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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 61
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authorJoseph Roth
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Kino in der Arena

In der Arena von Nîmes, wo die famosen Stierkämpfe an manchen Nachmittagen stattfinden, hat sich für die Abende ein Kino installiert, das immerhin kultivierter ist als ein Stierkampf. Man gibt die »Zehn Gebote«, den großen amerikanischen Film, den man in Deutschland schon kennt. Am Abend gehe ich in die Arena.

Man rechnet damit, daß es nicht regnet, und man hat's leicht in Nîmes. Es regnet hier sehr selten und sehr kurz. Die Steine werden am Abend kühl. Ein paar Bogenlampen beleuchten die eine Hälfte der Arena. Die andere bleibt im Schatten. Aus ihm wachsen gespenstig und weiß die Konturen der rissigen großen Steinblöcke. Sie haben schon so viel erlebt, diese Steine. Im Mittelalter wohnten 200 Familien in den Mauern der Arena und errichteten (in einem der geräumigen Torbögen) eine Kirche. Im Krieg diente die Arena als Festung. Sie machte den Wandel der Zeiten durch und ist immer wieder das Wahrzeichen jeder Epoche. Im Jahre 1925 ist sie keine Kirche mehr, sondern ein Kino, in dem man allerdings die »Zehn Gebote« spielt. In einer Zeit, in der man sie nicht befolgt, ist das auch schon viel.

In der Mitte der Arena steht die Leinwand wie eine weiße Schultafel. Im gegenüberliegenden Torbogen surrt der Apparat. Die Musik sitzt vor der Leinwand. Die Zuschauer wandeln (für 50 Centimes) auf den höchsten und etwas tieferen Steinsitzen. Manche, die es kühl und frei haben wollen, stehen auf dem oberen Rand der Mauer, schwarz gegen den blauen Himmel. Es ist ein herrliches Kino, hygienisch, kühl, ohne jede Feuergefahr und erhabener, als es ein Kino nötig hat. Wenn ein Amerikaner zufällig daraufkommt, dann baut man im nächsten Jahr in den Vereinigten Staaten für Filmabende die größte Arena der Welt aus Beton mit Plüschüberzug, Wasserleitung, Klosett und Glasdach.

Ehe die Vorstellung beginnt, tummeln sich die Kinder hinter der Leinwand und spielen Fangen, Vater, leih mir die Scher' und Verstecken. Alle Kinder von Nîmes – das Volk ist hier fruchtbar – gehen ins Kino. Die Mütter vergessen nicht, die Säuglinge mitzunehmen. Die jüngsten Kinobesucher zahlen nichts, sehen allerdings auch nichts, sondern liegen mit offenen Mündern gegen den nächtlichen Himmel, als würden sie Sterne schlucken wollen.

Beinahe könnte man's. In dieser Gegend treibt der Himmel einen überraschenden Luxus mit Sternschnuppen. Sie fallen nicht im Bogen abwärts wie im Norden, sondern seitwärts, so als wechselten Sterne ihre Lage. Es gibt viele Arten von Sternschnuppen. Während auf der Leinwand eine sentimentale, mit Ozean verwässerte Bibel gefilmt wird, betrachtet man am besten die Sternschnuppen. Manche sind rot, groß und klobig. Sie wischen langsam über den Himmel, als gingen sie spazieren, und hinterlassen eine dünne, blutige Spur. Andere sind silbern, klein und hurtig. Sie fliegen wie abgeschossene Kugeln. Andere sind strahlend wie kleine laufende Sonnen, sie erhellen den Horizont beträchtlich für eine lange Weile.

Manchmal ist es, als öffnete sich der Himmel und ließe ein Stück rotgoldenen Unterfutters sehen. Dann schließt sich schnell der Spalt, und die Herrlichkeit ist wieder für ewig verborgen.

Von Zeit zu Zeit fällt eine große, nahe Sternschnuppe. Dann ist es wie ein silberner Regen. Alle verschwinden in derselben Richtung. Dann ist wieder diese scheinbare Ruhe am tiefen Blau, dieses ewige Stehen der Sterne, von denen man doch fühlt, daß sie wandern, auch wenn man es nicht gelernt hätte.

Da sind wieder die alten, vertrauten Sternbilder, die jeden Menschen an die Kindheit erinnern, weil man sie nur als Kind mit Inbrunst betrachtet. Sie sind überall. Da ist man so weit von seiner Kindheit fortgefahren und trifft sie doch wieder. So klein ist die Erde.

Und wenn man einen Fleck auf ihr für die Fremde hält, so ist es ein Irrtum. Es ist überall Heimat. Der Große Bär steht ein bißchen näher – das ist alles.

Es war ein guter Gedanke, in der alten römischen Arena einen Film aufzuführen. In diesem Kino gelangt man zu tröstlichen Resultaten, wenn man nicht auf die Leinwand sieht, sondern auf den Himmel.

Frankfurter Zeitung, 12. 9. 1925

 

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