Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Roth >

Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 70
Quellenangabe
pfad/roth/reporta1/reporta1.xml
typereport
authorJoseph Roth
titleReportagen aus Wien und Frankreich
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120610
Schließen

Navigation:

Brief aus Paris

Lieber Freund!

Es ist in Frankreich Frühling geworden, und der Wetterprophet dieses Landes, der Abbé Gabriel, soll schöne Ostern prophezeit haben. Kommen Sie her, und es soll uns an Ausflügen nicht fehlen! Wir könnten mit dem Dampfboot nach Sèvres fahren, an den Rieselfeldern von Aspières vorbei, über Sèvres-Ville d'Avray, wo Gambetta gestorben ist, Balzac gelebt hat. Wir könnten den großen, berühmten, jetzt schon grünen Park von St. Cloud besuchen, der eigentlich ein aristokratischer Wald ist, auf dem Plateau stehn, von dem aus man Paris sehn kann, das heitere Gewimmel seiner Schornsteine und den stehenden, erhaben-fröhlichen Tanz seiner Türme. Wollen Sie nach Versailles, Malmaison, St. Germain? Wollen Sie die alte Kathedrale von St. Denis sehn? Sie werden überall einen historie-gesättigten Boden finden, überall eine kultivierte Natur, die sich mit stolzer Anmut dem menschlichen Willen gefügt hat; überall humane Landschaften, mit Vernunft begabt; überall Wege, die selbst wissen, wohin sie führen; überall Hügel, die ihre eigene Höhe zu kennen scheinen; überall Täler, die mit Ihnen kokettieren werden.

Der Menschen werden viele sein. Die Autocars führen wissensdurstige Engländer in die nähere Umgebung, die Reisenden, die man kennt, die genossen haben, wenn sie erfahren haben, und die ohne Kamera nicht genießen können. Es wäre daher gut, wen wir über Rouen nach der Normandie fahren würden. Sie ist durchaus nicht weit! Wenn wir am ersten Osterfeiertag um zehn Uhr vormittags auf den Bahnhof St. Lazare kommen, können wir Mittag in Rouen essen, die Kathedrale vor uns, den schlanken, singenden Mittelturm der Kathedrale von Rouen, der mittelalterlichen Stadt, deren Glocken ganz mächtig und ganz fern sind, deren Straßen und Gassen von einer hellen und fröhlichen Enge sind, wie man sie nur in französischen Städten findet.

Zwei Stunden später wären wir in Le Havre, dem zweitgrößten Hafen Frankreichs. Wir gingen dann zusammen ins alte Hafenviertel, wo die kleinen Kneipen stehn: die Karussells sich drehen, die Tanzdielen gefüllt sind, und wo man viel Geld gewinnen und verlieren kann. Wir wollen dann zu Fuß durch die Normandie gehn. Wir werden Aufsehn erregen. Denn hierzulande geht niemand zu Fuß, obwohl die Straßen schön und glatt sind wie Dielen. Das Vieh weidet frei auf den Wiesen. Von den Kirchen von Lisieux, Honfleur, Pont-l'Évêque spielen jede Stunde die Glocken. Die Scheinwerfer von Le Havre streicheln in der Nacht das dunkle Land wie silberne Hände. Und fortwährend hört man den Gesang des Meers.

Wir gehn nach Deauville, dem sehr vornehmen, heute noch leeren, auf jeden Fall langweiligen Kurort. Von dort haben wir einen direkten Expreß nach Paris. Er fährt 4 Stunden.

Lockt Sie das alles nicht? Kommen Sie und kommen Sie bald!

Frankfurter Zeitung, 4. 4. 1926

 

Bericht aus dem Pariser Paradies

Das Paradies liegt im Keller, in der Tiefe. Aber es ist so günstig plaziert, daß es beinahe meiner Vorstellung vom siebten Himmel entspricht. Es ist ein unterirdisches Paradies. Aber die Richtung, die man einschlagen muß, um zu ihm zu gelangen, spielt gar keine Rolle. So glaube ich manchmal, wenn ich einen geschmeidigen Sturz unternehme, im kühnen Flug emporzufallen ...

