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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 64
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authorJoseph Roth
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Stierkampf am Sonntag

Am Sonntag fahre ich nach Nîmes. In der großen Arena, die noch sehr gut erhalten ist, obwohl sie aus dem 2. Jahrhundert nach Christi Geburt stammt, finden am Nachmittag Stierkämpfe statt. Die provenzalischen Stierkämpfer halten einen Vergleich mit den berühmten spanischen nicht aus. Es gibt weniger Farben, weniger Kostüme, die Aufregung ist kleiner, und von Blutfließen kann keine Rede sein. Diese Stierkämpfe, scheint es, hat das internationale Völkerrecht geregelt. Die jungen Männer vom Lande begnügen sich damit, den Stier zu reizen, ein wenig mit eisernen Kämmen zu kratzen und mit Pfeilen zu kitzeln. Der Stier stirbt nicht, der Mensch verendet nicht. Das ist noch keineswegs ein Trost und eine Entschuldigung. Aber was soll man in einer so gut erhaltenen Arena machen? Schließlich ist es für die Ordnung des Staates gut, wenn die Regierten ihren Groll gegen Tiere auslassen. Dazu ist ja die kostspielige Arena gebaut worden. Die Römer wußten, daß sie immer noch billiger ist als eine Revolution. Und die Nachfolger der Römer wissen es auch.

Das denke ich auf der Fahrt und später im Gasthaus, wo neben mir die Bauern sitzen, denen die Stiere gehören und deren Söhne heute kämpfen werden. Die Bauern schneiden das Fleisch mit ihren großen, geschliffenen Taschenmessern vom Knochen, essen zierliche, kleine Stückchen, trinken den guten roten Wein der Päpste, von dem eine halbe Flasche soviel kostet wie eine ganze Mahlzeit, haben lange, faltige Hälse, durch die man jeden Bissen gleiten sieht, und große knöcherne und bedächtige Hände. Sie sprechen wenig, mit Ausnahme eines einzigen, städtisch gekleideten, mit Kragen und Krawatte ausgerüsteten, halb bäuerlich aussehenden Mannes, den man »Herr Direktor« nennt und der Präsident des Komitees für Stierkämpfe ist. Heute nachmittag wird er in einer Loge sitzen und Preise verteilen. Jetzt ist er aufgeräumt, ein kleiner, dicker Schäker, witzig und herablassend. Die Hunde von Nîmes riechen die guten Knochen und schleichen um den Tisch herum. Die gutherzigen Bauern legen die Knochen, an denen für hündische Begriffe noch sehr viel Fleisch klebt, seitwärts auf einen Teller und geben nicht zu, daß die Kellnerin die Speisereste abräume. Es sind gute Seelen. Sie freuen sich am Appetit der Hunde und klopfen die Tiere wohlwollend ab. Sie sitzen sehr lange, trinken noch eine Flasche und noch eine und amüsieren sich auf ihre Art.

Langsam füllt sich die Arena. Die Erwachsenen, die Kinder und die Soldaten sitzen vom ersten, tiefsten Rang bis zum höchsten, und selbst am obersten Rande der Mauer hocken und stehen noch Zuschauer. Die Arena ist ungefähr drei Stockwerke hoch. Die steinernen Galerien sind mit Menschen gespickt, die ganz klein sind in diesem weißen runden Ungeheuer. Die vielen Köpfe neben- und übereinander wachsen aus dem Stein wie Rüben aus einem Feld. Es ist, als hätten die Menschen sich nicht gesetzt, sondern als hätte man sie gesät und sie wären aufgegangen. Die Sonne liegt weiß schmelzend auf dem kahlen Rund in der Mitte. Ringsum ein Zaun mit vielen Toren und mehreren verborgenen Ein- und Ausgängen. Aus einem dieser Tore stürzt nach einem feierlichen Trompetenstoß der erste Stier, empfangen vom Geheul der Zuschauer und geblendet von der schmerzenden Sonne. Der Stier kommt aus dem guten dunklen und kühlen Stall. Ihm ist diese Arena eine wüste Hölle aus weißgelbem Brand und Geschrei. Die Hörner gesenkt, die Vorderbeine geknickt, setzt er zum ersten Sprung an, der ihn retten soll. Nach einer Sekunde hat er bereits gesehn, daß aus diesem Ring kein Ausweg ist. Er läuft den runden Zaun entlang und säubert ihn von den Zuschauern, den Männern, die alle mit flinken Sprüngen über die Planken setzen. Sie schreien dabei, beschimpfen das Tier, werfen ihm Mützen in den Weg. Der Stier stößt gegen den Zaun. Indessen sind die jungen Leute wieder in der Mitte der Arena. Sie locken den Stier, schreien, schrecken ihn. Einer läuft dem Tier entgegen, streckt die Hand aus, der Stier stößt gegen den Mann vor, der Mann entweicht. Er ist flinker, er ist zweibeinig, er hat Genossen, die ihm helfen und den wütenden Stier ablenken, er ist in einer unvergleichlich besseren Situation, der tapfere Mensch. Er darf alle Waffen benützen: die List, die Feigheit, die Zweibeinigkeit, den Zaun, die Ausgänge, den eisernen Kamm. Der Stier hat nichts, man hat ihm über die Hörner Schläuche aus Leinwand gestülpt, um seine Stoßkraft zu mindern.

Der Stier ist schwarz, kräftig, um seinen Nacken kräuselt sich das Fell, sein guter, breiter Schädel glänzt bläulich in der Sonne, seine Augen sind groß, ratlos, dunkelgrün und in aller Wildheit noch fromm.

