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Reportagen

Joseph Roth: Reportagen - Kapitel 8
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typereport
authorJoseph Roth
booktitleDer Neue Tag
titleReportagen
publisherVerlag Kiepenheuer & Witsch
editorIngeborg Sültemeyer
year1970
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secondcorrectorGerd Bouillon
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Berlin

1921 – 1924

Humanität

Berliner Börsen-Courier, 7. 8. 1921

Ich lange nach diesem Begriff, wie nach einem Ding, das in der Rumpelkammer pensionierter Gegenstände hängt. Sie war noch vor hundert Jahren lebendig, die Humanität, und treibend sogar in der europäischen Kultur; und selbst wo man sie vortäuschte, bewies man (gerade dadurch) Respekt vor ihr. Der privilegierte Mörder mordete in ihrem Namen, weil ihm sein Geschäft sonst gestört worden wäre. Sie war ein »Faktor« im öffentlichen Leben, »mit dem man rechnen mußte«, wie heute nur noch Valuta und Psychoanalyse. Sie war mehr als ein Kulturelement, nämlich: modern.

Sie ist heute ein »technischer« Ausdruck zur Kennzeichnung einer historischen Epoche. Die jämmerlich ausgeblasene Hülse eines Begriffs. Die Aufschrift auf einer wissenschaftlichen Küchenschublade. Und gelegentlich das Abzeichen einer lächerlichen Brüdersekte, deren Satzungen ein Rückwärtsleben gebieten. Die Ehrfurcht, die ihr die Welt heute entgegenbringt, gleicht jener, die uns – nicht erfüllt, sondern nur anweht bei der Erinnerung an ein autoritäres Requisit, wie Kaiser Barbarossas Bart zum Beispiel. Die Humanität ist selten, aber billig; denn der Wert europäischer Kulturtugenden (und -untugenden) sinkt und steigt mit ihrer alltäglichen Begehrtheit. Der Wert der Humanität ist lediglich der einer Tugend-Antiquität.

Nichts von dem, was seit dreißig Jahren für die Menschheit geschehen ist, geschah für die Menschlichkeit. Krieg und Revolution hatte der Magen verursacht. Vertreter der Menschlichkeit ist der lausüßliche Saccharin-Pazifismus, das Programm eines passiven Tierschutzvereins, dessen Mitglieder aus Mitleid für die Infanterie das Trommelfeuer nicht goutieren. Wenn dieser Pazifismus einen Protest veranstaltet, wird's eine Prozession. Die Bewegung appelliert an – die Humanität, die bereits in der Rost- und Rüstkammer Mitteleuropas hängt. Dieser Pazifismus glaubt – er hat noch nie gezweifelt. Er ist sehr oft verzweifelt. Weil er die Bestie im Menschen nicht bekämpft, sondern einzuschläfern versucht, wundert er sich über die Wirkungslosigkeit seiner Wiegenlieder. Er gibt an, gegen den Krieg zu sein, und ist gegen den Kampf: Er bekämpft den Krieg also nicht, sondern »wendet sich gegen ihn«.

Die Humanität der Vergangenheit aber kämpfte. Ihre Mittel waren Aktion, Tätigkeit. Ihre Wirkung die Tat. Ihr Erfolg Segen. Ihr Protest Hilfe.

 

In den letzten Tagen hörte ich das Wort: Humanität, von einem Naiven gesprochen, einem Osteuropäer, einem russischen Dichter: Maxim Gorki.

Er schrie es so laut und es klang so erschütternd merkwürdig; wie wenn er nach dem Verbleib des Barbarossaschen Leibfriseurs gerufen hätte.

Es antwortete ihm Gerhart Hauptmann. Und es sah einen Moment lang so aus, als tröffen wir alle von Mitleid und Liebe.

Maxim Gorki unternimmt eine Reise nach Europa. Er wird wahrscheinlich Vorträge halten für die hungernden Menschen in Rußland.

Und alle, die Rabindranath Tagore gehört haben, werden Gorki hören. Und werden hoffentlich Geld geben, ohne zu begreifen: weshalb Maxim Gorki, dem die herrschenden Bolschewisten nicht freund sind, sich für Rußland »ins Zeug legt«. Wir sind's gewohnt, daß Verfolgte ins Ausland flüchten. Daß Verfolgte ins Ausland gehen, um für ihre Heimat Gutes zu tun, ist seltsam. Denn es ist Humanität.

