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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 28
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Sauerkraut

St. Marx, am 19. August 1919

 

Ihrem ganz besonders schmackhaften Sauerkraut hat die Stadt Magdeburg ihren Ruf zu verdanken. Dort und in Krefeld wird es fabrikmäßig erzeugt und merkwürdigerweise gegessen, noch ehe es faul ist. Aussagen glaubwürdiger Reisenden zufolge riecht man in der ganzen Umgebung von Magdeburg auch nicht ein Atömchen Sauerkraut. Magdeburg steht trotzdem in dem Rufe, die erste Sauerkrautstadt Europas zu sein.

Wien wollte es der Stadt Magdeburg gleichtun und kam irrtümlicherweise statt in den Ruf eines guten Sauerkrauts in den Geruch eines schlechten. Zu den mannigfachen Sehenswürdigkeiten Wiens ist auch noch eine Riechenswürdigkeit gekommen: das Sauerkraut der Gemeinde.

In St. Marx stinkt es zum Himmel. Es ist das einzige in Wien und Umgebung, das, wenn man es sich zum Ziele erwählt hat, auf geradem Wege zu erreichen ist. Als ich einen Markthelfer fragte, wo das schlechte Sauerkraut liege, gab er mir den guten Rat, nur immer der Nase nach zu gehen. Ich würde es schon bestimmt finden.

Dennoch ist es nicht leicht, zum Sauerkraut zu gelangen. Es wird bewacht wie alles, was bei uns nicht gut riecht, und das ist viel. Erst als ich mich für einen Schweinehändler ausgab, ließ man mich in den Keller. Das ist sozusagen die Magenhöhle von Wien. Und das Sauerkraut gehört zu unseren – Innereien.

An der Kellertür empfängt mich mörderischer Gestank. Mein Begleiter tröstet mich zwar, daß auch gutes Sauerkraut stinke. Aber an diesem Gestank rieche ich deutlich mehr als gutes Sauerkraut: auch gute Verwaltung ...

Wie wird das Sauerkraut hergestellt? Ein Kenner erklärt mir den Vorgang: Das Kraut (Weißkohl) wird gehobelt, mit sehr viel Salz gemengt und in ein Faß gedrückt. Das Faß wird hermetisch verschlossen und das darin verwahrte Kraut der Gärung überlassen. So entsteht Sauerkraut.

Wie läßt man Sauerkraut faul werden? Indem man Juristen mit Lebensmittelressorts beteilt nach dem Grundsatz: Wem Gott Sauerkraut gibt, dem schenkt er auch noch die Nase dazu. Und indem man der Anschauung huldigt, daß Lebensmittel, die von einer Gemeinde angekauft werden, von dieser nicht früher ausgegeben werden dürfen als zu dem Zeitpunkte, da sie selbst in den Geruch kommen, von der Gemeinde angekauft worden zu sein ...

Dieser Vorgang ist die patentierte Erfindung der Wiener Gemeindeverwaltung und wird selbst von der Magdeburger Sauerkrautfabrikation nicht übertroffen.

Sachverständige in Kriegsausrüstung behaupten, daß sich, nun eine günstige Gelegenheit biete, die vielen zwecklos herumliegenden Gasmasken zu verwenden: Jene Schweine, denen das Sauerkraut als Speise zugedacht ward, sollen vor Antritt der Mahlzeit mit Gasmasken beteilt werden.

Eine große Sorge bleibt nur noch bestehen und ist ebensowenig aus der Welt zu schaffen wie das Sauerkraut: Soviel Schweine hat ganz Deutschösterreich gar nicht...

Josephus

Der Neue Tag, 20. 8. 1919

 

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