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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 46
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authorJoseph Roth
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Artisten

Manchmal ist die Welt kleinwinzig wie ein Ameisenhaufen, so daß man ordentlich den Respekt vor ihr verliert, und die Schatten vergangener Dinge so groß, daß man ihnen nicht entrinnt und sich stets von ihnen verfolgt weiß. Und oft glaubt man, auf dem Vorwärtsmarsche etwas liegengelassen und vergessen zu haben, und dann, urplötzlich, an einer beliebigen Stelle deiner Landstraße, siehst du es wieder vor dir, als wärest du rückwärts geschritten, nicht vorwärts, oder als hätten verflossene Dinge längere Beine und liefen dir voraus, um sich wie ahnungslose Meilensteine an den Wegen der Zukunft aufzustellen. Ja, die Meilensteine, denen du begegnest, sind gar nicht neu, sind immer wieder die alten, die dich auf Umwegen überholen und vor dir Posto fassen. Haben sie nicht alle das gleiche Gesicht? Lauter Bekannte sind alle Meilensteine.

So geschah es mir, als ich in das Grand-Café in der Praterstraße trat, studienhalber. Alle die Gesichter hatte ich schon irgendwo gesehen. Dieses Kaffeehaus, dessen Decke mit Zigarrenqualm geradezu bestrichen ist wie eine Brotschnitte mit Gänsefett und das vom Eingang nach links und geradeaus sich dehnt und zwei Katheten bildet, eine steckengebliebene Beweisführung für den Pythagoräischen Lehrsatz. Menschen, die an den Wänden und auf dem Fußboden picken wie Insekten auf Fliegenleim und mit den flatternden, zappelnden Händen wirklich den Eindruck machen, als möchten sie loskommen und könnten es nicht. Glühbirnen, die wie festgenagelte Leuchtkäfer rötlich durch den Qualm blinzeln, als täte ihnen ihr eigenes Leuchten weh. Ein Mann in einer grünen Weste, so grün wie Moorland auf einer geographischen Wandkarte, mit baumelnden, silbernen Haselnußknöpfen und einem Elfenbeinsächelchen an silberner Uhrkette. Offenbar ein Impresario. Eine Kartengesellschaft an der Wand rechts von der Kassa. Klitsch, klatsch schlagen die Karten auf das grüne Tuch wie wattierte Ohrfeigen. Die Männer in Hüten, offenbar zur Beruhigung ihres Gewissens. Denn was ein tüchtiger Artist ist, der versitzt nicht seine Stunde im Kaffeehaus, sondern kommt immer nur auf einen Sprung, einen Kunstsprung sozusagen, und braucht den Hut gar nicht erst abzunehmen. Bleibt aber dennoch, um seine Zeit im Kaffeehaus zu versitzen, aber den Hut auf dem Kopf, denn er ist, wie gesagt, »auf dem Sprung«.

Die Frauen, meist schon in »Bühnentoilette«, aus Schminkdosen zusammengekleistertes Temperament in den Zügen und Atropinimitation von Leben in den puppenfaden Glasaugen.

Hier traf ich sie wieder, die Gesellschaft aus dem ostgalizischen Kriegsnest, das »Wiener Varieté«, das »erstklassigste Ensemble«, das ich auf meinem Weg liegengelassen hatte und längst verloren glaubte, wie man etwa, von einem Feste heimkehrend, bunte Papierfetzen und herabgerissene Lampions hinter sich läßt, die dann der Wind einem Misthaufen zuführt oder der Regen durchweicht und vernichtet. Ja, denkt euch, hier traf ich sie alle wieder:

Den kleinen Cohn, der sich »Tiberius« nannte und wie ein Nero aussah, den »Direktor« des Ensembles, der nach jeder Nummer im Kaffeehaus der Etappe absammeln ging und das Geld nach seinem Gutdünken unter seinen Leuten verteilte, oder auch nicht.