 

Maxim Gorki lebte mit einer Frau in Amerika, die er nicht nach den gültigen Gesetzen geheiratet hatte. Kein Hotel nahm ihn auf. Er fand keine Wohnung. Die angloamerikanische Moral verurteilt solche Leute.

Dieser New Yorker Mob, Repräsentant des grobkarierten Fortschritts, der Grammophonkultur und des Wolkenkratzens jagte Gorki auf die Straßen. Weil die amerikanische Welt keine Abweichung duldet von der gesellschaftlichen Uniformität.

Wenn diese Hoteliers und Wolkenkratzer heute an der Hungerpest stürben, der Humane würde für sie betteln gehen.

Dieses typische Beispiel einer Humanität: ein großer Mensch, der kalt gegen eigenes Schicksal, sachlich bleibt auch im Schmerz, den ihm seine Wunden verursachen; vom Verfolger zum gehetzten Tier gemacht, im hetzenden Tier dennoch den Menschen liebt; der nicht nur »seelischen Schmerz« leidet um Fremde, sondern körperlichen, wirklichen um sich und andere – – dieses Beispiel für Humanität ist in Westeuropa nicht zu finden.

Der amerikanische Polterich schämt sich seiner Eigenart wenigstens nicht. Der europäische poltert mit Sentimentalität. Die Gemeinheit, der die Humanität zum Opfer in Europa fiel, nennen wir »Ordnung«.

Auch vor hundert Jahren logen die Vertreter der Gemeinheit, daß sie Ordnung verträten. Aber die gemein Behandelten logen nicht mit.

Scharf war die Trennung zwischen Bestie und Mensch. Diesen schützte Humanität vor jenem.

Vor hundert Jahren haßte der Mensch die Zensur. Heute sieht ein mitteleuropäischer Poet aus wie ein Wachtmeister in Zivil.

Tausend große und kleine Gemeinheiten begegnen dir täglich, wenn du glaubst, Ordnung zu sehen. Kein Künstler, kein Weiser, kein Prophet erhebt sich gegen sie.

Wenn heute wer einen Verein zum Schutze der Menschheit gegen die Behörden Europas gründen wollte, – wer wollte Mitglied sein?

Wer entrüstet sich über das anschleimende Betasten eines Grenzrevisors? Über den Zwang zum Fingerabdruck jedes Reisenden?

 

Ich weiß, daß Maxim Gorki in den mitteleuropäischen Städten bei der Polizei den Vornamen seines Vaters wird angeben müssen. Er ist an schlimmere Dinge gewöhnt. Aber in Rußland fühlte er bei jedem polizeilichen Knutenhieb den Schmerzensschrei der Kameraden.

Wenn er in einem mitteleuropäischen Polizeibüro hinter der Barriere, die den größenwahnsinnigen Schreibfederbüttel nicht sorgfältig genug vor einer wehrlosen Menschheit abzäunt, »Warten Sie!« wird hören müssen, wird er vergeblich lauschen auf eine geringe Entrüstungsgeste aus dem Kulturgetue draußen.

 

Der Mangel an geistigem Lebensgehalt bedingt den Mangel an Humanität. Schmerz des Nächsten war auch vor hundert Jahren nicht eigener Schmerz, wohl aber Schmerz der Allgemeinheit. (Nun ward fremde Freude zum eigenen Schmerz.)

Schmerz des Nächsten fühlen ist immer eine geistige Angelegenheit; die nicht vorwärts bringt. Der Gegenwartsmensch, der nur vorwärts geht, versucht, aus dem Schmerz des Nächsten zu lernen. Und das ist immer eine praktische Angelegenheit.

Nächster sein heißt nämlich: Gegner sein. Leid des Gegners ist mein Vorteil. Aus dem sozusagen passiven Vorteil aktive sich entwickeln lassen, – der Gegensatz der Humanität: Viktorität. (Die Lebenshaltung des Siegers, der nur ein »Gewinner« ist.)

Fremde Not lehrt Europa nur, daß der Bolschewismus Not bringt. Und jeder Wehschrei aus dem Osten heißt ins Westeuropäische übersetzt: Hütet Euch!

Denn wir sind Gewinner. Unsern Arm spannt die Spiralfeder. Unser Ziel ist die Beute. Neben uns keiner. Gegen uns alle. Unter uns nicht Erde, sondern »Terrain«. Über uns nur noch Wolken, die wegzukratzen das Ziel unserer nächsten Jahrzehnte heißt.

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