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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 74
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authorJoseph Roth
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Ein paar Tage Deauville

Ich liebe die Gare St. Lazare und die Züge, die hier abgehn. Es ist ein lebhafter Bahnhof, mit vielen überflüssigen Läden und vielen überflüssigen Dingen, die für Reisende unentbehrlich sein sollen: zum Beispiel leicht zerbrechlichen Flakons und Spiegeln, schweren Lederköfferchen für Manikürgeräte, die man besser in der Tasche trägt, patentierten Etuis für Tintenfässer, die man in der Hand halten muß, damit sie nicht aufgehen. Für wen sind diese lästigen und blinkenden Angelegenheiten? – Für die reichen Leute. Wohin fahren die reichen Leute? In die »Saison« nach Deauville.

Ja, es ist Saison in Deauville. Von New York gehen in diesen Wochen besondere Dampfer nach Le Havre-Deauville ab, 6 Tage sind die Schiffe unterwegs, ein Katzensprung über den Ozean. Von London kann man um 9 Uhr abends wegfahren und ist gegen 7 Uhr früh in Deauville. Von Paris dauert die Fahrt knappe drei Stunden – Deauville ist 184 Kilometer von hier entfernt.

Der Zug, in den ich steige, führt nur Wagen erster und zweiter Klasse und ist entschlossen, unterwegs überhaupt nicht zu halten. Es ist ein nobler Zug, es scheint mir, daß er die Gegend verachtet, die er durchfahren muß. Mit höhnischem Gepolter rast er durch Stationen, die keine mondänen Seebäder sind, und den Gruß der signalisierenden Beamten nimmt er kaum zur Kenntnis. Wir sind reiche Leute, wir Passagiere. Wir dürfen uns auf keinen Fall in der Eisenbahn langweilen, wir sollen es erst am Strand. Fiele es dem Zug ein, irgendwo unterwegs stehenzubleiben, so können wir es uns leisten, ihn zu verlassen und einen Aeroplan zu besteigen. Wir wollen zu einem bestimmten Ziel und fahren zu einem bestimmten Ziel – ohne Aufenthalt. Wir sitzen in großen, breiten und hellen Wagen, die Fenster dieses Zuges sind ausnahmsweise mit zwei Fingern aufzumachen und zu schließen, die Türen sperren von selbst, so daß keiner von uns hinausfällt, auch wenn er sich entgegen dem Verbot anlehnt, kein Passagier dritter Klasse stört uns, keiner von jenen, die aus Städten ohne Saison dazusteigen, keiner von jenen, die sogar in der Zeit zwischen dem Grand-Prix und der ersten Herbstmodeschau ekelhaften Beschäftigungen nachgehen müssen – wir sind ganz unter uns.

Wir sind ganz unter uns, das heißt: Wir sind nicht krank, sondern mondän. Auch Ärzte empfehlen uns Deauville zuweilen, sie verordnen es sogar, aber nicht, weil sie die Krankheit, sondern weil sie die Gesundheit ihres Patienten festgestellt haben. Deauville ist das typische mondäne Seebad. Es besteht aus Strand, Horizont, sauberen, weißen, stillen Häusern, einem lauten Kasino, Sportrasen, einer Rennbahn, Kaffeeterrassen, Restaurants. Es ist kein Produkt der Natur, obwohl es alle Annehmlichkeiten, welche die Natur gelegentlich auch vergeben kann, mit Sorgfalt und wählerischem Sinn einkalkuliert. In dem Maße, in dem die Natur bereit ist, etwas von ihrem Reichtum den oberen Schichten der Menschheit abzugeben, und in dem Maße, in dem diese es mit ihrer Würde vereinen können, etwas vom Reichtum der Natur unentgeltlich anzunehmen – nur in dem Maße ist Deauville natürlich. Im übrigen scheint es von einem Architekten, der Sanatorien baut, erschaffen zu sein. Seine Sportrasenflächen sind doppelt und dreifach grün, die Wellen des Meeres rauschen dreifach stark. Wenn ich einen Gärtner sehe, der Blumen in Deauville besprengt, so zweifle ich daran, daß Wasser aus seiner Kanne fließt; ich glaube, es ist Parfüm, Gartenparfüm von Houbigant. Hier wachsen Rosen, Veilchen, Stiefmütterchen in privaten Gärten, Blumen aus Modesalons, jene künstlichen Floraprodukte, welche die schönen Frauen in der ganzen Welt – die unverwelkbaren Frauen – an ihre mondänen Kleider heften.

