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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 19
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authorJoseph Roth
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Zinkendorf oder Nagy-Zenk

Wenn man nach Zinkendorf gelangen will, kommt man nach Nagy-Zenk.

Aber wenn man Glück hat in Nagy-Zenk, kann man hie und da auch Zinkendorf zu sehen kriegen:

Wenn du eine große Kotlache siehst und darin wälzt sich mit behaglichem Grunzen ein fettes Schwein;

wenn du an schwarzen Kindern vorbeikommst, die mit süßer Wollust Gesicht und Nacken mit Pferdemist bestreichen; wenn in einem offenen Pferdestall eine Bäuerin ihre Notdurft verrichtet; wenn in einem Gasthaus ein Schweinehändler mit gerötetem Gesicht seinen Tischnachbarn anspeit; usw. usw.,

dann bist du in Nagy-Zenk ...

Aber wenn du ein weißes Häuschen mit einem Gartenbeet davor siehst und hinter den Fenstern weiße Gardinen;

wenn du einen Bauern siehst, der seine Pfeife raucht und ein Hausgerät blank putzt;

eine Frau, die einen trampelnden, schreienden blonden Jungen in einen Wasserkübel zwängt;

blütenweiße Gänse in einem kleinen, abgegrenzten Teiche plätschern; usw. usw.,

dann bist du in Zinkendorf.

Zinkendorf ist stockmagyarisch und hat eine Zuckerfabrik, die für Deutschösterreich von großem Nutzen wäre und natürlich von Deutschen verwaltet wird. Die deutschen Arbeiter – 14 oder 15 Familien – wohnen in Nagy-Zenk und bilden Zinkendorf.

Am Sonntagabend kommen der Bürgermeister und die Gemeinderäte ins Wirtshaus und sprechen über den Sturz der Räteregierung. Alle trinken zehn- und zwanzigmal Brüderschaft. Zum Schluß küssen sie sich, indem sie sachte unter den Stammtisch gleiten.

Der Wirt hat schneeweiße Hemdsärmel und lächelt überlegen. Er wischt sich den Schweiß und gurgelt jedesmal, sooft er einschenkt, einen Viertel Rotwein hinunter.

Nach fünfzig Vierteln wirft er die Gäste hinaus. Das ganze männliche Nagy-Zenk torkelt die breite Landstraße entlang. Und findet erst Montag früh nach Hause.

Als ich am Gemeindeamt vorbeiging, sah ich draußen einen Ochsen stehen.

Ich nahm das für einen harmlosen Zufall und ging hinein, mit dem Bürgermeister zu sprechen.

Aber nur der Schreiber, der beim Militär gedient hatte, konnte Deutsch und sprach mit mir.

Wie er sich den Anschluß vorstelle?

Anschluß? Ja, wenn Deutschösterreich an Ungarn eine Entschädigung zahle, könne man von Anschluß reden. Denn Deutschösterreich sei schuld am Kommunismus, denn alle Juden kämen aus Deutschösterreich ...

Der Neue Tag, 9. 8. 1919

 

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