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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 3
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authorJoseph Roth
titleReportagen aus Wien und Frankreich
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Interviews

Ich habe von einigen interessanten »Fällen« gehört, und ich lasse mich bei ihnen anmelden. Ob der Herr Doktor bereit wäre, mich zu empfangen? Jawohl, sehr gerne. Ein großer blonder Mann, glattrasiert, mit ausdrucksvollen Zügen, sympathischen blauen Augen, empfängt mich. »Dr. Theodosius Regelrecht, Advokaturskandidat.« Seinen Namen hat er abgelegt, er will überhaupt von seiner Familie nichts wissen, er heißt »Regelrecht« und damit basta. Er schreibt an seinen Memoiren, behauptet, viel erlebt zu haben, und ist jedenfalls eine Persönlichkeit. »Sie gehören zur Papierverwertungsbranche?« Seine erste Frage ist etwas verblüffend, ich erwidere mit einem kleinlauten »Ja«. »Ich habe also die zweifelhafte Ehre«, fährt er fort, »in Ihnen einen Teil jener unmaßgeblichen Meinung zu sehen, die man die ›öffentliche‹ nennt? Sie sind einer jener ›freien Berufe‹, die sich infolge eines fatalen Versehens der Natur nicht am Strich anbieten können und es infolgedessen über oder unter dem Strich tun! Nun, stellen Sie Ihre Fragen?« »Wie denken Sie über die politische Lage Deutschösterreichs, Herr Doktor?« »Deutschösterreich ist ein kaiserloses Kaiserreich, aber keine Republik. Reichspräsident, Staatskanzler, oder wie das Oberhaupt heißt, würde sich zum rücksichtslosesten Bolschewismus bekehren um den Preis – einer Königskrone. Sämtliche ehemaligen österreichisch-ungarischen Nationen schließen sofort Frieden und Donauföderation, wenn man ihnen gestattet, noch einmal an einem Kaiserjubiläumsfestzug teilzunehmen. Sämtliche Zeitungen würden den Staatsanwalt – ich glaube, er hieß Dr. Mager – mit einem wahren Grubenhundefreudengeheul begrüßen, wenn ihnen gestattet würde, die Rubrik ›Hof- und Personalnachrichten‹ wiedereinzuführen. Alle Telepathen und Ringkämpfer verlieren sofort ihr ganzes Publikum, wenn irgendeine Hoheit noch einmal geruht, vor einem Grinzinger Kriegsspital wieder vorzufahren, und die Sehnsucht der Wiener nach der Burgmusik ist so unüberwindlich, daß sie aus Mangel an dieser Kommunistenversammlungen abhalten.« »Glauben Sie an den Kommunismus, Herr Doktor?« »Er kann kommen, aber wenn er kommt, wird er ein Kommunismus mit einem ›goldenen Herzen‹ sein. Auch in Budapest ruft man ja ›Eljen Kun!‹ nur deshalb, weil man nicht mehr ›Eljen Kiralyi!‹ rufen kann!« »Glauben Sie an die Wiederkehr der Monarchie?« »Was ist das für eine Frage? Kommunismus oder Monarchie – beides ist deutschösterreichisch, und beide sind nicht. Im übrigen habe ich mich lange genug aufgehalten. Berichten Sie dem Irrenhaus, das sich ›Welt‹ nennt und für das Sie schreiben, daß ich, Dr. Theodosius Regelrecht, keineswegs gesinnt bin zurückzukehren. Ich bin nicht irrsinnig!«

Damit ging ich. Mein nächster Besuch galt einem würdigen, graubärtigen Herrn, der eine bunte Papierkrone auf dem Kopf trägt und sich den »letzten Kaiser« nennt. Offenbar liest auch er Zeitung, denn er ruft immer wieder: »Mich werden sie nicht absetzen!« Seine traurige Majestät ist unnahbar, also ging ich weiter.