Man kommt natürlich nicht direkt in Deauville an – wie sollte man! Man kommt in Trouville an, der Schwesterstadt, der etwas vernachlässigten, die es übernommen hat, den Bahnhof zu beherbergen. Denn schon ein Bahnhof ist ungesund. Ein Bahnhof verbreitet Steinkohlendunst, und in Deauville soll es keine Art von Dunst geben. Trouville ist eine liebe, alte normannische Stadt mit Giebelhäusern, mit Läden, mit Droschken und Automobilen. Ohne Trouville könnte Deauville nicht Deauville sein. Trouville versorgt Deauville mit den nüchternen Notwendigkeiten.

Es gibt in Trouville allerdings auch Hotels und einen Strand. Aber es sind kleinbürgerliche Hotels und ein bürgerlicher Strand. Außenseiter wie ich wohnen in Trouville, baden in Trouville. Sie zahlen während der Saison immerhin 30 bis 50 Francs täglich für ein Zimmer. Hätten sie aber den Mut – zu dem allerdings Geld gehört –, sich nach Deauville hinüberzuwagen, sie würden 200 Francs täglich für ein Zimmer zahlen.

Aber sie haben nicht den Mut, sie haben nicht das Geld. (Man weiß nie, wo die Feigheit aufhört und wo die Armut beginnt.) Was mich betrifft, so kenne ich mich nicht mehr aus. Ich wandere nur der Pflicht halber am Nachmittag nach Deauville. Ich halte mich selbst für einen Reichen. Ich lese in einer mondänen Schneiderzeitung einen Artikel mit dem Titel:

»Conseils à Jean Jacques avant son départ pour Deauville.«

Ach, was sind das für Ratschläge! »Ich sehe Dich«, so schreibt der Ratgeber, »mein lieber Freund, am Morgen nach Deiner Ankunft aus dem Bett steigen, in einem Pyjama von ernstem Muster, das Deinem Charakter widerspricht; in einem Farbenton, der Deiner Jugend entspricht – also trotz des Ernstes hell ist, aber keineswegs schreiend. Es ist einer von jenen englischen Pyjamas aus Crêpe de Chine, die so angenehm zu tragen sind. – Es klopft an Deiner Tür! Du rufst herein! Und mit der Schnelligkeit, die Dir Deine Jugend gestattet, vertauschest Du Deinen Pyjama mit einem Zimmer –, mit einem Frühstücksanzug von jungem und lebendigem Farbton, sehr zart und sehr weich, ein angenehmer Kontrast zu Deinem Pyjama, dennoch ebenfalls aus Crêpe de Chine, aber an den Rändern mit zarten Mustern ausgestattet. Du rauchst die zwei Zigaretten, die Dir erlauben, ohne sonderliche Langeweile Dein Morgenbad zu erwarten. Nachdem du gebadet hast, suchst Du in Deinem Koffer nach der passenden Vormittagskleidung. Was findest Du? – Schuhe aus weißem Hirschleder, von gelbem Ziegenlederrand eingefaßt – gelb, nicht rot! – Daß Du es nicht vergissest! – ohne jedes Muster, ohne Löcher, ohne Schnallen, zarte Schuhe und dennoch starke Sohlen, Schuhe, die zu Deinem hellgelben Rock passen und Deiner weißen Hose mit punktierten blauen Streifen.« –

Ach, ich trage nur einen dunkelgrauen Sommeranzug. Mein Gewissen ist auch etwas beschwert, weil ich, als es an meiner Tür klopfte, in meinem Pyjama blieb, ihn nicht gegen einen Morgenanzug vertauschte, und dieser Pyjama war überdies weiß, mit dunkelblauen Streifen. Auch sind meine Schuhe nicht aus weißem Hirschleder, sondern aus ganz gemeinem, beinahe ekelhaftem gelbem Chevreaux. Werde ich überhaupt ins Kasino können?