Claire Clairon, genannt »die Nachtigall von Hernals und Ottakring«, die rührend-falsch die Ballade vom Zigeuner sang. Hertha-Hertha, mit einer Vergangenheit, derer sie sich nicht zu schämen brauchte: Zirkusreiterin, Dompteuse, und jetzt sang sie jeden Abend »Weine nicht, Hertha, Mädel vom Chantant«, ein Lied, das mit einem hochdramatischen Aufschrei und Hinfall zu enden hatte und das Hertha-Hertha wie ein billiges Feuerwerk in ein knacksendes Dis explodieren ließ.

Mia Martison, die »Riesenboa«, die in einem leuchtend roten Schwimmkostüm überlange Glieder auf den nie gesäuberten Dielenbrettern des Podiums verzweifelt räkelte und sich wand und krümmte, nicht wie eine Schlange, sondern wie ein personifiziertes langes Gähnen.

Das »tanzende Zwillingspaar«, zwei kleine Frauenzimmer mit unpersönlichen Puppengesichtern, die ihre Beine in die Luft schleuderten, so hoch, daß sie fast Löcher in den Plafond geschlagen hätten und weiß Gott auf welchen Stern geflogen wären, wenn sie nicht durch zierlich-seidene Trikothöschen an den Rumpf genäht wären.

Und natürlich auch »der kleine Diabolo«, eine achtundzwanzigjährige, aber kontraktlich zum Backfischalter verpflichtete Person, mit wirren Superoxydblondlöckchen, die »Tiberius« in die Luft schmiß, daß sie wirbelte wie eine Zigarettenhülse im Sturm.

Und den »Conférencier« Herrn Lund, der einen roten Frack trug, einen Frack, ich sage euch, vor dem man sich gewiß würde bekreuzigen müssen, wenn ihm seine Zirkusmanegevergangenheit nicht den Anstrich des Irdischen gegeben hätte. Herr Lund verkaufte Ansichtskarten an Etappenoffiziere, Ansichtskarten voll kostbarer Schweinereien, das Stück zu einer Krone. Nur jene Karten, auf denen er selbst, Herr Lund, photographiert war, kosteten zwei Kronen. Oh, er wußte sich zu werten! Sein Repertoire war seltsam, wie aus einer Antiquitätengalerie zusammengestellt, sein historischer Wert unschätzbar. Und Herr Lund pflegte sich gar nicht anzustrengen! Er machte Witze mit einer Selbstverständlichkeit, als ob sie neu wären, und er war interessant trotzdem, wie ein altes Räderwerk aus Nürnberg.

Alle, alle traf ich sie wieder im Artistencafé in der Praterstraße.

Mia Martison, die Riesenboa, erkannte mich zuerst nicht, um später, wenn sie mich erkennen würde, ein theatralisches »Ach Gott, wie komisch!« mit Erfolg an den Mann bringen zu können.

Nur Hertha-Hertha fühlte sich verpflichtet, über die schlimmen Zeiten zu klagen, in denen selbst Grafen in die Schweiz reisten, die zu ihr in inniger Beziehung standen.

Alle waren sie gewerkschaftlich organisiert und suchten ihren Obmann, einen »Arbeiterrat«, ja, denkt euch, einen Arbeiterrat! Geschminkt, parfümiert wie Drogerien, mit Halsbindchen, Kettchen, Ringen, Ohrgehängen verdächtig-gläserner Abstammung, suchten sie einen »Obmann«, waren gewerkschaftlich organisiert.

Es geht ihnen schlecht, die Vergnügungsstätten sind zu, man kann nicht »arbeiten«. Und Cohn-Tiberius gibt nichts her. Er hat Geld, der Hund, aber man sieht nichts.

So seltsam nahmen sie sich aus im Kaffeehaus: Rampenlicht entbehrend, Boheme mit Spießerhunger, Zauber in Gulaschtunke, Kunst in Wochentagsmisere. Ihr Reden ist falsch, weil sie keine alten Witze sagen, sondern neue Trauerspiele, und der ganze Aufwand an Schminke, Parfüm, Glasgeglitzer, Goldzahnplomben, Superoxydblond, Pathetik, Pelzimitationen und Halbseide ist überflüssig, wenn man einen Obmann sucht und gewerkschaftlich organisiert und arbeitslos ist.

Es ist wie ein Faschingszug nach Aschermittwoch.

Josephus

Der Neue Tag, 25. 1. 1920

 

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