Den Eingang zum Paradies beleuchten blaue Buchstaben, aus kleinen Lämpchen zusammengesetzt. Ihr Blau nähert sich ein wenig dem Violett. Es ist das Blau des blauen Stiefmütterchens und der ersten Morgenschleier, die über einem Acker liegen. Es ist ein Blau starker eindrücklicher Träume und rauchender Zigaretten. Es ist nicht das Blau des Himmels und nicht die Farbe des südlichen Meers. Sie sehen, wie schwer es ist, eine Farbe deutlich zu beschreiben.

Zu beiden Seiten der Treppe, die zum Paradies hinunterführt, mit glatten Sünden gepflastert, aber auch mit einem Geländer versehen, befinden sich Spiegelwände, die das Blau kleiner Glühlampen etwas heller widerstrahlen. Es entsteht eine Atmosphäre aus Rauch, Morgen und Traum. Es entsteht eine ganz fremde Farbe, sehr verschieden von allen bekannten. Infolgedessen erlischt das Bewußtsein von der Zeit. Man erinnert sich nur, daß es Mitternacht war, als das Tor des Paradieses aufging und ehe man seiner Verdammnis anheimfiel. Auch die Erinnerung an die geographische Lage erlischt: an den ganzen Montmartre-Himmel mit seinen bunten Reklamesonnen; an die irdischen Hupensignale irdischer Automobile in der Rue Pigalle. Blau und umdämmert ist das Gehirn. Die Zeit rinnt nicht, sondern wallt, in Schleier aufgelöst ...

Der Treppe gegenüber sitzt die Musikkapelle. Sie hat Klavier, Geige, Saxophon, Flöte, Ziehharmonika, Trommel. Der Geiger hat fast gar nichts zu tun. Deshalb ist er Kapellmeister. Er steht vor der Musik, aber mit dem Rücken zu ihr, zugewandt den Ankommenden, der Treppe, dem Publikum. Er dirigiert nicht die Musik, sondern den Raum, die Farbe, den Tanz. Er dirigiert das Paradies. Manchmal singt er. Seine Stimme hat er mit der des Saxophons vertauscht. Er hat ein breites weißes Gesicht aus Schlämmkreide. Er pumpt mit Armen und Beinen Räusche aus seiner Nüchternheit. Denn er ist sehr nüchtern. Er allein weiß hier Bescheid um die Stunde und um die geographische Lage. Er ist ein irdischer, rationalistischer Kapellmeister. Seine Tage verbringt er mit der Zeitung im Bett. Er gehört nicht zum Paradies, wie zum Beispiel ich. Er hat nur einen Kontrakt mit dem Paradies.

Ich aber trinke Calvados.

Das ist ein Schnaps, gebraut aus Apfelsaft, je nach seinem Alter goldbraun wie herbstliche Blätter oder zartgelb wie Bernstein. Manchmal schmeckt er wie Cognac und manchmal wie Blüten unbekannter Früchte. Im Paradies kostet er auf jeden Fall fünf Franken ...

Tische und Stühle stehen eng beieinander, in zwei langen Reihen, in deren Mitte man tanzt. Ich sitze gern am Rand. Manchmal kommt ein Engel vorbei und streicht mir die Haare. Denn es leben Engel im Paradies, selbstverständlich ...

Sie entstammen allen Rassen der Erde, sie sind weiß, gelb, schwarz, braun, schattiert, gemischt, nuanciert, mit schwarzen Augen und hellen, mit dicken Lippen und schmalen, mit schweren und zarten Brüsten, mit breiten und schlanken Hüften, mit Knien aus kühler Seide, sie sind braun geschminkt und weiß gepudert; kurz: sie sind Engel ...

Ins Paradies kommen sie – weiß man woher? –, um zu tanzen. Sie lassen sich von Männern umarmen, die von Engeln keine Ahnung haben. Sie lassen sich eine Limonade bezahlen und müßten Champagner trinken. Sie verdienen sehr wenig Geld, und dennoch geben sie ihre Nächte her.

Ich gönne sie nicht allen Tänzern.

