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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 24
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authorJoseph Roth
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Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen

Ein Besuch in den Katakomben bei St. Stephan

Es sind zwei Möglichkeiten:

Entweder man geht in die Katakomben nach vorheriger Vorbereitung, d. h. Lektüre unterschiedlicher wissenschaftlicher, kulturhistorischer Schriften. Oder aber man macht sich unvorbereitet auf den Weg, ohne Kulturgeschichte betrieben zu haben, und kommt dabei auf die Rechnung seiner Phantasie. Denn alle jene wissenschaftlichen Broschüren sind nur geeignet, dem unbefangenen, d. h. befangenen Wiener die Freude am Gruseln zu verderben. Sie erzählen z.B. mit einer unglaublichen Kühnheit, die Pestgrube sei keine Pestgrube und der liebe Augustin läge auf dem Zentralfriedhofe. Der Sarg, der aus sozialer Fürsorge für die Angestellten und Führer von St. Stephan eigens im Katakombengang stehengelassen wurde, behaupten die Schriften, wäre gar nicht der Sarg des S.R.J. Principis Celsissimi Emerici und in jener halbzerbrochenen, verrosteten Urne läge gar nicht das Eingeweide der letzten Meßnerin, sondern irgendeine ganz vulgäre Menschenleber. Die Katakomben hätten gar keine Untergeschosse, gar keine Geheimnisse, sondern seien ganz einfache steinerne Cafés für Menschenleichen, die längst ausgeräumt worden seien. Kurz, diese Wissenschaft leuchte mit der allerletzten, modernsten Quarzlampenkonstruktion in die dunkelsten Winkel schauerlicher Volksphantasie, und der Spuk flieht vor ihr wie der Gottseibeiuns vor einem dreimal wiederholten Paternoster.

Ich rate keinem, derlei Bücher zu lesen. Sie nehmen einem die Freude an der »Hetz« und versetzen dem Lokalpatriotismus einen Tritt auf dessen empfindliche Hühneraugen. Was soll man mit Büchern anfangen, die den heute noch deutlich am Boden der Katakomben zutage tretenden Kalk – ich schwöre, daß es Kalk ist, echter, weißer Kalk! – nicht als Beweis für die Existenz der Pestgruben ansehen und die selbst dem lieben Augustin nicht seine selige Ruhe lassen! Selbst dem lieben Augustin nicht!

Nein, man gehe lieber mit ein bißchen Herzklopfen in den ersten Stock der Sakristei, an Monumenten, Steinsplittern, Heiligenköpfen, Büsten, Steinkreuzen vorbei, in jene Kanzlei, wo ein Mann in blauer Schürze und Hemdsärmeln mit einem bedrohlichen Zirkelzeug herumhantiert, und lasse sich, unwissenschaftlich, unbelesen, laienhaft, in jenes Buch eintragen, wo alle Besucher sorgfältig registriert werden. Man wird hierauf für den nächsten Tag bestimmt. Punkt 5 Uhr früh muß man sich einfinden. Wenn man wirklich einmal pünktlich gewesen ist, ist der Mann, richtig, noch nicht da. Er heißt Franz Lube und führt seit zwölf Jahren die Besucher durch die Katakombengänge. Er ist es gewohnt, daß die Leute auf ihn warten.

Nach einer Viertelstunde kommt er mit einer vierdochtigen Meßkerze, die in einem riesigen Leuchter steckt und den Auftakt zur Schauerlichkeit bedeutet. Von Rechts wegen sollte jetzt das Gruseln beginnen. Ade, blauer Himmel und Sonnenschein! Wir steigen zu den Toten in die Unterwelt. Wir werden uns angrinsen lassen von Totenschädeln und mit Mönchsskeletten per du sein. Und wenn – was immerhin möglich ist – mich unten ein zufälliger Schlag trifft, so sehe ich die Erde nimmermehr. Es muß ja auch gar nicht ein Schlag sein. Das Gewölbe kann einstürzen, ein Pfeiler in Trümmer gehen, oder gar schrecklichster aller Schrecken! – der liebe Augustin springt aus seiner Pestgrube und fängt an, mit mir herumzuwirbeln, und wir tanzen schnurstracks ins Jenseits hinein. Also: Es tut mir leid, daß ich mein Testament nicht gemacht habe.

Links die kleine Nische mit dem steinernen Heiligenbild. Da ist ein Gitter, dessen Tor in den Angeln kreischt, ein verrostetes Schloß, in dem sich der mächtige Schlüssel nur ächzend bewegen kann. Dann wird die Eichplatte aufgehoben, und der Abstieg beginnt.

Franz Lube mahnt zur Vorsicht. Das gehört somit zum Geschäft. Die Stufen sind ordentlich, man kann gar nicht ausrutschen, selbst wenn man wollte. Aber Lube mahnt zur Vorsicht. Vorsicht ist hier die Mutter des Gruselns ...

Die Meßkerze wirft unsteten Schein, als wollte sie sagen: Gruselt's dich? Da steht ein schwerer uralter Sarg mit der Inschrift »In hac tumbu iacet cadaver Celsissimi S. R. I. Principis; Emericus obiit Pie Die XXV. Februarii Anno M. D. CLXXXV.«

Und ein zweiter Sarg, in dem, wie Herr Lube aus ganz bestimmter Quelle weiß, zwei Kinder des Gesandten von Brasilien ruhen sollen. In der Ecke ein Haufen von Schädeln und Totengerippen. Alle neben-, über-, untereinander. Feinde, Freunde. Gleichgültige, Fremde. Vergänglichkeit alles Irdischen!

