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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 51
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authorJoseph Roth
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Stadtfrühling

In den Auslagen der inneren Stadtteile erblühen im März plötzlich wunderbare kostbar-durchsichtige, weiche Blusenstoffe, die Preise schießen in die Höhe, und die Kaufleute schlagen aus. Am Vormittag sind die Kaufläden halb geöffnet, und ein Auslagearrangeur setzt Frühlingswaren in die Schaufensterbeete. Der Herr Direktor steht in der Tür, leutselig neben dem goldknöpfeknospenden Portier, wie ein hold erblühter Blumenstock. Die Sonne, die seinen Scheitel trifft, löst einen warmen Dunststrom duftender Brillantine aus. Seine Lackschuhspitzen schießen Strahlenbündel in die Höhe, leuchten in flüssiger Weißglut. Er könnte sich an seinen Stiefeln eine Zigarette anzünden.

An den Straßenecken sind die Blumenfrauen über Nacht aufgegangen mit hängenden Frühlingsgärten von Primeln, Veilchen, Leberblumen, Schneeglöckchen. Schieber in frühjahrsmäßigen Gürteltierüberzieherfellen lassen blaue Papierfetzen für ein Veilchensträußchen in die Körbe der Frauen flattern. Die Maronimänner lassen immer noch Maroni-Anachronismen braten, deren Duft wie eine aufgewärmte Winterreminiszenz in die Luft steigt. Auf den Köpfen der Damen erblühen schüchterne Strohhüte in blassen Farben, und den kurzen Rockschößen entsprießen schlanke Seidenstrümpfe. An blonden und braunen Zöpfen baumeln Schulmädchen mit Notenmappen durch die Straßen. Aus einem plötzlich gähnenden Schultor strömt eine Wolke kleiner Kinder wie loser Dampf aus einem geöffneten Maschinenventil.

Die Bettler wachsen an besonnten Mauern und nützen für ihr Gebrechen die sonnige Konjunktur aus, als hätten sie eigens zu diesem Zweck einen Vertrag mit dem Himmel geschlossen. Die Spritzwagen fahren mit breiten Wasserstrahlkämmen über das Pflaster, und ein Mann mit einer Uniformkappe stäubt Wasser aus einem Gummischlauch auf die Köpfe der Passanten. Es ist wie im Kino.

In den Gärten und Parks knospen Kinder im Gummiwägelchen und Blätter an dünnen Zweigen. Es ist Frühling. Es ist noch ein Frühling da. Er beginnt am Gürtel. Die Straßen sind aufgerissen, mit Geschwür und häßlichen Wunden bedeckt. In der Sonne sind die Fenster mit Scheibengroßen Pappendeckelpflastern und schmutzigen Fetzenverbänden doppelt, dreifach, tausendfach traurig.

Es sind die Straßen der hohen Löhne und der weiten Armut. Die Häuser sind so unerhört groß, übermächtig, wie Schicksale, erdrückend mit ihrer steinernen Wucht; sie lasten auf der Welt wie ein unabwendbares Unglück. Sie haben unzählige Fensteraugen, wie böse Gottheiten; man fühlt ihren schmerzenden Blick im Rücken, wenn man auf der Straße steht.

Alle Menschen kommen aus diesen Häusern. Hier sind keine anderen Menschen als solche, die aus diesen Häusern kommen. Sie tragen den dumpf-feuchten Mauergeruch auf den Schultern.

In einem Misthaufen stochern fünf, sechs Kinder herum. Staub hüllt sie ein. Sie klauben alles auf: Tramwayfahrscheine und alte Postbüchel und Knochen und Blechdosen. Die Kinder sind selbständige Sammelbüchsen mit Gliedmaßen.

Es ist Frühling.

Am Abend traben berittene Holzbündel durch die Straßen. Sie reiten auf Menschenrücken.

Und ein Mädchen in der Straßenecke wartet auf eine Gelegenheit zu einem neuen Kostüm. Es ist Frühling.

Die Bäume in den kleinen Gartenanlagen haben tabes dorsalis. Ihre Knospen sind nur symbolisch gemeint. Diese kleinen Spielgärten sehen aus wie Versorgungshäuser für kranke Sträucher.

Der Frühling ist ein ganz, ganz anderer ...

Der Neue Tag, 21. 3. 1920

 

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