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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 72
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authorJoseph Roth
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La Renaissance latine

Ich bin durch Zufall in die »Grande Salle des Sociétés Savantes« gekommen. Der Universitätsprofessor Achille Mestre, der Professor am Institut Catholique, der Abbé Yves de la Brière, und einige andere Autoritäten saßen auf der Bühne. Im Saal standen und saßen dicht gedrängt die Studenten. Den Vorsitz führte Herr Henri Massis, Chefredakteur der »Revue Universelle«, welche die Zeitschrift der Lateinischen Renaissance ist. Aus den Reden der Autoritäten, aber auch aus den gedruckten Ankündigungen erfuhr ich, daß die »Renaissance latine« den Zweck verfolgt, den »schädlichen Wirkungen des Germanentums und des Bolschewismus« wirksam zu begegnen.

Wie macht man so was? Man versammelt die Studenten aller lateinischen Staaten, die Studenten von Belgien, Kanada, Spanien, Italien, Portugal, der lateinischen Schweiz und des lateinischen Orients, ja, auch die Mexikaner, Argentinier, Brasilianer, sofern sie aufzutreiben sind, und nimmt auch von den Rumänen nicht Abstand, die an den Pariser Hochschulen zwar stark vertreten, aber ganz gewiß nicht rein lateinischen Blutes und rein lateinischer Kultur sind. Man erzählt ihnen allen, daß sie mehr oder weniger direkt von Rom abstammen, mit Julius Caesar ebenso verwandt sind wie mit dem ius romanum, mit Horaz ebenso wie mit dem Papst, mit der lateinischen Logik ebenso wie mit der katholischen Kirche.

Hierauf können die im Saal versammelten Faschisten nicht an sich halten. Sie haben – als ob man sie nicht ohnehin erkennen würde – Photographien von Mussolini mitgebracht, billige, in Millionen Exemplaren hergestellte Abdrucke jenes heroischen Mussolini, der die erhobene Hand vor den Betrachter hält, wie um einen Widerspruch von vornherein zu begegnen. Es ist, wie man weiß, der bekannte Gruß der Faschisten.

Die mit diesem Bild versehenen Studenten stimmen einen Gesang an – es ist wahrscheinlich die Faschistenhymne, die ich nicht kenne. Sie sehen, wenn sie singen, den deutschen Hakenkreuzlern zum Verwechseln ähnlich. Es scheint, daß Nationalhymnen, die doch den Zweck haben, die Nationen gegeneinander aufzubringen, den ganz entgegengesetzten Erfolg haben: Sie machen alle Völker, die singenden Teile wenigstens, einander verwandt.

Der Universitätsprofessor Achille Mestre sagte, Rom hätte Logik und Ordnung, Organisation und Autoritätsbegriff in die Welt gebracht. Ei seht! Und ich hatte gedacht, »Organisation« wäre eine echt germanische Sache, eine Erfindung der Deutschen! Das Mittelalter, sagt der Herr Professor, wäre eine glänzende Epoche gewesen, eine Zeit der Vorherrschaft der »Autorität«. Freiheit, meint der Herr Professor, wäre überflüssig. Man sehe ja gerade, daß die Völker, höchst unzufrieden mit der »Freiheit«, nach der »starken Faust« verlangten. Welch ein Unglück die Revolution! Und nichts täte uns so sehr not wie »Autorität«.

»Katholizismus« – so meinten alle Redner – wäre eine spezifisch lateinische Sache. Die katholische Kirche garantiere die lateinische Kultur, und die lateinischen Völker wären es, welche den Bestand der katholischen Kirche garantierten. Und dabei saß der Abbé de la Brière und klatschte. Er applaudierte den Rednern, die die katholische Kirche zu einer Stammeskirche degradierten. Er selbst sprach noch von den Polen, dem »slawischen Volk, das, zwischen Bolschewismus und Germanentum gedrängt, lateinische Zivilisation beschütze und dessen hervorragende Vertreter die lateinische Sprache beherrschen«.

Es ist nicht anzunehmen, daß der Professor de la Brière, der Lehrer am Institut Catholique, der noble französische Schriftsteller, der außerordentlich kultivierte Redner, etwa nicht weiß, daß die hervorragenden Vertreter der Deutschen, Engländer, Skandinavier – also der » Germanen« –, aber auch der Russen – also der »Bolschewisten« – auch lateinische Zivilisation haben und daß es wahrscheinlich unter Deutschen mindestens ebensoviel Kenner des römischen Rechts und des Horaz, des Tacitus und des Julius Caesar gibt wie unter Franzosen und Italienern. Ich nehme nicht an, daß der Diener der katholischen Kirche de la Brière den Einfluß seiner Kirche auf die sogenannten »lateinischen Völker« beschränken will. Der Herr de la Brière weiß, daß wir alle, wir Völker der Neuzeit, die Erben Roms sind, und er weiß, daß zum Beispiel die Deutschen mehr lateinische Kultur geerbt haben als – noch einmal: zum Beispiel – die Rumänen.

Weshalb klatscht er Beifall? Weshalb gründet er Lateinische Renaissancen mit singenden Faschisten? Wo ist die Gemeinschaft zwischen Portugiesen und den slawischen Rumänen? Ist nicht stärkere Gemeinschaft zwischen Franzosen lateinischer Kultur und Deutschen lateinischer Kultur?

Ist das neue Europa nicht ein gesünderer Begriff als die »Renaissance latine«?

Weshalb? Weshalb?

Frankfurter Zeitung, 15. 5. 1926

 

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