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Reportagen

Joseph Roth: Reportagen - Kapitel 7
Quellenangabe
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typereport
authorJoseph Roth
booktitleDer Neue Tag
titleReportagen
publisherVerlag Kiepenheuer & Witsch
editorIngeborg Sültemeyer
year1970
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Die reaktionären Akademiker

Der Neue Tag, 1. 2. 1920

Revolutionsfeindlich, monarchistisch, »völkisch«, säbelsehnsüchtig, purpurverlangend, so ist die deutsche Jugend von heute.

Mit der Plötzlichkeit einer Offenbarung ward uns die Erkenntnis: daß nicht alles jung, was neu ist und daß Jugend nur dem Alter, nicht der Veraltetheit antithetisch ist. Am Ende war es seit eh und je die Fahne, die die Jugend mitriß und nicht die Idee, deren Ausdruck die Fahne ist. Der Schlachtruf und nicht die Güter, um die Krieg geführt wurde. Der Trompetenstoß, der Fanfarenruf. Nie die innere Gewalt einer Idee, sondern der Faltenwurf ihrer Pellerine. Und am Ende hat die naturgemäß theatralisch wirksame Geste einer gewaltigen Idee die Jungen zu Wortführern der Idee gemacht. Die Jugend war nur bestochen und nicht überzeugt. Hypnotisiert und nicht ergriffen. Ja, nicht einmal berauscht war sie? Nur betrunken?

Denn nun, da die Lavaglut der Revolution sich nicht in einem farbenprächtigen Feuerwerk äußert, sondern die Gefahr besteht, daß sie in der Gestalt eines nüchtern grauen Ascheregens die Welt einhüllt, spannt die deutsche Jugend die Regenschirme ihrer ordentlichen Professoren auf. Diese Revolution hat zu wenig romantischen Kitsch. Nüchtern war ja allerdings auch der Krieg. Aber die körpergewordene Phrase des zwanzigsten Jahrhunderts: Wilhelm II., wölbte sich, wie ein schwarz-rot-goldener Regenbogen über der Langeweile der Schützengräben. Poetisch war ja der Erstickungstod in Gasgestank gerade nicht. Aber auch durch Gasgestank führte der Weg in die Walhalla. Die moderne Revolution dagegen ist Götterdämmerung ohne Farbenspiel. Sieg ohne Siegesmarsch und Fahnenweihe. Feier ohne Truppenschau.

Und noch weniger: Die Truppenschau der Revolution, wenn sie überhaupt stattfindet, ist lächerlich einfach. Man steht selbst unter den zu Visitierenden. Man salutiert selbst, ohne salutiert zu werden. Stand man früher als Einjähriger auch mit in der Reihe, so doch mit dem erhebenden Gefühl, nicht ewig so stehen zu müssen. In ein, zwei Jahren würde man selbst Fronten abschreiten und mit gestellter Heiserkeit Kommandorufe brüllen. Was jetzt Fronten abschreitet – auch rein bildlich verstanden – ist Plebejertum, staubgeborenes, purpurvermissenlassendes Proletariat. Ist womöglich noch Judentum. Es mangelt an knisternder Banalität, gottesgnadenträufelnder Rührseligkeit, tuschrauschender Hohlheit. Diese Revolution geht einher in Zivil und hat nicht einmal die nationale Überzeugung im Knopfloch. Ich bitte Sie ...

Aber kann es wirklich sein?

So hätte sich die Jugend geändert? Waren die Bannerträger des Fortschrittes stets nur Getriebene und nicht Treibende? Ist es nicht die urewige, bewegende, die Vorwärtskraft, die in jeder neuen Jugend wieder geboren wird? Hebt nicht jede neue Generation die Welt aus den verrosteten Angeln? Pulst nicht das rote Blut jeder neuen Menschenwelle durch die Errungenschaften der Zeit? Ist die Opferfreudigkeit, mit der Generationen von Jünglingen den Flammentod auf den Altären der Kultur starben, nicht bewußte Aktivität? Hypnotisierte können auch handeln, gewiß. Sie können sich vielleicht auch, von fremdem Willen gebannt, opfern. Aber können sie schaffen, Schöpfer sein, wie die Jugendgenerationen der Erde?

Und selbst, wenn die Jugend nur von der Geste bezaubert, die Heldentaten vollbracht hatte – hat diese Revolution etwa keine? Ist das Geheimnisvolle, das Schlupfwinkeltum revolutionärer Bewegung nicht jugendreizende Romantik genug? Bürgt die revolutionäre Gesinnung nicht genügend für das Vorhandensein von Gefahren? Ist es nicht gerade dieses Gefahrvolle, übereuropäisierte Nerven Anspannende, was jeder revolutionären Bewegung den oft schädlichen Zuwachs an weiblicher Intellektualität und intellektueller Weiblichkeit beschert?

Warum also ist die deutsche akademische Jugend antirevolutionär?

Von mehreren wichtigen Ursachen ist die wichtigste die, daß die Stellung zur Revolution eine – Brotfrage ist.

