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Reportagen aus Wien und Frankreich

Joseph Roth: Reportagen aus Wien und Frankreich - Kapitel 10
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authorJoseph Roth
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Die Weißgeldwechselstube

Mißtrauen steht an der Schwelle und empfängt dich: Du kannst ein Spitzel sein, ein Konfident, ein Zuträger, ein Spion. Ein Fremder bist du jedenfalls: Du hast einen reinen Kragen an, und dein Benehmen riecht verdächtig nach Mitteleuropa. Deine Hände fuchteln nicht durch die Luft, deine Augen zwinkern nicht listig, erkokettieren kein Geschäftchen, deine Brusttasche ist normal an deinen Busen geheftet und steht keine Viertelmeile von der Hülle deines Ich ab. Du hast nichts Verhetztes an dir, nichts Polizeiwidriges, nichts Wildmäßiges, nichts Schlaues. Vor dem Auge des Gesetzes zuckst du mit keiner Wimper, und keiner deiner Finger rührt sich, ein Hintertürl zu öffnen. Was willst du also, Anständiger, gesetzlich Geschützter und Gesetze Schützender unter gesetzlich Schutzlosen und dem Schutz der Gesetze Entronnenen? Was suchst du, Geachteter, unter den Geächteten? Du Vollwertiger unter Minderwertigen? Du Gewaschener unter Schmutzigen? Kulturmensch in Kulturlosigkeit? Du Gewissenhafter im Reiche der Gewissenlosigkeit? Du mit Skrupeln Behafteter im Bezirke der nachkriegerischen moral insanity? Siehst du: Du bist ein Fremder, und deshalb steht das Mißtrauen an der Schwelle des kleinen Kaffeehauses in der Bankgasse und empfängt dich ...

Ich weiß eine Zeit, da war dieses Kaffeehaus noch ein harmloses »Tschecherl«, und seine armselige Existenz bestritt es von dem Erfrischungsbedürfnis der Diener der ungarischen Gesandtschaft. Es erweckte den Anschein, als wäre es eigens für die Zwecke der Gesandtschaft eingerichtet und zu nichts anderem fähig, als dem Neuigkeitsbedürfnis der Unterbeamten mittelst Zeitungen und dem zeitweiligen Durste der Stammgäste und Likörstamperln entgegenzukommen. Freilich! Damals kannte die Zeit noch kein Weißgeld, sondern gute österreichisch-ungarische Währung, und die Gesandtschaft in der Bankgasse hatte von dem gemeinsamen Oberhaupte der Monarchie noch nicht die Berechtigung erhalten, durch die Kanäle Wiens den Kommunismus in die Banken einzuführen. Die Gesandtschaft wollte mehr repräsentieren als zweifelhafte Präsente machen, sie hatte keine Pässe zu vidieren, sondern den Dualismus, und ihr Wirkungskreis war noch beschränkter als der Horizont ihrer heutigen Überwacher. Damals war das Kaffeehaus in der Nähe ein beliebter naher Ausflugsort für Hintertürsteher und -öffner, und manches harmlose, ganz harmlose kleine Geschäftchen wickelte sich zur allgemeinen Zufriedenheit der beteiligten vier Augen und der unbeteiligten zwei des Kaffeesieders ab.

Aber heute! ...

