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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 53
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authorJoseph Roth
titleReportagen aus Wien und Frankreich
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Ausflug

Im Schottentor riecht man den Heurigen, der 38er ist beschwipst und taumelt menschenleiberbehangen davon. Im Sonnenglanz perlt Schweißtau auf Rasenrücken. Der Motorführer ist eingekeilt und prustet Sauerstoff wie eine Maschine, HP76. Rucksäcke, noch schlaff, aber leise schwellend in Erwartung ländlicher Eroberungen. Siebenfach genagelte Bergsteigersohlen auf Mitmenschenhühneraugen basierend. Von der hinteren Plattform dampft Menschenfleisch, Rädertempo beschleunigend.

Vorüber an grünbehangenen Gartenzäunen, die fast die Wagenfenster streifen. Hundegeheul in einem Gehöft. Die sausende Straßenbahn macht einen eingesperrten Pudel rasend. Er glaubt, daß ihn das lärmende rotgelbe Ungeheuer frozzelt. Junges Bohnengewächs kollert frühreif dünne Stangen hinan, will schaun, was oben sein mag. Naseweise Erker ziehen grüne Wildweinlaubschleier vors Angesicht, angstvoll vor Sommersprossen. Ein Gartengitter macht weiße Farbentoilette. Die Ölfarbe dunstet in der Sonnenwärme.

Endstation. Grünes Bedürfnishäuschen mit erhöhten Eintrittspreisen, Schaffner mit Zeitungsblättern, Weltgeschichte zwickend, auf von Hosenböden gescheuerten Holzbänken. Der offene Wagen spuckt Menschen aus. Erster Naturhauch wirkt aufmunternd auf Liebespärchen. Irgendwo fällt ein Kuß wie einzelner Regentropfen in die Stille.

»Café-Restaurant«. Cottage-Kellner, hemdbrustblank, scheitelglänzend, Haarsträhne sorgfältig gezählt, rechts und links mit Pomade, fett wie Schlagobers. Lautlose Handbewegungen. Ihre Finger gehn auf Gummiabsätzen. Der Pikkolo, Baby im Frack, hat blanke rotbraune Backen mit leichtem Pfirsichflaum. Er riecht nach Milch wie ein Säugling.

Eine Fensterecke war von einem Schieberrudel erobert. Überzieher und Röcke mit Gürteln, in denen seltsamerweise keine Handgranaten stecken. Breite Fingernägel schimmern, heute morgen noch vom Friseur poliert, wie Glassplitter herüber. Die Manieren frisch gekauft, knisternd noch und neu; der Ladenpreis baumelt sichtbar daran.

Es sind sechs, sieben. Ihre grünschillernden Krawatten machen Gepolter. Man bestellt Tschoklad. Sieben Tassen Tschoklad.

»Was dazu?!« neigt sich flüsternd der Kellner.

»Sieben Sacher-Torten!« einer sprach's. Er zahlt. Valutabeherrschend, Hand im Hosensack, darin sich die Finger hurtig bewegen wie gefangene Kaninchen. Möbelpackerbeine, auswärts gekrümmt. Wimpernlose Äuglein, die Augenbrauen kaum angedeutet, wie mit schüchternem Kohlestrich.

»Sieben Sacher-Torten!« Der Kellner lächelt, glattgeölte Überlegenheit. »Schani, bring den Herren Kuchen

Die Herren sind paff. Wollten sie nicht Sacher-Torten? Ihr Benehmen ist gedämpft. Ihre Krawatten sind auffallend still geworden. Der mit den Händen im Sack überlegt: Ist Kuchen Sacher-Torte?

Schani bringt Kuchen. Siebzig Finger zerbröckeln ihn. Tauchen Kuchen in Tschoklad wie Schwämme in Wasser. Endlich gurgelndes Geschlürf. Es klingt wie röchelnde Wassertropfen in einer kaputten Wasserleitungsröhre.

Auf der Landstraße Gesang. »Die Vöglein im Walde.« Gewaltsam konstruierte Harmlosigkeit. Touristenkostüme, wie gemalt. Aus den Frauengeschichten hat der Wind Puder weggeweht. Stadtmenschen in »Feld und Flur«.

Auf grünender Wiese erheben sich plötzlich fünfundzwanzig braune Papiertüten. Durch anbrechende Dunkelheit glimmt rötlich eine Zigarette. Heimkehrer schwanken, Lodenhütchen im Nacken, lustig um jeden Preis, schwer wie beladene Heuwagen zur Scheune, der Haltestelle zu.

Sturm auf Straßenbahn. Geht-net-unter-Dialekt herrscht übermächtig vor. Wiedergurgler schlucken immer noch Heurigen.

Die ersten Straßen sind still, ducken sich aus Angst vor den heimkehrenden Bewohnern. Wie ein toller Schrecken durchfährt die Elektrische eine reservierte Straße. Und der Halbmond lacht hämisch über leberkranke, gelbsüchtige Gaskandelaber.

Josephus

Der Neue Tag, 28. 3. 1920

 

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