Die Menschen, die ihn reizen, sind jung, braunhäutig, dumm. Unter ihnen sind zwei, die ich nie vergessen werde: der eine dick, schwer, mit einem würfelförmigen Schädel, den linken Unterarm bandagiert, die Hände klotzig, die Finger aus primitiv geschnitztem Holz, die Nase kurz und stumpf, eine Stirn, die aus zwei Querfalten besteht und zwei Wülsten, die Augen groß unter ganz kleinen Lidern. Das ist der flinkste Jäger, trotz seiner Körperschwere. Er setzt mit einem hohen Sprung über den Zaun. Erläßt sich im richtigen Moment fallen. Er vollführt fünf Drehungen in einer Sekunde. Er ritzt die Stirn des Stiers mit dem eisernen, scharfen Kamm und ist im nächsten Augenblick verschwunden. Er wird zwanzigmal beklatscht, ein paarmal von der Präsidentenloge geehrt, die Musik bläst ihm zu Ehren einen Tusch. Nichts kann seinem Ehrgeiz genügen. Das ist kein Spiel mehr. Dieser Mann haßt den Stier mit der ganzen Kraft seiner Seele. Das Tier ist sein Feind. Dieser Mann will den Stier bluten sehn.

Sein Kollege ist dünn, groß, schwarz, mit langen Gliedmaßen, die ihn hindern. Seine schmale Nase ragt wie ein Messer aus dem Gesicht. Dieser Mann haßt das Tier ebenfalls. Er greift zu Mitteln, die noch hinterhältiger sind als die üblichen. Er rächt sich am Stier für sein eigenes Ungeschick. Er spannt einen violetten Damenschirm auf und hält ihn dem Stier vors Gesicht. Verfolgt und vom Schirm geschützt, kriecht er über den Zaun und stößt aus seiner feigen Sicherheit die Spitze des Schirms gegen das Geschlecht des Stieres. Großes Gelächter in der Arena. Die Zuschauer halten sich die Bäuche. Das häßlichste Requisit, das der Menschengeist erfunden hat, wird zur Waffe gegen das kräftigste der Tiere. Der Mann konnte kein besseres Symbol für die Würde der Menschheit finden.

Ratlos, erschöpft, mit fließendem Schaum steht der Stier, den Blick gegen das Tor gerichtet, hinter dem der gute, warme, riechende Stall ist, die bergende Heimat. Ach! das Tor ist geschlossen und öffnet sich vielleicht nicht wieder! Die Menschen schreien und lachen, und es scheint, daß der Stier jetzt schon zu unterscheiden weiß zwischen den reizenden Rufen und dem billigen Spott. Eine ungeheure Verachtung, größer als diese Arena, erfüllt die Seele des Stiers. Jetzt weiß er, daß man ihn auslacht. Jetzt ist er zu schwach, um wütend zu sein. Jetzt erkennt er seine Ohnmacht. Jetzt ist er kein Tier mehr. Jetzt ist er, in einem, die Verkörperung aller Märtyrer der Weltgeschichte. Jetzt sieht er aus wie ein verspotteter, geschlagener Jude aus dem Osten, jetzt wie ein Opfer der heiligen Inquisition, jetzt wie ein zerrissener Gladiator, jetzt wie ein gemartertes Mädchen vor dem mittelalterlichen Rat, und in seinem Blick liegt ein Schimmer von dem leuchtenden Schmerz, der im Auge des Gekreuzigten gebrannt hat. Der Stier steht und hofft nicht mehr.

Da erscheint hinter dem Zaun mein Tischgenosse, der Bauer, der so freundlich den Hund gefüttert hat, die gute Seele, mit einer langen Mistgabel und stößt zwei spitze Zinken in den Rücken des Tieres, um es aufzumuntern. Der Stier springt auf, schlägt aus, scharrt den Sand zu einer Wolke auf, rennt gegen den ersten Schreier, stößt mit dumpfem Laut gegen den Zaun, springt über das Geländer, rast im engen Raum zwischen Zaun und Zuschauern. Der Jubel ist schauderhaft und betäubend. Man hört ihn gewiß eine Meile in der Runde.

Oh, jetzt werden noch die schönsten Dinge kommen! Noch wartet man auf den stolzen und rotgoldenen Reiter, die funkelnden Springer, die Träger der roten Tücher, die Pfeilewerfer. Alles, was sich bis jetzt ereignet hat, war nur ein Vorspiel. Die gutherzigen, wohlerzogenen, höflichen Bürger, die sich mit tapferen Zurufen und heroischen Taschentüchern am Spiel aus gesicherter Entfernung beteiligen, die Schneider und Friseure im Sonntagsanzug, sie sind schon aufgeregt. Der Schaum genügt ihnen nicht. Sie wollen Blut sehen, die Braven!

Ich werde die rotgoldenen Helden nicht mehr sehen. Wenn ich das Aussehen eines Tieres hätte unter diesen Menschen – ich bliebe vielleicht. Aber ein Stier könnte mich Unglücklichen für einen Menschen halten. Mein einziger Genosse ist ein kleiner weißer Hund, den eine Frau mitgebracht hat. Der Hund bellt immer aufgeregt, wenn ein Mensch dem Stier entflohen ist. Der Hund möchte dem Stier beispringen. Ich auch.

Aber, ach! Was können zwei arme Hunde gegen fünftausend Menschen?!

Frankfurter Zeitung, 1. 10. 1925

 

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