An der sogenannten »Rutschen« vorbei kommst du zur Pestgrube. Die »Rutschen« ist ein Loch, durch das außer dem Tageslicht auch Staub und Lärm und Abfälle der Straße in die Stille der Katakomben dringen. Die »Rutschen« soll einstmals dazu gedient haben, minderbemittelte Leichen, wie man heute sagen würde, auf eine billige Art zu bestatten. Sie wurden einfach hinuntergeschupft wie beim Kegelspiel. Herr Lube sagte mir, daß der Wiener Ausdruck »der is auf der Rutschen« von daher stamme. »Der ist auf der Rutschen« sagt man von einem, mit dem es schon stark abwärts geht. Das wichtigste ist natürlich die Pestgrube. Michael Unkner, der Totengräber vom St. Stephansfreithoff, wurde bestochen. Roger Acacia, der Prinz von Dachem, und die anderen Lanzettenritter stiegen in das dritte Stockwerk der Katakomben, und zwar durch den Keller eines Nachbarhauses. Dort verteilten sie die Lanzetten und den Peststoff an die Verschwörer, und so wurde die Pest nach Wien eingeschleppt. Die Pestgrube soll nun mehrere Stockwerke tief gewesen sein und viele viele Tausende Opfer in ihrem Schoße bewahren.

Heute ist natürlich vom unteren Stockwerke nichts mehr zu sehen. Vielleicht hat jene Mistreß Trollope recht, wenn sie behauptet, der Zugang zu dem unteren Stockwerke sei unter keinen Umständen gestattet, mit drei Schlössern verschlossen, und die drei Schlüssel befänden sich: der eine beim erzbischöflichen Ordinariat, der zweite bei Hofe, der dritte beim Wiener Magistrat. Wer's glaubt, wird selig.

Wissenschaftlich festgestellt ist nur, daß die Katakomben in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstanden sind. Die Halle unter der Sakristei der Stephanskirche soll erst im Jahre 1718 erbaut worden sein. Auch die sogenannten »neuen Gruften« existieren erst seit späterer Zeit, und die Wissenschaft beweist klar und unwiderleglich, daß die Pestgrube keine Pestgrube ist, weil die Pestkrankheit 1679 und 1713 gewütet hat, also lange vor dem Entstehen der »Pestgrube«. Vielmehr weiß ein Schriftstück aus dem Jahre 1768 zu berichten, daß in diesem Jahre die Notwendigkeit es erheischte, daß der k. Hof- und gem. Stall-Maurermeister Christian Alexander Oerdtl dem Wiener Bischof den Vorschlag »wegen machung Einer ganz neuen Krufften unter dem alldort herumbgehenden Freythoff« unterbreitete. Denn der Särge und Gebeine lagen viel in den alten Räumen herum. So wurde denn die Schaffung einer neuen Krufften bewilligt. Daß aber diese Gruft heute noch Kalkspuren aufzuweisen hat, ist dadurch erklärlich, daß ein Aktenstück vom 28. April 1732 die Leichen mit Kalk zu bestreuen anordnet. Dennoch hielt sich der Glaube an die Pestgrube bis tief in das 19. Jahrhundert hinein aufrecht. Der bekannte Wiener Arzt Johann Wilhelm Managetta lehrt, daß »von etlichen Hexen und Zauberinnen, erst wann sie gestorben und begraben seyn, die Pestilenz erregt werde«.

Als 1873 die Wiener Hochquelleitung vollendet worden war, stieg, da die Hausbrunnen außer Gebrauch blieben, der Grundwasserspiegel so, daß die Stephansgrüfte eine starke Feuchtigkeit aufzuweisen hatten und der Modergeruch ein unhaltbarer wurde. So wurde denn die Räumung der Katakomben vorgenommen. Heute sind sie vollkommen leer.

Nein! Beim besten Willen! Ich kann nicht das Gruseln erlernen. Das kommt vielleicht davon, daß ich so belesen bin und ein bißchen Latein entziffern kann und daß mich der liebe Augustin so belustigt. Fast hätte ich vergessen, von dem zu erzählen: Kam er da trotz Seuche und Pestilenz ganz besoffen am Stephansfreithoff vorbei, stolperte und fiel in die Pestgrube. Ob er dort eine oder drei Nächte geschlafen habe, ist nicht festgestellt. Jedenfalls: Das Wunder geschah, und der liebe Augustin stand eines Tages frisch und nüchtern von den Toten auf, um sich in die nächste – Schenke zu begeben ... In dreiviertel Stunden ist die Wanderung zu Ende. Wenn man wieder einmal oben steht, löscht Herr Lube die Meßkerze mit Daumen und Zeigefinger aus, legt die schwere Eisenplatte über die Öffnung und läßt den schweren Schlüssel wieder im Türschloß ächzen.

Draußen bin ich wieder.

Während ich durch die einbrechende Dämmerung über den Stephansplatz gehe, rempelt mich jemand an. Es ist ein lustiger Patron. Er hat eine Schellenkappe auf, ein kurzes Höschen und rote Seidenstrümpfe an. Ein Narrenzepter schwingt er in der Hand.

Kein Zweifel: Es ist der liebe Augustin. So, als ob er eben von der Pestgrube aufgestanden wäre. Und da er seine alte, gute Schenke »Zum krumben Esel« nicht wiederfindet, summt er melancholisch: Alles ist hin! ...

Josephus

Der Neue Tag, 15. 8. 1919

 

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