Ich gönne sie nicht den Handlungsreisenden mit den breiten Schultern aus Watteline, den Reisenden, die ohne Musterkoffer einen Abstecher ins Paradies machen und trotzdem erkenntlich sind. Ich gönne sie nicht den schmiegsamen Krawattenverkäufern, den Knochenweichen, Rückgratlosen, aus denen man einen modernen Knoten flechten könnte. Ich gönne sie nicht den bürgerlichen Ehrenmännern aus Boston, Liverpool und Amsterdam, die, befreit von ehelicher Aufsicht, eine Mädchenbrust an eine wollüstige Brieftasche drücken.

Ich gönne sie den Matrosen, den ewigen Knaben mit dem schwankenden Gang, mit den blauen Augen und den kindlichen Kragen, die auch im Paradies ein ewiger Seewind bauscht; den Negern, den Halbnegern, den javanischen Schiffsköchen, den mongolischen Boys, den abessinischen Prinzen und den schweren Fuhrwerkern aus den Markthallen. Sie kommen alle ins Paradies. Sie kommen aus den Kolonien, sie kommen aus den Kriegen, sie kommen aus Tunis, Algier, Marokko, aus den Häfen von Marseille, Bordeaux und Le Havre ...

Manchmal ist das Paradies wie der tiefe Bauch eines Schiffes. Der ganze Raum schwankt gelind und unaufhörlich, und ohne Pause spielt die Kapelle das Konzert der Maschinen. Das Gefühl des Geborgenseins und gleichzeitig der Verlorenheit hält mich für ewig hier. Niemals wird es Tag werden, niemals irdische, von Sonne, Arbeit, Mittagspause, Turmglocken bestätigte Wirklichkeit. Dieses Gemach segelt mit mir durch den Ozean der Welten. Wenn die unaufhörliche Musik eine halbe Minute aufhört, ist es wie der unendlich stumme Augenblick, der während eines Gewitters zwischen Blitz und Donner geklemmt ist, furchtsam, atemlos, ohne Herzschlag.

Auf einmal wechselt die Beleuchtung. Sie fällt in das tiefe Grünblau nächtlicher Wiesen, dann in ein dunkles Rot von Rubinen. Die Lippen der Menschen werden blau, und die Zigarette in meiner Hand ein kleiner Stab mit einem silbernen Brandköpfchen, auf dem ein Netz zarter Filigranasche geflochten ist. Dann wird es orangegelb im Paradies. Die Ziehharmonika allein spielt mit menschlichen Seufzern beim Atemholen ein Lied, das zwischen Europa und Afrika gelegen ist wie eine Insel, eine orangegelbe Melodie. Die erinnert an die Volkslieder aller Nationen und besonders an slawische Sommernächte. Es ist, als erhielte die Ziehharmonika allein die goldgelbe Beleuchtung. Es ist ein abendliches Instrument. Es gebärt und nährt diesen übertriebenen Sonnenuntergang ohne Sonne: den Weltuntergang.

Alle Menschen wissen schon, daß sie verloren sind. Die Mädchen werden noch verlorener. Selbst die Handlungsreisenden möchten weinen.

Aber dazu kommt es nicht. Es darf nicht sein. Der letzte Seufzer der Ziehharmonika bläst das orangene Licht aus, und die Flöte entzündet wieder das Silber an der Decke.

Neue Ankommende, zum Paradies Verdammte, schüttet die Straße hinunter. Ein neuer Engel kommt: blaßgelb, dritte Generation Mischung; im zarten Gesicht ein breiter, immer offener Mund. Er enthüllt ein starkes weißes Gebiß, eine zärtliche Drohung.

Es ist eines der unerforschlichen Rätsel der Natur, daß diese Frau mit den starken, großen Zähnen so demütige, so gebrechliche Fußknöchel hat; und einen Fuß, der die Stufen der Treppe nicht tritt, sondern küßt.

Frankfurter Zeitung, 14. 4. 1926

 

St-Quentin, Péronne, die Maisonnette

Immer noch fahren Autocars zu den Schlachtfeldern, große, bequeme, komfortabel gepolsterte Autocars. Die Firma Cook ist bemüht, körperliche Erschütterungen von ihren Passagieren fernzuhalten. Sie handelt nur mit seelischen. Hundertundzwanzig Francs kostet die Besichtigung pro Person und Tag. Acht Friedensjahre liegen schon über den Feldern der Ehre, der Weltkrieg ist etwas abgetragen, aber für hundertundzwanzig Francs immer noch preiswert zu besichtigen. Große, bequeme, komfortabel gepolsterte Autocars fahren zu den Schlachtfeldern ...