Wie gesagt: Das Mißtrauen steht schon an der Schwelle und empfängt dich: »Suchen Sie wen?« Nein, ich suche niemanden, aber ich hüte mich, es zuzugeben. Natürlich suche ich jemanden. »Haben Sie ›weißes‹?« »Kaufen Sie ›weißes‹?« Der Spekulationsgeist verachtet auch die Erfindungen Bela Kuns nicht und handelt selbst noch mit den Fabrikaten der Hölle. Hier in der Wechselstube in der Bankgasse gibt es wahrhaftig noch Menschen, die Weißgeld kaufen. Ohne Drohungen, ohne Gewaltanwendung, ohne Ukas der Räteregierung. Ihr alle Weißgeldbeladenen, aus Ungarn Kommenden, verzweifelt nicht! Einen blauen Lappen für zehn Kilogramm. Weißpapier kriegt Ihr immer noch! Ihr könnt Euer Weißgeld loswerden, vollkommen loswerden, leichter als jene, die Euch damit begnadet! Oh, gäbe es doch auch eine Wechselstube in der Bankgasse, in der man Volksbeglückungsideen eintauschen könnte gegen Nahrungsmittel und zehn Kilogramm Kun gegen ein Milligramm Vernunft! ... In dem »Tschecherl« sitzen:

Slowakische Bäuerinnen mit bunten, ockergelben Blumentüchern; russische Vaganten mit schwarzen hochgeschlossenen Hemden und wilder Anarchie in struppigem Haupthaar; kleine Schieber mit blaukarierten Hemdkrägen und großen Glaskugeln in giftgrünen Krawatten; polnische Juden mit Geschäftsgeist in Augenwinkeln und seidenen Kaftans; ungarische Bauern mit jenem Ausdruck namenloser Stierheit, die menschliche Wesen unbedingt erlangen müssen, wenn sie zehn Jahr lang Paprika fressen und plötzlich keinen Schnaps trinken dürfen; Hausierer mit Briefpapier, in dem Blaugeld steckt; Agenten und Spekulanten; Agitatoren und Makler; kleinere Waffenstillstandsgewinner, die auf einen Krieg hoffen und darauf, nicht ihn, sondern durch ihn zu gewinnen; verzweifelte Kunsegenbeladene, die um einen blauen Pappenstiel ihr hart erworbenes Weißgeld herzugeben bereit sind.

Das sind die Besucher. Hie und da, wie zur Entschuldigung vor dem draußenstehenden Wachmann, zeigen sich die Umrisse einer Kellnerin, die eine in einem Glase »Soda-Himbeer« schwimmende spanische Fliege an einem beliebigen Tisch serviert. An der Wand hängt eine Nummer des »Faun«, die, noch vor dem Kriege entstanden, hier Muße findet, sich zu überleben. Ein »Neues Wiener Journal«, das mindestens acht Monate alt und noch so naiv ist, vom »Endsieg« wissen zu wollen, dient dazu, Weißgeld und Blaugeld unberufenen Augen zu entziehen. Das Klosett und die Telephonzelle erfreuen sich des lebhaftesten Zuspruches. Im ersteren werden Geschäfte geheimer abgewickelt als in diplomatischen Salons, und die Telephonzelle dürfte die einzige in ganz Deutschösterreich sein, in der Verbindungen glatt und ohne Hindernisse hergestellt werden. Ein Handtuch, das in der Nähe der Kassa ein ebenso schmutziges wie nutzloses Dasein nicht führt, sondern geradezu hängt, gibt Zeugnis davon, daß hier Hände nicht häufig in Unschuld gebadet werden. Im Dunst und Staub lebt eine Küche in sorgloser Vergessenheit, und ein halbzerbrochener, mühsam gekitteter Topf bildet eine kostbare Reminiszenz ...

Aus all dem quirlt der Geist des Kommunismus und des Handelns, sprudelt die Geldgier und frohlockt der Betrug. Hier ist der Ort, an dem der Gegensatz der Rassen und Nationen verschwindet. Hier kann es sein, daß eine slowakische Bäuerin einem polnischen Juden um den Hals fällt. Daß ein Rotgardist einen Wucherer ans Herz drückt. Wer an der Menschheit verzweifelt, gehe in das »Tschecherl« in der Bankgasse und richte sich auf. Wenn die Internationale des proletarischen Gedankens versagt, wenn die Internationale des Geistes in Ohnmacht liegt nun, es lebt immer noch die Internationale des Weißgeldes und der Spekulation! ...

Der Neue Tag, 18. 7. 1919

 

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