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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 79
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authorJoseph Roth
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Man tauscht Kinder aus

Seit vielen Jahren findet – wie man allgemein weiß – zwischen Frankreich und Deutschland der sogenannte »Kinder-Austausch« statt. Vor der Ankunft Hitlers bestand sogar der Plan, eine »deutsch-französische Einjahres-Schule« zu errichten, die im Oktober 1933 (in Berlin und in Paris) eröffnet worden wäre. Die maßgebliche Stelle, die sich mit dem Schüler-Austausch beschäftigte, hieß in Berlin bis nun: »Gesellschaft für konationale Erziehung«. Nunmehr, das heißt, im Dritten Reich, lautet der Name der Stelle:» Gesellschaft für Schüler-Austausch«. An die Spitze dieser also umgetauften Gesellschaft tritt freilich, soviel man hört, nicht etwa eine ganz neue »nationale« Persönlichkeit, sondern eine frühere Mitarbeiterin der »Gesellschaft für konationale Erziehung«, eine Mitarbeiterin, die selbstverständlich der nationalsozialistischen Partei beigetreten ist. Das Dritte Reich wünscht nachdrücklich, den deutsch-französischen Schüler-Austausch fortzusetzen. Die Berliner Gesellschaft für Schüler-Austausch »verspricht, keine Politik zu machen«. (Es kämen statt dreier sogenannter »Ferienlager« in jedem Land nur je eines in Frage.) Von den deutschen Lehrkräften, die bis jetzt in den deutsch-französischen Ferienschulen beschäftigt waren, sind die meisten hinausgeworfen. (Kein Zweifel, daß es Juden sind, »Juden« zumindest im Sinne der Rassenlehre.) Kein Zweifel auch, daß just diese Ausgeschalteten die eifrigsten Kämpfer der »konationalen Erziehung« jahrelang gewesen sind. Man kennt sie in Frankreich. Man weiß, was sie geleistet haben. Man weiß es auch in Deutschland. Aber gerade deshalb wirft man sie hinaus.

Nun, die leitenden Persönlichkeiten der Schüler-Austausch-Gesellschaft in Frankreich sind selbstverständlich nicht abgesetzt. Und die französischen Männer, die bis nun mit den wahren Freunden Frankreichs über den Austausch der Kinder zu verhandeln hatten, werden nunmehr mit den Feinden des französischen Volkes und der französischen Kinder verhandeln müssen. Sie werden mit den bestialischen Gläubigen des Dritten Reiches und Hitlers verhandeln, der da geschrieben hat, die französische Rasse sei negroid, verjudet und minderwertig. Die ahnungslosen Nachkommen dieser selben Rasse aber werden höflichst eingeladen, in die Pestbaracken und Konzentrationslager des Dritten Reiches zu kommen. Was sollen sie dort lernen? Die deutsche Sprache? – Vom »Völkischen Beobachter« etwa? – Von Hitler vielleicht? – Von Goebbels oder Göring?! – Von den Dichtern des Nationalsozialismus?! – Wehe der Generation, die dieses borussische Deutsch als die Sprache Goethes gelernt hat! Was die französischen Kinder im Dritten Reich lernen können, ist dies: Handgranaten werfen, Juden anspucken, die lateinischen Völker verachten (also die eigene Nation), die Brutalität achten, den Verrat, die Ungerechtigkeit und die Rechtlosigkeit. Wenn man Deutschland liebt, so wünscht man nicht, es möge von französischen Kindern gesehen werden in den Stunden der Schmach und der Finsternis. Wenn man Frankreich liebt, möchte man dessen Kinder bewahren vor der Gefahr, das Horst-Wessel-Lied zu singen, Mörder und den Mord zu ehren, das Kreuz zu verachten und es zu einem Hakenkreuz zu verkrümmen, im Stechschritt zu marschieren, Gott und die Menschheit zu lästern! ... In Pestbaracken schickt man keine Kinder! ...

Die Generosität des französischen Volkes ist so groß, sein Glaube an die unzerstörbare Ewigkeit des Menschlichen so stark, daß man sich nicht wundert, wenn man sieht, daß es, voller Vertrauen auf die endgültig siegreiche Kraft des Humanen, arglos scheinbar, einen Kinderaustausch weiter betreibt, so, als wäre Deutschland noch Deutschland, wie Frankreich Frankreich ist, als wäre die Sprache im Dritten Reich noch eine deutsche Sprache, die man lernen könnte und müßte – und nicht das barbarische Gestammel und Gemauschel, gemischt aus borussischem Kauderwelsch, Deutschem Reichspatent-Jargon der Inserate für Kölnisch-Wasser und Jagdpatronen in den illustrierten Zeitungen und dem finsteren Geplauder der älteren und der neuerdings bekehrten Rasse- und Revolutionsmystiker.

Was nun die deutschen »ausgetauschten« Kinder betrifft, die ein paar Wochen mit ihren rührenden, ahnungslosen Augen ein Land sehen werden, in dem kein Kreuz verkrümmt, kein Jude bespuckt und erschlagen, kein Sozialist oder Pazifist in ein Konzentrationslager gebracht wird; ein Land, in dem man gehen darf, wie man will, und nicht marschieren muß; ein Land, in dem der einzelne Mensch geachtet wird und das einzelne Kind beinahe ehrfürchtig verehrt: Diese deutschen »ausgetauschten« Kinder werden ein paar Wochen später, heimgekehrt und in »Stoßtrupps« eingereiht, von ihren Lehrern und Erziehern erfahren, daß Frankreich ein verruchtes, verjudetes und vernegertes Land sei: wie es in Adolf Hitlers Buch geschrieben steht, nie mehr abzuleugnen; schwarz auf weiß.

Wenn die französischen Kinder Deutsch lernen sollen: Es gibt ein Land, in dem man seit Walther von der Vogelweide gutes Deutsch spricht; und dieses Land ist Österreich. Ein Land, das deutsch war, als man in der Mark Brandenburg noch jenes Kaschubisch sprach, das die Preußen von heute verlernt haben, ohne das Deutsch zu kennen, dessen patente Vertreter sie sein wollen: Keine Kaschuben mehr und noch keine Deutsche!

Man organisiere einen französisch-österreichischen Kinder- Austausch! In Österreich werden die Kinder Frankreichs ein wahres, freies Deutsch lernen! Und auf ihren jungen Seelen wird nicht die unselige Last ruhen: ein Land gesehen zu haben, in dem es nach Mord und Brand riecht: ein undeutsches Land.

Das Neue Tage-Buch (Paris), 29. 7. 1933

 

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