Im Korridor eilt ein kleines, dürres Männchen auf mich zu. »Dr. Regelrecht hat mir von Ihnen erzählt. Ich bin bereit, stehe Ihnen zur Verfügung. Ich habe gehört: Die Monarchie ist aufgelöst, der Reichsrat nach Hause geschickt, und in der Nationalversammlung hat ein Staatssekretär eine Thronrede gehalten in Vertretung des Kaisers, den er zu diesem Zweck in die Schweiz geschickt hat. Oh, das Ende der Welt!« »Sind Sie nicht etwas zu pessimistisch?« »Ich? Im Gegenteil! Ich sehe nur, daß sich die Welt zu neuer Anschauung bekehrt. Seit Jahr und Tag predige ich: ›Die Welt steht auf dem Kopf.‹ Deshalb haben sie mich für verrückt erklärt. Aber jetzt steht sie auf dem Kopf!« »Wie sind Sie hergekommen?« »Oh, ganz einfach! Sieben Kriegsanleihen hatte ich ruhig mitgezeichnet. Als man mich aber aufforderte, noch eine achte mitzumachen, bekam ich einen Lachkrampf und rief: ›Die Welt steht auf dem Kopf!‹ Hätte ich damals, wozu wohl mehr Anlaß gewesen wäre, einen Weinkrampf bekommen, man hätte mich eingesperrt. So kam ich hierher und hatte durch einen monatelangen Verkehr mit Menschen, die reiche und große Ideen haben und die man deshalb ›Idioten‹ nennt, Gelegenheit, meine Weltanschauung zu vertiefen. Ich rate Ihnen: Kommen Sie zu uns! Sie sind Schriftsteller, und es dürfte Ihnen schon gar nicht schwerfallen! Denn die Ärzte glauben einem niemals, daß man vernünftig ist. Ich verzeihe es ihnen: Ihr Studium und ihr Verkehr mit Kollegen berechtigen sie zu diesem Mißtrauen. Aber kommen Sie zu uns, gründen Sie eine Zeitung. Ich will sofort abonnieren. Es soll eine satirische Wochenschrift sein, und Sie brauchen keine Witze zu verfassen! Drucken Sie bloß psychiatrische Gutachten nach und behördliche Erlässe! Und jetzt leben Sie wohl!« ...

 

Abschied

Offen gestanden: Er fällt mir schwer. Abend hüllt die Insel der Unseligen – oder Seligen? – in blauen Dunst. Nur die Kuppel der von Otto Wagner erbauten prachtvollen Kirche glänzt noch herüber. Vielleicht hat er recht, der kleine Professor? Ist die Welt nicht ein Tollhaus? Und ist es nicht praktisch, sich rechtzeitig ein warmes Plätzchen im » Steinhof« zu sichern? Ich werde es vielleicht doch tun. Und – eine Zeitung gründen. Ich suche auf diesem Wege Mitarbeiter ...

Der Neue Tag, 20. 4. 1919

 

Interviews mit Straßentypen

Kinder der Straße sind sie. Die Straße ist ihr Heim und ihr Obdach, ihr Ursprung und ihr Ziel. Sie sind es, die der Straße erst die Physiognomie verleihen und die Eigenart, sie gehören zu ihr wie Laternenpfähle, Pflastersteine, Rettungsinseln, Plakatsäulen, Obelisken und Wartehäuschen. Sie sind das Mobiliar der Straße, von der Fabrik: Leben erzeugt und in die Großstadt als Pofel verschleudert. Der Bürger geht täglich an ihnen vorbei, gleichgültig und stumpf, weicht ihnen aus wie einem Baum am Straßenrand oder einem Rinnstein und ist angehalten, wenn so ein Möbelstück den Mund auftut oder die Hand. Und doch sind diese Denkmäler ewig menschlicher Unzulänglichkeit oder breithafter Gesellschaft mit Seelen begnadet, auch die Karikaturen Gottes, mit Herz und Hirn, mit Schicksal und Erlebnis. Es ist lehrreich, sie sprechen zu hören. Bei Interviews dieser Art besteht wenigstens die Gefahr des Hinausgeschmissenwerdens nicht. Zu Nutz und Frommen einer breiteren Öffentlichkeit seien einige hier mitgeteilt:

