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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 17
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Sauerbrunn

Sauerbrunns charakteristischste Eigenschaft ist die Finsternis.

Die Einheimischen und die Kurgäste haben ein Sehvermögen wie Eulen, denn sie wandern mit einer erstaunlichen, erfreulichen Sicherheit durch die verschlungensten, finstersten Pfade des Kurparks und wissen die Lage der gerade nicht seltenen Tümpel und Dreckhaufen so genau auswendig, daß sie trockenen Lackstiefels nach Hause gelangen.

Sauerbrunn hat kein Benzin und kein Petroleum, und die Elektrizitätswerke stehen still.

Von Zeit zu Zeit siehst du den fernen Schimmer einer Taschenlampe, die ein beneidenswerter Wanderer aus einer zivilisierten Gegend mitgebracht hat, und wehmütig denkst du an die Segnungen einer fernen Kultur.

In Wiener-Neustadt hat man mir gesagt, ich würde in Sauerbrunn schon ein Zimmer finden.

Ich fand nicht einmal ein Hotel.

Also suchte ich nach einer Sauerbrunner Persönlichkeit. Man wies mich an den Herrn Apotheker.

Der Apotheker saß im Kreise seiner Familie friedlich beim Abendkaffee. Mein Klopfen scheuchte die ganze Gesellschaft aus der Ruhe. Ich stellte mich vor und bat um ein Nachtquartier.

Ja, sagte die Frau Apotheker, sie hätte schon vier Zimmer, aber keine Bedienung.

»Ich brauche bloß eines«, sagte ich, »und bediene mich selbst.«

Darauf könne sie nicht eingehen, sagte sie.

Ich merkte, wie sich die Guten vor mir fürchteten. Einen Tag vorher hätte der Apotheker erschossen werden sollen, weil ihn Szamuely einer reaktionären Gesinnung beschuldigte. Es gelang dem Apotheker zu flüchten. Nach dem Sturz Kuns kehrte er zurück. Nun konnte ich – wer weiß – ein Spitzel, ein Spion, gar ein Bruder Szamuelys sein.

Ich suchte also nach einer anderen Persönlichkeit und fand den Leiter des Sanatoriums, Dr. K.

Dieser geleitete mich ins Direktorium und ließ mir, indes zwei Rotgardisten, »Bajonett auf«, mich bewachten, eine Anweisung ausstellen. Ein dritter Rotgardist schrieb auf ein Zigarettenpapier: »Ujvidek-Villa, 10 K«.

Dann ging ich ins Kaffeehaus.

Das Kaffeehaus besteht aus einem Garten mit Drahthindernissen. Wenn man diese überwunden hat, gelangt man auf eine Terrasse, auf der ein paar Tische und Stühle stehen. An einigen Tischen sitzt die »Gesellschaft« und spricht über die Politik. In großen dunkelgrünen Flaschen stecken kleine, armselige Kerzenstümpfchen. Es sieht aus wie in einer Offiziersmesse, drei Kilometer hinter der Front. Man bestellt einen weißen Kaffee, muß sogleich eine Krone fünfzig bezahlen. Da ich Zigaretten wünsche, nimmt mir der Ober gleich zehn Kronen ab und bringt mir keine. Statt dessen löscht er nach fünf Minuten den Kerzenstumpf aus und schickt mich nach Hause.

Ich tappe durch dichte Finsternis, halte das Zigarettenpapier mit der Quartieranweisung krampfhaft in der Hand und zerschlage mir den Schädel an sämtlichen Bäumen des Kurparks. Plötzlich fühle ich etwas Weiches und überzeuge mich durch vorsichtiges Tasten, daß ich auf einen weiblichen Körper gestoßen bin. Endlich eine Abwechslung. Die faden Bäume! Ich frage nach der Ujvidek-Villa.

Ja, Ujvidek-Villa: geradeaus, dann rechts zweihundert Schritte, und links ist die Villa.

In der Finsternis kann ich meine Rechte von der Linken und beide nicht von meiner Nase unterscheiden. Ich weiß nicht, was geradeaus, was rechts und was links ist.

Schließlich höre ich Männerstimmen. Es wird deutsch gesprochen. Ein Mann bietet sich als Führer an. Er bekommt meine letzte Zigarette.

Vor der Ujvidek-Villa bleiben wir stehen, und mein Mann ruft irgendein Zauberwort. Darauf wird ein Kerzenstumpf sichtbar, dahinter ein Mensch in Hemd und Unterhosen, der mich in Empfang nimmt.

Ich erlege 10 Kronen und bekomme in einem Zimmer, in dem vier Rotgardisten schlafen, ein Militärbett.

Da ich keine Streichhölzer hatte, konnte ich nicht feststellen, ob es Wanzen oder Läuse waren. Flöhe waren es nicht ...

Um 4 Uhr morgens stand ich auf und ging durch das schlafende Sauerbrunn. Es ist sehr dreckig und ungepflegt. Die Villen sind traurig und niedergeschlagen.

Sauerbrunn war früher nur ein Kurort. Jetzt ist es historisch: Szamuely liegt hier begraben, der große Mörder Tibor Szamuely.

Da ich zum Bahnhof komme, bemerke ich, daß Sauerbrunn gar nicht Sauerbrunn ist, sondern »Savanya-Kur«. So sieht es aus ...

Der Neue Tag, 8. 8. 1919

 

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