Ich fahre nicht im Autocar der Firma Cook. Ich fahre mit dem Zug nach St-Quentin. Ich fahre am Abend mit dem Zug, der von Paris über Berlin nach Warschau geht, nur Wagen erster und zweiter Klasse führt und Passagiere, die sich just zu der Stunde in die Betten des Schlafwagens begeben, wenn sie die Schlachtfelder passieren. Manche bleiben schlaflos. Plagt sie die Erinnerung? Plagt sie das Gewissen? Ach, es ist nur das unbequeme Lager. Es ist nichts mehr als das Poltern der Räder! Wissen sie, daß sie an den Schlachtfeldern vorbeifahren? In St-Quentin sieht niemand aus den Fenstern. Der Zug streut nur einige Menschen und ein großes Postpaket auf den nächtlichen Bahnsteig. Dann fährt er weiter, nach Berlin und nach Warschau.

Die Straßen der Stadt St-Quentin beleuchten der Mond und ein paar hilfreiche Laternen. Es ist kühl, es ist Vorfrühling, die Wolken haben silberne Zacken, und morgen wird es regnen. Die Straße, die vom Bahnhof in die Stadt führt, ist sanft abfallend und sacht gewunden. Es ist eine traurige Straße. Keine Bäume säumen sie. Häuser stehen da, Wohnkasten mit Schubladen für Menschen. Und es riecht nach Krieg. Was ist das noch für ein Geruch, acht Jahre nach dem großen Feuer, ein Geruch aus altem Brand und zerpulvertem Mörtel, ein herbsüßer Moder, der uns immer empfing, wenn wir in eine zerschossene Stadt einzogen. Die Gerüche leben länger als die Ereignisse und länger als die Erinnerungen. Länger als die Verwüstung einer Granate dauert der Pestgestank, den sie ausströmte. Das Leben ist lauter als der Tod, und dem Auge verbergen Blumen das Grab. Aber die Nase wittert die ältesten Verwüstungen, unter allen Organen hat sie das stärkste Gedächtnis. Ich rieche das Kriegsgebiet, noch ehe ich es betrete.

Jetzt beginnen auch schon die sichtbaren Reminiszenzen. Da sind zu beiden Seiten der Straße Häuserleichen, die ihr kennt, und die plötzlichen, häßlichen, blankgetünchten, mit einem geschäftigen Gedränge von Schildern versehenen neuen Häuser, die sich nirgends anlehnen, übermorgen erst Nachbarschaft bekommen werden, die kein Vorbild hatten und keine Fortsetzung sind und nicht einmal ein Anfang, sondern nur ein Provisorium. Zwischen einem wüsten Gehöft, auf dem Ziegelhaufen und Planken liegen, und einer leeren braunen Mauer mit nackten, nur vom Himmel ausgefüllten Fensterlöchern steht so ein weißes, dünnes, steiles Haus wie ein einsamer, falscher, übertrieben weißer Zahn. Diese Stadt könnte im tiefen wilden Westen Amerikas stehen. Sie war einmal ein alte europäische Stadt mit alter europäischer Geschichte. Granaten haben sie ausgelöscht.

Hier war einmal ein Haus oder ein Magazin oder eine Fabrik. Hier ist noch das mannshohe, etwa zehn Meter breite Stück einer Mauer, deren Ränder zersägt sind, zernagt wie von Bissen überirdisch großer Nagetiere, schroff und hundertfach gezackt. Neben diesem Mauerrest liegen, kunstlos aufgeschichtet, ein paar Ziegelhaufen, ehemals Bestandteile des Hauses. Hinten dehnt sich ein wüster, grauer, bestaubter Platz, uneben, mit einem einzigen kleinen Hügel in der Mitte. Auf dem Hügel blüht eine einzige kleine gelbe, leuchtende Feldblume. Welch ein winziges, armes Totenlicht für eine so große, starke Leiche!