Der wohltätige Bettler

Herr Hirsch Garfunkel stammt aus dem Osten. Als 17jähriger Jüngling sollte er wegen seiner »schönen Stimm'« Kantor werden. Er aber glaubte, das Zeug zum Opernsänger zu haben. Deshalb verließ er heimlich, ohne Wissen der Seinigen, die Heimat und fuhr nach Amerika. Hier sang er zuerst in einigen Tempeln und verdiente so seinen Unterhalt. Aber, wie gesagt: Herr Garfunkel wollte durchaus höher hinaus, und eines Tages ging er zur Bühne. Die Theaterverhältnisse waren ihm fremd, Tratsch, Neid, Ränke der Kollegenschaft, Spott und Schabernack vertrieben ihn von der Bühne. Inzwischen hatte er ein ausschweifendes Leben geführt und seine Stimme verloren. »In dem großen Amerika«, sagt Herr Garfunkel, »ist es schwer, so ein Ding wie eine Stimm' wiederzufinden.« Deshalb kehrte er nach Europa zurück. In Amsterdam blieb er stecken, denn das Reisegeld fehlte ihm. Amsterdam ist eine alte Judengemeinde, es gibt viele reiche Glaubensgenossen, und Herr Garfunkel wurde bei ihnen, wie er sagt, »Eingeher«. Das heißt: Er ging dort ein und aus. Er war halb Tempeldiener, halb Lakai. Damals ging's ihm gut. Es gab Tage, an denen er sechs Mittagessen hintereinander verzehrte. Alles durch sein Ein- und Ausgehen. Da starb plötzlich sein Protektor, einer der reichsten Kaufherren der Stadt Amsterdam. Herrn Garfunkel war der Aufenthalt verleidet. Er bettelte sich einiges zusammen und kam nach Wien. »Wien war damals noch eine schöne Stadt«, sagt Herr Garfunkel. Er »verkehrte« in Theaterkreisen. »Die Schratt« zählte er zu seinen »Bekannten«, der Schauspieler Kamineth war »direkt sein Freund«. Von den sogenannten »Kollektenbrüdern« unter den Schauspielern kannte er viele, darunter den Schauspieler Benda. Mit der Zeit hatte er sich eine glänzende Klientel erworben. Künstler von Rang, Grafen, Kammerherrn und Hofräte kannten ihn von der Straße: Jeder entrichtete ihm seinen Zoll. Da erinnerte sich Herr Garfunkel, großherzig, wie er immer war, seiner armen Brüder im Judenviertel. Sein anspruchsloses Leben ermöglichte ihm ein Auskommen mit geringen Mitteln. Den Rest verteilte er an die Armen. So ward er Wohltäter von Beruf, Spender und Bettler in einer Person. Was er tagsüber »eingenommen« hatte, verteilte er am Abend den Armen in der Leopoldstadt. Mit der Zeit erweiterte sich die »Kundschaft«, wuchs auch seine »Klientel«, und Herr Garfunkel legte Bücher an. Doppelte Buchhaltung gehörte nicht dazu: Es waren bloß Notizbücher. Aber genaue Verzeichnisse der Spender und Bedürftigen waren alphabetisch angelegt. Das Geschäft florierte.

Heute steht der wohltätige Bettler vormittags am Graben, nachmittags in der Kärntnerstraße und wartet auf die Spender. Er grüßt von Zeit zu Zeit einen alten Herrn, spricht einige an. Aber das Geschäft geht lange nicht mehr so gut, behauptet Herr Garfunkel. »Die Wiener Leut' haben einen Geldsack, wo das Herz sein soll, früher haben sie das Herz im Geldsack gehabt«, sagt er. Ja, einmal, das war eine Zeit. Die vornehmen Herrschaften! Der gottselige Baron Rothschild! Und wie der alte Bösendorfer noch gesund war!

Herr Garfunkel weiß nicht, wie alt er ist. Ich schätze ihn auf 80. Sein Bart ist silberweiß. Sommer und Winter trägt er zwei lange Röcke. Herr Garfunkel ist ein Fragment, ein Rest aus dem Trümmerhaufen der alten Monarchie. Wehmütig schleicht er über den Korso ...

Der blöde Nazi

Oder auch: der Tepp vom Alsergrund. Wer kennt ihn nicht, den überlangen Nazi mit dem allzu kurzen Spazierstöcklein, mit dem er bei jedem Schritt auf das Pflaster klopft, daß es widerhallt! Nazi geht prinzipiell niemals auf dem Trottoir, stets in der Mitte der Straße, unbekümmert von Autos und Elektrischer. Nazi hat zweifellos einen Charakterkopf: Ließe er sich seinen Schnurrbart rasieren, er würde einem Lloyd George zum Verwechseln ähnlich sehen.

