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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 67
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Nizza

Nizza sieht so aus, als wäre es von den Autoren der Gesellschaftsromane begründet und von ihren Helden belebt worden. Die meisten Gestalten auf der Kurpromenade und am Strand kommen aus der Leihbibliothek und aus den Träumen kleiner Provinzmädchen. Diese Menschen kann Gott nicht erschaffen haben. Sie sind nicht aus gemeiner Erde gemacht, sondern aus mondänem Papierstaub. Schriftsteller haben sie so lange beschrieben, bis sie lebendig wurden. Ihre Bewegungen, ihr Gang, ihre Kleidung, ihre Sprache, ihre Gedanken, ihre Ziele, ihre Sehnsucht, ihre Schmerzen, ihre Erlebnisse sind wie literarisch gefiltert, außerordentlich und gesucht. Hier vollzog sich zum ersten Male ein umgekehrter Prozeß: Autoren erschufen Menschen nach origineller Konzeption, und die Schöpfung machte es ihnen nach. Ein Verfasser diktierte eine Welt in die Schreibmaschine – und siehe da! – sie war, sie ist, sie geht spazieren, spielt Roulette, tanzt Java und nimmt Seebäder.

Eine ganze Saison in einer Romanwelt würde wahrscheinlich langweilig. Aber drei Tage sind beruhigend. Man erholt sich von den Strapazen gewöhnlichen Erdenlebens, von den Berührungen mit den gemeinen Alltagssorgen und von dem Waffengeklirr, den der Kampf ums tägliche Brot verursacht. In der Gesellschaft der echten, von Adam abstammenden Menschen umfängt uns der gewöhnliche Geruch gewöhnlicher Tragik. Hier aber, in Nizza, breitet sich der Weihrauch der romanhaften Tragik aus. Hier gibt es nur Luxusschicksale. Hier siehst du lauter Edelgeschöpfe. An ihren goldenen Wiegen standen gutbezahlte Domestiken. Ihre ganze Jugend war eine einzige gute Kinderstube, von Hausärzten persönlich gelüftet. Ihre Ehe ist eine außerordentlich günstige Kapitalanlage. Ihr Tod selbst wird keine Lücke, sondern eine Erbschaft hinterlassen.

Denn sie sind nicht notwendig im gemeinen Sinn, sondern im höhern. Sie sollen nur die Romanautoren bestätigen. Sie tun es in Nizza. Um die Aufregung kennenzulernen, geben sie viel Geld in Monte Carlo aus. Zu uns anderen kommt Monte Carlo jeden Tag, und unser Leben ist ein Roulettespiel.

Hier aber ist kein Mensch aufgeregt, wenn er nicht auf Schwarz oder Rot gesetzt hat. Alle strömen selige Sicherheit aus. Auch den Unsichern begnadet sie. Den ganzen Tag liegt man im blauen Wasser. Die Sonne macht sich eine Ehre daraus, unaufhörlich, wolkenlos, in so guter Gesellschaft zu scheinen. Die Nächte bleiben so warm wie möglich und geben acht, daß sich die Kurgäste nicht erkälten. Die alten Herren aus England und Amerika gehen mit gemessenen Schritten, die so abgezählt sind wie Medizintropfen, vor dem Schlaf spazieren. Ihre Söhne und Töchter tanzen indes, lieben, leiden und heiraten nach den Vorschriften der Autoren. Die alten Damen, durch Gesichtsmassagen und Diät zehn Jahre jünger, auf achtzehnjährigen Beinen, in kurzen Röckchen, von riesigen Brillanten gefolgt und unwahrscheinlich kleinen Schoßhündchen geziert, sprechen von der Zukunft, nicht wie andere Alte von der Vergangenheit. Alle paar Minuten gleitet ein Herr im Zylinder nach Monte Carlo auf der breiten, schönen Straße, auf der kein Staub entsteht und die eigentlich ein vornehmer Korridor des vornehmen Volkes ist.

Nichts Schlimmes kann passieren: Die Schwachen werden stark, die Kranken gesund, die Gesunden glücklich, die Glücklichen erleben hier die ersehnte Tragik und sind noch glücklicher als im Glück – und wenn einer Selbstmord begeht, so ist sein Tod durch einen romantischen Schleier dem gemeinen Bedauern und in die Sphäre der Bewunderung für die große Welt entrückt. Es ist wunderbar, in so guter Gesellschaft zu leben, die bei Tag nackt und abends im Smoking ist, abgebrannt und hygienisch, sauber und gut erzogen, aus Papier und dennoch aus Fleisch und Blut, ohne die Laster, welche eine Folge der Arbeit sind und so tugendhaft, daß sie vom Herrn selbst genährt werden, obwohl er sie nicht nach seinem Angesicht erschaffen hat...

Frankfurter Zeitung, 26. 10. 1925

 

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