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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 25
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authorJoseph Roth
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Die Zukunftslosigkeit der ehemaligen Hofbühnen

Die »Mächtigen der Erde«, die Staat, Kirche und den lieben Gott okkupiert hatten, erstreckten ihre Expansionsbestrebungen auch auf die Gebiete der Kunst. Unter dem Regenschirm ihres Protektorats blieben Kunst und Wissenschaft trocken. Was sie draußen vor dem Tore hörten, ließen sie im Saale widerhallen, auch wenn sie nicht immer so billig davonkamen wie bei Goethe. Der König sprach, und zehntausend Schmarotzer liefen. Gottbegnadete Sängerinnen schlossen Herzens- und Börsenbündnisse mit Herren von Gottes Gnaden. In den letzten Jahrzehnten hatte keines Medizäers Güte mehr der deutschen Kunst gelächelt. Aber Vertreter der deutschen Kunst und die sich dafür hielten, lächelten der Güte ihrer Medizäer zu. Künstler entfalteten Knopfloch- und Redeblumen am Strahl von Fürstengunst. Dennoch wäre es Unrecht, denjenigen, die bisher geherrscht hatten, ihre Verdienste um die Kunst abzustreiten. In Zeiten, in denen die Fürsten noch Herrscher waren, waren die Höfe Zufluchtsort und Obdachlosenheim für das von der Spießbürgermoral mit Kettenhunden gehetzte »fahrende Volk«. So entwickelten sich Protektorat und Mäzenatentum, das sich mit der Zeit auswuchs zu drückender Hofzensur, Aufzucht des Dilettantismus und Tartüfferie. Jetzt aber, da die gewissen »Mauern gefallen« sein sollen und das befreite Volk die bis nun für Offiziere bestimmt gewesenen Galerien der »Burg« stürmen darf, steht man plötzlich vor der traurigen Tatsache, daß die Wiener Hoftheater eine – Vergangenheit haben. Denn ihre Zukunft ist durch den Mangel an – Geld gefährdet.

Mit jener Leichtigkeit, die den Wiener stets gekennzeichnet – nicht ausgezeichnet – hat, wird heute von der Schließung der Hoftheater gesprochen, als handelte es sich um die Liquidierung des Kriegsministeriums oder einer Spirituszentrale. Der Schrei nach erhöhter Brotration ist gewiß berechtigt. Aber daß in einer Stadt der Laube, Sonnenthal, Kainz die große Masse des Publikums zwischen Schleichhandel mit telepathischen Séancen und der Thronrede eines Staatssekretärs, zwischen Rucksackverkehr und Fremdenverkehr taumelt und darüber vergessen hat, daß Wien einmal die größte deutsche Bühne besessen, beweist nur, daß die deutsche Bühnenkunst nur durch eine fatale Tragik des Zufalls ihre Blütezeit ausgerechnet in einer Stadt erleben mußte, die seit jeher mehr Glück als Verstand hatte. Man begreift langsam, aber sicher die Hohlheit der Feuilletonphrase vom »Wiener Theaterblut«, und man müßte eigentlich staunen über die Gleichgültigkeit, mit der Kriegsgewinner und Hausierer, Mäzen und geistiger Proletarier die Kunde von der Zukunftslosigkeit der Wiener Bühnen entgegennehmen, hätte man sich das Staunen in dieser Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten und der nicht nur vom Kahlenberg begrenzten Horizonte nicht schon längst abgewöhnt. In einer Stadt, in der ein Gemeinderat den Antrag auf Schließung der Theater damit begründet, daß die Bevölkerung »in solchen Zeiten kein Theater brauche«, und dafür dem Wehrmann im Eifer einen Ehrenposten im Neuen Rathause als sichtbares Zeichen für die Vernageltheit künftiger Sitzungen zusichert, darf einen nichts mehr überraschen. Die Hoftheater sind eben ein Luxus, einer demokratischen Republik unwürdig, und wer trotz Sozialisierung und Gleichberechtigung noch immer künstlerische Bedürfnisse hat, kann sich eine Fahrt auf dem Riesenrad erlauben oder dem Watschenmann im Prater eine »abihau'n« ...

Wenn aus den ehemaligen Hoftheatern wirkliche Nationaltheater werden sollen, so muß eben die ganze Nation, so man die »theaterfreudige« heißt, mitsteuern. Die Kriegsgewinner dieses Landes dürfen nicht umsonst gelebt haben! Von der allgemeinen Vermögensabgabe muß eben das Notwendige für die Erhaltung der Kunst abfallen. Die Behörden müssen sich klar werden, daß der Sperrung der Safes nicht die Sperre der Theater folgen dürfe. Wenn Wien ein »Kulturzentrum« werden soll, so genügt die schönste Bürgermeisterrede nicht. Pflege der Bühnenkunst muß erste und oberste Pflicht der gesamten Bevölkerung werden! Praterbuden und Wiener Straßenbahn werden die Fremden schwerlich anlocken. Heute, da die Kunst nicht mehr unter dem Protektorate der Herrscher steht, darf sie unter dem Protektorate der Freiheit nicht nach gekürzten Brotkartenrationen gehen ... Und das Volk ist dafür verantwortlich.

Der Neue Tag, 17. 8. 1919

 

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