Nazi heißt eigentlich Ignatz B. und entstammt einer guten bürgerlichen Familie. Nazi erzählte, daß man ihn aus der Schule entfernt habe. Er hat drei Volksschulklassen, er kann auch ein bißchen lesen. In der Früh um 7 Uhr steht Nazi auf. Er macht seine Besuche bei seinen »Stammkunden«: beim Greißler am Eck, beim Fleischhauer, beim Milchhändler, beim Schuster. Er besorgt dem Herrn Doktor vom Zehnerhaus einen Weg, bekommt sein Trinkgeld. Zu Mittag geht er nach Haus. Dann ruht er, geht spazieren. Manchmal unternimmt er Ausflüge in den Prater.

Ich sprach mit Nazi an einem sonnendurchfluteten Nachmittag im Park. Der Narr freute sich über die Sonne, über den blauen Himmel. »Schön, Herr Doktor!« rief er. »Kannst du lesen, Nazi?« »Ja, Herr Doktor, bißchen!« Er versuchte, ein Schild zu lesen. »Zu Haus«, sagt er plötzlich. Nazi ist hungrig. Er steht auf, verneigt sich höflich, zieht seinen Hut. Nazi hat Manieren.

Ich drückte ihm etwas Kleingeld in die Hand. Nazi sieht mich verwundert an. Ich reiche ihm die Hand. Nazi überlegt. Dann schlägt er ein und lacht fröhlich: »Guter Herr Doktor!«

Seinen Stock schlägt er bei jedem Schritt wuchtig auf das Pflaster. Ein paar Buben mit Schulranzen laufen ihm nach und rufen: Nazi! ... Nazi hat das Odium des Alsergrunder Typentums auf seine hageren Schultern genommen. Er trägt seinen Namen wie ein unerbittliches Verhängnis ...

Kaspar Feitel

Zu einem großen Durchhaus »Am Hof« steht Kaspar Feitel seit Jahr und Tag. Ein blinder Musikant. In der Linken die Geige, in der Rechten den Bogen, zwischen den Lippen die Mundharmonika. Er geigt und bläst: Droben, wo die Sterne stehn ...

Kaspar Feitel hat die Sterne nie gesehen. Er ist ein blind Geborener. Aus dem Nordböhmischen ist er vor langen Jahren mit seinem Vater nach Wien gekommen. Der Vater hatte ein Puppentheater. Damit fuhr er durch ganz Mähren, Schlesien, die ungarische Slowakei: Es war eine schöne Zeit. Kaspar spielte, die »Kasperln« trieben Schabernack. Man verdiente viel.

Eines Tages fuhren sie mit ihren zwei Wagen über eine Landstraße. Sie kamen an eine Eisenbahnrampe. Im ersten Wagen saß Kaspars Vater mit seinen Puppen. Plötzlich brauste ein Zug heran. Der Vater wurde aus dem Wagen herausgeschleudert, jämmerlich zerquetscht. Die schönen Puppen waren alle hin.

Das junge Frauenzimmer, das im Puppentheater als Kassiererin angestellt war, wurde Kaspar Feitels Frau. Früher arbeitete sie in einer Dampfwäscherei. Jetzt ist sie zu alt. Ja, wenn sie auch ein Instrument spielen könnte! Aber sie kann nun einmal nichts.

Kaspar Feitel hat nicht viel. Seine Frau bringt ihm eine Suppe mit Haferreiskörnern in einem irdenen Topf. Feitel zieht einen Blechlöffel aus einer Rocktasche. Früher einmal konnte man vom Bäcker in der Willingerstraße zwei schöne Semmeln umsonst bekommen, erzählt Frau Feitel. Jetzt nicht einmal eine Brotrinde. Kaspar Feitel hungert bisweilen.

Einmal, es ist gar nicht so lange her, hätte Kaspar fast sein Glück gemacht. Er hörte die Leute vorbeigehen. Plötzlich fiel etwas auf das Pflaster. Es klang wie das Aufklatschen einer Brieftasche. Kaspar Feitel hörte zu spielen auf. Er lauschte angestrengt. Leute gingen vorbei. Hatte einer schon die Brieftasche aufgehoben?

Da tritt ein Wachmann auf ihn zu. »Segn's«, sagt er, »da liegt vor Ihna a Brieftasch' mit zweitausend Kronln!«

»Ich bin ja blind«, entschuldigte sich Kaspar Feitel. Ich gebe ihm eine Krone und sage adieu!

Kaspar nickt nur und spielt: Droben, wo die Sterne stehn ...

Der Neue Tag, 19. 5. 1919

 

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