Im Hintergrund erhebt sich eine trostlose, taube Mauer. An ihr ist ein Stück Vergangenheit zu lesen: deutliche Abdrücke von Zimmern, Gängen und Türen. Der treue Kalk hat sie aufbewahrt: Quadrate, Rechtecke, Linien. Sie sind wie Spuren großer symmetrischer Nester, die dereinst an der Mauer geklebt hatten. Ich stelle mir vor, daß eines Tages die Nester abfielen und die Vögel zerschellten mit gebrochenem Genick ...

Da steht ein verstorbener Brunnen, der nie mehr Wasser geben wird, mit einem steil ausgestreckten Schwengel, der in die Luft ragt wie ein verdorrter Arm. Da klebt, unentwirrbar, ein Knäuel dürrer Stacheldraht an einem kleinen Pfosten, Unkraut, das der Mensch gesät hat, ein Gemisch aus Dornen, Schlingpflanzen, Dörrgemüse und Kriegslorbeerkranz. Da stehen Baracken, halbrund, mit Wellblech gedeckt, und kleinen, sparsamen Fensterquadraten. Sie sehen romantisch aus wie Zelte fahrender Komödianten. Aber es sind Wohnhäuser alteingesessener Bürger und Arbeiter. Sie wohnen wie in Tanks. Das Blech des Krieges ist ihr schützendes Dach. Wenn der Regen darauf fällt, klingt es wie das alte, wohlbekannte, grenzenlose Trommelfeuer, das dereinst den Horizont umsäumte.

Die Stadt liegt groß, dunkel und in tiefem Schlaf. Sie ist nur stellenweise Stadt. Alle paar Meter ist sie reduziert zu einem Dorf, einem Lager, einem Kampierungsort. Kaffeehäuser und Likörstuben sind in Baracken wie Marketendereien. Der Marktplatz ist wüst, und mein Schatten liegt lang und ungestört auf seinen holprigen Steinen. Aus dem einzigen großen Kaffeehaus dringt goldenes Licht. Das Kaffeehaus ist hoch, hell erleuchtet und leer. Seine Drehtür bewegt sich nicht. Ihre vier gläsernen Flügel sind starr wie die Flügel eines vertikal aufgespießten Falters. Die Kellner lesen Zeitung, und die Büfettfrau sitzt wie ein Wachtposten in einem bombensichern Unterstand, von Flaschen gedeckt.

Der traurigste Platz liegt vor dem Fenster meines Hotels. Es ist ein sinnloser kleiner Platz, der sein Dasein nur dem Zufall zu verdanken hat, daß die Straße hier eine Biegung macht. Nachträglich, und um ihn zu trösten, hat man ein kleines Bassin in der Mitte angebracht, mit einem Springbrunnen, dem Sinnbild ewiger Heiterkeit. Der Springbrunnen aber hat nicht Auftrieb genug, er schießt nicht ordentlich in die Höhe, er ist mißgestaltet, kurz geraten, ein Zwerg von einem Wasserstrahl, er fällt schnell zurück und plätschert lauter, plumper, als er soll. Sein Geräusch ist das einzige im Umkreis. Nur vom Bahnhof her kommen die Pfiffe der ewig sehnsüchtigen Lokomotiven.

Am Morgen regnet es.

Ich möchte im Auto von St-Quentin nach Péronne fahren, dem Schauplatz der großen Sommeschlacht. Die Landstraße ist gut, breit und einladend. Ich werde trotz dem Regen in Bovincourt aussteigen. Hier muß man zu Fuß gehn. Fährt man in Autos zwischen Gräbern? Fährt man in Autos durch Friedhöfe?

Denn es sind Friedhöfe, auch wo keine Kreuze ragen. Die Leichen nähren den Boden. Noch ist er zerrissen, aufgeschürft, mit dicken Geschwüren überdeckt, auf denen schon dünnes Gras wächst wie spärlicher Bart auf einem verwüsteten Gesicht. Langsam vernarben die Schützengräben. Langsam zerfallen die verrosteten Hülsen der Geschosse. Aber tief in der Erde liegen noch wohlverwahrt die Granaten. Manchmal kommen sie an die Oberfläche. An den Rändern der Wege liegen Kriegsgeräte aus Metall, Schalen, Eimer, Reste von Kugeln und Kugeln. Splitter stecken in den verbrannten Bäumen.