Der junge Mann aus bürgerlicher Familie, der die Reifeprüfung bestanden hatte, konnte sicher sein, daß er in irgendeinem gutgeheizten Bureau unterkommen würde. Er hatte sich acht Jahre mit Logarithmensuchen und Verba-auf-mi-Flektieren geplagt und weitere vier Jahre Testate und Mensurenschnitte gesammelt oder fleißig »Schnellsiederkurse« besucht – nun hatte er ein Recht auf Brot. Auf einmal wird ihm dieses Recht strittig gemacht. Nun können Männer ohne eine Spur von einem Schmiß, Männer, die nicht einmal ein Ungenügend für falsches Skandieren von Hexametern aufzuweisen haben – Staatssekretäre werden. Die Konkurrenz wächst ins Ungeheure. Man hat sich »zwölf Jahre umsonst geplagt«. Nicht nur, daß der manuelle Arbeiter ein größeres Einkommen hat, nein, es ist ihm außerdem noch möglich, jene Art Karriere zu machen, die vor der Revolution nur dem Akademiker frei war. So entstand die unglückselige Antithese: Waschfrau und geistiger Arbeiter. Daß die Waschfrau ihm nicht mehr »Küß die Hand« sagen muß – wenn sie es auch immer noch tut – »geniert« den »Doktor« mehr als daß ihr Verdienst ein größerer ist.

Denn auch früher kam es vor, daß der akademische »Mittelständler« – wie häßlich und unnatürlich Begriff und Wort – kümmerlicher lebte als ein Taglöhner. Aber die betrügerische Gesellschaft gab ihm dafür das Phantom der »akademischen Ehre«. Er hatte nichts zu essen, aber er durfte »sich schlagen«. Theoretisch konnte er die höchsten Stellen im Staate einnehmen. Er war prädestiniert zum »Höheren Staatsbeamten«. Er konnte Minister und Feldmarschalleutnant werden. Der andere, nicht Graduierte, konnte es nicht. Und die ganze Erbärmlichkeit der menschlichen Durchschnittsnatur offenbarte sich darin, daß die nebulose, theoretische Möglichkeit mehr zu werden, als der Nachbar Taglöhner, den »Doktor« vergessen ließ, wie schlecht es ihm gehe.

Im Krieg wurde mit einem Schlag die graue Theorie zur blühenden Wirklichkeit. Man war Offizier mit Zigarren- und Zigarettenzubußen, mit Gagen, Rekruten, Säbel und »Ehre«. Tief versteckt gewesene und von akademischer Kalkfarbe übertünchte Bestialität und Niedrigkeiten in dem und jenem durfte sich ungestraft austoben. Man war »Herr« mit Kommandogewalt über Leben und Tod, mit einem oder mehreren »Burschen«. Mit Schicksalssternen auf dem Blusenkragen. Und der lächerliche Trost, daß man eventuell nicht in einem Massen-, sondern in einem Einzel- und »Heldengrab« bestattet werden könnte, machte selbst den gräßlichen Tod um eine kleine Nuance angenehmer. Schließlich dauerte der Krieg zu lange, die Ehrenhaftigkeit schwankte bedenklich, man begann sich zu drücken, aber die Überzeugung von der »göttlichen Sendung des Deutschen« war zu fest verankert. Chamberlain schrieb, Wilhelm der Zweite redete, die Presse leitorakelte und der Weihrauch des »Vorgesetztentums« benebelte den Schädel. Man aß immer noch besser, als der Mann, man durfte sich austoben, prügeln, schimpfen, kommandieren, raufen, trinken nach Herzenslust. Und als man schließlich merkte, daß etwas faul war im Staate, gab man die Schuld den Pazifisten, der »roten Internationale«, den Juden, mit denen man abrechnen wollte, sobald man zurückgekehrt wäre.

Man kehrte zurück und siehe da: Pazifisten, Internationalisten, Sozialisten, Freidenker, Zweifler, Demokraten, kurz: »Juden« waren »am Ruder«. Nun war man arm, hatte nichts zu essen. Aber die »Ehre« war auch nicht mehr da? Auf die »Satisfaktionsfähigkeit« wird nichts mehr gegeben? Nun, soll man da nicht antirevolutionär sein?! Also nach der Brotfrage die »Ehrenfrage«.

Die Revolutionsfeier war die erste Volksfeier in Deutschland und bei uns, bei der das Alkoholtrinken verboten ward. Die Revolution machte keine Bierbankpolitik. Diese Revolution war international. Gewiß auch ein Grund, weshalb die akademische Jugend ihre Feindschaft ansagte. Aber außerdem war diese Revolution noch antialkoholisch. Also höchst un-»deutsch«.

Eine gewagte Behauptung, vielleicht ein »Witz«. – Ich kann mich nicht seiner wehren: er zwingt mich zur Veröffentlichung: Der Antialkoholismus dieser Revolution hat ihr bei den »Studierten« geschadet... Volksfremd und weltfremd, eingeschachtelt in die Schubladen: Gelehrte, Mensuren, Korpsgeist, Patriotismus lebt in deutschen »Landen« eine ägyptische Priesterkaste: die Akademiker. Seltsame Bräuche und uralte Gesänge. Hölzerne Sprache und steifleinene Weltanschauung. So sitzen sie im Tempel nationaler Kultur und kein Blick dringt ins Allerheiligste. Und sie, die Priester, haben keinen Blick für die Welt.

Sie kennen eine »Nation«, sie bekennen sich zur »Nation«, aber sie haben keine Ahnung vom Volk.

Wie sollten sie da nicht Gegner der Revolution sein? Unsere Akademiker sind Priester, unsere Hochschulen, Klöster, unsere Wissenschaft – Kirche, der Rektor ein Erzbischof. Klerikalismus der Wissenschaft. Arterienverkalkung des Geistes.

Jeder Klerikalismus ist reaktionär.

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