Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Roth >

Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/roth/reporta1/reporta1.xml
typereport
authorJoseph Roth
titleReportagen aus Wien und Frankreich
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120610
Schließen

Navigation:

Reportagen aus Wien

 

1919

 

Die Insel der Unseligen

Ein Besuch in »Steinhof«

Da liegt sie, die Gartenstadt der Irrsinnigen, Zufluchtsort an dem Wahnsinn der Welt Gescheiterter, Heimstätte der Narren und Propheten. Goldregen leuchtet über weißem Kies, Kastanien haben festlich leuchtende Knospen angesteckt, und Lerchengeschmetter prasselt nieder aus blauen Lüften. Friedlich im Frühling und blau gebettet ist die Stadt mit dem lächelnden Antlitz und dem vergrämten Herzen. Die Häuser sind alle gleich gebaut und heißen »Pavillon«, haben römische Ziffern an der Stirnseite und fest verschlossene Pforten. Um manche ist ein Garten gebaut, und dort lustwandeln, sitzen, laufen, stehen die Hausbewohner herum. Es ist gerade die Zeit, da sie an die Luft geführt werden. Eine Frau hält beide Hände waagrecht vor sich hingestreckt, während sie auf und ab geht, rastlos, unermüdlich, immerzu, summt sie ein melancholisch-monotones Lied. Offenbar glaubt sie, ein Kinderwagerl vor sich herzuschieben. Ein Mann hockt auf dem Boden und müht sich vergeblich, deutliche Kreise in die noch harte Erde zu zeichnen. Ein anderer bewegt die Fäuste, dreht eine Faust nach innen, hält die andere waagrecht und still und verfolgt aufmerksam jede seiner eigenen Bewegungen. Aber um andere Häuser ist es still, da ist kein Garten. Das Haus der Tobsüchtigen, der Schwerverbrecher und Breitwieser-Kumpane ist dunkel und dräuend, hat fürsorgliche, feste Eisengitter, durch die von Zeit zu Zeit eine grinsende Menschenfratze heraussieht. Das Haus der Idioten ist dunkel, Trübsinn und Schwermut lagern über dem ganzen Trakt. Innen aber ist es hell, hat viele Glastüren, durch die die Sonne teilnahmsvoll ihre Stiefkinder besucht. Besucher kommen. Frauen, alte, junge, vergrämte, heitere, gleichgültige und bekümmerte. Alle tragen große Taschen, Pakete, Liebesgaben. Erst muß man zum Inspektionsarzt, bekommt einen blauen Zettel, geht in das betreffende Haus und läutet an. Ein Wärter öffnet, nimmt den Zettel ab. Dann kommt das Wiedersehen. Manche Kranke sind erfreut über den Besuch, manche sind verstört, nichts wissen wollend, die einen lachen, die andern weinen. Aber fast alle, die ich sah, durchsuchen zuerst die Taschen, die meisten freuen sich mehr über das Mitgebrachte als über den Besuch.

Hunger

Jawohl, Hunger. Auch hier hat er seinen Einzug gehalten. Ein schon genesener Patient, der jetzt mit dem Schreiben der Krankengeschichten seine Langeweile totzuschlagen bemüht ist, erzählt mir, daß Hunger und Unterernährung oft Geisteskrankheit hervorrufen und daß gerade in letzter Zeit häufig infolge Hungers tobsüchtig Gewordene eingeliefert werden. Die Nerven haben weniger Blutzufluß, sind nicht genügend »geölt«, und die Räderchen dieser göttlichsten aller Maschinerien geraten in Verwirrung. Der eine verdächtigt seine Hausgenossen, daß sie ihm das ihm gebührende Essen verweigern, um es sich selbst zuzuführen, wird tobsüchtig, schlägt drauflos. Ein anderer verliert die Fähigkeit zu denken überhaupt, starrt trübe vor sich hin: Er ist hungrig. Dem ist in der Anstalt freilich wenig geholfen. In der Früh ein fragwürdiger »Schwarzer«, zu Mittag eine Brühe, Kraut oder Rüben, zum Nachtmahl noch einmal Rüben. Erst in den letzten Tagen ist das Essen wieder etwas besser geworden. Heute ist gerade ein Fleischtag. Es gelingt mir, einen Speisezettel zu bekommen, ich zeige ihn einem Patienten. Er schüttelt den Kopf: »Süßkraut?! Ich weiß, es wird wieder Sauerkraut werden. Und mit dem Fleisch ist es auch nicht weit her!« Aber selbst wenn – es ist nicht alle Tage Fleischtag, es gibt vier Klassen, und auf die Patienten der vierten Klasse kommt Hunger- statt Fleischportion. Ihr Unglück ist im allgemeinen das gleiche – ihre Kost nicht dieselbe. Ich lasse hier den Speisezettel folgen:

 

Speisenfolge für Sonntag, den 12. April 1919

  Mittags: Abends:
III. Klasse Graupensuppe
Rindfleisch
Sauerkraut
Gulasch
Haferreis
IV. Klasse Graupensuppe
Gulasch
Sauerkraut
Süßkraut
Militär: Graupensuppe
Gulasch
Sauerkraut
Süßkraut
Pflegepersonen: Graupensuppe
Gulasch
Sauerkraut
Gulasch
Graupen
Traktpfleger: Bröselnudeln  

 

Wien, am 11. April 1919

 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.