Es gibt keine schauerlicheren Monumente als diese verbrannten Bäume, diese schwarzen, zerfurchten, oben angesengten Stümpfe, die noch in der Erde wurzeln und längst kein Ziel mehr haben, faul und zersplitternd, jeder eine vernichtete Welt, jeder Baumstumpf das Gegenteil von Baum, jeder wie sein eigener Galgen, jeder durchlöchert von Geschossen und gespickt mit steckengebliebenen Geschossen, jeder mit hängenden alten Fetzen von Rinde, Asyle für Gewürm und Blei, immer noch riechend nach Brand und Gas. Weit über das Land gesät sind die Stümpfe.

Schon tragen einige neues Grün. Tief unten, hart an der Wurzel, setzen sie kleine grüne Zweige an, Blüten und Blätter. Schon kleiden sie sich in Frieden! Schon haben sie vergessen! Wie stark ist das Leben!

Da steht der Friedhof, voll von eisernen Kreuzen, nicht jenen, die an Brüsten hängen, sondern den richtigen, die auf Leichenhügeln stehn. Das ist der deutsche Friedhof vor Bovincourt. Da liegen 40 000 unbekannte Soldaten. Da kommen jedesmal Hinterbliebene, die Ausgebliebene suchen. Da geht der französische Wächter herum und drückt jedem Deutschen, der herkommt, die Hand und fragt jeden Deutschen: »Kamerad, wozu haben wir gekämpft?« – Ewige Frage aller Kriegsgräberwächter. Man wird pazifistisch zwischen 40 000 unbekannten toten Soldaten.

 

Die alte Kathedrale von Péronne ist vernichtet. Wo ihre Tore waren, hat man graue Latten hingenagelt. Steinerne Heiligenbilder, dereinst dem Schutz überwölbter Portale, Nischen, Ecken anvertraut, sind ohne Obdach. Die Kirche hat kein Dach und hundert Granatlöcher. Man hätte sie frei stehen lassen sollen, die alte Kathedrale, ein doppeltes Monument. Aber weil das Leben stärker ist, verlieren die Menschen den Respekt und sogar das Grauen, und sie rücken dicht an die Mauerreste der Kirche, die auch in der Zerstörung noch erhaben sind, neue, nackte, ziegelrote Wohnhäuser, sie lehnen das Leben an die Ruinen, die noch das Wohnhaus stützen müssen. Überall baut man in Péronne. Gerüste klettern luftig und schlank in die Höhe. Das neue Rathaus steht schon fertig da. Auf allen Wegen arbeiten Männer. Ja, selbst die berühmte Maisonnette, das furchtbarste Schlachtfeld an der Somme, ist bedeckt von neuer Saat und Grün und üppig wucherndem Kleingehölz. Hier war die Erde aufgewühlt, mit kalkigen Haufen bedeckt, mit Schlamm, der aus der durchweichten Tiefe drang. Hier war kein Halm, kein Strauch. Es regnete Millionen Geschosse. Eine Division lag monatelang auf dem kleinen Hügel. Es war die Hölle der Division. Und man sah in der Ferne das silberne Wasser der Somme, dahinter die leuchtenden roten Dächer von Péronne und links das grüne, blühende, fremde Land, das fremde Land, das feindliche Land, nach dem man sich sehnte wie nach einer Frau.

Jetzt schwirren Lerchen durch die Luft, der Regen hat aufgehört, der Wind hat die Wolken zerstreut. Wer den Krieg nicht gesehen hat, mag glauben, daß hier Friede ist. Aber ich fühle rotes Blut durch die Adern der noch lebenden Bäume rinnen, durch die Krumen der Erde, durch die zarten Fasern der Blätter. Der Frühling riecht nach Pulver und Blei. Schwalben sind irrende Geschosse. Der Himmel ist schwer. Nicht Wolken trägt er, sondern Unheil. Milliarden Granatenatome sät der Wind. Bäume stöhnen wie Sterbende. Zweige knacken wie Gewehrverschlüsse. Über das Schlachtfeld gebeugt, wie ein General über einer Landkarte, ist Gott. Unnahbar wie ein General; und fern wie ein General ...

Frankfurter Zeitung, 2. 5. 1926

 

 << Kapitel 69  Kapitel 71 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.