In dieses Kasino – in dem man Roulette spielt (im großen Saal) und Bakkarat (im kleinen) – kann ich ungehindert eintreten. Nur Männern ist der Eintritt gestattet. Vor einem Jahr hatte die Pariser Schauspielerin Yvonne Printemps gewettet, daß sie auch hineinkommen würde. Sie gewann 10 000 Dollar und kam hinein. Sie hatte Männerkleidung angelegt. Offenbar jene Schuhe aus weißem Hirschleder, wie sie oben beschrieben sind. Herr Citroën, der Pariser Autokönig, ist ständiger Gast in diesem Kasino. Er lebt in Deauville von Juli bis Ende August, verliert im Spiel, und es geht das Gerücht, daß er jedes Jahr vor der Abfahrt jedem Croupier ein Citroën-Auto als Abschiedsgeschenk überreicht.

Der Herr Citroën hat in Deauville eine Villa. Sie steht weiß, leuchtend, ein Edelstein unter den Häusern, in einer Seitenstraße, in einer stillen Seitenstraße, in der nicht einmal ein Citroën-Auto tuten darf. Neben der Citroën-Villa befindet sich das Haus des Pariser Herrn Rothschild. Es ist heute geschlossen, Herr Rothschild ist noch nicht da, sein Gärtner geht mit einer Spritzkanne umher, der Lakai hat keine Livree, die Pferde wiehern im Stall, die Blumenbeete warten bunt auf Herrn Rothschild. Man erwartet ihn nächste Woche.

Villen, Villen, lauter Villen! Es gibt da einen Boulevard Eugene Corniché, in dem kein Mietshaus zu stehen wagt. Alle Villen haben normannische Fassaden, trauliche Giebel, kleine Balkons, steile Dächer, weinlaubüberhangene Veranden. Aber es ist ein Baustil, der nicht aus der Tradition kommt, sondern der sich die Tradition ausgeliehen hat, um wenigstens nicht vergessen zu lassen, daß Deauville in der Normandie liegt. Es könnte vielleicht einem der reichen Amerikaner, die hierherkommen, einfallen, eine Photographie von dem Boulevard Corniché mitzunehmen, um zu wissen, was eigentlich »normannisch« ist. Wenn der Paddock von Deauville einen normannischen Giebel hat, mit braunen Querbalken, die wie das zartgestreifte Muster einer Vormittagshose aussehen, so bedeutet dieser »Stil« eine Konzession der Badeverwaltung an das ethnologische Interesse der Kurgäste, denen die Erinnerung an zementierte Badekabinen nicht genügt.

Denn es gibt zementierte Badekabinen in Deauville, in denen man sich nicht erkälten kann, einen hölzernen Steg, der das Meer mit der Badedirektion verbindet, Kaffeeterrassen, auf denen man im Trikot Orangeade trinken darf, ohne zu zahlen, weil man im Wasser Kredite hat und keine Brieftasche, drei Terrains für Polospiele, 200 Pferde zum Verleihen, »pompejanische Bäder« mit Bassins von antiker Rundheit mit echten Negerjazzbandkapellen, Hotelvestibüls, in denen man Fünf-Uhr-Tees tanzt, einen theatralischen Mondschein für romantische Milliardäre, die vom Wetterbericht unabhängig sind, und Ebbe und Flut, die von der Kurverwaltung reguliert werden. Nur einmal im Jahr, an einem Sonntag im August, ist das volkstümliche Element zugelassen: Da gibt es so eine Art normannisches Kostümfest, an dem alle Menschen in allen Volkstrachten erscheinen. Aber bei näherer Betrachtung erweist es sich, daß viele Trägerinnen der Kostüme aus der Park-Avenue in New York stammen und aus den Champs-Élysées in Paris. Man sagt, daß der Badesand von Deauville von Coty alljährlich ausgestreut wird – zur Reklame für den »Figaro«, den er gekauft hat. Aber das ist eine Übertreibung.

Frankfurter Zeitung, 28. 8. 1927

 

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