinken zu lassen, so hatte er selbst jetzt, vielleicht in heimwehmütiger Erinnerung an seine längst geschlachteten Tiere, die Gewohnheit angenommen, in allen Bistros einzukehren, an denen ihn seine Kreuz- und Querwege vorbeiführten. Er war geradezu ein Wunder, daß er so spät in der Nacht vermocht hatte, zu uns zu stoßen. Aber es war ein gewohntes, bereits ein alltägliches Wunder. Er nahm, wie gewöhnlich, sofort das Wort und sagte:

»Verliert euch ja nicht alle in Kleinigkeiten! Redet mir nicht von Politik. Ich weiß, worin das Unheil der Welt besteht, weil ich ein Kutscher war. Das Gewissen nämlich, meine Herren, das Gewissen ist ausgelöscht. Es ist durch die Genehmigung ersetzt worden. Früher einmal hatte jeder lebendige Mensch sein eigenes Gewissen. Dem war er verantwortlich. Meine Pferde selbst noch hatten ihr Gewissen. Heute, sehen Sie, um Ihnen ein kleines Beispiel aus unserem Beruf zu geben: Außerhalb jener Nägel, die man über die Straßen gelegt hat, darf man einen Menschen überfahren. Wenn ein Zollbeamter einen gelähmten oder blinden Passagier an der Grenze aus dem Kupee herauszerrt, um ihn im Amtszimmer zu untersuchen, so spricht keine Spur von Gewissen aus dem Zollbeamten. Er hat nicht nur die Genehmigung; er hat sogar die Befugnis. Und dabei ist ja auch der Zollbeamte ein Mensch. Der Minister hat die Genehmigung, für sein Volk zu verhandeln. Die Genehmigung tötet sein Gewissen. Was gar die Diktatoren betrifft, so besteht das angebliche Rätsel ihrer Existenz darin, daß sie sich die Genehmigung selbst genehmigt haben. Sie wollen das Gewissen nicht nur betäuben, sondern auch töten. Haben sie auch! Die demokratischen Herren wollen es nur betäuben. Haben sie auch getan! Mit nachträglicher Genehmigung. Ich kenne die Pferde, meine Herren! Jedes Pferd hat gezögert, wenn ein Mensch über die Straße gelaufen kam. Mein Taxi zögert nicht. Meine Pferde hatten Gewissen. Mein Motor hat die Genehmigung. So sehe ich den Unterschied in allen Dingen. Zu meinen Zeiten, als ich noch Kutscher war, hatte sogar ein Diplomat Gewissen. Heute, da ich Chauffeur bin, hat sogar ein Abgeordneter nichts mehr als Befugnisse.

Kein Gewissen mehr in der Welt! Kein Pferd!«

So beendete er seine Rede – und alle lachten. Denn sie hielten ihn für angetrunken, und er war es auch. Und es entspricht außerdem den Menschen dieser Zeit, der Wahrheit unter anderem dadurch zu entgehen, daß sie, die selbst trunken sind, aus der Tatsache, daß ein Trunkener diese Wahrheit sagt, die Hoffnung schöpfen, er rede nur irre. Die beiden prallen Polizisten gingen. Zwei Uhr schlug es vom Senat. Und die Wirtin sagte: »Jetzt geht man schlafen.« Und sie begann, die Tische umzustülpen und die Stühle. Es sah aus, als ritten die Stühle nachtsüber auf den Tischen.

Die Zukunft (Paris), 11. 11. 1938

 

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